Egon Erwin Kisch hat für viele eine Vorbildfunktion, wenn es um Reportagen geht. Als „Rasender Reporter“- ein Titel, der ihm irrtümlicherweise anhaften blieb, seit er eine Sammlung seiner Reportagen unter diesem Titel herausgegeben hatte - machte er sich einen Namen. Und das, obwohl er eben nicht wie ein rasender Reporter blitzschnell seine Texte verfasste um sie möglichst brandaktuell in die Presse zu geben, sondern oft sehr lange an ihnen herumfeilte.
Mit dem Beruf des Reporters ist – über die schnelle Berichterstattung hinaus - die Vorstellung verbunden, dass er sich nur auf Tatsachen beruft, sofern es sich um einen seriösen Reporter handelt. Gerade Kisch, der für seine Reportagen berühmt geworden ist und der oft beteuerte, es gehe ihm um die „Wahrheit“, wurde aber oft vorgeworfen, nicht immer bei der Wahrheit geblieben zu sein.
Da der Begriff der „Wahrheit“ häufig mit Objektivität verwechselt wird und ‚Wahrheit’ meiner Ansicht nach immer nur subjektiv sein kann, möchte ich mit der vorliegenden Arbeit herausfinden, was Kisch meinte, wenn er von ‚Wahrheit’ sprach. Vorrangig sollen dabei seine theoretischen Texte Beachtung finden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kischs Terminologie
2.1 Reporter
2.1.1 Exkurs: Eigenschaften eines Reporters
2.1.1.1 Schlechte Reporter
2.1.1.2 Gute Reporter
2.2 Reportieren
2.3 Schriftsteller
2.4 Kunst und Künstler
2.5 Wahrheit und Wirklichkeit vs. Unwahrheit /Lüge und Fiktion
3. Aufgabe von Reportage und Kunst
4. Kischs Stil
5. Fazit
6. Ausblick
Zielsetzung und Forschungsfragen
Die vorliegende Seminararbeit untersucht das Verständnis von „Wahrheit“ im Werk des Journalisten Egon Erwin Kisch. Dabei steht die Analyse seiner theoretischen Texte im Vordergrund, um herauszufinden, wie Kisch Begriffe wie Reporter, Wahrheit, Wirklichkeit und Kunst definierte und in sein Selbstverständnis integrierte.
- Untersuchung der Terminologie Kischs und deren Wandel im Laufe seines Schaffens.
- Differenzierung zwischen den Begriffen Reporter, Schriftsteller und Journalist bei Kisch.
- Analyse der Rolle der „logischen Phantasie“ und der „Künstlerschaft“ im Kontext der Wahrheitsfindung.
- Gegenüberstellung von Reportage und Fiktion sowie Kischs Kritik am Sensationsjournalismus.
- Herausarbeitung der sozialen Verantwortung des Reporters als „Übermittler des Lebens“.
Auszug aus dem Buch
2.1.1.1 Schlechte Reporter
Schlechte Reporter sind nach Kischs Auffassung diejenigen, die sich aus marktwirtschaftlichen Gründen und Gewissenlosigkeit dem Sensationsjournalismus hingeben. Ein Beispiel ist für ihn der damalige Times-Reporter Henry Stephan Oppert de Blowitz. Seine Arbeitsweise war für Kisch genau das Gegenteil von dem, wonach er selbst strebte. Er sah Oppert de Blowitz als Vertreter der „skrupellosen Sensationsmache und Korruption der gelben Jingo-Blätter Amerikas“.
In seinem Buch Klassischer Journalismus leitet er Oppert de Blowitz’ Artikel aus dem Jahr 1900 mit folgenden Worten ein:
Sein Leben ist eine Jagd nach der Nachricht, nach der Erst-Veröffentlichung – ein häufiger Typ im modernen Zeitungswesen. Selbstgefällig, übertreibend und pathetisch schilderte er vor seinem Tode seine siegreichen Intrigen in Artikeln von »Harper’s Monthly Magazine«, als hätte er Großes für die Menschheit vollbracht, weil er bewirkte, dass seine Zeitung ihrer Konkurrenz um eine Stunde voraus war.
An anderer Stelle behauptet Kisch, die einzige Leistung dieses Reporters bestünde darin, Informationen von anderen Zeitungen geschickt abzuschreiben. Unter diesem Aspekt wäre Oppert de Blowitz Kisch zufolge überhaupt kein ‚Reporter’, (der sich vom Schreibtisch erhebt,) sondern ein schlechter ‚Journalist’.
Im Vorwort zum Rasenden Reporter nennt Kisch als weitere Kriterien für einen schlechten Reporter Übertreibung und Unverlässlichkeit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in Kischs Selbstverständnis als Reporter und die Problemstellung hinsichtlich des Wahrheitsbegriffs in seinen theoretischen Texten.
2. Kischs Terminologie: Eingehende Analyse der zentralen Begriffe Kischs, ihrer Wechselwirkungen und der begrifflichen Verschiebungen innerhalb seiner Texte.
3. Aufgabe von Reportage und Kunst: Erörterung von Kischs Auffassung über die soziale Verantwortung des Reporters und die Funktion von Kunst als Mittel gegen Unterdrückung.
4. Kischs Stil: Kurzer Überblick über verschiedene Arten von Reportagen, die Kisch verfasste, und deren Einordnung in Bezug auf seinen Wahrheitsanspruch.
5. Fazit: Zusammenführende Betrachtung der Ergebnisse über Kischs Entwicklung vom Reporter zum „Schriftsteller der Wahrheit“.
6. Ausblick: Vorschläge für weitere Forschungsansätze, insbesondere die chronologische Aufarbeitung und thematische Einordnung des umfangreichen Gesamtwerks von Kisch.
Schlüsselwörter
Egon Erwin Kisch, Reporter, Reportage, Wahrheit, Wirklichkeit, Journalismus, Schriftsteller, Sensation, soziale Verantwortung, logische Phantasie, Fiktion, Aufklärung, Medientheorie, Klassischer Journalismus, Literaturkritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die theoretischen Schriften von Egon Erwin Kisch, um zu verstehen, wie er den Begriff der „Wahrheit“ im Kontext seiner journalistischen Tätigkeit definierte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen Kischs Begriffsbestimmungen wie Reporter, Schriftsteller, Reportieren, Kunst sowie die Abgrenzung zur Lüge und Fiktion.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Kischs Selbstverständnis als Reporter zu klären und herauszufinden, warum er trotz literarischer Gestaltung seiner Texte einen Anspruch auf „Wahrheit“ erhob.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wendet eine schrittweise, chronologische Analyse der theoretischen Texte von Kisch an und setzt diese in den historischen Kontext seiner Zeit.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der detaillierten Untersuchung der Kischschen Terminologie, seiner Definition des Reporters sowie der Aufgabe von Kunst und Reportage im Kampf gegen Missstände.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Reporter, Wahrheit, Wirklichkeit, soziale Verantwortung und die Unterscheidung zwischen Reportage und Fiktion.
Wie unterscheidet Kisch zwischen guten und schlechten Reportern?
Ein schlechter Reporter zeichnet sich durch Sensationslust, Gewissenlosigkeit und marktwirtschaftliche Interessen aus, während ein guter Reporter durch Sachlichkeit, soziales Gefühl und den Willen, den Unterdrückten zu helfen, definiert wird.
Welche Rolle spielt der Begriff „logische Phantasie“?
Sie bezeichnet Kischs Methode, das recherchierte Material mit Hilfe von Kombinationsfähigkeit zu einem lückenlosen Bild der Wirklichkeit zusammenzufügen, ohne dabei die Fakten zu verfälschen.
Was bedeutet das Zitat „Nichts ist phantasievoller als die Sachlichkeit“?
Es unterstreicht Kischs Überzeugung, dass die Realität selbst, sofern sie wahrheitsgemäß und präzise erfasst wird, weitaus interessanter und wirkungsvoller ist als erfundene, fiktive Geschichten.
- Quote paper
- Natalie Gorris (Author), 2004, Wahrheit wie ich sie sehe. Die Reportagetheorie von Egon Erwin Kisch. Eine Analyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56673