Der 1841 in Österreich geborene Wilhelm Scherer gilt als einflussreicher Positivist und Literaturhistoriker. Unzufrieden mit seinem Studium in Wien, wechselte et 1860 nach Berlin über. In der Auseinandersetzung mit Scherer wird vor allem ein Aspekt deutlich, der nicht immer zureichend in der Sekundärliteratur akzentuiert wird, nämlich der, dass es bei Scherer nicht einfach eine programmatische Linie gibt. Zwar finden wir bestimmte Leitprinzipien, wie das Kausalitäts- und Determinismusprinzip, jedoch diese im Verlaufe seines Lebens in unterschiedlicher Ausprägung. So ist sein Drang, alle äußeren Einflussfaktoren herauszustellen, die dann die Dichterpersönlichkeit bilden, besonders in seinen frühen Schriften (Aufsatz über Grillparzer) ausgeprägt. Grundsätzlich wird mit der Zeit ein Zurücktreten von Biographismus und mechanischer Ursachenforschung deutlich und auch der Wert psychologischer Erkenntnisse wird miteinbezogen. In Rahmen dieser Arbeit möchte ich zunächst zwei zentrale Werke Scherers behandeln, anhand der gewonnenen Erkenntnisse im Anschluss die Hauptpunkte seiner Programmatik erläutern und schließlich auf Kritik und die seinem Denken folgende „Scherer-Schule“ eingehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. „Geschichte der deutschen Literatur“
3. Die methodologische Programmatik
4. „Poetik“
5. Rezension und Kritik
6. Schluss
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den literaturtheoretischen Ansatz von Wilhelm Scherer, analysiert die Grundlagen seiner positivistischen Literaturgeschichtsschreibung sowie seiner „Poetik“ und beleuchtet die zeitgenössische Kritik sowie das Erbe der sogenannten „Scherer-Schule“.
- Positivistische Literaturgeschichtsschreibung und ihre Leitprinzipien
- Die Wellentheorie und Periodisierung der deutschen Literatur
- Methodologische Ansätze: Kausalität, Determinismus und das Ererbte, Erlernte und Erlebte
- Kritische Auseinandersetzung mit Scherers Epochentheorie und Literaturverständnis
Auszug aus dem Buch
2.Geschichte der deutschen Literatur
Die Hinwendung Scherers zur Geschichtsschreibung begann im Jahre 1866 mit einer Veröffentlichung zum „Leben Willirams“ und mündete nach Arbeiten zur deutschen Literatur des Mittelalters und der Reformationszeit in das Werk, das sein einflussreichstes werden sollte, in die „Geschichte der deutschen Literatur“(1883).
Um ein Werk und dessen Intention verstehen zu können, ist es von Vorteil, etwas über den Hintergrund seines Entstehens zu erfahren. Der Vorschlag für die Literaturgeschichte kam von seinem väterlichen Freund und Mentor Karl Müllenhoff und verfolgte vorrangig die Ziele „die populäre Literaturgeschichte Vilmars zu verdrängen“ und der Nation ihre Entwicklung kurz und übersichtlich darzulegen. Dass es sich also um ein „popularisierendes Unternehmen“ handelte, war allen Beteiligten klar und beispielsweise damit einhergehende Vereinfachungen waren auch Gegenstand zum Teil scharfer Kritik, worauf ich jedoch genauer erst unter Punkt 5 eingehen werde. Aber auch die zu dem Zeitpunkt dominierende Literaturgeschichte von Vilmar wird angesprochen, die Scherer heftig kritisiert, vor allem, weil sie von starkem Patriotismus gekennzeichnet sei und es in der überhöhten Darstellung der literarischen Vormachtstellung der Deutschen zu Verzerrungen der eigentlichen Fakten käme.
Für Aufruhr hat besonders ein Gedanke gesorgt, mit dem bereits das zweite Kapitel eingeleitet wird: „Man pflegt zwei Blüteperioden unserer Literatur anzunehmen. Ich glaube, daß es drei gegeben hat.“ Dieser Aspekt erweist sich für Scherer als zentral, denn „der große Umriß unserer Literaturgeschichte bekommt eine außerordentliche Klarheit, wenn man sich gegenwärtig hält, daß sie drei Höhepunkte erklommen hat, welche ungefähr je sechshundert Jahre von einander abstehen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Erkenntnisinteresses, das die widersprüchliche programmatische Linie Scherers sowie die Bedeutung biographischer und psychologischer Aspekte in seinem Werk hinterfragt.
2. „Geschichte der deutschen Literatur“: Erörterung der Entstehungsgeschichte des Hauptwerks, der zentralen Periodisierung in Blüte- und Verfallsepochen sowie der Bedeutung des „popularisierenden Unternehmens“.
3. Die methodologische Programmatik: Darstellung von Scherers positivistischem Wissenschaftsverständnis, das Literatur als durch kausal-deterministische Gesetze beeinflussbar begreift.
4. „Poetik“: Analyse des posthumen Werks, das den systematischen Aufbau der Literaturwissenschaft anstrebt und den Gegenstandsbereich sowie die Analyse von Dichtung in Hergang, Ergebnis und Wirkung definiert.
5. Rezension und Kritik: Auseinandersetzung mit zeitgenössischer und späterer Kritik an Scherers Epochentheorie, seinem methodischen Vorgehen und dem Umgang mit biographischen Faktoren.
6. Schluss: Würdigung des Einflusses Scherers auf seine Studenten und die Etablierung der nach ihm benannten „Scherer-Schule“ im Bereich der textkritischen Forschung.
Schlüsselwörter
Wilhelm Scherer, Literaturgeschichte, Positivismus, Literaturtheorie, Blüteepochen, Poetik, Kausalitätsprinzip, Determinismus, Scherer-Schule, Periodisierung, Literaturwissenschaft, Geisteswissenschaften, Psychologie, Literaturkritik, Germanistik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das wissenschaftliche Werk und den theoretischen Ansatz des Literaturhistorikers Wilhelm Scherer mit Fokus auf seine Literaturgeschichte und seine Poetik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Positivismus in der Literaturwissenschaft, die Periodisierung der deutschen Literaturgeschichte sowie das Verhältnis von Dichtung zu psychologischen und soziologischen Faktoren.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Hauptpunkte von Scherers Programmatik zu erläutern, seine theoretischen Werke zu analysieren und kritische Stimmen zu seinem wissenschaftlichen Wirken zusammenzufassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philologische Analyse und vergleichende Sekundärliteraturforschung, um Scherers eigene theoretische Konzepte (wie das Kausalitäts- und Determinismusprinzip) zu explizieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Entstehung und Struktur seiner Literaturgeschichte, seine Methodik, die theoretischen Ansätze in der „Poetik“ sowie die zeitgenössische Kritik an seinen Theorien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Scherer, Literaturgeschichte, Positivismus, Determinismus und Epochentheorie charakterisiert.
Wie definiert Scherer Blüteepochen?
Scherer definiert Blüteepochen durch eine wellenartige historische Struktur, in der bestimmte literarische Qualitäten und der Einfluss gesellschaftlicher Faktoren, wie etwa die Rolle der Frauen, korrelieren.
Warum wird Scherers Stil oft kritisiert?
Kritisiert wird sein essayistischer und popularisierender Stil, der nach Ansicht einiger Kritiker eher rhetorisches Arrangement als tiefgehende literarische Analyse biete.
Welche Rolle spielt die „Scherer-Schule“?
Die „Scherer-Schule“ bewahrte sein Erbe, indem sie seine Begeisterung für akribische textkritische Editionen und biographische Forschung bis weit ins 20. Jahrhundert fortführte.
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- Janine Kapol (Author), 2006, Der literaturtheoretische Ansatz Wilhelm Scherers, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54819