Aus heutiger Sicht assoziiert man mit den Begriffen „Volkslied“ und „Kunstmusik“ zwei völlig verschiedene Musikbereiche. Als Volkslied fallen einem häufig Lieder wie „Alle Vögel sind schon da“, „Schlaf Kindlein, Schlaf“ oder „Der Kuckuck und der Esel“ ein. Meistens sind es Lieder, die man im Kindesalter von den Eltern oder in der Schule kennen gelernt hat. Oft wird daher der Begriff „Volkslied“ dem des „Kinderliedes“ gleichgesetzt; eine niedrige Bewertung dieser Lieder bezüglich des musikalischen Niveaus geht damit einher. Es sind Lieder, die im alltäglichen Leben verwendet und von allen gesungen werden können. Die spontanen Einfälle zum Begriff „Kunstmusik“ bilden einen anderen Kontext: hier fallen einem zuerst die Namen großer Komponisten wie Bach, Mozart oder Beethoven ein, oder Gattungen wie Fugen, Opern und Symphonien. Die Musik ist kunstvoll durchdacht und gestaltet und wird von ausgebildeten Musikern in Konzertsälen dargeboten. Ist eine Verknüpfung der beiden Bereiche überhaupt möglich? Die Übernahme von Kunstmusik in Volkslieder ist mangels musikalischer Ausbildung der Ausführenden technisch nicht ohne weiteres durchführbar. Im Gegensatz dazu ist die Übernahme von Volksliedern in die Kunstmusik so gesehen machbar. Doch wäre solch ein Verfahren sinnvoll? Kann ästhetisch hoch angesiedelte, ja vollkommene Musik dadurch noch etwas hinzugewinnen? Für genau diese Frage soll im Folgenden eine Antwort gefunden werden. Denn wie sich im Verlauf zeigen wird, findet sich in allen Bereichen der Kunstmusik das Phänomen der Verwendung von Volksliedern.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Über das Volkslied
1.2 Zum Begriff der „Idee“
1.3 Übertragung auf das Volkslied
2 Das Volkslied
2.1 Abgrenzung zum Kunstlied
2.2 Das Wesen des Volkliedes – Volkslieder vor Herder
2.2.1 Volksliedtexte
2.2.2 Volksliedmelodien
2.2.3 Das Verhältnis zwischen Wort und Ton
2.3 Johann Gottfried Herder
2.4 Volkslied-Sammlungen
2.4.1 Achim von Arnim und Clemens Brentano – „Des Knaben Wunderhorn“
2.4.1.1 Des Antonius von Padua Fischpredigt
2.4.2 August Kretzschmer und Wilhelm von Zuccamaglio – „Deutsche Volkslieder mit ihren Original-Weisen“
2.4.2.1 Analyse „Schwesterlein“
2.4.3 Ludwig Erk, Wilhelm Irmer und Franz Magnus Böhme – „Die deutschen Volkslieder mit ihren Singweisen“ und „Deutscher Liederhort”
2.5 Das „Lied im Volkston“
2.6 Zusammenfassung
3 Johannes Brahms
3.1 Biographische und kompositorische Bedingungen der Volkslied Bearbeitungen
3.2 Johannes Brahms und die Volkslieder aus der Sammlung von Zuccalmaglio
3.3 „Schwesterlein“ für eine Singstimme und Klavierbegleitung, WoO 33/15
3.3.1 Analyse und Interpretation
3.4 Die „Idee des Volksliedes“ bei Johannes Brahms
3.5 Die „Idee des Volksliedes“ als Ausgangspunkt zur Komposition von „Liedern im Volkston“ – „Wiegenlied“ Op.49/4
3.6 Auswirkungen der „Idee des Volksliedes“ auf die Kunstmusik bei Johannes Brahms
4 Gustav Mahler
4.1 „Natur-“ und „Volkston“ und die Auswirkung auf das kompositorische Schaffen
4.2 Gustav Mahler und sein Verhältnis zu „Des Knaben Wunderhorn“
4.3 Gustav Mahler – Gesänge aus „Des Knaben Wunderhorn“
4.3.1 Das Verhältnis zwischen Klavier- und Orchesterfassung bei Gustav Mahlers Liedern
4.3.2 „Des Antonius von Padua Fischpredigt“ – Entstehung, Analyse, Interpretation, Auswertung
4.4 Die „Idee des Volkliedes in der Kunstmusik“ bei Gustav Mahler
5 Die unterschiedliche Verwendung und Auswirkung der „Idee des Volksliedes in der Kunstmusik“ – Ein Vergleich zwischen Johannes Brahms und Gustav Mahler
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die theoretische und praktische Bedeutung des Volksliedes für die Kunstmusik des 19. Jahrhunderts und den Übergang zur Moderne. Ausgehend von Herders Konzept einer „Idee des Volksliedes“ wird analysiert, wie Komponisten das Volkslied als Quelle der Natürlichkeit und Einfachheit instrumentalisierten, stilisierten oder in ihr kompositorisches Werk integrierten.
- Die philosophische und ästhetische Grundlegung des Volksliedbegriffs bei Herder.
- Die Rolle der Volksliedsammlungen (Arnim/Brentano, Zuccamaglio, Erk/Böhme) und deren Einfluss auf die Komponisten.
- Die differenzierte Herangehensweise von Johannes Brahms an Volksliedbearbeitungen und das „Lied im Volkston“.
- Die funktionale Einbindung volksliedhafter Elemente bei Gustav Mahler als Kontrast zur „Zivilisationswelt“.
- Ein vergleichendes Fazit zur unterschiedlichen Wirkungsweise und Bedeutung des Volksliedideals bei beiden Komponisten.
Auszug aus dem Buch
2.4.2.1 Analyse „Schwesterlein“
Als Beispiel soll nun das Lied „Schwesterlein“ näher betrachtet werden. Die Verfasserin hat dieses Lied ausgewählt, weil es als Vertreter für die besonderen, eher unüblichen Volksweisen stehen soll, später aber bei Brahms sogar mehrfach bearbeitet wurde und dort zur Gruppe der häufigsten Bearbeitungsweisen gehört.
Dieses Lied ist im ersten Band „Deutsche Volkslieder mit ihren Original-Weisen“ in der Abteilung „Ernste Romanzen und Sagen“ als Nr. 68 abgedruckt. (Vgl. Notenbeispiel 1 im Anhang S. III) Zuccalmaglio hat es 1825 in Schlebusch am Niederrhein aufgezeichnet.
Der Text gliedert sich in fünf gleich gebaute Strophen, die aus sechs Versen, welche sich zu drei zweizeiligen Abschnitten zusammenfassen lassen, bestehen. Der erste Vers einer jeden Strophe enthält die Anrede „Schwesterlein, Schwesterlein“, der dritte Abschnitt beginnt jeweils mit der Anrede „Brüderlein“ und schließt sich an die Worte der Schwester des zweiten Abschnittes einer jeden Strophe fort; es handelt sich demnach um einen Dialog zwischen Bruder und Schwester.
Der Text dieses Liedes ist zum größten Teil eine Eigenschöpfung Zuccalmaglios. Angeregt wurde er durch zwei Vierzeiler aus dem im Jahre 1810 notierten Volksliede „Laß doch meine Jugend, meine Jugend florieren“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung problematisiert die Trennung von Volkslied und Kunstmusik und stellt die Forschungsfrage, ob eine Übertragung von Volksliedern in den Kunstmusikkontext sinnvoll und möglich ist.
2 Das Volkslied: Dieses Kapitel definiert die "Idee des Volksliedes" nach Herder, beleuchtet historische Sammlungen und diskutiert die Abgrenzung zum Kunstlied sowie die Entstehung des "Liedes im Volkston".
3 Johannes Brahms: Es wird untersucht, wie Brahms auf Basis der Zuccalmaglio-Sammlung das Volkslied als ideales, musikalisches Urbild begreift und dessen "Natürlichkeit" in seine Liedkompositionen überführt.
4 Gustav Mahler: Dieses Kapitel zeigt auf, wie Mahler volksmusikalische Versatzstücke nicht zur Bewahrung einer Idylle, sondern als semantische "Vokabeln" zur Kommentierung der modernen Lebenswelt verwendet.
5 Die unterschiedliche Verwendung und Auswirkung der „Idee des Volksliedes in der Kunstmusik“ – Ein Vergleich zwischen Johannes Brahms und Gustav Mahler: Der Vergleich verdeutlicht die verschiedenen ästhetischen Ansätze, bei denen das Volkslied für Brahms ein authentisches Ideal, für Mahler hingegen ein verfügbares, künstlich transformiertes Material darstellt.
Schlüsselwörter
Volkslied, Kunstmusik, Johann Gottfried Herder, Johannes Brahms, Gustav Mahler, Des Knaben Wunderhorn, Lied im Volkston, Romantik, Moderne, Zuccalmaglio, Volksliedsammlung, Kompositionstechnik, Ästhetik, Musikgeschichte, Kulturgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie das Konzept des Volksliedes als ästhetisches Ideal oder kompositorisches Material in der Kunstmusik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bei Johannes Brahms und Gustav Mahler verwendet wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Themenfelder umfassen die Definition des Volksliedes seit Herder, die Bedeutung historischer Volksliedsammlungen, die Rolle des "Liedes im Volkston" sowie den künstlerischen Umgang der Komponisten mit volksmusikalischen Vorlagen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, den "Weg vom Volkslied zum Kunstlied" nachzuzeichnen und zu klären, wie sich die Funktion des Volksliedideals in den Werken von Brahms und Mahler unterscheidet.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin nutzt literatur- und musikwissenschaftliche Analysen, Vergleiche zwischen Textvorlagen und Kompositionen sowie die Auswertung zeitgenössischer Dokumente und Sekundärliteratur.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des Volksliedbegriffs, die Untersuchung der Praxis bei Brahms (anhand von "Schwesterlein" und dem "Wiegenlied") und bei Mahler (anhand der "Wunderhorn"-Gesänge).
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben den Komponistennamen vor allem "Idee des Volksliedes", "Lied im Volkston", "Romantisierung", "Zivilisationswelt" und "Wunderhorn".
Warum wird gerade das Lied "Schwesterlein" als Analysebeispiel gewählt?
Das Lied dient als Beispiel für eine eher unübliche Volksweise, die von Zuccalmaglio bearbeitet und später von Brahms als Vorlage für eine mehrfache, kunstvolle Vertonung genutzt wurde.
Worin liegt der Hauptunterschied zwischen Brahms' und Mahlers Umgang mit dem Volkslied?
Brahms strebte nach der Wahrung der Authentizität und der "Veredelung" durch schlichte Bearbeitung im Dienst des Volksliedes, während Mahler volksliedhafte Elemente als Mittel zur Kommentierung seiner Umwelt "dienstbar" machte und ironisierte.
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- Christine Krüger (Author), 2005, Die Idee des Volksliedes in der Kunstmusik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54818