Das 1969 in Kraft getretene Berufsbildungsgesetz (BBiG) stellt die rechtliche Grundlage beruflicher Bildung in Deutschland dar. Angesichts der derzeit schwierigen Lage auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland mit hohen Arbeitslosenzahlen, einer seit Mitte der 90er Jahre zurückgehenden Zahl an neu geschlossenen Ausbildungsverträgen und einer mangelnden Ausbildungsbereitschaft der Betriebe wurden in den letzten Jahren die Rufe nach neuen Konzepten zur Entspannung der Situation immer lauter. Dazu gehören auch die berufliche Bildung, insbesondere die Ausbildung betreffende Konzepte und Reformen. Gewerkschaften stellten im Vorjahr erneut ihre altbekannten Forderungen nach einer gesetzlich geregelten Abgabe-Umlagefinanzierung durch die Betriebe während Arbeitgeberverbände verstärkt die Einführung verkürzter oder gestufter Ausbildungsgänge als Qualifizierungschance für leistungsschwächere Jugendliche forderten.
Nachdem seit Inkrafttreten des BBiG im Jahre 1969 mehrere Reformanläufe unternommen wurden, gelang es nun der rot-grünen Bundesregierung in Kooperation mit dem unionsgeführten Bundesrat, einen Kompromiss in Form des Berufsbildungsreformgesetzes (BerBiRefG) umzusetzen. Das neue BBiG trat ohne große Öffentlichkeitswirkung zum 1. April 2005 in Kraft. Auch wenn einige Gesetzesänderungen bereits kritisiert werden sind die Erwartungen, durch das Gesetz einen Beitrag zur Weiterentwicklung und Modernisierung des deutschen Berufsbildungssystems zu leisten, hoch.
Im Mittelpunkt dieses Werks steht neben einer Darstellung des Rechtsrahmens der beruflichen Bildung in Deutschland eine kritische Würdigung der Gesetzesänderungen aus berufspädagogischer Sicht.
Inhaltsverzeichnis
1 Problemstellung, themenbezogene Definitionen und Untersuchungsplan
1.1 Hinführung zur Thematik und Begriffsklärungen
1.2 Untersuchungsplan
1.2.1 Grundlagen der Dokumentenanalyse
1.2.2 Untersuchungsvorgehen
1.2.3 Kriterien zur berufspädagogischen Würdigung der Gesetzesmaßnahmen
2 Der Rechtsrahmen der beruflichen Bildung in Deutschland
2.1 Das Berufsbildungsgesetz von 1969
2.1.1 Ursachen der Notwendigkeit einer rechtlichen Neuordnung der beruflichen Bildung in Deutschland vor 1969
2.1.2 Rechtliche Situation der Berufsbildung in Deutschland vor 1969
2.1.3 Gesetzgebungsprozess
2.1.4 Geltungs- und Regelungsbereich
2.2 Reformansätze von 1970 bis heute
2.2.1 Das Ausbildungsplatzförderungsgesetz von 1976
2.2.2 Das Berufsbildungsförderungsgesetz von 1981
2.2.3 Anpassungen des Berufsbildungsgesetzes von 1982 bis 1998
2.2.4 Reformbemühungen von 1998 bis heute
2.2.5 Die Entstehung des Berufsbildungsreformgesetzes 2005
3 Geplante Gesetzesänderungen, Stellungnahmen der an der Berufsbildungspolitik beteiligten politischen Parteien und Interessengruppen, endgültige Gesetzesfassung und berufspädagogische Würdigung
3.1 Zulassung vollzeitschulischer Ausbildungsgänge zur Kammerprüfung
3.1.1 Gesetzentwurf der Bundesregierung
3.1.2 Gesetzentwürfe der Fraktionen der CDU/ CSU und FDP
3.1.3 Stellungnahmen der Lehrerinnen- und Lehrerverbände
3.1.4 Stellungnahmen der Gewerkschaften
3.1.5 Stellungnahmen der Arbeitgeberverbände
3.1.6 Endgültige Gesetzesfassung
3.1.7 Berufspädagogische Würdigung
3.2 Gesetzliche Verankerung der Stufenausbildung
3.2.1 Gesetzentwurf der Bundesregierung
3.2.2 Gesetzentwürfe der Fraktionen der CDU/ CSU und FDP
3.2.3 Stellungnahmen der Lehrerinnen- und Lehrerverbände
3.2.4 Stellungnahmen der Gewerkschaften
3.2.5 Stellungnahmen der Arbeitgeberverbände
3.2.6 Endgültige Gesetzesfassung
3.2.7 Berufspädagogische Würdigung
3.3 Veränderungen beim Bundesinstitut für Berufsbildung
3.3.1 Gesetzentwurf der Bundesregierung
3.3.2 Stellungnahmen der Lehrerinnen- und Lehrerverbände
3.3.3 Stellungnahmen der Gewerkschaften
3.3.4 Stellungnahmen der Arbeitgeberverbände
3.3.5 Endgültige Gesetzesfassung
3.3.6 Berufspädagogische Würdigung
3.4 Reform des Prüfungswesens
3.4.1 Modell der gestreckten Abschlussprüfung
3.4.1.1 Gesetzentwurf der Bundesregierung
3.4.1.2 Gesetzentwürfe der Fraktionen der CDU/ CSU und FDP, Stellungnahmen der Interessengruppen sowie endgültige Gesetzesfassung
3.4.1.3 Berufspädagogische Würdigung
3.4.2 Stellungnahme Dritter zur Bewertung von Prüfungsleistungen
3.4.2.1 Gesetzentwurf der Bundesregierung
3.4.2.2 Stellungnahmen der Interessengruppen sowie endgültige Gesetzesfassung
3.4.2.3 Berufspädagogische Würdigung
3.4.3 Delegation von Aufgaben bei der Bewertung von Abschlussprüfungen
3.4.4 Anrechnung von Zusatzqualifikationen
3.4.5 Zulassung zur Abschlussprüfung in besonderen Fällen
3.4.6 Neuausrichtung der Prüfungsgegenstands zur beruflichen Handlungsfähigkeit
3.5 Internationalisierung der Berufsausbildung
3.5.1 Gesetzentwurf der Bundesregierung
3.5.2 Gesetzentwürfe der Fraktionen der CDU/ CSU und FDP, Stellungnahmen der Interessengruppen sowie endgültige Gesetzesfassung
3.5.3 Berufspädagogische Würdigung
3.6 Stärkung der Verbundausbildung
3.6.1 Gesetzentwürfe der Bundesregierung und der Fraktionen der CDU/ CSU und FDP sowie Stellungnahmen der Interessengruppen
3.6.2 Endgültige Gesetzesfassung
3.6.3 Berufspädagogische Würdigung
3.7 Schaffung regionaler Berufsbildungskonferenzen
3.7.1 Gesetzentwurf der Bundesregierung
3.7.2 Gesetzentwürfe der Fraktionen der CDU/ CSU und FDP sowie Stellungnahmen der Interessengruppen
3.7.3 Endgültige Gesetzesfassung
3.7.4 Berufspädagogische Würdigung
3.8 Verbesserung der Lernortkooperation
3.8.1 Gesetzentwurf der Bundesregierung und Stellungnahmen der Interessengruppen
3.8.2 Endgültige Gesetzesfassung
3.8.3 Berufspädagogische Würdigung
3.9 Stimmrechte der Lehrerinnen und Lehrer in den Berufsbildungsausschüssen
3.9.1 Gesetzentwurf der Bundesregierung
3.9.2 Gesetzentwürfe der Fraktionen der CDU/ CSU und FDP sowie Stellungnahmen der Interessengruppen
3.9.3 Endgültige Gesetzesfassung und berufspädagogische Würdigung
3.10 Weitere Neuerungen im Berufsbildungsgesetz
3.10.1 Verlängerung der Probezeit
3.10.2 Abschlusszeugnis
3.10.3 Erweiterung der Ermächtigungsgrundlage für Erprobungsverordnungen
3.10.4 Statistische Grundlagen
3.10.5 Qualitätssicherung der beruflichen Bildung
4 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die politischen Hintergründe und den Inhalt des Berufsbildungsreformgesetzes 2005. Ziel ist es, zu analysieren, welchen Beitrag die Gesetzesnovellierung zur Bewältigung aktueller Probleme der beruflichen Bildung in Deutschland leisten kann, insbesondere im Hinblick auf das duale System.
- Analyse des Rechtsrahmens der beruflichen Bildung und der Reformbemühungen seit 1969.
- Untersuchung der Positionen politischer Parteien und gesellschaftlicher Interessengruppen im Gesetzgebungsprozess.
- Bewertung der neuen gesetzlichen Maßnahmen zur Flexibilisierung, Individualisierung und Differenzierung des Ausbildungssystems.
- Diskussion der Bedeutung von Lernortkooperation, Stufenausbildung und Prüfungsreformen.
- Reflexion über die Auswirkungen auf die Ausbildungsqualität und die Arbeitsmarktintegration.
Auszug aus dem Buch
3.1.7 Berufspädagogische Würdigung
Noch 1994 äußerte sich Reinisch zum Thema berufliche Vollzeitschulen folgendermaßen: „Wenn es eine Hitliste der aktuellen berufsbildungspolitischen Themen gäbe, dann würden die beruflichen Vollzeitschulen mit Sicherheit auf einem der letzten Plätze rangieren, falls sie auf dieser Liste überhaupt auftauchen würden.“ Dagegen kann man beispielsweise in Österreich bereits seit den 70er Jahren einen Aufwärtstrend bei den berufsbildenden Vollzeitschulen beobachten. Die Zulassung vollzeitschulisch ausgebildeter Jugendlicher zur Kammerprüfung in Deutschland ist eine mutige, innovative Entscheidung der Politik. Mutig vor allem deshalb, weil die Bundesregierung die neue Regelung gegen den Willen der Kammern und Gewerkschaften durchsetzte, die in der deutschen Berufsbildungspolitik traditionsgemäß eine sehr starke Stellung einnehmen. Diese Entscheidung ist daher als großes Zugeständnis des Gesetzgebers für eine Öffnung des dualen Systems in Richtung schulische Berufsausbildung zu betrachten.
Eine verstärkte vollzeitschulische Ausbildung ist allerdings auch kritisch zu hinterfragen. Derzeit ist es so, dass Jugendliche, die keinen betrieblichen Ausbildungsplatz erhalten, häufig eine Ausbildung in vollzeitschulischer Form beginnen und diese als Art Warteschleife ausnutzen. Falls sich dieser Trend weiter verstärken sollte, stellt dies eine Verschwendung von Ressourcen dar und hat eine Verlängerung der Ausbildungszeit zur Folge. Die neue Regelung birgt außerdem die Gefahr in sich, dass sich eine Zweiklassengesellschaft bei den Auszubildenden bildet. Auf der einen Seite stehen die Jugendlichen, die einen betrieblichen Ausbildungsplatz erhalten haben und auf der anderen diejenigen, die mit einem schulischen Ausbildungsplatz vorlieb nehmen mussten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Problemstellung, themenbezogene Definitionen und Untersuchungsplan: Einleitung in die Thematik der Novellierung des Berufsbildungsgesetzes sowie Erläuterung der methodischen Vorgehensweise anhand einer Dokumentenanalyse.
2 Der Rechtsrahmen der beruflichen Bildung in Deutschland: Historischer Rückblick auf die Entwicklung des Berufsbildungsgesetzes von 1969 sowie die verschiedenen Reformansätze und bildungspolitischen Debatten der folgenden Jahrzehnte.
3 Geplante Gesetzesänderungen, Stellungnahmen der an der Berufsbildungspolitik beteiligten politischen Parteien und Interessengruppen, endgültige Gesetzesfassung und berufspädagogische Würdigung: Zentrale Analyse der spezifischen Reformbereiche, wie Stufenausbildung, Prüfungsreformen und Lernortkooperation, inklusive der Positionen der Interessengruppen und der pädagogischen Bewertung.
4 Fazit und Ausblick: Zusammenfassende Bewertung des Reformerfolgs sowie Einschätzung der Zukunftsfähigkeit des deutschen Berufsbildungssystems vor dem Hintergrund globaler Herausforderungen.
Schlüsselwörter
Berufsbildungsgesetz, Berufsbildungsreformgesetz 2005, Duales System, Berufliche Bildung, Stufenausbildung, Prüfungswesen, Lernortkooperation, Berufsbildungspolitik, Ausbildungsplatzmangel, Handlungsfähigkeit, Dokumentenanalyse, Interessengruppen, Qualifizierung, Internationalisierung, Qualitätssicherung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Berufsbildungsreformgesetz von 2005 und analysiert, wie dieses Gesetz auf aktuelle Herausforderungen der beruflichen Bildung in Deutschland reagiert.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Arbeit?
Die Arbeit beleuchtet unter anderem die Zulassung schulischer Ausbildungsgänge, die Stufenausbildung, die Reform des Prüfungswesens, die Internationalisierung der Berufsbildung sowie die Stärkung der Lernortkooperation.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Gesetzesmaßnahmen zu evaluieren und kritisch zu hinterfragen, inwieweit sie zur Flexibilisierung, Individualisierung und Differenzierung des Berufsbildungssystems beitragen können.
Welche wissenschaftliche Methode wurde für die Untersuchung gewählt?
Die Verfasserin nutzt eine Dokumentenanalyse, um gesetzliche Texte, Begründungen, Stellungnahmen von Interessenverbänden und politische Dokumente systematisch auszuwerten.
Was steht im inhaltlichen Fokus des Hauptteils?
Der Hauptteil analysiert detailliert die verschiedenen Reformaspekte, indem er Regierungsentwürfe den Stellungnahmen von Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden und Lehrerverbänden gegenüberstellt und diese anschließend berufspädagogisch würdigt.
Welche Schlagworte charakterisieren das Werk am besten?
Berufsbildungsreform, duales System, Gesetzgebungsprozess, bildungspolitische Interessen und pädagogische Qualitätssicherung sind die tragenden Säulen der Arbeit.
Wie bewertet die Autorin die Zulassung vollzeitschulischer Ausbildungsgänge?
Die Autorin stuft diesen Schritt als mutig und innovativ ein, warnt jedoch vor möglichen Risiken, wie etwa der Entstehung einer "Zweiklassengesellschaft" bei den Auszubildenden.
Was ist das Ergebnis der Debatte um die regionalen Berufsbildungskonferenzen?
Aufgrund des Widerstands der Interessengruppen wurde auf eine verpflichtende gesetzliche Einführung verzichtet, da man keinen Mehrwert gegenüber bestehenden freiwilligen Kooperationsformen sah.
- Arbeit zitieren
- Monika Urlberger (Autor:in), 2005, Das Berufsbildungsreformgesetz 2005 - Politische Hintergründe und möglicher Beitrag zur Bewältigung aktueller Probleme der beruflichen Bildung in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/49025