Handelt es sich bei Jugendsprache lediglich um ein natürliches Phänomen, das mit Sprachwandel zusammenhängt oder sind jugendsprachliche Äußerungsformen schon so weit von der Standardsprache abgehoben, dass dies den Einstieg in einen Sprachverfall darstellt?
Ist von Jugendsprache oder Jugend die Rede, so gibt es verschiedene Ansichten darüber, was überhaupt gemeint ist. Was Jugendliche an ihren sprachlichen Ausdrucksformen schätzen, wie z.B. die Offenheit, Direktheit, Einfachheit, gute Verständlichkeit und gelegentliche Respektlosigkeit, sehen Außenstehende eher als lästig und unzumutbar an. Nicht nur heute, sondern auch Jahre zuvor stand Jugendsprache in der Kritik. So wurde sie bspw. von Hartmut Engelmann 1964 als klotzige, protzige und brutale Sprache charakterisiert. Auch in den Neunzigern wurden Jugendsprache negative Eigenschaften, wie eine "zunehmende Quantität an aggressiven Brutalismen, Grobianismen und vulgären Fäkalismen" zugeschrieben.
Solche Negativbilder im Bezug auf Jugendsprache sind also nicht neu, schließlich werden sie in der Öffentlichkeit, z.B. durch die Medien, seit je her fleißig verbreitet, wodurch Jugendsprache zu Recht als "Spielzeug der Medien" betitelt werden kann. Jugendsprache kann also kein neuzeitliches Phänomen sein, wenn sie bereits Jahre zuvor in der öffentlichen Kritik stand. So konnten sich Negativbilder seitens Journalisten, Politiker, Lehrer, Eltern oder anderen Gruppen ungeschürt verbreiten, denn "Jugendsprache wurde zum Thema öffentlicher Diskussion, noch bevor sie Gegenstand sprachwissenschaftlicher Forschung war." Ungehindert wurden Bilder einer verdorbenen heutigen Jugend verbreitet, deren Sprache von der gesellschaftlich anerkannten Standardsprache abweicht und dadurch eine Bedrohung für sie darstellen soll.
Genau diesen Negativbildern steht die linguistische Jugendsprachforschung heute gegenüber. Wird seitens der Öffentlichkeit vor einem Sprachverfall in Bezug auf Jugendsprache gedroht, so geht die Linguistik tiefer, in dem sie Zusammenhänge zwischen Jugendsprache, Standardsprache und sprachlichen Wandlungsprozessen untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begrifflichkeiten
2.1. Standardsprache
2.2. Jugendsprache
3. Jugendsprache als Unterrichtsthema
3.1. Perspektiven für den Deutschunterricht
4. Jugendsprache: Sprachwandel oder Sprachverfall?
4.1. Jugendsprache als Symptom für Sprachverfall
4.2. Jugendsprache als Faktor des Sprachwandels
4.2.1. Soziolinguistische Stile
4.2.2. Destandardisierung und Restandardisierung
4.2.3. Der Einfluss der Medien auf sprachliche Wandlungsprozesse
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen Jugendsprache im Spannungsfeld zwischen öffentlicher Wahrnehmung als Sprachverfall und linguistischer Einordnung als natürlicher Faktor des Sprachwandels. Ziel ist es, Vorurteile kritisch zu beleuchten und aufzuzeigen, wie das Thema produktiv und schülerorientiert in den Deutschunterricht integriert werden kann.
- Kritische Analyse von Negativbildern und Sprachverfall-Diskursen
- Linguistische Fundierung von Jugendsprache als Gruppensprache
- Wechselwirkung zwischen Jugendsprache und Standardsprache
- Didaktische Konzepte zur Thematisierung im Schulunterricht
- Einfluss der Medien auf sprachliche Wandlungsprozesse
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Ist von Jugendsprache oder Jugend die Rede, so gibt es verschiedene Ansichten darüber, was überhaupt gemeint ist. Was Jugendliche an ihren sprachlichen Ausdrucksformen schätzen, wie z.B. die Offenheit, Direktheit, Einfachheit, gute Verständlichkeit und gelegentliche Respektlosigkeit, sehen Außenstehende eher als lästig und unzumutbar an. Nicht nur heute, sondern auch Jahre zuvor stand Jugendsprache in der Kritik. So wurde sie bspw. von Hartmut Engelmann 1964 als klotzige, protzige und brutale Sprache charakterisiert. Auch in den Neunzigern wurden Jugendsprache negative Eigenschaften, wie eine „zunehmende Quantität an aggressiven Brutalismen, Grobianismen und vulgären Fäkalismen“ zugeschrieben.
Solche Negativbilder im Bezug auf Jugendsprache sind also nicht neu, schließlich werden sie in der Öffentlichkeit, z.B. durch die Medien, seit je her fleißig verbreitet, wodurch Jugendsprache zu Recht als „Spielzeug der Medien“ betitelt werden kann. Jugendsprache kann also kein neuzeitliches Phänomen sein, wenn sie bereits Jahre zuvor in der öffentlichen Kritik stand. So konnten sich Negativbilder seitens Journalisten, Politiker, Lehrer, Eltern oder anderen Gruppen ungeschürt verbreiten, denn „Jugendsprache wurde zum Thema öffentlicher Diskussion, noch bevor sie Gegenstand sprachwissenschaftlicher Forschung war.“ Ungehindert wurden Bilder einer verdorbenen heutigen Jugend verbreitet, deren Sprache von der gesellschaftlich anerkannten Standardsprache abweicht und dadurch eine Bedrohung für sie darstellen soll.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die langjährige öffentliche Kritik an Jugendsprache und stellt die zentrale Forschungsfrage, ob es sich um einen Sprachverfall oder einen natürlichen Sprachwandel handelt.
2. Begrifflichkeiten: Dieses Kapitel definiert die zentralen Begriffe Standardsprache und Jugendsprache sowie deren Abgrenzung zur Umgangssprache.
3. Jugendsprache als Unterrichtsthema: Es werden didaktische Ansätze vorgestellt, wie das Thema Jugendsprache schülerorientiert und reflektiert in den Deutschunterricht integriert werden kann.
4. Jugendsprache: Sprachwandel oder Sprachverfall?: Hier erfolgt eine vertiefende Analyse der öffentlichen Diskursmuster (Sprachverfall vs. Sprachwandel) inklusive einer Fallstudie und der Betrachtung soziolinguistischer Stile.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Jugendsprache zu Unrecht als Sprachverfall stigmatisiert wird, da sie in Wahrheit ein dynamischer Faktor des Sprachwandels ist.
Schlüsselwörter
Jugendsprache, Sprachwandel, Sprachverfall, Standardsprache, Soziolinguistik, Unterricht, Medien, Gruppensprache, Destandardisierung, Restandardisierung, Jugendliche, Sprachbewusstsein, Sprachdidaktik, Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der wissenschaftlichen Einordnung von Jugendsprache und der Frage, warum diese oft fälschlicherweise als Sprachverfall gewertet wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die Definitionen von Jugend- und Standardsprache, die Rolle der Medien bei der Stigmatisierung sowie die didaktische Einsetzbarkeit des Themas im Unterricht.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die These zu belegen, dass Jugendsprache kein Symptom für den Verfall der Sprache ist, sondern als ein aktiver Faktor zum Sprachwandel beiträgt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch arbeitende Hausarbeit, die linguistische Fachliteratur sowie eine aktuelle Studie der Markt- und Meinungsforschung Wien analysiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Begriffsklärung, didaktische Perspektiven für Schulen und eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld zwischen Sprachwandel und Sprachverfall.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Jugendsprache, Sprachwandel, Sprachverfall, Standardsprache und Soziolinguistik definiert.
Was besagt das Modell von Eva Neuland zur Destandardisierung?
Das Modell verdeutlicht den Prozess, bei dem jugendsprachliche Neubildungen durch Stilverbreitung in die Standardsprache übergehen und dort an ihrer ursprünglichen jugendlichen Spezifik verlieren.
Warum kritisieren Linguisten die öffentliche Berichterstattung über Jugendsprache?
Linguisten kritisieren, dass Medien oft ein einseitig negatives Bild einer "verdorbenen Jugend" zeichnen, ohne wissenschaftliche Belege anzuführen, was zur unnötigen Verunsicherung der Gesellschaft beiträgt.
Welche Rolle spielen Medien als "Promotoren des Wandels"?
Medien verbreiten sprachliche Trends, wirken aktiv an der Stilbildung mit und tragen dazu bei, dass neue Ausdrücke sowohl aus dem täglichen Gebrauch als auch aus fiktiven, erfundenen Quellen in die Standardsprache gelangen.
Wie kann das Thema Jugendsprache konkret im Deutschunterricht behandelt werden?
Die Arbeit schlägt vor, anhand von Sprachvergleichen, Chat-Analysen und der Untersuchung von Bedeutungsverschiebungen (z.B. der Wörter "geil" oder "Opfer") das Sprachbewusstsein der Schüler zu fördern.
- Arbeit zitieren
- Elena Bock (Autor:in), 2016, Jugendsprache. Sprachwandel oder Sprachverfall?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502966