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Schulisches Lesen und Schreibenlernen im Kontext der Veränderung mit dem kritischen Blick auf das Konstrukt der Legasthenie

Title: Schulisches Lesen und Schreibenlernen im Kontext der Veränderung mit dem kritischen Blick auf das Konstrukt der Legasthenie

Intermediate Examination Paper , 2006 , 49 Pages , Grade: 2

Autor:in: Anja Neugebauer (Author)

Pedagogy - School Pedagogics
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Schriftsprache begegnet uns immer und überall. Wer Lesen und Schreiben gelernt hat, kann sich kaum noch vorstellen, es nicht zu können. Der Mensch neigt dazu, Schriftzeichen entziffern zu wollen und sei es noch so uninteressant. Jeder kennt diesen Drang, wenn man in der U-Bahn sitzt und eine Reklametafel direkt neben sich leuchten sieht. Man muss einfach wissen, welche Botschaft diese uns vermitteln möchte und beginnt zu lesen.
Kinder bekommen dieses Verhalten schon sehr früh mit. Allerdings ist die Schriftsprache eines von vielen Rätseln dieser Welt, die sie ergründen wollen. Einige schaffen dies ansatzweise schon vor dem Schuleintritt, während andere in den ersten Schuljahren und auch noch länger erhebliche Probleme haben, jenes zu lernen, was doch so einfach und selbstverständlich erscheint. Da jedoch dem Lesen und Schreiben in unserer heutigen Gesellschaft eine große Bedeutung beigemessen wird, haben Kinder mit Lese- und Rechtschreiblernproblemen eine sehr ungünstige Ausgangssituation, denn in der Schule wird das Wissen hauptsächlich über die Schriftsprache vermittelt. Dadurch ist ein Abrutschen schon in den ersten Klassenstufen regelrecht vorprogrammiert. Dies kann sich in eine Spirale verwandeln und eine Gefährdung der schulischen, beruflichen sowie sozialen Integration bedeuten, denn die Fähigkeiten des Lesens und Schreibens werden als selbstverständlich vorausgesetzt. Werden nicht frühzeitig Fördermaßnahmen veranlasst, so führt dies schnell zu Enttäuschung und beeinträchtigt häufig das Selbstbewusstsein vieler Schüler.
In dieser Arbeit möchte ich das Problem des Lesens und teilweise auch des Schreibens aufgreifen. Welche Ausgangsituationen beeinflussen das Lesenlernen? Wie muss der Unterricht gestaltet sein und wie muss sich der Unterricht verändern, damit ein Kind unter den günstigsten Bedingungen lernt? Wie kann man Lese- und Schreibschwierigkeiten vorbeugen? Welche Bedeutung hat der Legastheniebegriff auf die Entwicklung eines Kindes und ist dieser überhaupt gerechtfertigt?

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

Teil I: Lesen und Schreiben im schulischen Alltag

2. Definitionen

2.1. Definition Lesen

2.2. Definition Schreiben

3. Geschichte des Lesens

4. Bedeutung des Lesens

5. Vorraussetzungen für das Lesen- und Schreibenlernen

6. Fähigkeiten beim Lesen und Schreiben

7. Verschiedene Methode des Lesenlernens

7.1. Überblick über die Leselehrmethoden

7.2. Die synthetischen Verfahren

7.2.1. Die Buchstabiermethode

7.2.2. Die Lautiermethode

7.2.3. Kritische Zusammenfassung

7.3. Das analytische Verfahren

7.3.1. Die Ganzheitsmethode

7.3.2. Kritische Zusammenfassung

7.4. Methodenintegration

8. Gründe für das Auftreten von Lese- und Schreibschwierigkeiten

8.1. Probleme durch allgemeine Faktoren

8.2. Probleme aufgrund sozialer Herkunft

9. Leseunterricht gestalten

10. Unterricht verändern

11. Lernen aus Fehlern

12. Prävention

Teil II: Legasthenie und seine Kritik

13. Legasthenie

14. Definition von Legasthenie

15. Der schwankende und inkonsistente Legastheniebegriff (Position von Jörg Schlee)

16. Standpunkt von Hans Brügelmann

16.1. Erlass zu Förderung von Schülern mit besonderen Schwierigkeiten beim Lernen des Lesens und Rechtschreibens

16.1.1. Klassifizierung von Lernschwierigkeiten

16.1.2. Legastheniekonzept aus psychologischer Sicht

16.1.3. Legasthenie als Krankheit

16.1.4. Zusammenfassung

16.2. Allgemeiner Blick auf Legasthenie

17. Position von Renate Valtin

18. Kritische Bemerkung zum Umgang mit Legasthenikern

19. Schlusswort

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Die Arbeit untersucht die Herausforderungen beim Lese- und Schriftspracherwerb in der Grundschule und setzt sich kritisch mit dem wissenschaftlichen Konstrukt der Legasthenie auseinander. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Unterricht durch individuelle Förderung und ein verständnisvolles Fehlerklima optimiert werden kann, um eine Stigmatisierung von Kindern zu vermeiden.

  • Grundlagen des Lese- und Schreiblernprozesses und deren historische Entwicklung.
  • Kritische Analyse verschiedener pädagogischer Methoden zur Vermittlung von Schriftsprache.
  • Einflussfaktoren für Lernschwierigkeiten, insbesondere soziale Herkunft und Sprachkenntnisse.
  • Kritik an der diagnostischen Erfassung und Etikettierung von Schülern als "Legastheniker".
  • Plädoyer für eine inklusive Pädagogik und eine Abkehr von starren Leistungsnormen.

Auszug aus dem Buch

7.2.1. Die Buchstabiermethode

Die Buchstabiermethode akzentuiert die visuelle Wahrnehmung und ist die älteste aller Lesemethoden. Zunächst werden alle Buchstaben in groß und klein kennen gelernt. Danach verfährt man nach dem Prinzip: vom Leichten zum Schweren und vom Einfachen zum Zusammengesetzten. Bei den ersten Wörtern beschränkt man sich auf einsilbige. Ein Beispiel wäre das Wort „ob“. Der Schüler buchstabiert „o- be“. Denn spricht der Lehrer des Wort aus und der Schüler wiederholt „o- be“ → „ob“. Dies stellt eine Gedächtnisübung da, die solang wiederholt wird, bis die Kinder die Silben ohne Hilfe lesen können. Wenn die einfachen Silben beherrscht werden, geht es zu längeren und schwereren Wörtern, die mit dem selbem Verfahren buchstabiert und dann zu dem Wort zusammengezogen werden. Bei dem Wort „Lesen“ würde dies beispielsweise so aussehen: „el- e- es- e- en“ → „Lesen“. Ganz wichtig ist also, dass man die gedruckten Silben erst buchstabiert und dann zusammenzieht. (vgl. Schwartz 1967, S. 34-38)

Abc- und Namenbüchlein sollten z. B. das Erlernen des Lesens durch die Buchstabiermethode erleichtern, da sie illustriert waren und schon einige Hervorhebungen und verschiedene Schriftarten enthielten.

Die Buchstabiermethode wird heute jedoch kaum noch angewendet bzw. besteht meist nur noch in einzelnen Grundgedanken und steht unter großer Kritik. „…; um der einzuprägenden Buchstaben und ihrer Verbindung willen verzichtet man auf den eigentlichen Sachverhalt, auf die sich in der Schrift spiegelnden Sprache.“ (Schwartz 1967, S. 48) Das Problem ist, dass sich diese Methode nicht an der Sprache orientiert, sondern nur an der Form. Der Sinn und das Textverstehen stehen nicht im Mittelpunkt beim „Erlesen“ von Wörtern und Geschichten, sondern nur die lautlichen Elemente. Bedeutsam ist die Erkenntnis, dass Buchstaben wichtige Teile eines Wortes sind und sie selbst auch unterschiedliche Bedeutungen und Aussprachen haben, aber sie dürfen nicht so in den Vordergrund rücken, dass Kinder keine Möglichkeit haben, auch den Inhalt zu erfassen.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Bedeutung der Schriftsprache ein und hinterfragt kritisch die Probleme, mit denen Kinder beim Lesen- und Schreibenlernen konfrontiert werden.

2. Definitionen: Es werden die zentralen Begriffe Lesen und Schreiben erläutert sowie verschiedene Lesetechniken kurz vorgestellt.

3. Geschichte des Lesens: Dieses Kapitel gibt einen Abriss über die historische Entwicklung der Lesekultur von der Antike bis in die Neuzeit.

4. Bedeutung des Lesens: Die zentrale Rolle des Lesens als Kulturtechnik und Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe wird hervorgehoben.

5. Vorraussetzungen für das Lesen- und Schreibenlernen: Hier werden kognitive und sensorische Grundlagen sowie die Notwendigkeit des Sprachverständnisses für den Lernerfolg diskutiert.

6. Fähigkeiten beim Lesen und Schreiben: Es wird analysiert, welche Grundkompetenzen Kinder benötigen, um Schriftzeichen als Kommunikationsmittel zu verstehen.

7. Verschiedene Methode des Lesenlernens: Das Kapitel bietet einen systematischen Überblick über synthetische und analytische Lehrmethoden sowie deren kritische Würdigung.

8. Gründe für das Auftreten von Lese- und Schreibschwierigkeiten: Die Ursachen von Lernproblemen, insbesondere durch psychologische Faktoren und soziale Herkunft, werden beleuchtet.

9. Leseunterricht gestalten: Dieses Kapitel diskutiert Ansätze zur motivierenden Unterrichtsgestaltung fernab von starren Fibel-Vorgaben.

10. Unterricht verändern: Es werden strukturelle Anforderungen an die Schule, wie Doppelbesetzung und individuelle Förderung, dargelegt.

11. Lernen aus Fehlern: Fehler werden hier nicht als Defizit, sondern als notwendiger Begleiter beim Aneignungsprozess von Schrift verstanden.

12. Prävention: Konzepte der Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention zur frühzeitigen Unterstützung von Kindern werden vorgestellt.

13. Legasthenie: Eine kritische Einleitung in das Thema, die Legasthenie als Lehr- statt als Lernschwäche hinterfragt.

14. Definition von Legasthenie: Es wird dargelegt, wie die Störung klassisch definiert ist und welche Symptome im schulischen Alltag auftreten.

15. Der schwankende und inkonsistente Legastheniebegriff (Position von Jörg Schlee): Die mangelnde wissenschaftliche Präzision und Reliabilität des Legasthenie-Begriffs wird kritisch analysiert.

16. Standpunkt von Hans Brügelmann: Das Kapitel kritisiert die Stigmatisierung durch spezielle Erlasse und die Trennung von sogenannten Legasthenikern.

17. Position von Renate Valtin: Die These, dass das klassische Krankheitsbild der Legasthenie empirisch nicht haltbar ist, wird hier untermauert.

18. Kritische Bemerkung zum Umgang mit Legasthenikern: Es wird die Ungerechtigkeit von Benotungsprivilegien für "Legastheniker" gegenüber anderen Schülern mit Lernschwierigkeiten diskutiert.

19. Schlusswort: Die Arbeit resümiert, dass individuelle Förderung aller Schüler effektiver ist als die Aussonderung in Sondersysteme.

Schlüsselwörter

Lesenlernen, Schreibenlernen, Legasthenie, Schriftsprache, Lese- und Schreibschwierigkeiten, Unterrichtsentwicklung, Fehlerkultur, Prävention, Grundschule, Inklusion, Diagnostik, Leistungsnormen, Pädagogik, Sprachverstehen, Lesetechniken.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit behandelt die komplexen Prozesse des Lesens und Schreibens in der Grundschule sowie die kritische Auseinandersetzung mit dem Konstrukt der Legasthenie im pädagogischen Kontext.

Welche thematischen Schwerpunkte werden behandelt?

Die Schwerpunkte liegen auf Lehrmethoden, den Ursachen für Lernschwierigkeiten, der Bedeutung des sozialen Umfelds sowie der Kritik an der Etikettierung von Schülern als Legastheniker.

Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?

Das Ziel ist es, den Nutzen von Sonderbehandlungen für Legastheniker in Frage zu stellen und stattdessen für eine individuelle, integrative Förderung aller Schüler zu plädieren.

Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?

Die Arbeit nutzt eine theoretische Aufarbeitung bestehender Fachliteratur und Erlasse sowie eigene Erfahrungsberichte aus der Arbeit mit Grundschulkindern.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Im Hauptteil werden zunächst Grundlagen des Schriftspracherwerbs, Lehrmethoden und Präventionskonzepte erläutert, gefolgt von einer tiefgehenden Kritik an Definitionen und Förderkonzepten zur Legasthenie.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?

Lese- und Schreibunterricht, Legastheniekritik, individuelle Lernförderung, Prävention und pädagogische Didaktik.

Was bemängelt Jörg Schlee an der Definition von Legasthenie?

Er kritisiert, dass der Begriff wissenschaftlich nicht präzise definiert ist, willkürliche Grenzwerte die Diagnose bestimmen und Testwiederholungen keine verlässlichen, konsistenten Ergebnisse liefern.

Warum hält die Autorin eine Befreiung von Noten für Legastheniker für problematisch?

Sie sieht darin eine Ungerechtigkeit gegenüber anderen Schülern, die ebenfalls Schwierigkeiten in anderen Fächern haben, aber keine Sonderbehandlung oder Notenbefreiung erfahren.

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Details

Title
Schulisches Lesen und Schreibenlernen im Kontext der Veränderung mit dem kritischen Blick auf das Konstrukt der Legasthenie
College
University of Frankfurt (Main)
Grade
2
Author
Anja Neugebauer (Author)
Publication Year
2006
Pages
49
Catalog Number
V56097
ISBN (eBook)
9783638508858
ISBN (Book)
9783640543687
Language
German
Tags
Schulisches Lesen Schreibenlernen Kontext Veränderung Blick Konstrukt Legasthenie
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Anja Neugebauer (Author), 2006, Schulisches Lesen und Schreibenlernen im Kontext der Veränderung mit dem kritischen Blick auf das Konstrukt der Legasthenie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56097
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