"Feminismus, Quote und Frauenbeauftragte - All dies halten junge Frauen für steinzeitlich. Sie sind frei. Die Töchter der Frauenbewegung lassen sich von keinem Mann etwas vorschreiben. "Sexy" ist für eine Studentin, die ein Auslandsstipendium in der Tasche hat, kein Schimpfwort. Soweit die Eliten. Für die weibliche Unterschicht haben sich schon die Traditionsfeministinnen der 70er Jahre nie sehr interessiert; heute hat sie erst recht keine Lobby."
Diese provokante Aussage von Susanne Gaschke war der Ausgangspunkt einer Diskussion im Rahmen der ZEIT-Serie "Was haben die Frauen in Deutschland erreicht?". Die 28-jährige Schriftstellerin Jana Hensel hält in der gleichen Ausgabe der ZEIT den Erfolg der Emanzipation für ein Märchen und klagt an, dass in Zeitschriften und Büchern für Frauen ein Rollenverständnis von vorgestern propagiert würde. Gerade die mediale Festschreibung von absolut traditionellen Rollenmustern hält sie für eine wesentliche Grundlage für das breite Desinteresse von gerade jungen Frauen an feministischen Themen. Sie fordert "eine Rückgewinnung des Bewusstseins". weiblichen Die Fragen nach Unabhängigkeit und Gleichberechtigung junger Frauen müssen aus ihrer Sicht entsprechend beantwortet werden, um zu verhindern, "wie eine Mädchengeneration nach der anderen, darin ungeschult und ungeübten Verstandes, in erschreckender Zahl an den wichtigen Punkten scheitert." Die durchweg von jungen Frauen auf diesen Artikel hin verfassten Leserbriefe konnten Hensels Klage nicht nachvollziehen. So schrieb die Völkerrechtlerin und Schriftstellerin Juli Zeh unter der Überschrift "Lieber Wellness als Karriere? Dann lassen wir sie doch" in ihrer Stellungnahme: "Alle meine Freundinnen arbeiten oder nicht, haben Kinder oder nicht, einen Freund oder Ehemann oder eben nicht - und keine von ihnen fühlt sich unterdrückt, diskriminiert und von der BRIGITTE gehirngewaschen."
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Mädchenarbeit in der Tradition der Feministischen Theorien
2.1 Kurze Entstehungsgeschichte
2.2 Zentrale, handlungsleitende Begriffe der außerschulischen Mädchenarbeit
2.2.1 Prinzipien der außerschulischen Mädchenarbeit
2.2.2 Gender Mainstreaming in der Jugendarbeit
2.3 Konstruktion und Dekonstruktion von Geschlecht
2.3.1 Die soziale Konstruktion von Zweigeschlechtlichkeit
2.3.2 Dekonstruktion von Geschlecht
3. Die Lebenswelt der Mädchen heute
3.1 Wissenschaftliche Ergebnisse zur Lebenssituation von Mädchen
3.1.1 Schule und Bildung
3.1.2 Familienorientierung
3.1.3 Werteorientierung
3.1.4 Politik und soziales Engagement
3.1.5 Selbstzufriedenheit
3.2 "Modernisierte Mädchenwelten"
3.2.1 Weibliches Selbstvertrauen
3.2.2 Weibliche Bewältigungsstrategien
4. Das Verhältnis von Theorie und Praxis
4.1 Der geforderte Paradigmenwechsel
4.1.1 Neue Mädchen – alte Konzepte?
4.1.2 Kritische Betrachtung der gängigen Mädchenarbeit
4.1.3 Kritische Betrachtung der dekonstruktivistischen Denkweise
4.2 Möglichkeiten und Notwendigkeiten für eine veränderte Mädchenarbeit
4.2.1 Erwartungen der Mädchen
4.2.2 Erwartungen an die (Sozial)Pädagoginnen
5. Ausblick: Mädchenarbeit ist auf dem Weg!
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die aktuelle Lebenswelt von Mädchen zwischen 10 und 15 Jahren und hinterfragt auf dieser Grundlage die Notwendigkeit sowie die konzeptionelle Ausrichtung der außerschulischen Mädchenarbeit. Das zentrale Ziel ist es zu erörtern, ob klassische Ansätze der Mädchenarbeit den heutigen Anforderungen gerecht werden oder ob ein Paradigmenwechsel hin zu einer geschlechterreflektierenden Pädagogik erforderlich ist, um Mädchen in ihrer Entwicklung zu starken, selbstbestimmten Subjekten zu unterstützen.
- Entwicklung und Tradition der feministischen Mädchenarbeit
- Analyse der Lebenssituation und Identitätsbildung von Mädchen heute
- Kritische Auseinandersetzung mit Konstruktivismus und Dekonstruktion
- Diskussion über Gender Mainstreaming in der Jugendarbeit
- Verhältnis von Theorie und pädagogischer Praxis
- Anforderungen an moderne Mädchenarbeit und Fachkräfte
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Die soziale Konstruktion von Zweigeschlechtlichkeit
Bis zur Mitte der 80er Jahre war im Rahmen der Frauenforschung das Paradigma der geschlechtsspezifischen Sozialisation, welches nach dem Was fragte, vorherrschend. Dabei galt immer als Prämisse, dass Männer und Frauen in einer biologischen Zweigeschlechtlichkeit der Menschengattung quasi naturhaft vorhanden sind. Ausgelöst im Wesentlichen durch ethnomethodologische Studien, überwiegend aus den USA, wurde eine neue Frage ins Zentrum der Frauenforschung gestellt: Wie entsteht diese Vorstellung, dass es nur zwei Geschlechter gibt aufgrund biologischer Gegebenheiten, und wieso ändert sie sich im Laufe des Lebens nicht, d.h. wie wird diese Vorstellung im Alltag interaktiv aufrechterhalten? Vertreterinnen der Ethnomethode beziehen sich auf kulturanthropologische Studien und humanbiologische Sichtweisen, aus denen sich ergeben hat, dass nicht alle Gesellschaften nur zwei Geschlechter kennen und dass nicht in allen Kulturen die Geschlechtszugehörigkeit ein Leben lang beibehalten wird.
Ebenso wird nicht in allen Kulturen angenommen, dass die Genitalien die Geschlechtszugehörigkeit naturhaft anzeigen. Die Anfänge dieser Studien gehen bis auf Margaret Mead zurück, die bereits Mitte des vergangenen Jahrhunderts darauf hingewiesen hat, dass es Gesellschaften gibt, in denen unsere Annahme von der naturhaften Zweigeschlechtlichkeit nicht selbstverständlich ist. Die Frauenforschung unter dem ethnomethodologisch-sozialkonstruktivistischen Ansatz analysiert daher die sozialen Prozesse, die die Zweigeschlechtlichkeit in unserer Kultur hervorbringt, und die ständige Rekonstruktion dieser Zweigeschlechtlichkeit, die gleichzeitig als Stabilisator lebenslang wirkt.
"Die Konstruktionsweisen der Zweigeschlechtlichkeit, die unterschiedlichen Modi und Medien der Geschlechterkonstruktion, sind ebenso ihr Thema wie die Naturalisierungsprozeduren, die den Gesellschaftsmitgliedern den Blick darauf verstellen, dass sie selbst daran beteiligt sind, hervorzubringen, was sie immer schon und vor jedem Tun zu haben meinen."
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle gesellschaftliche Debatte über Feminismus und die Diskrepanz zwischen den erreichten Freiheiten und der Lebensrealität junger Mädchen.
2. Mädchenarbeit in der Tradition der Feministischen Theorien: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung der Mädchenarbeit nach und diskutiert theoretische Ansätze von der geschlechtsspezifischen Sozialisation bis zur Dekonstruktion.
3. Die Lebenswelt der Mädchen heute: Hier werden aktuelle Jugendstudien ausgewertet, um die Lebenssituation, Werteorientierungen und Bewältigungsstrategien von Mädchen in der modernen Gesellschaft zu verdeutlichen.
4. Das Verhältnis von Theorie und Praxis: Dieser Teil analysiert den geforderten Paradigmenwechsel und die kritische Auseinandersetzung zwischen Theoretikerinnen und Praktikerinnen hinsichtlich moderner Konzepte.
5. Ausblick: Mädchenarbeit ist auf dem Weg!: Das Fazit fasst die Notwendigkeit eines Dialogs zwischen verschiedenen Generationen von Mädchenarbeiterinnen zusammen, um eine zeitgemäße, geschlechterreflektierende Pädagogik zu entwickeln.
Schlüsselwörter
Mädchenarbeit, Feminismus, Geschlechterforschung, Soziale Konstruktion, Dekonstruktion, Gender Mainstreaming, Doing Gender, Sozialisation, Identitätsbildung, Lebenswelt, Mädchenforschung, Parteilichkeit, Geschlechterreflexion, Jugendhilfe, Empowerment.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit befasst sich mit der Entwicklung und dem aktuellen Status der sozialpädagogischen Mädchenarbeit. Sie analysiert, wie sich theoretische Diskurse der Frauen- und Geschlechterforschung auf die pädagogische Praxis auswirken.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die historische Entwicklung der Mädchenarbeit, die Lebenswelt von Mädchen heute auf Basis aktueller Studien sowie die theoretische Debatte um Geschlechterkonstruktion und Dekonstruktion.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es zu untersuchen, ob die etablierten Konzepte der Mädchenarbeit angesichts moderner gesellschaftlicher Entwicklungen noch adäquat sind und wie eine zukunftsfähige, geschlechterreflektierende Pädagogik gestaltet sein muss.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch orientierte Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse und der Auswertung existierender Jugendstudien sowie fachwissenschaftlicher Diskurse basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretischen Grundlagen, die Analyse der heutigen Mädchenwelten und die kritische Auseinandersetzung zwischen Theorie und Praxis der Mädchenarbeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Mädchenarbeit, Geschlechterforschung, Dekonstruktion, Doing Gender und Empowerment charakterisieren.
Welche Bedeutung kommt dem „Gender Mainstreaming“ in der Arbeit zu?
Die Arbeit diskutiert Gender Mainstreaming als politisches Konzept der Querschnittsaufgabe und thematisiert die Sorge, dass dadurch spezifische, parteiliche Mädchenförderung an politischer Bedeutung verlieren könnte.
Warum ist die „Generationenfrage“ in der Mädchenarbeit so relevant?
Die Autorin hebt hervor, dass die Zusammenarbeit zwischen der Gründerinnengeneration der Mädchenarbeit und jüngeren Kolleginnen ein wichtiges Feld für den notwendigen theoretischen und praktischen Transfer neuer Ansätze darstellt.
- Arbeit zitieren
- Ursula Bauder-Suchsland (Autor:in), 2005, Neue Mädchen hat das Land! Sozialpädagogische Mädchenarbeit auf dem Weg von der Geschlechterdifferenz zur Geschlechterreflexion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49635