Reiner Kunze stellt seinem 1972 erschienenen Gedichtband "Zimmerlautstärke" ein Zitat Senecas voran:
…bleibe auf deinem Posten und
hilf durch deinen Zuruf; und wenn
man dir die Kehle zudrückt, bleibe
auf deinem Posten und hilf durch
dein Schweigen.
Wem ein Gedichtband Reiner Kunzes in die Hände fällt, der bemerkt sofort beim ersten Blättern die Dominanz der weißen Fläche im Druckbild der einzelnen Seiten. Die überwiegende Zahl der Gedichte Kunzes ist äußerst kurz. Man gewinnt den Eindruck einer sehr konzentrierten dichterischen Sprechweise, eines gewissen Lakonismus, der einem verschwenderischen oder auch inflationären Sprachgebrauch skeptisch gegenüberzustehen scheint.
Dieser auf Offenheit angelegte und sich immer wieder selbst kritisch reflektierende Sprachgebrauch Reiner Kunzes in seinen Texten soll in dieser Arbeit im Mittelpunkt interpretativer Betrachtungen einiger exemplarisch aufgeführter Gedichte stehen. Es stellen sich vielfältige Fragen zu diesem charakteristischen Merkmal des künstlerischen Schaffens Reiner Kunzes: Welche Motive biographischer Herkunft führten und führen den Lyriker Kunze zu einer Dichtung im Zeichen äußerster sprachlicher Reduktion? Ist dem Werk Kunzes eine Sprachskepsis eigen? Inwiefern gibt es eine Entwicklung oder auch Kontinuität der sprachlichen Verknappung im Werk Reiner Kunzes? Welche Bedeutung hat das Schweigen als Topos in seinen Gedichten? Und inwiefern ist das Schweigen im weitesten Sinne eines der zentralen ästhetischen Prinzipien seines dichterischen Bemühens?
Ansätze für eine Klärung dieser Fragen aufzuweisen und Möglichkeiten für eine interpretatorische Bewertung dieser gewissermaßen auf ‚Zimmerlautstärke herabgestuften’Sprache zu zeigen, ist das Anliegen dieser Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Einladung zu einer Tasse Jasmintee
2.1 Das Schweigen als Politikum
2.2 Schweigen als Akt der Autonomie
3 Schreibtisch am Fenster, und es schneit
3.1 Stille als die andere Seite des Schaffensprozesses
4 Der Himmel von Jerusalem
4.1 Das ‚nach innen genähte’ Wort
5 Fazit
6 Bibliographie
6.1 Primärliteratur
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das ästhetische Prinzip des Schweigens im lyrischen Werk von Reiner Kunze. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie sprachliche Reduktion und das bewusst eingesetzte Schweigen als Mittel zur Bewahrung künstlerischer Autonomie und als Reaktion auf politische sowie existentielle Gegebenheiten fungieren.
- Die Funktion der sprachlichen Verknappung im Werk Kunzes.
- Das Schweigen als politisches Instrument im Kontext der DDR-Biographie.
- Die Bedeutung von Stille und Passivität im schöpferischen Prozess.
- Intertextuelle Bezüge und Parallelen zur Literatur nach Auschwitz.
- Die Autonomie des literarischen Kunstwerks gegenüber Vereinnahmung.
Auszug aus dem Buch
2 Einladung zu einer Tasse Jasmintee
EINLADUNG ZU EINER TASSE JASMINTEE
Treten Sie ein, legen sie Ihre
traurigkeit ab, hier
dürfen Sie schweigen
Dieses äußerst kurze, 1967 entstandene Gedicht ist dem Gedichtband Sensible Wege entnommen, welcher 1969 veröffentlicht wurde. Der Titel des Gedichts lässt in der Vorstellung des Lesers die bildhafte Szene einer Begrüßung an der Haustür entstehen: Ein Gast ist der „Einladung“ gefolgt und wird hereingebeten. Die Aufforderung „Treten Sie ein, […]“ (Z. 1) fordert zum Betreten des Innenraums in mehrfachem Sinne auf – nicht nur die Schwelle eines Hauses wird überschritten, sondern auch die Grenze der Privatheit einer Person, eines Individuums. Das alltägliche, intime Umfeld eines Menschen wird geoffenbart, die Dinge und Menschen, mit denen sie sich umgibt, gewähren einen Blick auf die Facetten seiner Persönlichkeit.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Diese Einleitung führt in die zentrale Thematik der sprachlichen Verknappung und des Schweigens im Werk Reiner Kunzes ein und legt die Forschungsfragen dar.
2 Einladung zu einer Tasse Jasmintee: Das Kapitel analysiert das gleichnamige Gedicht hinsichtlich seiner biographischen Hintergründe und der Funktion des Schweigens als politisches und autonomes Element.
2.1 Das Schweigen als Politikum: Hier wird untersucht, wie die politische Verfolgung und Isolation in der DDR Kunzes Dichtung und sein Verständnis von Stille als subversiven Akt beeinflussten.
2.2 Schweigen als Akt der Autonomie: Dieses Kapitel erörtert die Poetik Kunzes, in der das Schweigen die Autonomie des Kunstwerks vor vorschneller intellektueller Vereinnahmung schützt.
3 Schreibtisch am Fenster, und es schneit: Die Analyse des Gedichts thematisiert das Verhältnis von Aktivität und Passivität im schöpferischen Prozess sowie die Notwendigkeit des Innehaltens.
3.1 Stille als die andere Seite des Schaffensprozesses: Dieses Kapitel vertieft den Aspekt der schöpferischen Pause und stellt dar, warum Inspiration und kreative Entstehung sich dem bewussten Willen entziehen.
4 Der Himmel von Jerusalem: Das Kapitel betrachtet die religiöse Topographie des Gedichts und diskutiert den Gegensatz zwischen lautstarkem Bekenntnis und dem Verstummen im Judentum.
4.1 Das ‚nach innen genähte’ Wort: Hier wird der Zusammenhang zwischen Sprachkrise nach 1945, traumatischen Erfahrungen und der metaphorischen Versiegelung des Wortes im Werk Kunzes untersucht.
5 Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse, in der das Schweigen als essenzielle Kernkompetenz von Kunzes Dichtung bestätigt wird.
6 Bibliographie: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
6.1 Primärliteratur: Auflistung der zitierten Gedichtbände von Reiner Kunze.
Schlüsselwörter
Reiner Kunze, Lyrik, Schweigen, Sprachkritik, Autonomie, DDR, Ästhetik, Reduktion, Metaphorik, Schaffensprozess, Poetik, Literatur nach Auschwitz, Freiräume, Politikum, Existenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das ästhetische und poetologische Konzept des Schweigens im lyrischen Werk von Reiner Kunze und dessen Bedeutung für den Schaffensprozess sowie die Wahrung der Kunstautonomie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die sprachliche Verknappung, die politische Situation des Dichters in der DDR, die Rolle des Unbewussten bei der Inspiration und die Auseinandersetzung mit existenziellem Leid.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Kunzes lakonische Sprache und der bewusste Verzicht auf Mitteilung dazu dienen, dem Leser Freiräume für Deutungen zu lassen und das Kunstwerk gegen Fremdbestimmung zu verteidigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine interpretatorische Textanalyse, ergänzt durch biographische Kontexte und literaturwissenschaftliche Vergleiche, etwa mit der Tradition von Paul Celan.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert ausgewählte Gedichte wie "Einladung zu einer Tasse Jasmintee" und "Der Himmel von Jerusalem" auf ihre ästhetische Struktur und ihre inhaltliche Aussagekraft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist primär durch die Begriffe "Schweigen", "Sprachkritik", "Autonomie", "Reduktion" und "Dichterisches Bemühen" geprägt.
Warum spielt die DDR-Biographie für Kunzes Verständnis von Schweigen eine so große Rolle?
Aufgrund der permanenten politischen Vereinnahmung von Sprache im DDR-Regime wurde das Schweigen für Kunze zu einem Akt der Selbstbehauptung und Subversion, da es sich der politischen Handhabe entzieht.
Welche Bedeutung hat das Bild der "Pflanze" im Zusammenhang mit dem Kunstwerk?
Das Bild dient der Analogie, dass ein Gedicht eine Eigendynamik benötigt und in der "Stille" (der Erde) reifen muss, um ein lebendiges, autonomes Kunstwerk zu werden.
- Arbeit zitieren
- Magister Artium Christoph Hartmann (Autor:in), 2004, "Hier dürfen Sie schweigen ..." - Zur Ästhetik des Schweigens im Werk Reiner Kunzes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79386