Diese Arbeit geht der Frage nach, ob die wirtschafts- und sozialpolitischen Ansichten des Godesberger Grundsatzprogramms tatsächlich einen unerwarteten, politischen Kurswechsel der SPD repräsentierten.
Um eine wissenschaftlich adäquate Beantwortung dieser Fragestellung gewährleisten zu können, wird bei der Analyse wie folgt vorgegangen: Zunächst steht die Wirtschafts- und Sozialordnung des Godesberger Programms im Fokus der Betrachtung, wobei essenzielle wirtschafts- und sozialpolitische Kernaussagen herausgearbeitet und genauer erläutert werden, um eine Art Ausgangspunkt für die folgende Untersuchung zu schaffen. Im zweiten Teil der Arbeit werden dann diese einzelnen zentralen Aspekte hinsichtlich ihrer ideellen Entwicklung und ihrer Manifestierung innerhalb unterschiedlicher sozialdemokratischer Dokumente analysiert. Dies erfolgt mittels einer genaueren Betrachtung der SPD-Leitsätze vom Mai 1946, der Prinzipienerklärung der Sozialistischen Internationale (1951) sowie des Aktionsprogramms der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (1952/54). Die Auswahl dieser Dokumente, die in der soeben dargestellten, chronologischen Abfolge untersucht werden, liegt nicht nur darin begründet, dass sie den für die sozialdemokratische Wirtschaftsdebatte wichtigen zeitlichen Abschnitt zwischen Ende der Hitler-Diktatur und der Verabschiedung des Godesberger Programms repräsentieren, sondern auch – wie die Analyse zeigen wird – an der hohen Relevanz der Dokumente für die Entstehung der Wirtschafts- und Sozialordnung von 1959.
Daraufhin werden im Rahmen der Schlussbetrachtung die gewonnen Erkenntnisse in Zusammenhang gebracht, sodass die Leitfrage abschließend beantwortet werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die „Wirtschafts- und Sozialordnung“ des Godesberger Programms (1959)
3. Analyse der Wirtschaftsdiskussion innerhalb der Nachkriegs-SPD von 1946 bis 1959
3.1 Der SPD-Parteitag in Hannover und die politischen Leitsätze vom Mai 1946
3.2 Die Prinzipienerklärung der Sozialistischen Internationale (1951)
3.3 Das Aktionsprogramm der SPD (1952/54)
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob das Godesberger Grundsatzprogramm der SPD von 1959 tatsächlich einen unerwarteten politischen Kurswechsel darstellte oder ob die wirtschaftspolitischen Neuausrichtungen das Ergebnis eines längeren Diskussionsprozesses innerhalb der Nachkriegs-SPD waren.
- Entwicklung sozialdemokratischer Vorstellungen zur Wirtschaftsordnung von 1946 bis 1959
- Rolle keynesianischer und ordoliberaler Elemente in der Programmatik
- Wandel der Einstellung zu Marktwirtschaft, Wettbewerb und Sozialisierung
- Vergleichende Analyse parteiinterner Dokumente (Leitsätze 1946, Aktionsprogramm 1952/54)
- Einordnung des Godesberger Programms als Schlusspunkt einer längeren Progression
Auszug aus dem Buch
Die „Wirtschafts- und Sozialordnung“ des Godesberger Programms (1959)
Für die inhaltliche Konzeption des Abschnittes „Wirtschafts- und Sozialordnung“ der SPD-Programmatik von 1959 war der gleichnamige Unterausschuss, welcher im Mai 1957 zum ersten Mal tagte, verantwortlich. Unter der Federführung von Viktor Argatz, Gerhard Weisser, Karl Schiller und Heinrich Deist entstand ein Programmabschnitt, der eine gewandelte wirtschaftspolitische Orientierung der SPD zum Ausdruck brachte.
Das Kapitel „Grundforderungen für eine menschenwürdige Gesellschaft“ verdeutlicht zunächst den Grund, warum der demokratische Sozialismus eine neue Wirtschafts- und Sozialordnung anstrebte. Innerhalb einer Demokratie habe sich jedwede Macht, folglich auch die wirtschaftliche Macht, einer öffentlichen Kontrolle zu fügen. Denn diese Kontrolle sei laut Programm essentiell, um die Demokratie, die soziale Sicherheit und die freie Persönlichkeit vor den von der Gewinn- und Machtstreben bestimmten Wirtschaft und Gesellschaft ausgehenden Gefahren zu schützen.
Damit die Tragweite dieser Aussage jedoch in ihrer Gänze erfasst werden kann, lohnt sich eine genauere Betrachtung des folgenden Programmausschnitts der Wirtschafts und Sozialordnung: „Freie Konsumwahl und freie Arbeitsplatzwahl sind entscheidende Grundlagen, freier Wettbewerb und freie Unternehmerinitiative sind wichtige Elemente sozialdemokratischer Wirtschaftspolitik. [...] Totalitäre Zwangswirtschaft zerstört die Freiheit. Deshalb bejaht die Sozialdemokratische Partei den freien Markt, wo immer wirklich Wettbewerb herrscht. Wo aber Märkte unter die Vorherrschaft von einzelnen oder von Gruppen geraten, bedarf es vielfältiger Maßnahmen, um die Freiheit in der Wirtschaft zu erhalten. Wettbewerb soweit wie möglich – Planung soweit wie nötig!“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Fragestellung auf, ob das Godesberger Programm einen radikalen Bruch mit der Parteitradition bedeutete, und erläutert die methodische Vorgehensweise der Analyse.
2. Die „Wirtschafts- und Sozialordnung“ des Godesberger Programms (1959): Dieses Kapitel analysiert die wirtschaftspolitischen Kernaussagen des Programms, insbesondere die Abkehr von einer dogmatischen Sozialisierung hin zu einem wettbewerbsorientierten Marktmodell.
3. Analyse der Wirtschaftsdiskussion innerhalb der Nachkriegs-SPD von 1946 bis 1959: Das Kapitel untersucht die schrittweise Entwicklung der wirtschaftspolitischen Leitlinien der SPD in drei zentralen Etappen zwischen 1946 und 1954.
3.1 Der SPD-Parteitag in Hannover und die politischen Leitsätze vom Mai 1946: Zusammenfassung der parteiinternen Diskussionen nach 1945, die bereits eine Abkehr von schematischer Verstaatlichung und ein Bekenntnis zu demokratischen Freiheiten erkennen ließen.
3.2 Die Prinzipienerklärung der Sozialistischen Internationale (1951): Untersuchung der internationalen Einflüsse, die zur Relativierung der Planwirtschaft und zur Anerkennung marktwirtschaftlicher Elemente führten.
3.3 Das Aktionsprogramm der SPD (1952/54): Analyse, wie das Aktionsprogramm als Brücke fungierte, in der die Formel „Wettbewerb so weit wie möglich, Planung so weit wie nötig“ offiziell in die Programmatik aufgenommen wurde.
4. Schlussbetrachtung: Das Kapitel kommt zu dem Ergebnis, dass das Godesberger Programm kein plötzlicher politischer Kurswechsel war, sondern der „Schlussstein“ einer langjährigen Transformation.
Schlüsselwörter
SPD, Godesberger Programm, Nachkriegs-SPD, Wirtschaftsordnung, Sozialdemokratie, Keynesianismus, Marktwirtschaft, Wettbewerb, Planung, Sozialisierung, Programmatik, Demokratie, Sozialpolitik, Politische Geschichte, Wirtschaftsdebatte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die wirtschaftspolitische Programmentwicklung der SPD in der Bundesrepublik zwischen 1946 und 1959 und fragt, ob das Godesberger Programm einen plötzlichen Bruch oder ein Ergebnis langfristiger Prozesse darstellte.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Im Mittelpunkt stehen die Wandlungen in den sozialdemokratischen Konzepten zur Wirtschafts- und Sozialordnung, insbesondere das Verhältnis von Wettbewerb, Planung und Eigentumsfragen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob die wirtschafts- und sozialpolitischen Ansichten des Godesberger Grundsatzprogramms tatsächlich einen unerwarteten, radikalen politischen Kurswechsel repräsentierten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine chronologische Analyse zentraler programmatischer Dokumente der SPD, um die ideelle Entwicklung und wirtschaftstheoretische Fundierung (insb. keynesianische Elemente) nachzuzeichnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Godesberger Programm selbst sowie drei Vorläuferdokumente: die Leitsätze von 1946, die Prinzipienerklärung der Sozialistischen Internationale (1951) und das Aktionsprogramm (1952/54).
Welche Schlüsselwörter beschreiben die Arbeit am besten?
Die wesentlichen Begriffe sind: SPD, Godesberger Programm, Nachkriegs-SPD, Wirtschaftsordnung, Keynesianismus, Marktwirtschaft, Wettbewerb und politischer Kurswechsel.
Welche Rolle spielt die „Schiller’sche Leitregel“?
Die Formel „Wettbewerb so weit wie möglich, Planung so weit wie nötig“ wird als entscheidendes Bindeglied identifiziert, das durch Karl Schiller in die Parteiprogrammatik eingebracht wurde und eine Synthese aus keynesianischer Stabilisierungspolitik und ordoliberaler Ordnungspolitik darstellt.
Wie lautet die abschließende Schlussfolgerung des Autors?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass das Godesberger Programm kein abrupter Kurswechsel war, sondern als finaler „Schlussstein“ in einer tiefgreifenden, schrittweisen Veränderung des wirtschaftspolitischen Konzepts der Sozialdemokratie zu verstehen ist.
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- Vanessa Kühner (Author), 2017, Die "Wirtschafts- und Sozialordnung" des Godesberger Grundsatzprogramms der SPD. Ein politischer Kurswechsel der Partei?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/583787