Die Romantiker interpretierten auf ihre Weise den Rationalismus der Aufklärung, dem sie die Kräfte des Gefühls und die Erhebungen der Seele entgegenstellten. Dies führte zu einer breiten Auseinandersetzung mit dem Volksmärchen und dem sogenannten "Kunstmärchen", dessen sich insbesondere frühromantische Dichter bedienten, um Entwürfe einer Neuen Zeit zu erstellen.
Volksmärchen können, im Gegensatz zum Kunstmärchen, keinem klar benennbaren Verfasser zugeschrieben werden. Sie haben über eine längere Zeit und viele Generationen in mündlicher Tradition gelebt und sind durch diese Tradition erheblich geformt worden. Doch bereits seit dem Mittelalter haben einzelne Märchen Eingang in die schriftliche literarische Arbeit gefunden.
Kunstmärchen sind bewusste literarische Hervorbringungen einzelner, uns in der Regel bekannter Dichter. Sie sind geprägt von den philosophischen Auffassungen, schriftstellerischen Mitteln und literarischen Intentionen des jeweiligen Autors und werden, anders als die Volksmärchen, im Gang ihrer (vorwiegend schriftlichen Überlieferung) nicht verändert.
Inhaltsverzeichnis
A: Das Volksmärchen
Name und Begriff
Zu den Ursprüngen des Volksmärchens
Die Gebrüder Grimm und das Volksmärchen in Deutschland
Typische Merkmale des Volksmärchens
Zur gesellschaftlichen und politischen Funktion des Volksmärchens
B: Das Kunstmärchen
Name und Begriff
Das Kunstmärchen und sein Gang durch die Literaturgeschichte
Die Bedeutung des Kunstmärchens in der Romantik
C: Das Volks- und Kunstmärchen in der romantischen Theoriediskussion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen und die historische Entwicklung von Volks- und Kunstmärchen mit einem besonderen Schwerpunkt auf der romantischen Theoriediskussion. Ziel ist es, die spezifischen Definitionsmerkmale beider Gattungen herauszuarbeiten sowie den ideologischen Meinungsstreit zwischen den Vertretern der Naturpoesie und der Kunstpoesie, insbesondere im Kontext der Gebrüder Grimm und der Romantik, nachzuzeichnen.
- Strukturelle und inhaltliche Abgrenzung von Volksmärchen und Kunstmärchen
- Die Rolle der Gebrüder Grimm bei der Verschriftlichung und Transformation von Märchenstoffen
- Märchen als Spiegel gesellschaftlicher und politischer Funktionen
- Der Einfluss der romantischen Philosophie (insb. Novalis) auf die Märchentheorie
- Die Kontroverse um "Naturpoesie" und "Kunstpoesie" im Briefwechsel der Romantiker
Auszug aus dem Buch
Typische Merkmale des Volksmärchens
Der Ablauf der volkstümlichen Märchenerzählungen ist durch eine Anzahl verschiedener Faktoren gekennzeichnet. Im Folgenden referiere ich im Wesentlichen die Auffassung des Märchenforschers Max Lüthi (11) zu diesem Themenbereich.
Zuerst finden wir Spannung und Entspannung als ein Kriterium. Ein Vater schickt seine drei Söhne in die Welt hinaus. - Was für Abenteuer werden sie zu bestehen haben? Werden sie sie bestehen? Wird es ihnen gelingen, die schwere Aufgabe zu lösen? Eine Prinzessin wird einem Drachen ausgeliefert: Gibt es eine Rettung für sie? – Die so erzeugte Spannung ist eine besondere Spannung. Der Märchenhörer oder –leser weiß um die Struktur der Märchen (der jüngste Sohn besteht die Probe, der dritte Sohn findet das Lebenswasser usw.). Die Spannung beruht nicht auf der Frage, was geschehen wird, sondern auf der Frage, wie es geschieht. Beispielsweise steht im Vordergrund der Darstellung wie es dem fliehenden Paar gelingt, der Verfolgung durch die Hexe zu entkommen. Da ist die magische Flucht: einmal wirft das Mädchen eine Bürste hinter sich, und sie verwandelt sich in eine dichten Wald oder ein Gebüsch. Wirft das Mädchen einen Klumpen Lehm aus, so verwandelt sich dieser in einen Sumpf. Wirft das Mädchen zum Dritten ein Stück Seife hinter sich, verwandelt dies sich in einen glitschigen Berg, den die Hexe nicht überwinden kann. Die benutzten Gegenstände wechseln dabei ständig von Märchenerzählung zu Märchenerzählung.
Ein zweites Regulativ ist Wiederholung und Abwechslung.
Drei Brüder ziehen aus, um dieselbe Aufgabe zu bewältigen. Drei Drachen sind zu töten und drei Prinzessinnen zu erlösen. Nicht selten werden die einander entsprechenden Episoden fast wörtlich gleich erzählt. Abwechslung wird dabei durch die Kriterien Kontrast und Steigerung erreicht. So zum Beispiel im Aschenputtel-Märchen: dreimal muss Aschenputtel aus der Asche lesen, einmal Erbsen, dann Bohnen, zuletzt Linsen.
Zusammenfassung der Kapitel
A: Das Volksmärchen: Dieses Kapitel definiert das Volksmärchen als mündlich tradiertes Erzählgut ohne festen Verfasser und untersucht seine historischen Ursprünge sowie die Rolle der Gebrüder Grimm bei dessen Fixierung.
Name und Begriff: Hier wird die Etymologie des Märchenbegriffs erläutert und der Übergang von der mündlichen Erzählung zum "Buchmärchen" kritisch beleuchtet.
Zu den Ursprüngen des Volksmärchens: Eine Untersuchung altertümlicher Erzählmotive aus Ägypten, Mesopotamien und der Antike, die als Vorläufer märchenhafter Stoffe identifiziert werden.
Die Gebrüder Grimm und das Volksmärchen in Deutschland: Dieses Kapitel analysiert die Sammeltätigkeit der Grimms vor dem Hintergrund der Heidelberger Romantik und den Einfluss gesellschaftlicher Veränderungen auf die Überlieferung.
Typische Merkmale des Volksmärchens: Eine Zusammenfassung der Strukturmerkmale nach Max Lüthi, wie Spannung, Wiederholung, Abwechslung und das Streben nach Formbestimmtheit.
Zur gesellschaftlichen und politischen Funktion des Volksmärchens: Die Betrachtung des Märchens als Kontrastbild zur Realität, welches Sozialkritik übt und Wünsche der unterdrückten Bevölkerung artikuliert.
B: Das Kunstmärchen: Einführung in die Gattung des Kunstmärchens, die sich durch bewusste Autorschaft und literarische Individualität von der Volksdichtung abgrenzt.
Name und Begriff: Erläuterung der Gattungsbezeichnung als literaturwissenschaftlicher Terminus in Analogie zum Kunstlied.
Das Kunstmärchen und sein Gang durch die Literaturgeschichte: Ein historischer Abriss von den Anfängen in Italien (Basile) über den französischen Einfluss (Perrault) bis hin zur deutschen Rezeption.
Die Bedeutung des Kunstmärchens in der Romantik: Darstellung der philosophischen Überhöhung des Märchens durch Novalis als "Kanon der Poesie" und als Werkzeug zur Gestaltung der Zukunft.
C: Das Volks- und Kunstmärchen in der romantischen Theoriediskussion: Die Analyse des theoretischen Meinungsstreits zwischen den Grimms und anderen Romantikern über die Begriffe Naturpoesie und Kunstpoesie.
Schlüsselwörter
Volksmärchen, Kunstmärchen, Gebrüder Grimm, Romantik, Naturpoesie, Kunstpoesie, Novalis, Überlieferung, Max Lüthi, Mythos, Märchenmotive, Erzählstruktur, Literaturgeschichte, Poetik, Volksdichtung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen Unterscheidung und historischen Entwicklung von Volks- und Kunstmärchen, insbesondere innerhalb der romantischen Literaturbetrachtung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernbereichen zählen die Märchensammlung der Gebrüder Grimm, die Definition des Märchens nach Max Lüthi, der Unterschied zwischen Natur- und Kunstpoesie sowie die romantische Philosophie des Märchens.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Entwicklung der Märchentheorie nachzuzeichnen und aufzuzeigen, wie sich die Sichtweise auf Märchen von einer ursprünglich mündlichen Volkstradition hin zu einem literarischen Kunstmittel wandelte.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, indem sie primäre Märchenquellen, zeitgenössische Briefwechsel der Romantiker und relevante theoretische Fachliteratur auswertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Volksmärchens, die Abgrenzung zum Kunstmärchen und die detaillierte Analyse der theoretischen Auseinandersetzungen im 19. Jahrhundert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Naturpoesie, Kunstpoesie, der "Grimm-Ton", die romantische Geschichtsphilosophie, Mythen sowie die Transformation von Stoffen in literarische Texte.
Wie bewerten die Gebrüder Grimm die "Autorenschaft" ihrer Märchen?
Die Grimms sahen sich primär als Wissenschaftler und Bewahrer einer uralten, volkseigenen Poesie; sie lehnten eine bewusste "Verfälschung" ab, mussten jedoch Kompromisse bei der Textgestaltung eingehen.
Welche Rolle spielt Novalis für die Interpretation des Kunstmärchens?
Novalis maß dem Märchen eine zentrale Bedeutung bei: Für ihn war es das höchste poetische Prinzip, welches die Realität überschreitet und als "Seher" die goldene Zukunft vorwegnehmen kann.
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- Konrad Goettig (Autor:in), 2013, Das Volksmärchen und das Kunstmärchen in der romantischen Theoriediskussion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/542724