„Wenn ich ein Pferd anschaue, wie kann ich sicher sein, daß das, was ich sehe, dem wirklichen Pferd gleicht, das meine Wahrnehmung verursacht? … Um diese Frage zu beantworten, müßte ich meine Wahrnehmung des Pferdes mit dem ‚wirklichen’ Pferd vergleichen können. Das ist aber einleuchtenderweise ganz unmöglich, denn der einzige Weg zum wirklichen Pferd führt über meine Sinne.“ (zit. in: Groeben, N., Zur Kritik einer unnötigen, widersinnigen und destruktiven Radikalität, in: Fischer, H. R. (Hrsg.), Die Wirklichkeit des Konstruktivismus: Zur Auseinandersetzung um ein neues Paradigma, Heidelberg 1995, S. 152)
Dieses Zitat Ernst von Glaserfelds wird beim Leser sicherlich Widerstand, Zustimmung oder/und kritisches Nachdenken erzeugen oder, wie es vermutlich Konstruktivisten formulieren würden, zu Perturbationen oder eben Irritationen führen.
Welche Aussagen trifft der Konstruktivismus über die Wirklichkeit? Gibt es eine objektive Wirklichkeit oder ist die Realität nur eine Konstruktion ihres Betrachters? Welche Auswirkung hat die Konstruktivismusdiskussion auf die Berufs- und Wirtschaftspädagogik bzw. auf das Lehren und Lernen in Schule und Betrieb? Und was bedeutet Konstruktivismus überhaupt?
Das facettenreiche Paradigma des Konstruktivismus ist in mehreren Wissenschaftsdisziplinen wie beispielsweise der Psychologie, Soziologie, Biologie und Pädagogik „zu Hause“, unterliegt vieler verschiedener Begründungsmuster und wird in seiner Anwendung auf verschiedene Art und Weise ausgelegt und abgestuft. (Terhart, E., Konstruktivismus und Unterricht, in: Zeitschrift für Pädagogik, 45. Jg. (1999), H. 5, S. 631)
Die vorliegende Arbeit soll einen kritischen Überblick, bzw. Einblick in die Begründungsmuster der (Lern-)Theorie „Konstruktivismus“ und deren Realisierungskonzepte geben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Zur Konstruktivismus – Diskussion: Begründungsmuster
2. 1 Konstruktivismus als Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie
2. 2 ‚Neuer’ Konstruktivismus
2. 3 ‚Piagets Konstruktivismus’
2. 4 Behaviorismus – Kognitivismus – Konstruktivismus
3. Zur Konstruktivismus – Diskussion: Realisierungskonzepte
3. 1 Von der handlungsorientierten zur konstruktivistischen Perspektive?
3. 2 Konstruktivistische Ansätze in der Instruktionspsychologie und der Empirischen Pädagogik
3. 2. 1 Anchored Instruction – Ansatz
3. 2. 2 Cognitive Flexibility – Ansatz
3. 2. 3 Cognitive Apprenticeship – Ansatz
3. 3 Konstruktivistischer Unterricht
3. 3. 1 Merkmale konstruktivistischen Unterrichts
3. 3. 2 Merkmale ‚konstruktivistischer Lehrer und Lehrerinnen’
3. 3. 3 Der Schulversuch: Erfahrungen, Probleme, Folgerungen
3. 3. 4 Variation des Lehrerverhaltens
4. Kritik
4. 1 Kritik an der Theorie des radikalen Konstruktivismus
4. 2 Kritik am konstruktivistischen Unterricht
5. Fazit / Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht darin, einen Überblick über die Begründungsmuster des Konstruktivismus als Lerntheorie zu geben und deren verschiedene Realisierungskonzepte für die Berufs- und Wirtschaftspädagogik zu beleuchten. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, wie konstruktivistischer Wissenserwerb gefördert werden kann und wie diese Erkenntnisse zur Überwindung des Problems des „trägen Wissens“ beitragen können.
- Erkenntnistheoretische Grundlagen des radikalen Konstruktivismus
- Abgrenzung von Behaviorismus, Kognitivismus und Konstruktivismus
- Instruktionspsychologische Ansätze (z.B. Anchored Instruction, Cognitive Flexibility)
- Merkmale und praktische Herausforderungen konstruktivistischen Unterrichts
- Kritische Reflexion radikaler vs. gemäßigter Konstruktivismus-Positionen
Auszug aus dem Buch
3. 2. 3 Cognitive Apprenticeship – Ansatz
Der Cognitive Apprenticeship – Ansatz kann mit der Situation verglichen werden, bei der ein Meister seinen Lehrling anleitet. Dabei werden kognitive Vorgänge dem Lernenden verdeutlicht, indem sie diesem Schritt für Schritt vorgeführt werden (‚Der Meister sagt, was er denkt.’). Auf diese Weise lässt sich implizites strategisches Expertenwissen sichtbar machen und dem Lernenden wird es möglich gemacht, den Gedankenweg zu erkennen und nachzuvollziehen.
Der Lehrende rechnet eine Aufgabe vor und erläutert den Lernenden seinen Gedankenweg, wie er zum Ergebnis gekommen ist. Dem Lernenden wird dadurch die Möglichkeit gegeben, diesen Weg vom Anfang bis zum Ende mitzudenken. Wichtig hierbei ist es, dass der Experte seine kognitiven Prozesse bei der Lösung eines authentischen Problems verbalisiert. Anschließend bearbeitet der Lernende selbständig eine Problemstellung, während der Experte ihn dabei unterstützt. Mit zunehmender Kenntnis und Erfahrung werden diese Unterstützungmaßnahmen ausgeblendet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Einleitung skizziert die facettenreiche Konstruktivismus-Diskussion und benennt das Ziel der Arbeit, einen Überblick über Begründungsmuster und Realisierungskonzepte zu geben.
2. Zur Konstruktivismus – Diskussion: Begründungsmuster: Dieses Kapitel erläutert die erkenntnistheoretischen Basisannahmen, differenziert zwischen radikalem und „neuem“ Konstruktivismus sowie Piagets Modell und grenzt das Paradigma von Behaviorismus und Kognitivismus ab.
3. Zur Konstruktivismus – Diskussion: Realisierungskonzepte: Hier werden didaktische Ansätze sowie Merkmale für konstruktivistischen Unterricht vorgestellt und anhand eines Schulversuchs sowie verschiedener Lehrerverhaltensweisen praktisch analysiert.
4. Kritik: Der Autor setzt sich kritisch mit der Theorie des radikalen Konstruktivismus sowie den praktischen Herausforderungen und Grenzen eines rein konstruktivistischen Unterrichts auseinander.
5. Fazit / Schlussbetrachtung: Das Fazit plädiert für einen pragmatischen, gemäßigten Konstruktivismus, der als hilfreiche Perspektive zur Gestaltung von Lehr-Lern-Prozessen dienen kann.
Schlüsselwörter
Konstruktivismus, Radikaler Konstruktivismus, Berufs- und Wirtschaftspädagogik, Wissenserwerb, Lernumgebung, Instruktionspsychologie, Handlungsorientierung, Träges Wissen, Selbstgesteuertes Lernen, Metakognition, Cognitive Apprenticeship, Sozialkonstruktivismus, Didaktik, Lehrerverhalten, Transferproblem.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Diskussion um den Konstruktivismus und dessen Bedeutung für die Berufs- und Wirtschaftspädagogik, insbesondere im Hinblick auf Begründungsmuster und Konzepte zur Unterrichtsgestaltung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen des Konstruktivismus, der Vergleich mit anderen Lerntheorien wie Behaviorismus und Kognitivismus sowie die praktische Umsetzung durch verschiedene instruktionspsychologische Modelle.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, einen Überblick über den Konstruktivismus als Lerntheorie zu vermitteln und aufzuzeigen, wie durch konstruktivistische Ansätze die Qualität des Wissenserwerbs verbessert und das Problem „trägen Wissens“ angegangen werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse bestehender pädagogischer und psychologischer Theorien sowie der kritischen Diskussion empirischer Untersuchungen zur Unterrichtsgestaltung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretischen Begründungsmuster (Kapitel 2) und die konkreten Realisierungskonzepte für den Unterricht (Kapitel 3), inklusive instruktionspsychologischer Ansätze und Merkmale konstruktivistischen Lehrens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Konstruktivismus, Wissenserwerb, Lernumgebung, Handlungsorientierung und Metakognition geprägt.
Wie bewertet der Autor den „radikalen Konstruktivismus“?
Der Autor kritisiert den radikalen Konstruktivismus als erkenntnistheoretisch widersinnig, erkennt jedoch an, dass er wertvolle Impulse für die pädagogische Praxis liefern kann, wenn er pragmatisch interpretiert wird.
Welche Rolle spielt der Lehrer in konstruktivistischen Modellen?
Vom „Besserwisser“ zum „Mehrwisser“ oder Lernberater: Die Rolle wandelt sich von der instruktiven Vermittlung hin zur Unterstützung selbstgesteuerter Lernprozesse durch Coaching und gezieltes Fading.
- Quote paper
- Andreas Hinz (Author), 2005, Zur Konstruktivismus - Diskussion in der Berufs- und Wirtschaftspädagogik: Begründungsmuster und Realisierungskonzepte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56222