Die sogenannten „Praxistheorien“ haben in den letzten Jahren eine enorme Bedeutung in den Sozial- und Kulturwissenschaften erlangt. Als einen zentralen Grund ist der Vorwurf gegenüber den Sozial- und Kulturwissenschaften zu nennen, die Beziehung zu ihren Gegenständen nur unzureichend zu reflektieren. Praxistheorie ist allerdings nicht als eine einheitliche Theorie aufzufassen, sondern vielmehr als ein heterogenes Feld ähnlicher Ansätze, die sich aus verschiedenen Disziplinen zusammensetzen. Auch sind die Grenzen der Praxistheorie noch relativ unscharf formuliert, weshalb im Rahmen dieser Arbeit nicht von der Praxistheorie im Singular, sondern von „praxistheoretischen Ansätzen“ gesprochen werden wird. Diese Ansätze werden beeinflusst von der Sozialphilosophie, der Soziologie, der Sozialanthropologie und den Medien-, Kommunikations- und Geschichtswissenschaften. Ein zentrales Ziel praxistheoretischer Ansätze ist die Neukonzeptualisierung des Verhältnisses von Theorie und Empirie innerhalb der Geisteswissenschaften. Unter dem Begriff Praxistheorie werden auch Synonyme wie zum Beispiel Praxeologie und Praxissoziologie gefasst. Betrachtet man jedoch den Begriff Praxistheorie so fällt auf, dass sich dieser einerseits aus Praxis und andererseits aus Theorie zusammensetzt: Eine Begriffszusammensetzung die gegensätzlicher nicht sein könnte. Bei dieser scheinbaren Gegensätzlichkeit liegt der Eindruck zugrunde, dass das, was in der Theorie meist logisch erscheint, sich in der Praxis oftmals als nicht realisierbar erweisen kann. Jedoch ist die Begriffszusammensetzung vielmehr der Geschichte der soziologischen Forschung geschuldet. Ein zentraler Aspekt soziologischer Forschung ist die Frage nach einer Theorie der Sozialität, die die Lebenswirklichkeit des Menschen methodisch genau einfängt. So liegt der Schwerpunkt praxistheoretischer Zugänge in der Analyse der Dimensionen der Körperlichkeit des Sozialen. Demnach sind praxistheoretische Ansätze darum bemüht, soziale Ordnungen zu analysieren und zu entschlüsseln. Dabei sollen jedoch weniger die Werte, Normen und Zeichen- und Symbolsysteme analysiert werden. Vielmehr sollen die sozialen Praktiken in ihrer prozessualen Vollzugswirklichkeit analysiert und die Abhängigkeit zu praktischem und impliziten kulturellen Wissen dargestellt und in den Mittelpunkt der Analyse gerückt werden.
Inhaltsverzeichnis
- Der Begriff der Praxistheorie
- Die Entstehung der Praxistheorien
- Die Cultural Studies als Ausgangspunkt für Couldry
- Die Cultural Studies als Ausgangspunkt für Couldry
- Nick Couldry Theorizing Media As Practice
- Medien als Soziale Praxis
- Varianten der Medienpraktiken
- Medienrituale
- Medien als Institutionen
- Fazit
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Hausarbeit befasst sich mit praxistheoretischen Perspektiven für die Medienwissenschaft am Beispiel des Textes „Theorizing Media as Practice“ von Nick Couldry. Sie analysiert die Beziehung zwischen Theorie und Empirie im Kontext der Geisteswissenschaften und beleuchtet die Entwicklung und Anwendung praxistheoretischer Ansätze.
- Die Entwicklung und Anwendung praxistheoretischer Ansätze in den Sozial- und Kulturwissenschaften
- Die Rolle der Cultural Studies für die Entwicklung von Couldrys Theorien
- Die Bedeutung von Medienpraktiken als zentrale Elemente der sozialen Wirklichkeit
- Die Relevanz von Ritualen und Institutionen für das Verständnis von Medien
Zusammenfassung der Kapitel
Der Begriff der Praxistheorie
Dieses Kapitel befasst sich mit dem Begriff der Praxistheorie und seiner Entwicklung in den Sozial- und Kulturwissenschaften. Es analysiert die Kritik an der unzureichenden Reflexion des Verhältnisses zwischen Theorie und Empirie und diskutiert die Heterogenität des praxistheoretischen Feldes.
Die Entstehung der Praxistheorien
Dieses Kapitel untersucht die Entstehung der Praxistheorien, beginnend mit der aristotelischen Unterscheidung zwischen Praxis und Poiesis. Es beleuchtet die Beiträge von Karl Marx, Ludwig Wittgenstein, Pierre Bourdieu und Anthony Giddens und diskutiert die Herausforderungen für die Systematisierung und Präzisierung praxistheoretischer Forschungsprogramme.
Die Cultural Studies als Ausgangspunkt für Couldry
Dieses Kapitel beleuchtet die Verbindung zwischen Couldrys Medienauffassung und den Cultural Studies. Es gibt einen kurzen Abriss der Geschichte der Cultural Studies und analysiert deren zentrale Prinzipien, insbesondere die Bedeutung von Kultur als sozialem Prozess der Kultivierung und die Rolle von Medien in der demokratischen Entwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Was sind Praxistheorien in der Medienwissenschaft?
Es sind Ansätze, die Medien nicht nur als Texte oder Technik, sondern primär als soziale Praktiken und prozessuale Vollzugswirklichkeit analysieren.
Was ist Nick Couldrys zentraler Beitrag?
In „Theorizing Media as Practice“ fordert er eine Neuausrichtung der Medienwissenschaft weg von Objekten hin zu dem, was Menschen im Alltag mit Medien tun.
Was versteht Couldry unter "Medienritualen"?
Medienrituale sind soziale Praktiken, die die zentrale Rolle der Medien in der Gesellschaft legitimieren und soziale Ordnung herstellen.
Wie hängen Cultural Studies und Praxistheorie zusammen?
Die Cultural Studies bilden den Ausgangspunkt, da sie Kultur als sozialen Prozess und Medien als Teil der demokratischen Entwicklung betrachten.
Warum wird von "praxistheoretischen Ansätzen" im Plural gesprochen?
Weil es sich um ein heterogenes Feld aus Soziologie, Anthropologie und Philosophie handelt (z.B. Bourdieu, Giddens), das keine einheitliche Theorie bildet.
- Quote paper
- Milan Viktorias (Author), 2017, Praxistheoretische Perspektiven für die Medienwissenschaft am Beispiel des Textes "Theorizing Media as Practice" von Nick Couldry, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/490184