Laut Thomas Metzinger, Philosophieprofessor an der Universität Mainz, ist „Bewusstsein“ ein traditionelles Thema, das den Menschen schon sehr lang beschäftigt - möglicherweise auch deshalb, weil es sich dabei um ein Phänomen handelt, das vor allem ihn selbst betrifft und daher persönliches Interesse weckt. Sowohl die Philosophie als auch die Psychologie verstehen Bewusstsein als das gesamte menschliche Erleben, dessen Bewusstseinsinhalte sie seit langem zu erforschen versuchen. Seit das Thema im 17. Jahrhundert in Verbindung mit dem Leib-Seele-Modell von René Descartes diskutiert wurde, haben sich hauptsächlich Fragen nach der Beschaffenheit des Bewusstseins oder nach seiner Beziehung zum physischen Teil des Menschen, dem Körper, in den Vordergrund gedrängt. Der Begriff des Bewusstseins wurde erweitert und differenziert, auch in der Psychologie ging es nicht mehr nur um Sinneseindrücke, sondern um die Erforschung komplexer Empfindungen, Vorstellungen, Erinnerungen usw.. Experimentelle Analysen wurden durchgeführt und ausgebaut; im letzen Jahrhundert kamen Ergebnisse der kognitiven Psychologie und schließlich zahlreiche Erkenntnisse aus der Neurobiologie hinzu und die Fragen nach dem Ursprung phänomenalen Erlebens wurden konkreter. Können Bewusstseinszustände mit Gehirnzuständen gleichgesetzt werden? Rufen bestimmte Gehirnzustände bewusstes Erleben hervor und wenn ja, wie? Wie kann etwas Physisches etwas Mentales hervorbringen, oder wie sind diese Eigenschaften überhaupt in Verbindung zu bringen? Seit Ende des letzten Jahrhunderts beschäftigte sich vor allem die analytische Philosophie des Geistes mit diesem Problem und ihre Untersuchungen brachten besonders im englischsprachigen Raum viele verschiedene Ansichten zum Thema Bewusstsein hervor. Da die meisten dieser Betrachtungen stets im Austausch mit aktuellen Erkenntnissen aus der Hirnforschung und den Neurowissenschaften erfolgten und noch erfolgen, wird oft eine physische Erklärung von Bewusstseinszuständen angestrebt, die auch als Materialismus oder Reduktionismus bezeichnet wird, da sie psychische Phänomene entweder durch physische (materielle) Vorgänge erklärt oder sie auf solche reduziert. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Das Thema Bewusstsein in der Philosophie
2. Thomas Nagel und die Fledermaus
3. Weitere philosophische Sichtweisen
4. Erklärt Neurowissenschaft Bewusstsein?
5. Wie wichtig ist der qualitative Aspekt von Erlebnissen?
6. Folgerungen
7. Quellen
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die grundlegende Frage, ob Bewusstseinszustände mit Gehirnzuständen gleichgesetzt werden können, und beleuchtet hierzu die verschiedenen philosophischen sowie neurowissenschaftlichen Perspektiven.
- Die Beziehung zwischen physischen Gehirnvorgängen und subjektivem, phänomenalem Erleben.
- Die Bedeutung des "Wie-es-ist"-Charakters von Erfahrungen (Qualia) nach Thomas Nagel.
- Kritische Analyse materialistischer und reduktionistischer Erklärungsversuche durch die Neurowissenschaft.
- Die Problematik der Interdisziplinarität und der notwendigen Begriffsklärung im Bewusstseinsproblem.
- Die wissenschaftliche methodische Herausforderung bei der Objektivierung subjektiver Erlebnisse.
Auszug aus dem Buch
2. Thomas Nagel und die Fledermaus
In seinem Aufsatz „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“ von 1974 benutzt Thomas Nagel die Fledermaus als Beispiel dafür, dass wir uns wohl kaum in die Innenperspektive eines anderen Lebewesens hineinversetzen können und daher über dessen Erlebnisse nicht Genaues wissen können. Dabei geht Nagel davon aus, dass Fledermäuse tatsächlich Erlebnisse haben und zwar in dem Sinne, „daß es irgendwie ist, eine Fledermaus zu sein“ (Nagel 1974, 163). Obwohl uns die Fledermaus rein biologisch noch recht nahe steht, scheint es für uns doch ziemlich schwierig zu sein, uns das Erleben von Fledermäusen vorzustellen. Er ist zwar der Meinung, dass man sich mit viel Phantasie ausmalen kann, wie man sich selbst als Fledermaus wahrnehmen könnte, jedoch würde dies nichts darüber aussagen, wie es für eine Fledermaus ist, eine Fledermaus zu sein. Wir können uns vielleicht durch genaue Beobachtung erklären, wie sie etwas wahrnimmt und ihr Verhalten hinsichtlich ihrer Erfahrungen interpretieren, doch den subjektiven Aspekt ihrer Erlebnisse können wir selbst nicht kennen lernen und deshalb können wir uns auch keinen Begriff davon machen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Thema Bewusstsein in der Philosophie: Einführung in die historische und philosophische Problematik, Bewusstsein als phänomenales Phänomen zu begreifen.
2. Thomas Nagel und die Fledermaus: Analyse von Nagels Argument bezüglich der prinzipiellen Unzugänglichkeit der subjektiven Innenperspektive anderer Lebewesen.
3. Weitere philosophische Sichtweisen: Darstellung der Schwierigkeiten einer einheitlichen Definition und der Konflikte zwischen Innen- und Außenperspektive nach Metzinger und anderen Autoren.
4. Erklärt Neurowissenschaft Bewusstsein?: Kritische Betrachtung neurobiologischer Versuche, mentale Zustände auf neuronale Aktivitätsmuster zu reduzieren.
5. Wie wichtig ist der qualitative Aspekt von Erlebnissen?: Diskussion über die Bedeutung der "Qualia" und deren Kritiker, die deren Rolle für das Bewusstseinsproblem hinterfragen.
6. Folgerungen: Synthese der Ergebnisse, die eine definitorische Lücke zwischen philosophischen Theorien und empirischen Daten sowie die Notwendigkeit neuer begrifflicher Ansätze konstatiert.
7. Quellen: Auflistung der verwendeten Literatur und Veröffentlichungen.
Schlüsselwörter
Bewusstsein, Philosophie des Geistes, Gehirnzustände, Thomas Nagel, Qualia, Neurowissenschaft, Materialismus, Reduktionismus, phänomenales Erleben, Innenperspektive, Außenperspektive, Bewusstseinsproblem, Psychophysik, interdisziplinär, Geistesfunktionen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der philosophischen und neurowissenschaftlichen Frage, ob und wie Bewusstseinszustände als physikalische Gehirnzustände erklärt werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Problematik der Subjektivität des Erlebens, das Verhältnis von Körper und Geist sowie die Grenzen der aktuellen neurowissenschaftlichen Forschung bei der Erklärung bewusster Erlebnisse.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den aktuellen wissenschaftlichen und philosophischen Wissensstand zu hinterfragen, um aufzuzeigen, dass eine rein materialistische Erklärung von Bewusstsein derzeit noch an grundlegenden Verständnis- und Kategorienproblemen scheitert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine analytisch-philosophische Literaturanalyse betrieben, die theoretische Konzepte verschiedener Philosophen und Wissenschaftler in Bezug auf das Bewusstseinsproblem vergleicht und kritisch gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Innenperspektive, der Bedeutung von Qualia, der neurowissenschaftlichen Erklärungsversuche mittels Gehirnaktivität sowie die kritische Reflexion des interdisziplinären Austauschs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Bewusstsein, Qualia, Reduktionismus, Subjektivität, Gehirnzustände und die interdisziplinäre Forschung.
Warum spielt die "Fledermaus" eine zentrale Rolle für Thomas Nagel?
Die Fledermaus dient als Gedankenexperiment, um zu demonstrieren, dass wir uns trotz biologischer Kenntnisse niemals in das subjektive Erleben eines anderen Lebewesens hineinversetzen können, da uns der qualitative "Wie-es-ist"-Aspekt verschlossen bleibt.
Was versteht man unter dem in der Arbeit genannten Konflikt zwischen Innen- und Außenperspektive?
Der Konflikt besteht darin, dass die Innenperspektive das unmittelbare Erleben des eigenen Bewusstseins darstellt, während die wissenschaftliche Außenperspektive versucht, dieses durch Beobachtung und Reduktion zu objektivieren, wobei das eigentlich subjektive Erlebte oft verloren geht.
Welche kritische Haltung nimmt der Autor gegenüber rein materialistischen Ansätzen ein?
Der Autor argumentiert, dass aktuelle neurowissenschaftliche Erklärungen oft zu undifferenziert sind und Schwierigkeiten haben, die Verbindung zwischen materiellen Gehirnprozessen und der phänomenalen Struktur des menschlichen Erlebens schlüssig zu erklären.
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- Franziska Nack (Author), 2005, Sind Bewusstseinszustände Gehirnzustände - Das Bewusstsein in der Neurowissenschaft und in der Philosophie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58159