Komm in den totgesagten park und schau: Der schimmer ferner lächelnder gestade · Der reinen wolken unverhofftes blau Erhellt die weiher und die bunten pfade. Dort nimm das tiefe gelb · das weiche grau Von birken und von buchs · der wind ist lau · Die späten rosen welkten noch nicht ganz · Erlese küsse sie und flicht den kranz · Vergiss auch diese letzten astern nicht · Den purpur um die ranken wilder reben · Und auch was übrig blieb von grünem leben Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.
„Komm in den totgesagten park und schau“ lautet der Titel, wie auch der Anfang dieses Gedichts von Stefan George. Als Einleitungsgedicht zum Gedichtzyklus „Das Jahr der Seele“ von 1897, gehört es zum ersten Teil des Zyklus, der den Titel „Nach der Lese“ trägt. Obwohl „Das Jahr der Seele“ Georges meistgelesenes Werk und auch eines der erfolgreichsten modernen Gedichtbücher ist, sind die Kritiker an Georges Stil weit verbreitet. So hört man auch des öfteren von Studenten ein kategorisches „George wird nicht gelesen!“. Doch wie lässt sich diese Aussage mit der Popularität dieses Gedichts in Lesebüchern und Anthologien vereinbaren? Die Gedichte Georges werden gelesen, vor allem „Komm in den totgesagten park und schau“, entgegen der kritischen Stimmen oder vielleicht gerade deswegen. Liest man es flüchtig, könnte der Eindruck entstehen, dass es sich um ein wohlklingendes Herbstgedicht handelt, schön zu lesen, aber mit wenig Hintergrund. Doch schon bei genauerem Hinsehen fällt die sonderbare Schreibweise auf, die eigentümliche Wortwahl und die nicht auf Anhieb zu erfassenden literarischen und sprachlichen Bilder. Dies sind Merkmale, die über den Charakter eines Gelegenheitsgedichts weit hinausgehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Stefan George und sein „Kreis“
3. Verabsolutierung des Ästhetischen
3.1.Form
3.2.Wortwahl
4. Naturerlebnis im Park
4.1.Herbstlicher Park, die künstliche Natur als Quelle der Dichtung
4.2.Kommunikationssituation im Gedicht
4.3.Flechten des Kranzes
4.4.Symbolistische Verschlüsselung
5. Schluss
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Stefan Georges Gedicht „Komm in den totgesagten park und schau“ unter besonderer Berücksichtigung seiner ästhetischen Prinzipien und Symbolik. Ziel ist es, die spezifische Wortwahl, die formale Gestaltung und die tieferliegende symbolistische Bedeutung innerhalb der Dichtung Georges zu analysieren und kritisch einzuordnen.
- Ästhetizismus und die Maxime „L'art pour l'art“
- Die Rolle des Stefan-George-Kreises
- Analyse der formalen Gedichtstruktur und Typografie
- Naturerlebnis als künstlerischer Konstruktionsprozess
- Symbolistische Bildsprache und Metaphorik
Auszug aus dem Buch
3.1. Form
Der erste Eindruck eines Gedichts wird vor allem durch die äußere Form bestimmt. Um sie zu untersuchen, braucht man den Inhalt noch gar nicht zu kennen. Vor allem bei George steht die Form in der Bedeutsamkeit über dem eigentlich Sinn des Gedichts. Nur bei der visuellen Betrachtung von „Komm in den totgesagten Park und schau“ fällt die Ordnung und der strenge Bau des Gedichts auf. Eingeteilt in drei Strophen mit jeweils vier Verszeilen und zusätzlich gleichmäßig gestaltet durch die durchgehende Kleinschreibung, zeigt es sofort den ästhetischen Anspruch Georges. Der durchgehend fünfhebige Jambus mit nur zwei Ausnahmen in der Aufforderung „Komm“ und dem deiktischen Wort „Dort“ am Anfang der ersten und zweiten Strophe, die dadurch betont werden, bewirkt einen ruhig fließenden Rhythmus. Der Kadenztausch in der ersten und dritten Strophe entspricht vollkommen dem Reimschema und der Silbenanzahl. Dem Kreuzreim der ersten Strophe und dem umarmenden Reim der dritten Strophe folgen die männlichen und weiblichen Endungen der Verse und die 10- und 11-silbige Anzahl der Verse. Lediglich in der zweiten Strophe ist die Kadenz einheitlich männlich. Hier entspricht sie nicht dem Paarreim, jedoch zeigt sich die Korrespondenz in der Silbenanzahl, da jeder Vers in der zweiten Strophe 10-silbig ist. Diese Entsprechungen und die zahlreichen Alliterationen und Assonanzen mit dem parallelen Bau der Zeilen zeigen ein formvollendetes Bild des Gedichts und bilden eine Geschlossenheit, wodurch die einzelnen Elemente künstlich zusammengehalten werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Das Kapitel führt in das Gedicht „Komm in den totgesagten park und schau“ als Einleitungsgedicht des Zyklus „Das Jahr der Seele“ ein und problematisiert die Rezeptionsgeschichte Georges.
2. Stefan George und sein „Kreis“: Hier wird der Einfluss von Georges ästhetischem Anspruch auf sein soziales Umfeld und die bewusste Abgrenzung seiner Kunst vom Profanen beleuchtet.
3. Verabsolutierung des Ästhetischen: Die Untersuchung konzentriert sich auf die formale Gestaltung durch Metrik und Kleinschreibung sowie die spezifische Wortwahl als Mittel der ästhetischen Distanzierung.
4. Naturerlebnis im Park: Dieses Kapitel analysiert den Park als konstruiertes, künstliches Kunstwerk und die symbolistische Verschlüsselung des Naturerlebnisses als Metapher für den künstlerischen Schöpfungsprozess.
5. Schluss: Der Abschluss reflektiert Georges ästhetische Absolutheit und die damit einhergehende Kritikfähigkeit bzw. die Subjektivität des Kunstbegriffs.
Schlüsselwörter
Stefan George, Ästhetizismus, Symbolismus, Das Jahr der Seele, Lyrikanalyse, Formstrenge, Kunsttheorie, Naturmetaphorik, Kranzflechten, Moderne, Sprachkunst, Literaturwissenschaft, Lyrik des 19. Jahrhunderts.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit bietet eine fundierte Gedichtinterpretation von Stefan Georges „Komm in den totgesagten park und schau“ und untersucht, wie der Dichter seine ästhetischen Ideale in formalen und inhaltlichen Strukturen umsetzt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit behandelt die Wechselwirkung zwischen Kunst und Natur, die Rolle des Künstlers als Schöpfer, die Bedeutung des Symbolismus sowie den Exklusivitätsanspruch des George-Kreises.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie George durch eine präzise formale Struktur und eine selektive Wortwahl aus der Alltagswelt ein ästhetisches Kunstwerk schafft, das sich einer simplen Naturdeutung entzieht.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Analyse folgt einer textimmanenten Methode, bei der sowohl formale Aspekte (Metrik, Reim, Typografie) als auch inhaltlich-semantische Ebenen (Symbolik, Wortwahl) eng verknüpft interpretiert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit thematisiert?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der ästhetischen Verabsolutierung, der speziellen Rolle des Parks als künstliche Naturkulisse und der symbolischen Bedeutung des Kranzflechtens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Ästhetizismus, Symbolismus, formale Perfektion, künstliche Natur und die Autonomie der Kunst.
Warum spielt die Typografie in Georges Gedicht eine so wichtige Rolle?
Die konsequente Kleinschreibung und der Verzicht auf Interpunktion dienen als bewusstes ästhetisches Signal gegen Konventionen und unterstreichen den exklusiven Charakter von Georges Dichtung.
Inwiefern ist das Naturerlebnis in Georges Gedicht untypisch?
Anders als in der romantischen Naturlyrik dient die Natur bei George nicht als Spiegel der Gefühle, sondern als kontrolliertes Material, das vom Künstler geformt und in ein ästhetisches System integriert wird.
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- Anonym (Author), 2002, 'Eine Kunst für die Kunst schaffen' Ästhetik als höchstes Gebot - Gedichtinterpretation zu Stefan Georges Gedicht "Komm in den totgesagten Park und schau", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67067