Was ist es, was die Autoren und uns Leser an Krankheiten, an Leidensgeschichten so fasziniert? Ist es die gleiche Erregung, die uns bei Verkehrsunfällen hinschauen lässt, obwohl es uns schaudert?
Im Folgenden will ich versuchen, Lepra, die Legenden um diese Krankheit und ihre Widerspiegelung in Religion und vor allem Literatur genauer zu beleuchten. Dabei möchte ich keinesfalls eine medizinische Arbeit schreiben. Ich denke jedoch, zu einer Beschäftigung mit dieser Thematik gehören einige Fakten. Konzentriert habe ich mich bei der kurzen medizinischen Übersicht auf das Wissen, das Hartmann von Aue in seiner Zeit über die Krankheit hatte.
Über Jahrhunderte hinweg beschäftigten sich immer wieder Autoren mit dem Motiv des Aussatzes. Meine Arbeit soll zeigen, wie vielfältig die Bearbeitungen sind. Da die Literaten im Mittelalter sehr stark von der Kirche beeinflusst wurden, soll und kann der religiöse Aspekt hier nicht außen vor gelassen werden. Als Hauptgegenstand habe ich mich auf das Werk “Der arme Heinrich” von Hartmann von Aue und dessen Adaptionen von Gerhart Hauptmann und Ricarda Huch konzentriert.
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
2. Was ist Aussatz? - die medizinische Sicht
2.1.Ursachen
2.2. Isolation und Öffentlichkeit
2.3. Verbreitete Bezeichnungen
2.4. Religiöse Betrachtungsweisen des Aussatzes
2.5. Aussatz in der Literaturgeschichte
3. Hartmann von Aues “Der arme Heinrich”
4. Gerhart Hauptmanns “Armer Heinrich - eine deutsche Sage“
5. Die Adaption Ricarda Huchs
6. Schlussbemerkung
7. Literaturverzeichnis
Primärliteratur:
Sekundärliteratur:
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das literarische Motiv des Aussatzes, wobei der Fokus auf der diachronen Entwicklung und der unterschiedlichen Ausgestaltung in den Werken von Hartmann von Aue, Gerhart Hauptmann und Ricarda Huch liegt. Ziel ist es, die Verbindung zwischen der Krankheit, der religiösen Deutung und der sozialen Isolation der Betroffenen in den jeweiligen literarischen Bearbeitungen des „Armen Heinrich“-Stoffes herauszuarbeiten.
- Medizinische und historische Aspekte des Aussatzes im Mittelalter
- Die religiöse Symbolik von Krankheit als Strafe Gottes oder göttliche Prüfung
- Der Konflikt zwischen christlicher Nächstenliebe und gesellschaftlicher Stigmatisierung
- Vergleichende Analyse der Adaptionen durch Hartmann von Aue, Gerhart Hauptmann und Ricarda Huch
- Die Darstellung von sozialer Isolation in verschiedenen Epochen der Literatur
Auszug aus dem Buch
3. Hartmann von Aues “Der arme Heinrich”
“Der arme Heinrich” entstand 1194 und ist vermutlich das vorletzte der epischen Werke Hartmanns18. Hartmann beschreibt einen adeligen, wohlhabenden Ritter von Aue, der von Gott mit Aussatz gestraft und von nun an von der Gesellschaft geächtet wird. Im Mittelalter sah das Volk, Aussatz als Strafe Gottes an. Barbara Schmidt-Krayer schreibt, Heinrich seie zu hochmütig und zu wenig gottesfürchtig gewesen und deshalb bestraft wurden. Hartmann von Aue schreibt, „der in dem hoechsten werde lebet ûf dirre erde, derst der versmâhte vor gote.“18 und ein paar Verse weiter „er viel von sînem gebote ab sîner besten werdekeit in ein smaehlîchez leit: in ergreif diu miselsuht“.19 Schmidt-Krayer schreibt, dass für die Sichtweise, dass Aussatz die Strafe Gottes für zu weltliches Leben ist, das Absalom-Gleichnis spricht. Bei Hartmann ist zu lesen: „an im wart erzeiget, als ouch an Absalône, daz diu üppige krône werltlîcher süeze vellet under vüeze ab ir besten werdekeit“.20 Die Aussatzerkrankung Heinrichs könnte auch als Prüfung Gottes angesehen werden. Dafür sprechen würde, der Vergleich mit dem biblischen Hiob, der ebenfalls eine Prüfung auferlegt bekommt. Doch der Ritter nimmt die Prüfung zunächst nicht an. Er will sich nicht mit seiner Erkrankung abfinden und fährt nach Montpellier, um erfahrene Ärzte zu konsultieren, er erfährt:
„daz er genislich waere und waere doch iemer ungenesen[…] ir müeset haben eine maget, diu vollen manbaere und des willen waere, daz sî den tôt durch iuch lite“. 21
Doch Heinrich glaubt nicht an Heilung, verschenkt einen Teil seines Besitzes und kommt schließlich zum Meierhof. Die Verwalter des Gutes haben eine Tochter im Alter von acht Jahren.
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Faszination für Krankheitsmotive in der Literatur und legt den Fokus der Arbeit auf das Werk „Der arme Heinrich“ in seinen verschiedenen Bearbeitungen.
2. Was ist Aussatz? - die medizinische Sicht: Dieses Kapitel erläutert den medizinischen Wissensstand des Mittelalters über die Lepra, inklusive diagnostischer Methoden und der sozialen Konsequenzen für die Erkrankten.
2.1.Ursachen: Hier werden die mittelalterlichen Vorstellungen zur Entstehung von Lepra, wie die Strafe Gottes oder Vererbungstheorien, diskutiert.
2.2. Isolation und Öffentlichkeit: Dieses Kapitel beschreibt die gesellschaftliche Ausgrenzung durch Leprosorien und die begrenzten Möglichkeiten der sozialen Reintegration.
2.3. Verbreitete Bezeichnungen: Es werden verschiedene mittelalterliche Begriffe für Aussätzige sowie deren Bedeutung für die soziale Stigmatisierung dargelegt.
2.4. Religiöse Betrachtungsweisen des Aussatzes: Die Untersuchung befasst sich mit dem christlichen Spannungsfeld zwischen Nächstenliebe und dem Ekel vor der Krankheit sowie der Rolle von Schutzpatronen.
2.5. Aussatz in der Literaturgeschichte: Dieser Abschnitt gibt einen Überblick über das Motiv der Lepra in anderen literarischen Werken, wie der Silvesterlegende oder Dantes „Göttlicher Komödie“.
3. Hartmann von Aues “Der arme Heinrich”: Eine detaillierte Analyse der mittelalterlichen Dichtung, wobei Heinrichs Krankheit als göttliche Prüfung und der religiöse Grundkonflikt im Zentrum stehen.
4. Gerhart Hauptmanns “Armer Heinrich - eine deutsche Sage“: Betrachtung von Hauptmanns Drama, das den Stoff in ein modernes psychologisches Seelendrama übersetzt und in die Zeit der Kreuzzüge verlagert.
5. Die Adaption Ricarda Huchs: Dieses Kapitel analysiert Huchs Novelle, welche das Verhalten ihres Helden kritisch hinterfragt und thematische Aspekte wie Nekrophilie einbezieht.
6. Schlussbemerkung: Ein Fazit, das den roten Faden der sozialen Isolation aufgreift und die Relevanz der Thematik bis in die Moderne fortführt.
7. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Aussatz, Lepra, Literaturgeschichte, Hartmann von Aue, Gerhart Hauptmann, Ricarda Huch, Der arme Heinrich, soziale Isolation, Nächstenliebe, Mittelalter, Krankheitssymbolik, Religionsgeschichte, Erlösung, Opferbereitschaft, Stigmatisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Motiv des Aussatzes in der deutschen Literatur, insbesondere anhand der verschiedenen Bearbeitungen des „Armen Heinrich“-Stoffes durch drei bedeutende Autoren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder sind die medizinische Wahrnehmung der Krankheit im Mittelalter, die religiöse Deutung von Leid und Erlösung sowie die soziologische Dimension der Ausgrenzung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie vielfältig das Motiv des Aussatzes literarisch bearbeitet wurde und wie sich die Darstellung der Krankheit im Laufe der Jahrhunderte in Bezug auf soziale Isolation und religiöse Konflikte gewandelt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine literaturwissenschaftliche Analyse unter Einbeziehung historischer und medizinhistorischer Hintergründe zur Kontextualisierung der primären Quellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich intensiv der Interpretation der Werke von Hartmann von Aue, Gerhart Hauptmann und Ricarda Huch und setzt diese in Bezug zu den im zweiten Kapitel erarbeiteten theoretischen und historischen Grundlagen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Aussatz (Lepra), soziale Isolation, Nächstenliebe, Hartmann von Aue und das Motiv der göttlichen Prüfung.
Wie unterscheidet sich die Sichtweise auf das „Opfer“ bei den drei Autoren?
Während Hartmann von Aue und Hauptmann das Opfer des Mädchens weitgehend unkritisch und als Akt der Frömmigkeit oder Notwendigkeit darstellen, hinterfragt Ricarda Huch das egoistische Verhalten des Helden und die moralische Dimension der Opferung kritisch.
Welche Rolle spielt der „Schaubrief“ im Kontext der Arbeit?
Der Schaubrief wird als ein Dokument der sozialen Kontrolle und Teilhabe eingeführt, das Leprakranken unter bestimmten Umständen ein Minimum an gesellschaftlicher Existenz und das Recht zum Betteln ermöglichte.
Warum wird in der Arbeit auch der moderne Bezug zu AIDS hergestellt?
Dies dient dazu, die Beständigkeit des sozialen Stigmas gegenüber Krankheiten zu verdeutlichen, die das soziale Leben der Betroffenen massiv einschränken, und zeigt die Aktualität der literarischen Auseinandersetzung mit dem Thema auf.
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- Julia Grubitzsch (Author), 2007, Das Motiv des Aussatzes in der deutschen Literatur unter besonderer Berücksichtigung der Fassungen des 'Armen Heinrichs' von Hartmann von Aue, Gerhart Hauptmann und Ricarda Huch , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72019