Ovids „Tristia“ lassen sich gut mit der Phrase „sich etwas von der Seele schreiben“ verbinden, auch wenn in der Forschung kein Konsens darüber besteht: Die Einen sehen die „Tristien“ als „Jammerpoesie eines Jammerlappens“1, andere behaupten sogar, Ovid sei niemals im Exil gewesen. So wird in der Forschung als wichtiger Aspekt vor allem die Funktion der „Tristia“ für Ovid immer wieder erörtert. Auch diese Arbeit befasst sich damit, die Funktion der „Tristien“ für Ovid herauszuarbeiten und zu beurteilen. Der Schwerpunkt liegt in der Frage, ob die Trauerlieder des Ovid als Ventil gelten können, also ob Ovid hauptsächlich schreibt, um seinen aus der Verbannung resultierenden Kummer zu verarbeiten. Hierzu ist es unerlässlich, zunächst einmal darzustellen, was Ovid denn genau Kummer bereitet hat, weshalb seine Situation in der neuen Heimat Tomis dargestellt wird. Im Anschluss daran wird Wilfried Strohs Arbeit „Tröstende Musen“ vorgestellt, die sich als erste sehr ausführlich mit den „Tristia“ unter dem Aspekt der Tröstung durch die Musen beschäftigt hat und dadurch einen Einbezug in diese Arbeit rechtfertigt. Wilfried Stroh beschreibt den Topos der Selbstaussprache in der Dichtung und stellt die These auf, dass Ovids Dichtung als Ventildichtung angesehen werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ovids Situation
a) Neue Heimat Tomis und Sehnsucht nach Rom
b) Ovid in seiner neuen Situation
3. Trost im Schreiben
a) Wilfried Stroh: Tröstende Musen
b) Trost beim Schreiben: Sinn und Funktion eines Tagebuchs
4. „Tristia“ als Ventil des Schmerzes?
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktion von Ovids Exildichtung „Tristia“ und geht der zentralen Forschungsfrage nach, ob die Trauerlieder als „Ventil des Schmerzes“ dienen können, um den Kummer über die Verbannung zu verarbeiten.
- Analyse von Ovids Exilsituation und seiner Wahrnehmung von Tomis
- Untersuchung der psychologischen Wirkung des Schreibens („Ventilfunktion“)
- Diskussion der wissenschaftlichen Thesen von Wilfried Stroh zur Tröstung durch Musen
- Vergleich der Dichtung mit modernen psychologischen Erkenntnissen über Tagebuchschreiben
- Reflexion über die Absichten des Dichters jenseits der Selbsttröstung
Auszug aus dem Buch
4. „Tristia“ als Ventil des Schmerzes?
Dieses Kapitel soll die Frage Wilfried Strohs aufgreifen, ob die „Tristien“ als Ventil des Schmerzes angesehen werden können oder ob sie möglicherweise noch eine andere Funktion haben. Ovid selbst gibt in den fünf Büchern der „Tristia“ jedenfalls Anlass genug die These vom Ventil der Dichtung zu bekräftigen, wie beispielsweise im elften Gedicht des ersten Buches:
(…) quod facerem uersus inter fera murmura ponti, Cycladas Aegaeas obstipuisse puto. ipse ego nunc miror tantis animique marisque fluctibus ingenium non cecidisse meum. seu stupor huic studio siue est insania nomen, omnis ab hac cura cura leuata mea est. (Trist. 1,11, 7-12)
Ovid erwähnt die schmerzlindernde Wirkung seiner Dichtung im letzten Vers fast beiläufig, indem er sagt, dass er trotz der widrigen Umstände in der Lage ist zu dichten. Doblhofer erklärt, dass man am letzten Vers besonders sehen könne, dass es „einzig die cura (die Pflege seiner Dichtung) ist (...), die seine cura (Sorge) lindern kann“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Forschungsdebatte zur Funktion der „Tristia“ ein und stellt die Fragestellung nach der Ventilfunktion der Dichtung vor.
2. Ovids Situation: Dieses Kapitel beleuchtet Ovids prekäre Lage in Tomis und zeigt auf, wie er durch die negative Stilisierung seines Exilortes gezielt Mitgefühl in Rom erzeugen wollte.
3. Trost im Schreiben: Hier werden Wilfried Strohs Thesen zur Dichtung als Mittel der Selbsttröstung diskutiert und durch einen Exkurs zur psychologischen Funktion des Tagebuchschreibens ergänzt.
4. „Tristia“ als Ventil des Schmerzes?: Das Kapitel analysiert zentrale Textstellen, an denen Ovid selbst die befreiende und schmerzlindernde Wirkung seiner Dichtung thematisiert.
5. Fazit: Die Arbeit fasst zusammen, dass Ovid das Schreiben zwar als Ventil nutzt, dies jedoch immer auch mit einer berechnenden Strategie zur Rückgewinnung seines Status verknüpft war.
Schlüsselwörter
Ovid, Tristia, Exildichtung, Ventilfunktion, Selbsttröstung, Wilfried Stroh, Tomis, römische Literatur, Selbstaussprache, Poet im Exil, Psychologie des Schreibens, locus horribilis, Katharsis, Augustus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Funktion der Exilgedichte „Tristia“ von Ovid und hinterfragt, inwieweit diese als psychologisches „Ventil“ zur Schmerzbewältigung dienten.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themen umfassen Ovids Wahrnehmung des Exils in Tomis, die Rolle der Muse als Trösterin sowie die psychologische Komponente des Schreibens in Krisenzeiten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die These von der „Ventildichtung“ zu beurteilen und abzuwägen, ob Ovid rein emotional schrieb oder ob seine Dichtung auch kalkulierte rhetorische Zwecke verfolgte.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse von Textstellen der „Tristia“ vorgenommen, die durch den Einbezug der Forschungsliteratur (insb. Wilfried Stroh) kritisch reflektiert wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert Ovids Exilsituation, die philosophischen Aspekte der Seelenheilung durch Dichtung sowie die Parallelen zwischen der antiken Dichtung und der modernen Tagebuchpsychologie.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Ventilfunktion, Selbsttröstung, Exil, locus horribilis und die Interaktion mit der Muse.
Warum spielt das Skythenbild eine wichtige Rolle für Ovid?
Ovid nutzt das tradierte, negative Klischee der Skythen, um seinen eigenen Leidensdruck als Verbannter in Tomis zu überhöhen und so Mitleid bei seinem römischen Leserkreis zu erregen.
Kann man Ovid als „berechnenden“ Dichter bezeichnen?
Ja, laut der Forschungsmeinungen in der Arbeit war Ovid nicht nur um Selbsttröstung bemüht, sondern setzte seine Dichtung auch bewusst ein, um sein Ansehen zu wahren und eine Rückkehr nach Rom zu ermöglichen.
- Citar trabajo
- Steffi Rothmund (Autor), 2006, Ovids "tristia"-Ventil des Schmerzes?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54835