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Diese Arbeit widmet sich einer speziellen Form der Publikumsbeteiligung, die hier in Anlehnung an die Definition von Joyce Nip (2006) als „participatory journalism“, als par-tizipativer Journalismus also, bezeichnet wird. Unter diesem Stichwort versteht die vorlie-gende Arbeit einen Journalismus, der die Nähe seines Publikums sucht, indem er dieses an den eigenen Prozessen und Produkten beteiligt. Professionelle Journalisten werden dadurch nicht überflüssig, ihre Arbeit wird vom Publikum lediglich unterstützt bzw. ergänzt. Aufgrund seines hohen Potentials an Interaktivität ist das Internet für eine Zusammenarbeit mit dem Publikum besonders geeignet, aber auch in die Berichterstattung anderer Medien kann das Publikum stärker einbezogen werden.
Eine solche Form von Journalismus ist aus zweierlei Gründen interessant. Die neue Vorgehensweise wendet sich klar gegen den traditionellen Journalismus, in dem ein passi-ves Publikum von einer journalistischen Elite informiert wird. Wie ein dominanter Vater glaubt diese Elite ganz genau zu wissen, was für die Schützlinge am besten ist. Der partizipative Journalismus wendet sich gegen diese elitäre Bevormundung, zugleich jedoch will er die Revolte der mündig gewordenen Schützlinge stoppen. Er grenzt sich damit ab von dem Phänomen, das sich als Gegenbewegung zum traditionellen Journalismus versteht: den neuen Formen von Amateurjournalismus im Internet. Interessanterweise versucht der partizipative Journalismus dabei den webbasierten Bürgerjournalismus mit den eigenen Waffen zu schlagen: mit mehr Interaktion und Transparenz, mit Blogs und Wikis. Der par-tizipative Journalismus folgt somit dem Leitspruch von Blogger Jarvis: „Online, you have to give up control to gain power“ (2003).
Ziel dieser Arbeit ist es, den partizipativen Journalismus innerhalb des Spannungsfel-des zwischen den traditionellen und den von Amateuren bestimmten Formen zu verstehen: Wie ist er entstanden? Wie lassen sich partizipative Projekte umsetzen? Und wie wirken sie sich auf den Journalismus insgesamt aus? Die Literatur zum Thema hat diese Fragen bisher noch nicht systematisch und zusammenhängend beantwortet. Diese Arbeit wird die verschiedenen Ansätze daher systematisieren und modellhaft darstellen.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung - Publikumsbeteiligung im Journalismus
2. Abgrenzung und Definition von partizipativem Journalismus
2.1 Traditioneller Journalismus
2.1.1 Begriffsbestimmung
2.1.2 Kritik am traditionellen Journalismus
2.1.3 Interaktionsmodell
2.2 Public Journalism
2.2.1 Begriffsbestimmung
2.2.2 Entwicklung
2.2.3 Philosophie und Ziele
2.2.4 Vorgehensweise
2.2.5 Kritik und Probleme
2.2.6 Interaktionsmodell
2.3 Webbasierter Bürgerjournalismus
2.3.1 Begriffsbestimmung
2.3.2 Entwicklung
2.3.3 Formen des webbasierten Bürgerjournalismus
2.3.3.1 Weblogs
2.3.3.2 Podcasts
2.3.3.3 Wikis
2.3.4 Konkurrenzverhältnis
2.3.5 Interaktionsmodell
2.4 Partizipativer Journalismus
2.4.1 Begriffsbestimmung
2.4.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den anderen Interaktionsmodellen
3. Formen des partizipativen Journalismus
3.1 Die Anfänge: Medien nutzen ihr Publikum
3.1.1 Katastrophenberichterstattung – Augenzeugen beliefern Medien
3.1.2 OhmyNews
3.2 Grundsatzentscheidungen
3.3 Modelle des partizipativen Journalismus
3.3.1 Stufe 1 – Das Publikum als Kommentator
3.3.2 Stufe 2 – Das Publikum als Assistent
3.3.3 Stufe 3 – Das Publikum als Produzent
3.3.4 Stufe 4 – Das Publikum als Redakteur (Wiki-Journalismus)
3.3.5 Überblick über das Vier-Stufen-Modell
3.4 Fallbeispiele
3.4.1 Saarbrücker Zeitung: Leser-Reporter
3.4.2 Rheinische Post: Opinio
3.4.3 Netzeitung: Readers Edition
3.4.4 Bakersfield Californian: Northwest Voice
3.4.5 Minnesota Public Radio
3.4.6 Current TV
3.4.7 BBC
4. Mögliche Folgen des partizipativen Journalismus
4.1 Chancen
4.1.1 Verbesserung der journalistischen Qualität
4.1.2 Verbesserung der wirtschaftlichen Situation
4.2 Risiken und Probleme
4.3 Auswirkungen auf das journalistische Berufsbild
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Studienarbeit untersucht das Phänomen des partizipativen Journalismus im Spannungsfeld zwischen traditionellen Medien und neuen, von Amateuren getriebenen Online-Formen. Das primäre Ziel ist es, die verschiedenen Ansätze der Publikumsbeteiligung zu systematisieren, in einem vierstufigen Modell modellhaft darzustellen und ihre Auswirkungen auf journalistische Qualität, wirtschaftliche Faktoren sowie das Berufsbild der Journalisten kritisch zu hinterfragen.
- Abgrenzung von traditionellem Journalismus, Public Journalism und Bürgerjournalismus.
- Analyse der technischen Möglichkeiten und verschiedenen Grade der Publikumsbeteiligung (Vier-Stufen-Modell).
- Fallstudien internationaler Medienprojekte (z.B. OhmyNews, BBC, Saarbrücker Zeitung) zur praktischen Umsetzung.
- Diskussion über Chancen wie erhöhte Themenvielfalt sowie Risiken wie Qualitätsverlust und rechtliche Herausforderungen.
- Untersuchung des Wandels der Journalistenrolle vom Gatekeeper zum Navigator oder Moderator.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Katastrophenberichterstattung – Augenzeugen beliefern Medien
Viele Experten sehen in der Tsunami-Katastrophe in Südostasien Ende 2004 und in den Bombenanschlägen auf die Londoner U-Bahn am 7. Juli 2005 so genannte „tipping points“ des partizipativen Journalismus, Zeitpunkte also, von denen an das Phänomen eine Eigendynamik entwickelte (Outing, 2005c; Mattin, 2005, 10). Einen ersten Eindruck vom potentiellen Wert der publikumsgenerierten Inhalte für ihre Berichterstattung aber erhielten die Massenmedien schon früher, nämlich während der Terroranschläge vom 11. September 2001. Unmittelbar nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York veröffentlichten Augenzeugen erste Berichte, Fotos und kurze Videosequenzen vom Ort des Geschehens in ihren Weblogs (Armborst, 2005, 23). Viele der privaten Blogs waren damals für das Publikum besser zu erreichen als die Websites der großen Medienunternehmen, deren Server überlastet waren (Neuberger, 2002, 47). Außerdem trafen zahlreiche Blogger mit ihren oft sehr persönlichen und emotionalen Beschreibungen genau die Gefühlslage großer Teile des Publikums. „We were witnessing – and in many cases were part of – the future of news”, schreibt Dan Gillmor in seinem Buch „We the Media” über die Blog-Berichterstattung zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001, bei der es sich allerdings noch um reinen Bürgerjournalismus handelte (2006a, xx).
Die Berichterstattung zur Tsunami-Katastrophe Ende 2004 war schon stärker vom partizipativen Journalismus geprägt. Der britische Guardian stellte auf seiner Website eine so genannte „Highlights-Page“ mit den besten Weblog-Einträgen zum Tsunami zusammen. Time.com veröffentlichte eine Seite mit Links zu Bürgerreporten und Texten von Überlebenden der Katastrophe. MSNBC.com wiederum versammelte unter dem Titel „Citizen Journalists Report“ Leser-Kommentare und einige kurze Erklärungen von Tsunami-Überlebenden (Outing, 2005c). Für Gillmor waren dies eindeutige Anzeichen für den bevorstehenden Durchbruch des partizipativen Journalismus: „I’m pretty sure this is one of those before and after moments. There will be before the tsunami and after the tsunami.” (zit. n. Outing, 2005c)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung - Publikumsbeteiligung im Journalismus: Die Einleitung beleuchtet den Machtwandel durch das Internet und die damit verbundene Notwendigkeit, das Publikum stärker in journalistische Prozesse einzubinden.
2. Abgrenzung und Definition von partizipativem Journalismus: Dieses Kapitel systematisiert das Phänomen durch die Abgrenzung zum traditionellen Journalismus, Public Journalism und webbasiertem Bürgerjournalismus sowie deren Interaktionsmodelle.
3. Formen des partizipativen Journalismus: Hier werden die praktischen Erscheinungsformen, notwendige Grundsatzentscheidungen von Redaktionen und ein vierstufiges Modell zur Modellierung der Publikumsbeteiligung vorgestellt.
4. Mögliche Folgen des partizipativen Journalismus: Dieses Kapitel analysiert die Chancen auf bessere Qualität und Bindung sowie Risiken wie Qualitätsminderung, rechtliche Probleme und Auswirkungen auf das Berufsfeld.
5. Fazit und Ausblick: Das Fazit bewertet die Realisierbarkeit und Effektivität des partizipativen Journalismus und warnt davor, ihn als einfaches Allheilmittel oder bloßes Sparinstrument zu missbrauchen.
Schlüsselwörter
Partizipativer Journalismus, Public Journalism, Bürgerjournalismus, Weblogs, Podcasting, Wikis, Publikumsbeteiligung, Online-Medien, Gatekeeper, Medienwandel, Nutzergenerierte Inhalte, Interaktivität, Redaktionskultur, Community, Journalistische Qualität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Studienarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Phänomen der „Mitmach-Medien“ und der zunehmenden aktiven Einbindung von Mediennutzern in journalistische Erstellungs- und Verbreitungsprozesse im digitalen Zeitalter.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind die begriffliche Abgrenzung unterschiedlicher Partizipationsmodelle, die technischen Voraussetzungen, die verschiedenen Stufen der Beteiligung und die Auswirkungen auf die journalistische Professionalität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die verschiedenen, oft konfusen Ansätze der Nutzerpartizipation zu systematisieren und die Auswirkungen auf die Qualität der Nachrichten sowie die wirtschaftliche Situation der Medienhäuser deskriptiv zu erfassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verfolgt einen systematisierenden, modellbildenden Ansatz, der bestehende theoretische Definitionen mit aktuellen empirischen Fallbeispielen aus der Medienlandschaft verknüpft.
Welche Aspekte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Definition und Abgrenzung, die Vorstellung eines vierstufigen Modells der Partizipation sowie eine detaillierte Analyse von sieben internationalen Fallbeispielen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben dem Kernbegriff „partizipativer Journalismus“ sind „Interaktivität“, „Publikumsbindung“, „nutzergenerierte Inhalte“ und „Gatekeeper“ maßgebliche Leitbegriffe.
Was ist das "Vier-Stufen-Modell" des partizipativen Journalismus?
Es unterteilt die Publikumsbeteiligung in vier Grade: 1. Publikum als Kommentator, 2. als Assistent, 3. als Produzent und 4. als Redakteur (Wiki-Journalismus), basierend auf dem Grad der professionellen Kontrolle.
Welche Rolle spielt das "OhmyNews"-Projekt in der Studie?
Es dient als eines der prominentesten Beispiele für einen partizipativen Journalismus, bei dem Bürger als Reporter fungieren und die Nachrichtendichte durch eine professionell geleitete Community-Struktur erhöhen.
Wie bewerten die Autoren die rechtlichen Risiken?
Die Autoren heben hervor, dass ungeprüfte Inhalte die Reputation gefährden und zu Haftungsrisiken führen können, weshalb eine Form der Selektion oder redaktionellen Betreuung essenziell bleibt.
- Arbeit zitieren
- Daniela Bolsmann (Autor:in), Lisa Seiler (Autor:in), 2006, Formen und Wirkungen des partizipativen Journalismus. Wie eine stärkere Publikumsbeteiligung den Journalismus verändert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79621