In den letzten Jahren ist die Diskussion um einen literarischen Kanon in der Gesellschaft neu entfacht. In einem ersten Teil möchte ich der Kanon-Frage nachgehen. Und dann in einem weiteren Schritt das Kanonbedürfnis bzw.ablehnung und im Allgemeinen und im Hinblick auf die Schule fokussieren. Die Kriterien, die in der Praxis des Deutschunterrichts für die Textauswahl entscheidend sind, werden dabei in einem eigenen Kapitel vorgestellt. Der zweite Teil geht einer anderen Frage nach. Hier soll die Holocaust
- Literatur und die Verwendung der Holocaust-Literatur unter Einbezug der im ersten Teil erarbeitenden Aspekte in der Schule untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1.1 Literarischer Kanon
1.2 Kanon in der Schule
1.3 Kriterien für die Textauswahl
1.4 Warum Klassiker lesen
2.1 Erinnern, Vergessen oder Verdrängen
2.2 Holocaust-Literatur
2.3 Holocaust-Literatur und der Erziehungsauftrag in der Schule
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Relevanz und Funktion des literarischen Kanons im Deutschunterricht sowie die spezifische Rolle und Herausforderungen bei der Behandlung von Holocaust-Literatur. Ziel ist es, Kriterien für eine fundierte Lektüreauswahl zu erarbeiten, die den Bildungsauftrag der Schule unterstützt und Schülern einen verantwortungsvollen Zugang zu Geschichte und Werten ermöglicht.
- Debatte um den literarischen Kanon und dessen Orientierungsfunktion
- Kriterien der professionellen Lektüreauswahl im Deutschunterricht
- Bedeutung von Erinnerungskultur und der "Erziehung nach Auschwitz"
- Problematik der Darstellung des Holocaust in Kinder- und Jugendliteratur
- Vermittlung von Empathie und kritischem Urteilsvermögen
Auszug aus dem Buch
1.1 Literarischer Kanon
Welche Werke der Literatur muss man kennen, um in der Gesellschaft als gebildet zu gelten? Wie viele Wissen um Autoren werden von einem erwartet? Wie unterscheidet man als Laie zwischen Trivial- und Hochliteratur? Die allgemeine Unsicherheit spiegelt sich in einer Vielzahl von Publikationen und Ratgebern wider, die seit dem Jahr 1999 erschienen sind. Dietrich Schwanitz traf mit seiner Veröffentlichung: Bildung - alles was man wissen muss, einer Orientierungshilfe „hinsichtlich der Kernbestände unserer Kultur“, den Puls der Zeit.
Kurz darauf erschien Bücher – alles was man lesen muss seiner Schülerin Christiane Zschirnt mit einem expliziten Schwerpunkt auf Literatur. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki löste mit seiner „Arche Noah der Bücher“ und einem Artikel in der ZEIT die aktuelle Kanon-Debatte aus. 2003 erschien die Harenberg Enzyklopädie der wichtigsten 1000 Bücher, die dem interessierten Laien die wichtigsten Autoren und Werke vorstellt, gleichzeitig die Bedeutung der Werke erläutert und sie in einen historischen Kontext setzt. 2004 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung wöchentlich einen von 50 große(n) Romane(n) des 20.Jahrhunderts, und postulierte so ihren eigenen Kanon mit Werken von Joyce, Walser und Fitzgerald. Selbst das ZDF, ein Medium das eigentlich der größte Feinde des Lesens ist, strahlte Anfang Oktober ein abendfüllendes Spezial „Das große Lesen - Die 100 Lieblingsbücher der Deutschen“ aus und bot damit ebenfalls eine Handreichung für den interessierten Leser.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Diese Einleitung führt in die aktuelle Debatte um den literarischen Kanon ein und skizziert die zweiteilige Untersuchung, die neben dem Kanon-Begriff die Holocaust-Literatur im schulischen Kontext behandelt.
1.1 Literarischer Kanon: Das Kapitel beleuchtet die aktuelle Unsicherheit bezüglich notwendigen Literaturwissens und analysiert verschiedene Orientierungshilfen und Medienformate, die versuchen, einen Kanon zu definieren.
1.2 Kanon in der Schule: Es wird die historische Entwicklung von der verbindlichen Lektüreliste hin zur offenen Lektüreempfehlung sowie der Begriff des "heimlichen Kanons" in der Schulpraxis diskutiert.
1.3 Kriterien für die Textauswahl: Hier werden sowohl formale Aspekte wie der Textumfang als auch inhaltliche Kriterien, wie der Bezug zur Lebenswelt der Schüler und die pädagogische Zielsetzung, dargelegt.
1.4 Warum Klassiker lesen: Dieses Kapitel setzt sich mit der Leseunlust auseinander und plädiert für die Vermittlung von Interpretationswerkzeugen, um den Wert klassischer Literatur für das Verständnis der Gegenwart zu erschließen.
2.1 Erinnern, Vergessen oder Verdrängen: Eine Auseinandersetzung mit der Rolle der Geschichte, insbesondere der NS-Zeit, und der ethischen Notwendigkeit, der Verdrängung durch aktive Erinnerungsarbeit entgegenzuwirken.
2.2 Holocaust-Literatur: Das Kapitel definiert den Begriff der Holocaust-Literatur, thematisiert die Schwierigkeit der Etymologie von 'Holocaust' und 'Shoa' und hinterfragt die Authentizität und Gattungsgrenzen.
2.3 Holocaust-Literatur und der Erziehungsauftrag in der Schule: Es wird diskutiert, wie Holocaust-Literatur zur Empathiebildung beitragen kann, wobei vor Schockpädagogik gewarnt und ein sensibler Umgang mit Jugendliteratur gefordert wird.
3. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Kanon-Debatte ein Spiegelbild gesellschaftlicher Stimmungen ist und betont die Notwendigkeit kontinuierlicher Lehrerfortbildung für einen verantwortungsvollen Umgang mit anspruchsvoller Lektüre.
Schlüsselwörter
Literaturkanon, Deutschunterricht, Holocaust-Literatur, Lektüreauswahl, Leseförderung, Erinnerungskultur, Schullektüre, Bildungsauftrag, Empathie, Holocaust, Shoa, Didaktik, Bildungsstandards, NS-Vergangenheit, Literaturvermittlung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle des literarischen Kanons in der Schule sowie den Herausforderungen und Zielen beim Einsatz von Holocaust-Literatur im Unterricht.
Welche thematischen Schwerpunkte werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Kanon-Debatte, Kriterien der schulischen Textauswahl, die moralische Notwendigkeit der Erinnerungsarbeit an die NS-Zeit und die didaktische Aufbereitung von Holocaust-Literatur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, ein Verständnis für die Notwendigkeit von Literaturvermittlung zu schaffen, die über reine Wissensvermittlung hinausgeht und zur Mündigkeit sowie ethischen Reflexion der Schüler beiträgt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, in der aktuelle Fachliteratur, Bildungspläne und gesellschaftliche Diskurse zusammengeführt und didaktisch reflektiert werden.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil im Mittelpunkt?
Der Hauptteil behandelt erstens die theoretische und praktische Diskussion um Kanon-Empfehlungen und zweitens den sensiblen Umgang mit der Holocaust-Thematik im Unterricht, unter Berücksichtigung von Empathie und Vermeidung von Schockpädagogik.
Was charakterisiert diese Arbeit inhaltlich?
Die Arbeit ist durch eine starke Verknüpfung von fachdidaktischen Anforderungen, ethischem Erziehungsauftrag und der kritischen Auseinandersetzung mit literarischen Medien gekennzeichnet.
Warum wird im Dokument kritisch auf den "heimlichen Kanon" eingegangen?
Der "heimliche Kanon" beschreibt eine Liste von Werken, die Lehrer aufgrund von Gewohnheit immer wieder wählen, was die pädagogische Reflexion der aktuellen Schülerschaft oft vernachlässigt.
Welche Rolle spielt das Konzept der Empathie bei der Holocaust-Erziehung?
Empathie wird als entscheidendes Instrument identifiziert, um Schülern einen Zugang zum "Unbegreiflichen" zu ermöglichen und ein Verständnis zu fördern, das Auschwitz als Mahnung für die Zukunft begreift.
Warum wird das Werk "Damals war es Friedrich" im Kontext der Holocaust-Literatur diskutiert?
Das Buch dient als Beispiel für eine oft kritisierte Darstellung, die den Holocaust verharmlost und die komplexe Realität zugunsten einer "heilen Welt" bzw. einer moralischen Wiedergutmachung ausblendet.
- Quote paper
- Christa Martin (Author), 2004, Kanon-Frage für den Deutschunterricht und Holocaust-Literatur in der Schule, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61876