Diese Arbeit soll am Beispiel der Zeit der Weimarerrepublik zeigen, wie sich eine Zeit einer Epochenimagination des Mittelalters bedient, um sich mit der gegenwärtigen Zeit auseinander zu setzen. Es soll dabei in keiner Weise darum gehen, die Frage zu stellen, ob die Motive und Werte, die dem Mittelalter in dieser Imagination zugeschrieben werden, einem historischen Authentizitätsanspruch des Mittelalters genügen. Die Fragen sollen sein, welche kulturgeschichtlichen Hintergründe zu dieser Epochenimagination des Mittelalters führen, welche Wertvorstellungen mit dem Mittelalter verbunden werden, und inwiefern sie in einen zeitgeschichtlichen Kontext passen.
Zuerst soll ein kulturgeschichtlicher Überblick der Weimarer Republik gegeben werden. Wie kommt es aus diesem Hintergrund zu einer Epochenimagination? Welche Werte werden dem Mittelalter zugeschrieben? Am Beispiel des jungen Autors Landsberg soll skizziert werden, welchen Forderungen die zeitgenössische Intellektuelle stellt.
Als Hauptteil dieser Arbeit soll dann dargestellt werden, wie diese Reflexionen Ausdruck in der zeitgenössischen Literatur der Weimarer Republik finden. Am Beispiel Hermann Hesses Glasperlenspiels soll gezeigt werden, wie sich auch die Literatur dieser Epochenimagination bedient. Es sollen Motive im Roman Hermann Hesses die der Epochenimagination vom Mittelalter entspringen im herausgearbeitet werde. Welche Mittelalterinszenierungen können im Glasperlenspiel gefunden werden? Um diese aufzuzeigen, werden zentrale Motive aus dem Roman mit Aspekten aus dem Schlüsselwerk von Landsberg verglichen, da dieses als repräsentativ für die Debatte angesehen werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Zur Kulturgeschichte der Weimarer Republik
1.1. Der Georgekreis
1.2. Der Rilke- Kult
2. Die Weimarer Kultur und ihr Mittelalter
2.1. Wertevorstellungen
3. Mittelalter als Epochenimagination
3.1. Wir brauchen ein neues Mittelalter
4. Paul Ludwig Landsberg: „Das Mittelalter und wir“
4.1. Literarische Transformation von Landsbergs Buch
5. Hermann Hesse in seiner Zeit
5.1. Teilnahme Hesses an der deutschen Diskussion
6. Literarischer Ausdruck
7. Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel
7.1. Inhaltsangabe
7.2. Das feuilletonistische Zeitalter
8. Mittealterinszenierung in Das Glasperlenspiel
8.1. Der kastalische Orden als das Neue Mittelalter
9. Motive der Mittelalterimagination
9.1. Motiv Ganzheit
9.2. Motiv Hierarchie
9.3. Motiv Individualismus vs. Gemeinschaft
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie in der Literatur der Weimarer Republik das Mittelalter als Epochenimagination instrumentalisiert wurde, um eine kritische Auseinandersetzung mit den als krisenhaft empfundenen gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen der Gegenwart zu führen. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei auf die kulturgeschichtlichen Hintergründe dieser Mittelaltersehnsucht sowie auf die spezifische literarische Umsetzung am Beispiel von Hermann Hesses "Das Glasperlenspiel" im Vergleich zu Paul Ludwig Landsbergs Thesen.
- Kulturgeschichte der Weimarer Republik und ihre intellektuellen Strömungen
- Mittelalter-Topik als antimodernes Konstrukt und Zukunftsvision
- Die Rolle des kastalischen Ordens als "Neues Mittelalter"
- Literarische Auseinandersetzung mit dem "feuilletonistischen Zeitalter"
- Analyse zentraler Motive wie Ganzheit, Hierarchie und Gemeinschaft
Auszug aus dem Buch
Die Weimarer Kultur und ihr Mittelalter
Die politischen und gesellschaftlichen Wirren, die sich so sehr in der Kulturgeschichte der Weimarer Republik manifestieren führen zu der Forderung nach Veränderung, nach einer neuen Epoche.
Der Zusammenbruch vom Kaiserreich 1918 hat die Reflexionen über das Neue Mittelalter beschleunigt und stimuliert. (Oexle 1996: 176) In dieser Zeit ist ein starker „Hunger nach Ganzheit“(Oexle 1996: 142) zu beobachten. Wörter wie Aufbruch oder Gemeinschaft haben eine beinahe magische Kraft. (Gay 1968: 109) Moderne Gesellschaftsentwicklungen werden als Zumutung angesehen, man sehnt sich nach einer Verwurzelung und nach einer ausgeprägten Gemeinschaft. Eine Angst vor Modernität war klar vorhanden. Man versuchte eine Flucht aus der rationalen und technisierten Welt. (Oexle 1996: 142) Es war eine Ablehnung von Rationalismus und Individualismus, von Demokratie und Parlamentarismus. Der Moderne gegenüber gestellt, wurden Rufe nach einer Erneuerung des Menschen laut. Die Identität des Mensch- Seins wurde sowohl durch das Verschwinden Gottes, wie durch die Bedrohung der immer stärker werdenden Maschine in Frage gestellt. Es kam zu Versuchen zur Widerherstellung einer „societas“ einer gemeinschaftlich aufgebauten Gesellschaft des Menschen. (Buske bei Gay 110) Dies fand auch in den zahlreichen Jugendbewegungen seinen Ausdruck.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zur Kulturgeschichte der Weimarer Republik: Das Kapitel beleuchtet das Spannungsfeld zwischen kultureller Blüte und politischer Instabilität, das bei vielen Intellektuellen den Rückzug in elitäre Zirkel oder eine generelle Apathie gegenüber der Demokratie förderte.
2. Die Weimarer Kultur und ihr Mittelalter: Hier wird der wachsende Hunger nach Ganzheit und Gemeinschaft thematisiert, der als Gegenbewegung zum rationalen und individualistischen Modernismus eine Sehnsucht nach einem "Neuen Mittelalter" auslöste.
3. Mittelalter als Epochenimagination: Dieses Kapitel definiert die Funktion des Mittelalters als imaginierten Maßstab, an dem die Defizite der Moderne gemessen und Wege aus der Krise entworfen werden.
4. Paul Ludwig Landsberg: „Das Mittelalter und wir“: Es wird analysiert, wie Landsbergs Werk als Schlüsseltext für die Zeit dient, der das Mittelalter als "menschliche Grundmöglichkeit" neu interpretiert.
5. Hermann Hesse in seiner Zeit: Das Kapitel ordnet Hesses Biografie in den zeitgeschichtlichen Kontext ein und belegt seine aktive Teilnahme an der deutschen Kulturdiskussion trotz seines Exils.
6. Literarischer Ausdruck: Eine Übersicht über die literarische Verarbeitung der Krisenstimmung in Werken von Autoren wie Musil, Kafka und Hesse.
7. Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel: Eine Einführung in die Entstehungsgeschichte und die inhaltliche Grundstruktur des Romans als Reaktion auf die Zumutungen der modernen Welt.
8. Mittealterinszenierung in Das Glasperlenspiel: Dieses Kapitel untersucht die konkrete Darstellung des kastalischen Ordens als Idealbild einer ordnungsgemäßen, zukünftigen Gesellschaft.
9. Motive der Mittelalterimagination: Abschließend werden die zentralen Motive Ganzheit, Hierarchie sowie das Spannungsfeld von Individualismus und Gemeinschaft auf ihre Funktion innerhalb der Romanstruktur hin analysiert.
Schlüsselwörter
Weimarer Republik, Epochenimagination, Mittelalter, Hermann Hesse, Das Glasperlenspiel, kastalische Orden, Paul Ludwig Landsberg, Moderne, Kulturgeschichte, Ganzheit, Gemeinschaft, Hierarchie, konservative Revolution, feuilletonistisches Zeitalter, Krisenwahrnehmung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Rezeption des Mittelalters in der Weimarer Republik und zeigt auf, wie Autoren und Intellektuelle dieses Bild nutzten, um ihre Kritik an den modernen gesellschaftlichen Zuständen zu formulieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Kulturgeschichte der Weimarer Zeit, die theoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff des "Neuen Mittelalters" und die literarische Umsetzung dieser Ideen bei Hermann Hesse.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die kulturgeschichtlichen Hintergründe für die Epochenimagination des Mittelalters zu beleuchten und deren Bedeutung als Gegenentwurf zur als krisenhaft empfundenen Moderne aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine kulturwissenschaftliche Analyse, die historische Kontexte mit einer literaturwissenschaftlichen Interpretation des Romans "Das Glasperlenspiel" sowie dem Vergleich mit zeitgenössischen Schlüsselwerken, insbesondere von Paul Ludwig Landsberg, verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Darstellung der Weimarer Kultur, die Analyse der Mittelalter-Topik, Hesses Auseinandersetzung mit der deutschen Diskussion sowie eine detaillierte Motiv-Analyse des Glasperlenspiels hinsichtlich der Themen Ganzheit, Hierarchie und Gemeinschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Publikation am besten?
Die wichtigsten Schlagworte sind Weimarer Republik, Epochenimagination, Mittelalter, Hesses Glasperlenspiel, Kulturkritik, Ganzheit und kastalische Orden.
Inwiefern hat Landsbergs Werk den Roman von Hesse beeinflusst?
Landsbergs "Das Mittelalter und wir" wird als Schlüsselwerk betrachtet, das den Diskurs der Zeit radikal zusammenfasste und direkt auf die Konzeption des Romans von Hesse einwirkte, der die darin geforderten Ideale literarisch transformierte.
Warum spielt der "kastalische Orden" eine so zentrale Rolle?
Der kastalische Orden im Roman dient als fiktive Umsetzung des "Neuen Mittelalters", in dem die verlorene Einheit, Hierarchie und Ordnung der Kultur gegenüber der als chaotisch und mechanisiert empfundenen modernen Welt wiederhergestellt wurden.
- Arbeit zitieren
- Regine Gerber (Autor:in), 2007, Epochenimagination zur Auseinandersetzung mit der Gegenwart - Mittelalterinszenierung in 'Das Glasperlenspiel' von Hermann Hesse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80044