ging eine heftige Auseinandersetzung um das Verhandlungspapier. Österreich hatte darauf bestanden, als Verhandlungsziel neben der Vollmitgliedschaft auch eine Alternative im Sinne einer "privilegierten Partnerschaft" in Aussicht zu stellen und hat auf diese Weise die gespaltene Situation innerhalb der EU Staaten bezüglich eines Türkeibeitritt ans öffentliche Licht gebracht.
Das diplomatische Ringen steht dabei beispielhaft für die Debatte, die in Deutschland und der EU rund um das Thema EU Beitritt der Türkei geführt wird. Skeptiker und Gegner lehnen den Beitritt unter anderem wegen kultureller, aber auch wirtschaftlicher Unterschiede ab. Sie befürchten, ein Türkeibeitritt könnte die EU finanziell zu stark belasten und die angeblichen kulturellen Differenzen eine politische Integration erschweren, da sie dem westlichen Wertesystem nicht entsprächen. Befürworter weisen dagegen darauf hin, die Türkei habe die Geschichte Europas maßgeblich mitgestaltet und könnte als demokratisch-laizistischer Staat Vorbild für die islamische Welt werden.
Neben wirtschaftlichen Argumenten und Einwänden bezüglich der Menschenrechtssituation in der Türkei, dreht sich im Zusammenhang mit der Debatte über die kulturellen Unterschiede ein wichtiger Streitpunkt um die Frage, ob die Türkei europäisch sei oder nicht. Diese Fragestellung soll im Folgenden nun ausführlicher erörtert werden: Dabei wird im ersten Teil zuerst die Entwicklung einer Europäisierung in der osmanischen Geschichte dargestellt, vornehmlich die Tanzimat Reformzeit und deren Auswirkungen auf die heutige Türkei.
Im zweiten Teil verschiebt sich das Augenmerk auf die Republikgründung der Türkei unter Mustafa Kemal Atatürk und die darauf folgenden Reformen und politischen Ereignisse bis in die heutige Zeit. Dabei soll besonders analysiert werden, inwieweit die westliche Ausrichtung des türkischen Staates sich als ein von oben gelenkter Prozess vollzog und wie sehr er sich heute noch auf die aktuellen Probleme der türkischen Gesellschaft bezüglich ihrer Identität auswirkt.
Die Ergebnisse sollen abschließend kurz in den Kontext der aktuellen Kontroversen zum EU Beitritt der Türkei eingeordnet und einer abschließenden Beurteilung unterzogen werden.
Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung
2) Die Europäisierung in der osmanischen Geschichte
3) Die Gründung der türkischen Republik durch Mustafa Kemal Atatürk
4) Die Europäisierung in der republikanischen Geschichte
5) Resümee
6) Bibliographie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung und den Prozess der Europäisierung der Türkei, um die Debatte über einen möglichen EU-Beitritt vor dem Hintergrund der türkischen Identität und politischer Reformen kritisch einzuordnen.
- Historische Einflüsse und Austauschprozesse zwischen dem Osmanischen Reich und Europa.
- Die radikale Gesellschaftstransformation durch Mustafa Kemal Atatürk.
- Die politische Entwicklung der Türkei in der Zeit nach 1945.
- Die Bedeutung von Reformen und Kopenhagener Kriterien im Kontext des EU-Beitrittsprozesses.
- Die Spannung zwischen kemalistischen Prinzipien und islamischen Traditionen.
Auszug aus dem Buch
3. Die Gründung der türkischen Republik durch Mustafa Kemal Atatürk
General Mustafa Kemal wurde 1919 vom Sultan nach Anatolien geschickt, um dort nationalistische Unruhen zu beseitigen, das Heer zu entwaffnen und somit die Auflagen des Friedensvertrages von Sèvres zu erfüllen, der nach dem 2. Weltkrieg eine Zerstückelung Anatoliens unter den Siegermächten vorsah und von Seiten der türkischen Regierung nicht ratifiziert wurde. Doch entgegen seinem Auftrag betrieb er eine militärische und politische Bündelung aller Widerstandkräfte gegen eine Aufteilung der Türkei durch die Besatzungsmächte, indem er eine „nationale Bewegung weckte“ deren politisches Programm in einer Zehn- Punkte Resolution und einem Repräsentativkomitees bestand und sich „Gesellschaft zur Verteidigung der nationalen Rechte von ganz Anatolien und Thrazien“ nannte. Nach der Besetzung Istanbuls durch die Briten und der Auflösung des Parlaments im März 1920, konstituierte sich in Ankara die „Große Türkische Nationalversammlung“ unter der Präsidentschaft von Mustafa Kemal. Dieses neue Parlament erklärte alle bisherigen Gesetze der Regierung in Istanbul für ungültig und beanspruchte ab sofort die alleinige Legislative. Nach erfolgreichen Befreiungskriegen gegen die europäischen Siegermächte, wurden die neu eroberten Grenzen der Türkei im Vertrag von Lausanne im Oktober 1922 völkerrechtlich anerkannt und im November 1922 beschlossen das Parlament und die Nationalversammlung nach heftigen Debatten die Abschaffung des Sultanats.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Debatte um den EU-Beitritt der Türkei und skizziert die methodische Untersuchung der Europäisierung von der Osmanenzeit bis zur Moderne.
2) Die Europäisierung in der osmanischen Geschichte: Dieses Kapitel analysiert die historischen Austauschbeziehungen und die Tanzimat-Reformzeit als erste Ansätze einer erzwungenen Modernisierung durch die Sultane.
3) Die Gründung der türkischen Republik durch Mustafa Kemal Atatürk: Hier wird der radikale Umbruch unter Atatürk beschrieben, der durch den Kemalismus den bewussten Bruch mit Traditionen und die Ausrichtung am Westen einleitete.
4) Die Europäisierung in der republikanischen Geschichte: Das Kapitel behandelt die türkische Innenpolitik nach 1945, geprägt durch Identitätskrisen, Demokratisierungsversuche und die Anpassung an europäische Standards.
5) Resümee: Die Schlussbetrachtung bewertet den EU-Beitritt als Möglichkeit zur Konstituierung einer neuen europäischen Identität und stellt die kulturellen Argumente in den Kontext historischer Transformation.
6) Bibliographie: Ein Verzeichnis der verwendeten Quellen und wissenschaftlichen Literatur zur Untermauerung der Argumentation.
Schlüsselwörter
Türkei, EU-Beitritt, Europäisierung, Osmanisches Reich, Kemalismus, Mustafa Kemal Atatürk, Tanzimat, Gesellschaftstransformation, Laizismus, Identitätskrise, Kopenhagener Kriterien, Reformen, Politik, Geschichte, Demokratisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den historischen Prozess der Europäisierung der Türkei, um die aktuelle Debatte um einen EU-Beitritt durch die historische Brille zu betrachten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen zählen die osmanische Reformzeit, die Staatsgründung durch Atatürk, die Entwicklung der türkischen Innenpolitik seit 1945 sowie das Spannungsfeld zwischen islamischer Tradition und westlicher Ausrichtung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu untersuchen, ob die Türkei kulturell zu Europa gehört und inwieweit die europäische Ausrichtung ein von oben gesteuerter Prozess war oder ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine historisch-analytische Methode, um Transformationsprozesse in der türkischen Gesellschaft über verschiedene Epochen hinweg aufzuarbeiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Tanzimat-Reformen, die kemalistische Revolution, die politischen Herausforderungen in der Republik und die Bemühungen zur Erfüllung der Kopenhagener Kriterien detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Europäisierung, Kemalismus, Laizismus, Identitätskrise und Transformation.
Welche Rolle spielte Sultan Abdülhamit II. in der historischen Entwicklung?
Er setzte 1878 die Verfassung außer Kraft, was den Fortschritt der Reformen stoppte und die Identitätskrise der osmanischen Bürger verschärfte.
Wie veränderte die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) den Reformprozess?
Die AKP trieb entgegen anfänglicher Skepsis aufgrund ihrer islamistischen Wurzeln konsequent Reformen zur Integration in die EU voran und demonstrierte eine Vereinbarkeit von gemäßigtem Islam und westlichen Werten.
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- Jacqueline Emmerich (Author), 2006, Die Europäisierung der Türkei, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56240