Bis zur massiven wirtschaftlichen Rezession in den frühen Neunzigern war sozialen Diensten der ›Luxus‹ vergönnt, sich ohne prinzipielle ökonomische Erwägungen an ihren Leitprinzipien und fachlichen Erkenntnissen und an den Bedürfnissen der betroffenen Menschen orientieren zu können.
Spätestens seit der Novellierung der §§ 93 ff des Bundessozialhilfegesetzes (Kostenübernahme von Einrichtungen) im Jahre 1999 sind ›Qualitätssicherung‹ und ›Qualitätsmanagement‹ zu unumgänglichen Schlüsselbegriffen in der Sozialen Arbeit geworden. Auch den Institutionen und Mitarbeitern, die bislang der Diskussion über Qualitätsmanagement in der Sozialarbeit eher reserviert bis ablehnend gegenüberstanden und darin mehr eine vorübergehende Modeerscheinung sahen, bleibt mittlerweile nichts anderes mehr übrig, als die Auseinandersetzung mit Qualitätssicherungskonzepten als existentielle Notwendigkeit hinzunehmen.
Infolge der geänderten gesetzlichen Anforderungen haben sich im gesamten Feld der sozialen Einrichtungen die Rahmenbedingungen hinsichtlich Finanzierung und Legitimation der geleisteten Arbeit erheblich gewandelt. In den Vordergrund treten unaufhaltsam neue und fachfremde Werte, vornehmlich ökonomischen Ursprungs, wie Produktivität, Wettbewerb oder Effizienz. Auch soziale Dienstleistungen werden nun privatisiert und dem Wettbewerb des Marktes ausgesetzt.
Die immer augenfälliger werdenden Kontraste und Widersprüche lassen daran zweifeln, dass marktwirtschaftliche Bedingungen für den Bereich der karitativen Tätigkeiten zu wünschenswerten Verhältnissen führen.
Mit der vorliegenden Arbeit versucht der Autor, offensichtliche Schwierigkeiten, Widersprüche und mögliche Verschleierungen im Zusammenhang mit Qualitätsmanagement und Qualitätssicherung in Institutionen der Behindertenhilfe – insbesondere aus Sicht und Interessenlage geistig behinderter Menschen – offenzulegen und einen Beitrag zur Entwicklung klientenzentrierter Qualitätskriterien zu leisten.
Philip Schröder (Jahrgang 1969) ist seit 1989 in der praktischen Behindertenhilfe tätig und hat mit der vorliegenden Arbeit sein Diplom als Sozialpädagoge erlangt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Zentraler Auftrag von Einrichtungen der Behindertenhilfe
Der Leistungsberechtigte im Mittelpunkt
1.2 Behindertenhilfe und soziale Sicherung als sozialstaatliche Errungenschaften
1.3 Notwendigkeit der Implementierung von QS-Maßnahmen
Transparenz und Professionalisierung der Arbeit
Sozialpolitische Entwicklungen – Sozialstaat in der Krise?
1.4 Dynamik der Übernahme eines QM-Systems aus der Wirtschaft
2. Leitbilder der Behindertenhilfe im Wandel der Geschichte
2.1 Historische Entwicklung
Erbkrank und unheilbar
Versorgt und verwahrt
Entpsychiatrisiert und individualisiert
Subventioniert und legalisiert
Therapiert und isoliert
Integriert und selbstbestimmt
2.2 Das Normalisierungsprinzip
2.3 Integration
2.4 Selbstbestimmtes Leben
Assistenzkonzept
Kundenmodell
Empowerment
Regiekompetenz
Self-Advocacy
Der Trialog
2.5 Vom Klienten zum Bürger
Persönliche Zukunftskonferenz
Supported Living
Betreutes und Unterstütztes Wohnen
Community Care
Offene Hilfen
Persönliches Budget
Deinstitutionalisierung
2.6 Legitimation der ›Selbstbestimmt-leben-Forderung‹
Humanistische Rechtfertigung
Praktische Aspekte
3. Qualitätssicherung und marktwirtschaftliche Entwicklung in der sozialen Arbeit
3.1 Gesetzliche Vorläufer als Grundlagen von Qualitätssicherung in der Behindertenhilfe
Pflegeversicherung – § 80 SGB XI
3.2 Novellierung des § 93 BSHG
Relativierung der Vorrangstellung Freier Träger – § 93 / 1 BSHG
Vergütung und Leistungsvereinbarung – § 93 / 2 BSHG
Qualitätssicherung und -prüfung – § 93 a / 3 BSHG
Gruppen mit vergleichbarem Hilfebedarf – § 93 a / 2 BSHG
4. Qualitätsentwicklung, -sicherung und -management in der Behindertenhilfe
4.1 Ziele und Methoden von Qualitätssicherung in der Behindertenhilfe
4.2 DIN EN ISO 9000 ff
ISO-Normen und Arbeitsprozesse
Qualitätsdimensionen
Qualitätsbeauftragte und Qualitätszirkel
Qualitätshandbücher, Auditieren und Zertifizierung
Dokumentation
4.3 Bereits bekannte Verfahren der Standardisierung
PASSING
LEWO
SYLQUE
FILM
4.4 Ermittlung des Hilfebedarfes nach METZLER – Leistungstypen
4.5 Externe Organisations- und Personalberater
5. Probleme von Markt, Wettbewerb und Standardisierung in der Behindertenhilfe
5.1 Der Wert des Ökonomischen kontra Humanität
ISO 9000 – an der Wirtschaft orientiert
Die Zertifizierung als Qualitätsnachweis?
Ökonomisches Marktmodell
Qualitätssteigerung durch Wettbewerb und Konkurrenz?
Persönliche Lebensqualität oder ökonomisch orientierte Qualität?
Erfolgsnachweis nach Input-Output-Muster
5.2 Der ›Kundenbegriff‹ – Chance oder Euphemismus?
Dreiecksverhältnis Kostenträger-Institution-Klient
Informationsasymmetrie und mangelnde Kundensouveränität
5.3 Probleme der Standardisierung im Sozialen Bereich – normierende Qualitätsstandards kontra Individualisierung?
Ausreichend und zweckmäßig statt bedarfsgerecht
5.4 ›Qualitätszirkus‹ als Mittel zur individuellen beruflichen Aufwertung
5.5 Erfahrungen von QS und Ökonomisierung im sozialen Bereich
Qualitätsstandards in der Pflegeversicherung
Beispiel USA – Ökonomie und soziale Qualität
5.6 Die Qualitätsdiskussion als Vorwand für Ökonomisierung? – Finanzmittelkürzungen kontra Menschenbild und Ethos in der Behindertenhilfe
Dominanz der Marktorientierung – ideologische Verschleierung?
Machtentfaltung von Wirtschaft – das Soziale als Hemmnis?
Behindertes Leben als Kostenfaktor – eine neue Euthanasie?
Ökonomisierung des Sozialen – Bedrohung des Sozialstaatsprinzips?
6. Praktische Erfahrungen mit Auswirkungen von Qualitätssicherung
6.1 Erheblicher zeitlicher Mehraufwand einzelner Maßnahmen kontra individuelle Betreuungszeit
Minuziöse Dokumentation – Pflege, Haushalt, Betreuung
Einverständniserklärungen für Behandlungen und Verordnungen
Hygieneverordnungen, Rückstellproben
Taschengeld-Quittungen
Audits und Q-Zirkel
7. Forderungen an ein sinnvolles QM-System
7.1 Besonderheiten von Beziehungsdienstleistungen und sozialer Qualität
Potentialqualität und Outcome
Interaktionalität der Teilwerte sozialer Qualität
7.2 Notwendigkeit permanenter Qualitätsentwicklung
Soziale Qualität vor der Ökonomisierung – Trend der Kundenorientierung in den 70er Jahren
Lebensqualität und Lebenswertorientierung
Notwendigkeit eines QS-System, das Klienten vor persönlich motiviertem und willkürlichem Wirken schützt
7.3 Individualisierung statt Standardisierung – kundenorientierte kontra standardorientierte Qualität
Nutzerbewertung von QS-Maßnahmen
Angemessenheit der Dokumentation
7.4 Integration und Partizipation im Qualitätsmanagement-Konzept
Organisationskultur und Unternehmensphilosophie
Mitarbeiter als Beteiligte und nicht als Betroffene von QM-Maßnahmen
7.5 Ethische Grundlagen sozialer Arbeit
Moral und Menschenwürde als Grundlage allgemeiner Sozialordnung
Sicherung sozialer Qualität als ›Verteidigung des Sozialen‹
7.6 Fachlich und moralisch orientierte Qualitätsentwicklung kontra ökonomisch dominantem QM
Das Modell Niederlande
Strukturelle Veränderungen seitens der Einrichtungs- und Kostenträger
Qualitätssicherung als vorübergehende Modeerscheinung?
Kritische Überlegungen zum Trend der Ökonomisierung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die Einführung ökonomischer Steuerungsinstrumente und Qualitätsmanagementsysteme (wie DIN EN ISO 9000) in der Behindertenhilfe. Zentrales Ziel ist es, die Auswirkungen dieser marktwirtschaftlich orientierten Prozesse auf das Paradigma der Selbstbestimmung geistig behinderter Menschen zu analysieren und zu hinterfragen, ob diese Systeme tatsächlich der Qualitätssicherung dienen oder lediglich als Vorwand für Finanzmittelkürzungen und eine utilitaristische Ökonomisierung sozialer Arbeit fungieren.
- Historischer Wandel der Leitbilder in der Behindertenhilfe
- Kritische Analyse von Qualitätssicherungs-Verfahren (ISO, LEWO, PASSING, etc.)
- Spannungsfeld zwischen Ökonomisierung und humanistischem Ethos
- Bedeutung von Selbstbestimmung, Empowerment und Partizipation
- Notwendigkeit einer klientenzentrierten Qualitätsentwicklung
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Seit Anfang der neunziger Jahre ist die fachliche und institutionelle Entwicklung der Qualität der Behindertenhilfe, und damit die praktische Arbeit in den Heimen für behinderte Menschen in enorme Turbulenzen geraten und sieht sich mit ihr bisher fremden Qualitätsinteressen konfrontiert. Begriffe wie ›Qualitätssicherung‹, ›Effizienzsteigerung‹ und ›Controlling‹ halten Einzug in den Jargon von Erziehern, Sozial- und Heilpädagogen. Ehemals gültige Orientierungswerte der Arbeit mit geistig behinderten Menschen, wie ›Selbstbestimmung‹ und ›Individualisierung‹, verlieren zunehmend an Bedeutung, und ein betriebswirtschaftlich ausgerichtetes ›Qualitätsmanagement‹ erhält Leitfunktion – die Verwirrung ist groß.
„Die bisher im Sozial- und Gesundheitswesen gültigen Werte und Normen werden in Frage gestellt. Sie seien nicht mehr bezahlbar. Zugleich wird nach mehr Qualität gerufen – ein offensichtlicher Widerspruch, vor allem, wenn man in Rechnung zieht, dass es insgesamt noch nie so viel Geld gegeben hat wie heute, und dass auf der anderen Seite dem Sozial- und Gesundheitsbereich in empfindlicher Weise Mittel entzogen werden, so dass logischerweise seine Qualität herabgesetzt wird“ (SPECK 1999a, S. 11).
Vor der Zeit massiver wirtschaftlicher Rezession und ›leerer Kassen‹ war sozialen Diensten der Luxus vergönnt, sich ohne prinzipielle ökonomische Erwägungen oder Schwierigkeiten an ihren Leitprinzipien und fachlichen Erkenntnissen und an den Bedürfnissen der betroffenen Menschen orientieren zu können. Die Öffentlichkeit interessierte sich auch relativ wenig dafür, nach welchen Qualitätsmaßstäben in den sozialen Einrichtungen gearbeitet wurde; nur gelegentlich kam es zu Aufsehen, wenn besonders eklatante und medienwirksame Missstände ans Tageslicht befördert wurden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beschreibt die durch ökonomische Zwänge und neue Qualitätsmanagement-Begriffe ausgelösten Turbulenzen in der Behindertenhilfe und hinterfragt deren Vereinbarkeit mit den Zielen der Selbstbestimmung und Lebensqualität.
2. Leitbilder der Behindertenhilfe im Wandel der Geschichte: Skizziert die historische Entwicklung des Umgangs mit geistig behinderten Menschen von der Aussonderung hin zum Paradigma der Selbstbestimmung und des Empowerments.
3. Qualitätssicherung und marktwirtschaftliche Entwicklung in der sozialen Arbeit: Analysiert die gesetzlichen Rahmenbedingungen und Vorläufer der Qualitätssicherung, insbesondere die Novellierung des BSHG und deren Auswirkung auf die Struktur der Behindertenhilfe.
4. Qualitätsentwicklung, -sicherung und -management in der Behindertenhilfe: Stellt konkrete Methoden und Verfahren wie DIN EN ISO 9000, PASSING und LEWO vor und beleuchtet deren Instrumentalisierung für Controlling-Zwecke.
5. Probleme von Markt, Wettbewerb und Standardisierung in der Behindertenhilfe: Kritisiert die negativen Auswirkungen von Marktwettbewerb und Standardisierung auf die Qualität der sozialen Arbeit und warnt vor der ideologischen Verschleierung ökonomischer Sparzwänge.
6. Praktische Erfahrungen mit Auswirkungen von Qualitätssicherung: Berichtet anhand persönlicher Erfahrungen von dem erheblichen bürokratischen Mehraufwand durch Dokumentationspflichten und der daraus resultierenden Entfremdung von der eigentlichen Betreuungsarbeit.
7. Forderungen an ein sinnvolles QM-System: Entwickelt ethisch fundierte Kriterien für ein ganzheitliches Qualitätsmanagement, das den Menschen und seine Selbstbestimmung in den Mittelpunkt stellt, anstatt nur ökonomische Effizienz zu optimieren.
Schlüsselwörter
Qualitätssicherung, Qualitätsmanagement, Behindertenhilfe, Selbstbestimmung, Ökonomisierung, Sozialstaat, Empowerment, Standardisierung, Lebensqualität, Normalisierungsprinzip, Dienstleistungsgesellschaft, Teilhabe, professionelle Arbeit, ethische Grundlagen, Leistungsvereinbarung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit befasst sich mit der zunehmenden Ökonomisierung der Behindertenhilfe und dem Einzug betriebswirtschaftlicher Qualitätssicherungs-Instrumente in Einrichtungen der Sozialarbeit.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themenfelder umfassen die historische Entwicklung der Leitbilder der Behindertenhilfe, die Auswirkungen gesetzlicher Neuregelungen (z.B. BSHG-Novellierung), die kritische Analyse von QM-Systemen sowie die ethischen und fachlichen Grundlagen sozialer Arbeit.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Widersprüche zwischen den neuen ökonomischen Anforderungen (Effizienz, Standardisierung) und dem humanistischen Paradigma der Selbstbestimmung geistig behinderter Menschen aufzudecken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine systematische theoretische Auseinandersetzung mit der Fachliteratur sowie eine kritische Reflexion der praktischen Auswirkungen von Qualitätssicherungsmaßnahmen aus der Perspektive eines Mitarbeiters in der Behindertenhilfe.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Einführung von Marktstrukturen, das Dilemma der Standardisierung versus Individualisierung und die Praxis der bürokratischen Qualitätssicherung sowie deren Folgen für die tägliche Betreuungspraxis.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Selbstbestimmung, Qualitätssicherung, Ökonomisierung, Empowerment, Normalisierungsprinzip, Lebensqualität und das Trilemma von Kostenträger, Einrichtung und Klient.
Warum wird die Einführung von DIN ISO 9000 in der Behindertenhilfe kritisiert?
Der Autor argumentiert, dass diese Normen ursprünglich aus der Industrie stammen und auf Dienstleistungen sowie auf die Bedürfnisse geistig behinderter Menschen, deren Unterstützung einen höchst individuellen Prozess darstellt, nur schwer übertragbar sind.
Welche Rolle spielt die Dokumentationspflicht für den Alltag?
Die Arbeit kritisiert, dass der bürokratische Aufwand für Dokumentation einen erheblichen Teil der wertvollen Betreuungszeit absorbiert und oft zu einer bloßen Datenansammlung ohne echten Mehrwert für die Lebensqualität der Klienten führt.
Was fordert der Autor für ein „sinnvolles“ QM-System?
Ein sinnvolles System sollte fachlich und moralisch orientiert sein, die Autonomie der Behinderten respektieren, Partizipation der Mitarbeiter ermöglichen und das Ziel der sozialen Lebensqualität über rein wirtschaftliche Kennzahlen stellen.
- Arbeit zitieren
- Dipl. Soz. Päd. Philip Schröder (Autor:in), 2003, Qualitätssicherung in der Behindertenhilfe. Schnäppchen oder Mogelpackung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58715