Die Auseinandersetzung mit Ethnien ist gegenwärtig präsenter denn je. Nicht nur auf internationaler Ebene, sondern auch auf nationalem Level, wie es die vor kurzem hitzig diskutierte Debatte um die missglückte Integration in Deutschland geborener Einwandererkinder verdeutlichte. Häufig als bloßer Ersatz für den stark vorbelasteten Begriff der Rasse geläufig, bleibt eine klare Definition des Fachausdrucks im öffentlichen Sprachgebrauch doch häufig schleierhaft. Worum es sich aber bei einer Ethnie genau handelt, wie unterschiedlich der Begriff aufgefasst werden kann, aber auch inwiefern eine Abgrenzung von anderen fachbezogenen Ausdrücken wie beispielsweise dem eben genannten Rassenbegriff herzustellen ist, das soll Thema meiner hier vorliegenden Arbeit sein.
Diesbezüglich befasse ich mich nach einer knappen Definition von Ethnie und dem unmittelbar damit in Verbindung stehenden Terminus der Kultur mit verschiedenen Möglichkeiten, den Ethnienbegriff zu verstehen und mit ihm umzugehen. Im anschließenden Teil meiner Arbeit grenze ich den Fachausdruck von den verwandten Termini der Sozialen Klasse, der Statusgruppe, des Ständesystems und vor allem der Rasse ab, um mich abschliessend quellenkritisch mit dem Ethnien- und Rassenverständnis des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Zu diesem Zweck schildere ich allgemein die Situation der Ethnologie unter dem faschistischen Regime und gehe dann, ausgehend von Adolf Hitlers Propagandaschrift „Mein Kampf“, auf die Problematik des fälschlichen Umgangs mit dem Fachterminus Rasse ein, der als Grundlage für Antisemitismus und Rassenpolitik im Allgemeinen diente.
Inhaltsverzeichnis
1.0 Erläuterung der Begriffe Ethnie und Kultur
2.0 Verschiedene Möglichkeiten des Verständnisses und der Bezug zu anderen wichtigen Fachbegriffen
2.1 Drei grundlegende Ansätze, das Vorkommen von Ethnien zu interpretieren
2.2 Der Begriff Ethnie in Anlehnung an die Fachausdrücke Soziale Klasse, Statusgruppe, Ständesystem und Rasse
3.0 Die Rolle der Ethnie im Nationalsozialismus
3.1 Die Funktion der Ethnologie im Nationalsozialismus
3.2 Die Verfremdung des Ethnien- und Rassenbegriffs im Nationalsozialismus
4 Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den ethnologischen Begriff der „Ethnie“, dessen Abgrenzung zu verwandten Konzepten wie Klasse, Statusgruppe und Rasse sowie dessen wissenschaftliche und ideologische Umdeutung während der Zeit des Nationalsozialismus.
- Definition von Ethnie und Kultur in der ethnologischen Fachwissenschaft.
- Vergleich theoretischer Ansätze zur Entstehung und Interpretation von Ethnien (primordialistisch, instrumentalistisch, konstruktivistisch).
- Abgrenzung von Ethnie gegenüber soziologischen Fachbegriffen.
- Analyse der Rolle der Ethnologie im faschistischen Regime.
- Kritische Auseinandersetzung mit der ideologischen Verfremdung von Ethnien- und Rassenbegriffen in Adolf Hitlers „Mein Kampf“.
Auszug aus dem Buch
3.2 Die Verfremdung des Ethnien- und Rassenbegriffs im Nationalsozialismus
Es war nichts Ungewöhnliches und darf nicht ausschliesslich mit dem nationalsozialistischen Deutschland in Verbindung gebracht werden, dass sich die ethnologische Forschung zu damaliger Zeit überwiegend mit der Lehre von Rassen beschäftigte. Der Schritt zum Rassissmus geschieht aber durch die inkonsequente Trennung der Begriffe Rasse und Ethnie. Indem der Rasse seelische Eigenschaften zugeschrieben werden, die für die Kultur deren Träger ausschlaggebend ist, wird die Theorie der natürlichen Vernichtung schwächerer durch überlegenere Rassen erst gerechtfertigt.
Adolf Hitler teilt in seinem Werk „Mein Kampf“ die Rassen in drei Kategorien ein, in die des Kulturbegründers, die des Kulturträgers und die des Kulturzerstörers. Von der Ersten, der arischen Rasse, „stammen die Fundamente und Mauern aller menschlichen Schöpfungen“. Sie „liefert die Bausteine und Pläne zu allem menschlichen Fortschritt und nur die Ausführung entspricht der Wesensart der jeweiligen Rassen“. Folglich müsste der Ursprung sämtlicher Ethnien auch in jener Rasse zu finden sein. Angesichts der beeindruckenden und sehr alten Hochkultur Asiens, der Hitler innerhalb weniger Jahrzehnte eine Angleichung an den hellenistischen Geist und die germanische Technik prohezeite, offensichtlich eine falsche Annahme. Nach seinen Vorstellungen sei die ostasiatische Rasse zu der zweiten Kategorie, den Kulturträgern, zu zählen, die die arischen Errungenschaften zwar übernehme, sich ohne diese jedoch rückläufig entwickeln würde.
Noch einen Schritt weiter geht Adolf Hitler bei seinen Ausführungen über die Kulturzerstörer.
Zusammenfassung der Kapitel
1.0 Erläuterung der Begriffe Ethnie und Kultur: Dieses Kapitel definiert den ethnologischen Begriff der Ethnie sowie den eng damit verknüpften Kulturbegriff als Grundlage für die weiterführende Analyse.
2.0 Verschiedene Möglichkeiten des Verständnisses und der Bezug zu anderen wichtigen Fachbegriffen: Hier werden unterschiedliche wissenschaftliche Sichtweisen auf Ethnien dargelegt und der Begriff von soziologischen Konzepten wie Klasse oder Rasse differenziert.
2.1 Drei grundlegende Ansätze, das Vorkommen von Ethnien zu interpretieren: Dieser Abschnitt erläutert die primordialistische, die instrumentalistische und die konstruktivistische Theorie zur Entstehung und Interpretation von Ethnien.
2.2 Der Begriff Ethnie in Anlehnung an die Fachausdrücke Soziale Klasse, Statusgruppe, Ständesystem und Rasse: Das Kapitel grenzt den Begriff der Ethnie präzise von weiteren gesellschaftlichen Strukturmerkmalen wie sozialen Klassen, Statusgruppen und Rassen ab.
3.0 Die Rolle der Ethnie im Nationalsozialismus: Das Hauptkapitel untersucht, wie der Ethnien- und Rassenbegriff durch das NS-Regime ideologisch zweckentfremdet und instrumentalisiert wurde.
3.1 Die Funktion der Ethnologie im Nationalsozialismus: Hier wird der Opportunismus der Ethnologie während des faschistischen Regimes und deren ideologische Vereinfachung zur Massenmanipulation kritisch beleuchtet.
3.2 Die Verfremdung des Ethnien- und Rassenbegriffs im Nationalsozialismus: Dieser Abschnitt analysiert anhand von „Mein Kampf“ die gefährliche Vermischung und Umdeutung von Ethnien- und Rassenbegriffen zur Rechtfertigung nationalsozialistischer Rassenpolitik.
4 Schlussbemerkung: Das Fazit betont die fortwährende wissenschaftliche Relevanz des Ethnienbegriffs und fordert einen präzisen Umgang mit diesem Ausdruck für öffentliche Diskurse.
Schlüsselwörter
Ethnie, Kultur, Ethnologie, Nationalsozialismus, Rasse, Antisemitismus, Konstruktivismus, Primordialismus, Instrumentalismus, Ideologie, Identität, Soziale Klasse, Statusgruppe, Macht, Diskurs
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der begrifflichen Definition von Ethnie, der wissenschaftlichen Debatte um deren Entstehung sowie der ideologischen Instrumentalisierung dieser Begriffe im Nationalsozialismus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretischen Modelle zur Ethnie (konstruktivistisch bis primordialistisch), deren Abgrenzung zu soziologischen Kategorien sowie die Analyse der nationalsozialistischen Weltanschauung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Klarheit über den komplexen Fachbegriff „Ethnie“ zu schaffen und aufzuzeigen, wie unscharfe Definitionen zur ideologischen Manipulation – konkret durch das NS-Regime – genutzt wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine fachwissenschaftliche Literaturanalyse sowie eine quellenkritische Auseinandersetzung mit primären Schriften wie Adolf Hitlers „Mein Kampf“.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil erfolgt zunächst die theoretische Herleitung des Ethnienbegriffs und dessen Abgrenzung, gefolgt von einer Analyse der Ethnologie unter dem Nationalsozialismus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Ethnizität, Rasse, Konstruktivismus, Ideologiekritik und kulturwissenschaftliche Terminologie.
Wie unterscheidet sich der konstruktivistische Ansatz vom primordialistischen?
Während die primordialistische Theorie von einer biologisch determinierten Zugehörigkeit ausgeht, versteht der konstruktivistische Ansatz Ethnien als soziale Zuschreibungen und Identifizierungsprozesse.
Wie begründete Hitler laut Arbeit die Minderwertigkeit anderer Ethnien?
Hitler unterteilte die Menschheit in Kulturbegründer, Kulturträger und Kulturzerstörer, wobei er „Kulturzerstörern“ (wie dem Judentum) jegliche schöpferische Kraft absprach und sie zudem biologisch als „Rasse“ markierte.
Warum war die Ethnologie laut Autor im Nationalsozialismus unter Druck?
Da der Forschungsgegenstand der Ethnologie – das kulturell Fremde – im nationalsozialistischen Weltbild kaum Beachtung fand, passten sich viele Vertreter der Wissenschaft an, um ihre Relevanz zu sichern.
- Arbeit zitieren
- Michael Wallner (Autor:in), 2005, Der Begriff Ethnie und seine Verfremdung im Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49491