Einleitung
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts musste die schwarze Bevölkerung feststellen, dass sie zum Spielball der Geschichte geworden war und wenig bzw. gar keinen Einfluss auf ihre Stellung in der Gesellschaft besaß. Um sich als Individuum einen Platz in der Gesellschaft zu schaffen, mussten die Afroamerikaner zuerst ihre Selbstauffassung und ihr Selbstbild verändern. In diesen Jahren waren schwarze Intellektuelle überzeugt, dass das neue Bewusstsein des Negros eine Renaissance in der Geschichte der Afroamerikaner kennzeichnen würde.
Die Entdeckung bzw. das Bewusstsein über eigene Werte, das neu erweckte Selbstvertrauen einerseits und die Suche nach Respekt und Anerkennung andererseits formten die Basis zur Schaffung einer neuen Identität der schwarzen Bevölkerung zu Beginn dieser Zeit. Damit verbundene Prozesse in Politik, Kunst und vor allem Literatur mobilisierten die schöpferischen Kräfte vieler Künstler, die damals vor allem in Harlem lebten.
Zu Beginn dieser Arbeit werden Theorien von Booker T. Washington, W.E.B. Du Bois und Alain Locke, über den Begriff des New Negro betrachtet, um das veränderte Bewusstsein und die Seele des New Negro im Folgenden an ausgewählten Gedichten eines Vertreters, Claude McKay, zu verdeutlichen. Im Laufe der Arbeit werden so verschiedene Aspekte, die der New Negro der Harlem Renaissance verkörperte, in den Gedichten McKays aufgezeigt und hervorgehoben. Da seine Gedichte, die im Jahr 1917 veröffentlich wurden, sich schon mit der Thematik des New Negro beschäftigten, galt McKay bald als Vorreiter und neue Stimme der Negro Literatur bevor die Harlem Renaissance überhaupt begonnen hatte. Das neue Selbstbild der Afroamerikaner, welches auf dem Stolz über die eigene Rasse basierte, war jedoch nicht geschützt vor den ständigen Diskriminierungen der weißen Bevölkerung in Amerika. Die Ambivalenz zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit in den Vereinigten Staaten schien kein anderer besser zu verkörpern und in seinen Gedichten verarbeiten zu können wie Claude McKay.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Harlem Renaissance – Entstehungsgeschichte
2.1 Booker T. Washington und W.E.B. Du Bois über den Begriff des New Negro
2.2 Der New Negro nach Alain Locke
3. Der New Negro in McKays Gedichten
3.1 Der militante New Negro
3.2 McKays universale Anschauung der Rassenproblematik
3.3 Die Rückbesinnung auf afrikanische Traditionen
3.4 Zwischen den Identitäten
4. Fazit
5. Bibliografie
6. In der Arbeit verwendete Gedichte
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das veränderte Selbstverständnis des "New Negro" während der Harlem Renaissance und analysiert, wie Claude McKay dieses neue Bewusstsein, geprägt von Rassenstolz und Widerstand, in seinem lyrischen Werk verarbeitete.
- Entstehungsgeschichte und ideologische Grundlagen der Harlem Renaissance
- Theoretische Konzepte des "New Negro" bei Washington, Du Bois und Locke
- Militanz und Kampfbereitschaft als Ausdruck des neuen Selbstbildes
- Die Rolle von Identitätskonflikten und Entfremdung in McKays Lyrik
- Rückbesinnung auf afrikanische Wurzeln und kulturelle Identität
Auszug aus dem Buch
3.1 Der militante New Negro
W.A. Domingo, ein Jamaikaner und zeitweiliger Mitarbeiter bei der Zeitung Negro World, versuchte den New Negro im August 1920 in der Zeitschrift Messenger zu definieren. Nach Domingo könnte der New Negro als Gegenteil des Old Negro und dessen „doctrine of nonresistance“ begriffen werden. Die Kampfbereitschaft des New Negro, die er erst im Jahr 1919 in den radikalen Auseinandersetzungen in Longview, Texas, Washington, D.C. und Chicago bewiesen hatte, zeigte, dass er gewillt war sich in Amerika seinen Platz zu schaffen und sich nicht mehr mit einem Zweite-Klasse-Leben abgeben würde.
Nach dem Weltkrieg herrschte durch die Inflation unsichere Arbeitsmarktsituation, die besonders in den Städten spürbar war. Durch die starke Migration der schwarzen Bevölkerung aus dem Süden in den Norden wuchs die Angst der weißen Bevölkerung, die Migranten würden ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen. Auf diesem zunehmend unstabilen Arbeitsmarkt verkörperten die zugewanderten Schwarzen die Ängste der weißen Industriearbeiter und wurden somit zur Zielscheibe für deren Verzweiflung.
Seitdem McKay im Jahr 1912 in den USA angekommen war, fühlte er tiefe Bestürzung über die Diskriminierung der schwarzen Rasse, die er dort beobachten konnte. In McKay, der eigentlich Gewalt und Hass nicht mit seiner Moral vereinbaren konnte und sie verabscheute, begann sich immer mehr Wut und Zorn über die in den USA erlebten Rassenvorurteile und die Gewalt gegenüber der schwarzen Bevölkerung anzustauen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert die historische Notwendigkeit eines neuen afroamerikanischen Selbstbewusstseins zu Beginn des 20. Jahrhunderts und stellt die Relevanz Claude McKays für die literarische Bewegung dar.
2. Die Harlem Renaissance – Entstehungsgeschichte: Dieses Kapitel beschreibt die sozioökonomischen und politischen Rahmenbedingungen der Migration in den Norden und erläutert die Bedeutung der Intellektuellen sowie der Ideologie der Rassen-Gleichstellung.
2.1 Booker T. Washington und W.E.B. Du Bois über den Begriff des New Negro: Hier werden die gegensätzlichen Ansätze von ökonomischer Selbsthilfe und intellektueller Elitebildung gegenübergestellt, die den Begriff des "New Negro" prägten.
2.2 Der New Negro nach Alain Locke: Dieser Abschnitt analysiert Alain Lockes Definition des "New Negro" als Abkehr von fremdbestimmten Rollenbildern und als Prozess der kulturellen Neudefinition.
3. Der New Negro in McKays Gedichten: Eine allgemeine Einführung zur Rolle McKays als Vorreiter der Bewegung, der die Erfahrungen von Rassismus und Hoffnung in seinem literarischen Werk verarbeitete.
3.1 Der militante New Negro: Untersuchung von McKays Gedicht "If We Must Die" als Ausdruck des neuen, kompromisslosen Kampfgeistes gegen Gewalt und Unterdrückung.
3.2 McKays universale Anschauung der Rassenproblematik: Analyse von McKays Distanzierung vom Status als reiner "Negro-Dichter" und seinem Anspruch auf universelle menschliche Themen.
3.3 Die Rückbesinnung auf afrikanische Traditionen: Erörterung der literarischen Auseinandersetzung mit dem afrikanischen Erbe und dessen Bedeutung für die Identitätsfindung.
3.4 Zwischen den Identitäten: Analyse des von W.E.B. Du Bois geprägten Konzepts des "double-consciousness" in Bezug auf McKays Zerrissenheit zwischen westlicher Kultur und afrikanischen Wurzeln.
4. Fazit: Das Fazit fasst den Niedergang der Harlem Renaissance infolge der Weltwirtschaftskrise zusammen und würdigt den bleibenden Einfluss McKays auf die nachfolgende schwarze Literatur.
5. Bibliografie: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
6. In der Arbeit verwendete Gedichte: Dokumentation der primär analysierten Gedichte von Claude McKay.
Schlüsselwörter
Harlem Renaissance, New Negro, Claude McKay, Afroamerikaner, Rassismus, Identität, Widerstand, Lyrik, If We Must Die, Alain Locke, W.E.B. Du Bois, Booker T. Washington, Migration, Double-Consciousness, schwarze Kultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung und die Bedeutung des Begriffs "New Negro" innerhalb der Harlem Renaissance und analysiert, wie diese kulturelle Identität in ausgewählten Gedichten von Claude McKay künstlerisch reflektiert wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Entstehung der Harlem Renaissance, der ideologischen Debatte um die Emanzipation der Schwarzen sowie der Auseinandersetzung mit Identität, Entfremdung und Widerstand im literarischen Werk.
Welches ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Claude McKay durch seine Lyrik zum Vorreiter der Harlem Renaissance wurde und wie er den Konflikt zwischen traditioneller afrikanischer Identität und der Realität im Amerika des frühen 20. Jahrhunderts darstellte.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Hausarbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literatur- und Theorieanalyse, die historische Kontexte mit einer textnahen Interpretation ausgewählter Gedichte McKays verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des "New Negro" durch Intellektuelle wie Locke und Du Bois sowie in die detaillierte Analyse spezifischer Gedichte, die Aspekte wie Militanz, Universalität und kulturelle Zerrissenheit thematisieren.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt charakterisieren?
Wesentliche Begriffe sind Harlem Renaissance, New Negro, Claude McKay, Rassenstolz, Identitätskrise, Widerstand und kulturelle Emanzipation.
Wie unterscheidet sich der "New Negro" laut McKay vom "Old Negro"?
Der "New Negro" zeichnet sich durch eine Ablehnung von Unterwürfigkeit und eine aktive, teils militante Bereitschaft aus, sich gegen Diskriminierung und Gewalt zur Wehr zu setzen, anstatt den Schutz der weißen Institutionen abzuwarten.
Welches Dilemma beschreibt McKay in seinen Gedichten bezüglich seiner Identität?
McKay thematisiert die "Doppelbewusstheit" (double-consciousness) eines Schwarzen, der einerseits westlich geprägt ist, sich aber gleichzeitig nach seinen afrikanischen Wurzeln sehnt und in beiden Welten den Status eines Außenseiters erfährt.
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- Manuela Paul (Author), 2006, Der 'New Negro' der Harlem Renaissance in den Gedichten Claude McKays, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63141