Der deutsche Arbeitsmarkt ist mit seinen grundlegenden Problemen seit Jahren ein Dauerthema in der öffentlichen Diskussion. Starre Strukturen, bürokratische Gesetzgebung und ein mangelnder politischer Wille lassen den deutschen Arbeitsmarkt im Vergleich zu anderen Ländern unflexibel und nicht wettbewerbsfähig erscheinen.
Mit der nachfolgenden Arbeit wird ein Segment des Arbeitsmarktes beleuchtet, dass in den letzten Jahren durch steigende Beschäftigtenzahlen für Gesprächsstoff sorgte. Die geringfügige Beschäftigung hat sich während der 1990er Jahre zu einem stillen
Riesen entwickelt und ist heute ein unverzichtbares Instrument des deutschen Arbeitsmarktes.
Im Juni 2006 befanden sich 6,7 Mio. Personen bzw. 17,2% aller Erwerbstätigen in einer geringfügigen Beschäftigung.1 1992 waren es dagegen nur rund 3,2 Mio. bzw. 8,7% aller Erwerbstätigen. Dieser, zur sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung gegenläufige Trend, führte zu einer stärkeren Beachtung in der Politik. Mit zwei Reformen versuchte der Gesetzgeber, maßgeblich Einfluss auf Entwicklung und Struktur der geringfügigen Beschäftigung zu nehmen. Diese beiden Reformen, das „630-DM-Gesetz“ vom 24.03.1993 und die „Minijob-Reform“ vom 14.11.2002, hatten allerdings gegensätzliche Charaktere. Die erste Reformmaßnahme war ein Versuch, die geringfügige Beschäftigung einzudämmen, mit der zweiten Reform versuchte man sie auszuweiten.
Ein zentraler Punkt dieser Arbeit wird es sein, in einer empirischen Analyse zu untersuchen, wie sich diese Kehrtwende in der Politik auf die geringfügige Beschäftigung ausgewirkt hat. Als Datengrundlage für die Analyse dient das vergleichsweise neue Beschäftigtenpanel der Bundesagentur für Arbeit (BA), das im Gegensatz zu den
etablierten Datenquellen auf prozessbasierten Daten der Beschäftigtenstatistik der BA zurückgreift. Durch den verhältnismäßig großen Stichprobenumfang und die gute Datenqualität lassen sich somit seriöse empirische Untersuchungen durchführen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Entwicklung des Arbeitsmarktes
3 Entwicklung und Diskussion der rechtlichen Grundlagen
3.1 Vorbemerkung und Geschichte
3.2 Einteilung der geringfügigen Beschäftigung
3.3 Rechtliche Grundlagen bis 31.03.1999 und deren Effekte
3.4 Das 630-DM-Gesetz zum 01.04.1999
3.5 Die "Minijob-Reform" - Neuregelung zum 01.04.2003
4 Datengrundlage geringfügiger Beschäftigung
4.1 Datenerfassung vor 1999
4.1.1 Angebotsorientierte Messkonzepte
4.1.2 Nachfrageorientierte Messkonzepte
4.2 Statistische Erfassung nach 1999
4.3 Schwierigkeiten bei der Datenerfassung
5 Umfang und Struktur der geringfügig Beschäftigten
5.1 Umfang der geringfügig Beschäftigten vor 1999
5.2 Beschäftigungsumfang nach dem 01.04.1999
5.2.1 Kurzfristige Effekte des "630-DM-Gesetzes"
5.2.2 Schwierigkeiten in der amtlichen Statistik
5.2.3 Beschäftigungsumfang bis 2003
5.3 Beschäftigungsumfang nach der Minijob-Reform
5.4 Struktur der geringfügig entlohnten Beschäftigten
5.4.1 Geringfügig Alleinbeschäftigte
5.4.2 Geringfügig Nebenbeschäftigte
5.4.3 Einsatz in den Wirtschaftsbereichen
6 Das BA-Beschäftigtenpanel
6.1 Statistik und Forschung
6.2 Aufbau und Methodik
6.3 Hochrechnungsgüte des BA-Beschäftigtenpanels
6.4 Vergleich zu anderen Datenquellen
7 Empirische Analysen mit dem BA-Beschäftigtenpanel
7.1 Zielstellung
7.2 Analyse der geringfügig entlohnten Beschäftigung
7.2.1 Beschäftigungsaussichten
7.2.2 Geringfügige Beschäftigung als Weg aus der Arbeitslosigkeit
7.2.3 Aufteilung sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung
7.3 Analyse der Beschäftigung in der Gleitzone
7.4 Soziale Absicherung durch die Rentenversicherung
8 Schlussfolgerung und Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht die Entwicklung der geringfügigen Beschäftigung in Deutschland seit der Wiedervereinigung unter besonderer Berücksichtigung der arbeitsmarktpolitischen Reformen durch die Bundesregierung. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie sich diese politischen Maßnahmen auf das Beschäftigungssegment auswirkten, insbesondere ob die "Minijob-Reform" zu den angestrebten Zielen wie der Eindämmung von Schwarzarbeit und der Integration von Arbeitslosen in den Arbeitsmarkt geführt hat, oder ob negative Effekte wie die Aufspaltung sozialversicherungspflichtiger Stellen überwogen.
- Analyse der rechtlichen Rahmenbedingungen und deren Entwicklung (630-DM-Gesetz vs. Minijob-Reform).
- Evaluierung der Datenquellen und statistischen Erfassungsmethoden geringfügiger Beschäftigung.
- Empirische Untersuchung des Beschäftigungsumfangs und der Struktur der geringfügig Beschäftigten.
- Analyse der Beschäftigungschancen und der "Brückenfunktion" von Minijobs für Arbeitslose.
- Untersuchung der sozialen Absicherung und der Rolle der Rentenversicherung für Minijobber.
Auszug aus dem Buch
3.1 Vorbemerkung und Geschichte
Geringfügige Beschäftigung steht aufgrund der Sonderbehandlung von Sozial- und Steuerabgaben schon lange im Fokus der arbeitsmarktökonomischen Diskussionen. Sie war ursprünglich bewusst von der Sozialversicherungspflicht befreit worden. In den 1960er Jahren suchte die Wirtschaft bei Vollbeschäftigung händeringend nach Arbeitskräften und die Sozialversicherungen erzielten aufgrund der guten Beschäftigungslage Überschüsse. Mit der Sozialversicherungsfreiheit wollte man Nichterwerbstätige wie Schüler, Studenten, Hausfrauen und Rentner für den Arbeitsmarkt mobilisieren. Die soziale Absicherung sollte entweder durch andere Mitglieder des Haushaltes über die Familienversicherung erfolgen oder durch die sozialversicherungspflichtige Hauptbeschäftigung. Die Inanspruchnahme der Geringfügigkeitsregelung sollte dabei mehr die Ausnahme als die Regel darstellen. Es zeigte sich allerdings bald, dass die Regelung von der Wirtschaft sehr viel öfter als in Ausnahmen in Anspruch genommen wurde. Grund waren vor allem finanzielle Anreize durch die sozialversicherungsfreie und steuerrechtliche Sonderstellung. Aus diesem Anlass wurden die rechtlichen Regelungen im Laufe der Zeit mehrfach überarbeitet.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung stellt die wachsende Bedeutung geringfügiger Beschäftigung auf dem deutschen Arbeitsmarkt dar und skizziert das Ziel der empirischen Analyse unter Verwendung des BA-Beschäftigtenpanels.
2 Entwicklung des Arbeitsmarktes: Dieses Kapitel beschreibt den strukturellen Wandel der deutschen Erwerbsbeschäftigung hin zu flexibleren Formen wie Teilzeit und geringfügiger Beschäftigung.
3 Entwicklung und Diskussion der rechtlichen Grundlagen: Hier wird der chronologische Verlauf der Gesetzesänderungen, insbesondere des 630-DM-Gesetzes und der Minijob-Reform, sowie deren arbeitsmarktpolitische Motivation analysiert.
4 Datengrundlage geringfügiger Beschäftigung: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die Herausforderungen der statistischen Erfassung und die verschiedenen Messkonzepte vor und nach 1999.
5 Umfang und Struktur der geringfügig Beschäftigten: In diesem Abschnitt werden die quantitativen Entwicklungen des Beschäftigungsumfangs sowie die soziodemografische Struktur der Beschäftigten analysiert.
6 Das BA-Beschäftigtenpanel: Hier wird die Methodik und der Aufbau des BA-Beschäftigtenpanels als Datengrundlage für die empirischen Analysen detailliert vorgestellt.
7 Empirische Analysen mit dem BA-Beschäftigtenpanel: Dieser zentrale Teil der Arbeit untersucht empirisch die Beschäftigungschancen, Wege aus der Arbeitslosigkeit, Substitutionseffekte und die soziale Absicherung durch Rentenversicherungsbeiträge.
8 Schlussfolgerung und Zusammenfassung: Abschließend werden die Ergebnisse der Arbeit bewertet und ein Fazit zur arbeitsmarktpolitischen Wirkung der untersuchten Reformen gezogen.
Schlüsselwörter
geringfügige Beschäftigung, Minijob, Arbeitsmarkt, Sozialversicherungspflicht, 630-DM-Gesetz, Minijob-Reform, BA-Beschäftigtenpanel, Arbeitslosigkeit, Strukturwandel, Beschäftigungschancen, Niedriglohnsektor, Gleitzone, Midijobs, Sozialversicherungsbeiträge, Erwerbsbiografien.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Entwicklung der geringfügigen Beschäftigung in Deutschland seit der Wiedervereinigung und untersucht die Auswirkungen politischer Reformen, insbesondere der Hartz-IV-nahen "Minijob-Reform", auf dieses Beschäftigungssegment.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit behandelt die rechtlichen Grundlagen der geringfügigen Beschäftigung, Probleme der statistischen Erfassung, die quantitative Entwicklung und Struktur dieser Beschäftigungsform sowie die Frage nach sozialen Sicherungsmechanismen und Integrationschancen in den regulären Arbeitsmarkt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, anhand empirischer Analysen zu bewerten, wie sich die politische Kehrtwende mit der Minijob-Reform auf die Beschäftigungsdynamik auswirkte, insbesondere im Hinblick auf den Übergang von Minijobs in sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor führt eine quantitative empirische Analyse unter Verwendung des BA-Beschäftigtenpanels durch. Zudem wird eine ökonometrische Schätzung mittels eines multinomialen Logit-Modells angewandt, um individuelle Übergangswahrscheinlichkeiten zwischen Erwerbsformen zu untersuchen.
Was wird im empirischen Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Beschäftigungsaussichten für Minijobber, der Übergang von Arbeitslosigkeit in geringfügige Beschäftigung, mögliche Substitutionseffekte zwischen regulärer und geringfügiger Beschäftigung sowie die Bereitschaft zur Aufstockung von Rentenversicherungsbeiträgen analysiert.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Neben der geringfügigen Beschäftigung (Minijob) sind das "BA-Beschäftigtenpanel", die "Gleitzone" (Midijobs) und die "Sozialversicherungspflicht" die zentralen Begriffe, die den theoretischen und empirischen Rahmen bilden.
Was ist das Ergebnis zur "Brückenfunktion" von Minijobs?
Die Analyse zeigt, dass die Hoffnung auf eine "Brückenfunktion" von Minijobs in reguläre Beschäftigung nach der Minijob-Reform eher enttäuscht wurde, da der Verbleib in Minijobs zunahm und der Übergang in sozialversicherungspflichtige Tätigkeiten schwieriger wurde.
Wie bewertet der Autor den Effekt der Minijob-Reform auf die Rentenversicherung?
Der Autor stellt fest, dass das Ziel einer verbesserten sozialen Absicherung, insbesondere im Alter durch Aufstockung von Rentenbeiträgen, kaum erreicht wurde, da nur ein sehr kleiner Anteil der Beschäftigten von dieser Möglichkeit Gebrauch macht.
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- Robert Borm (Author), 2006, Die Entwicklung der geringfügigen Beschäftigung in Deutschland und die Arbeitsmarktreformen der Bundesregierung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73320