„Die Persönlichkeit ist unerforschlich“, behauptete der Dichter Johann Wolfgang von Goethe im ausgehenden 18. Jahrhundert. Dennoch versuchen sich bis heute zahlreiche Psychologen an der Lösung just dieser Aufgabe: Die Persönlichkeit des Menschen zu erforschen und sie zu beschreiben. In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts dominierte allerdings der Eindruck, dass fünfzig Jahre faktorenanalytischer Persönlichkeitsforschung nur ein Bild der Verwirrung erbracht hätten (Amelang & Bartussek 1997, S. 360).
Uneinigkeit unter den Persönlichkeitsforschern herrschte vor allem in den Punkten, wie viele und welche Faktoren eine umfassende Beschreibung der Persönlichkeit ermöglichen. Zu Beginn der neunziger Jahre bildete sich schließlich ein gewisser Konsens darüber, dass fünf Faktoren eine umfassende Beschreibung der Persönlichkeit liefern (Zimbardo 1999, S. 524). Dieses Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeitsbeschreibung, das auch als „Big Five“ bezeichnet wird, ist ein deskriptives Modell, das faktorenanalytisch entwickelt wurde. Befürworter dieses Modells behaupten, dass es die wichtigsten Dimensionen individueller Unterschiede beschreibt und einen organisatorischen Rahmen für die Persönlichkeitsforschung bildet (Cloninger 1996, S. 88).
Im Rahmen dieser Arbeit möchten wir die Entwicklung des Fünf-Faktoren-Modells der Persönlichkeit referieren sowie die fünf Dimensionen der Persönlichkeitsbeschreibung erläutern. Einige der Messinstrumente, mit deren Hilfe, individuelle Merkmalsausprägungen jener fünf Faktoren erhoben werden können, werden vorgestellt. Gesondert wollen wir auf die Anwendungsbereiche des häufig verwandten NEO-Fünf-Faktoren Inventars von Paul Costa und Robert McCrae eingehen und dabei auch auf mögliche Probleme hinweisen. Einen Großteil unserer Literaturarbeit nimmt die Kritik an den „Big Five“ ein, die schlussendlich dazu führte, dass aktuell vermeintlich umfassendere Modelle zur Beschreibung der Persönlichkeit diskutiert werden. Darunter das Zwei-Faktoren-Modell „Big Two“, das Vier-Plus-X-Faktoren Modell „FPX“ sowie diverse andere Sechs- und Sieben-Faktoren-Lösungen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Genese der „Big Five“
2.1. Der lexikalische Ansatz
2.2. Unübersichtlichkeit im Untersuchungsfeld
2.3. Die „Big Five“ in Fragebogenstudien
2.4. Exkurs: Faktorenanalyse
3. Die (?) „Big Five“
3.1. Uneinigkeit trotz Replizierbarkeit
3.2. Korrelationen zwischen den „Big Five“
3.3. Exkurs: Der Faktor V
4. Messinstrumente
4.1. Adjektivlisten und Fragebögen
4.2. Exkurs: Vom NEO über den NEO-PI-(R) zum NEO-FFI
5. Anwendungsbereiche des „NEO-Fünf-Faktoren Inventars“ (NEO-FFI) von Paul Costa und Robert McCrae
6. Kritik an den „Big Five“
6.1. Kritik am lexikalischen Ansatz
6.2. Einige Kritik- und Diskussionspunkte am Fünf-Faktoren-Modell
7. Aktuelle Forschungsergebnisse: „Beyond the Big Five“
7.1. „Big Two“, „Big Six“ und „FPX”-Modell
7.2. Exkurs: Das HEXACO-Modell
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, die Entwicklung des Fünf-Faktoren-Modells der Persönlichkeit (die „Big Five“) darzustellen und die fünf zentralen Dimensionen sowie deren Messung wissenschaftlich zu erläutern, wobei die kritische Auseinandersetzung mit dem Modell und die Vorstellung alternativer Ansätze den Schwerpunkt der Betrachtung bilden.
- Historische Entwicklung des Fünf-Faktoren-Modells und der lexikalische Ansatz.
- Methoden der Persönlichkeitserfassung (Adjektivlisten und NEO-Inventare).
- Kritische Analyse der Faktorenstruktur, Validität und der Problematik der Interpretation.
- Aktuelle Modelle und Forschungsansätze wie das HEXACO-Modell oder „Beyond the Big Five“.
Auszug aus dem Buch
3.1. Uneinigkeit trotz Replizierbarkeit
Unter Experten ist die Einmütigkeit bezüglich der Robustheit und Replizierbarkeit der Fünf-Faktoren-Struktur der Persönlichkeit größer als die Einmütigkeit bezüglich der adäquaten Benennung der Faktoren (Borkenau & Ostendorf 1993, S. 8). Die Ursache dafür ist im sehr hohen Abstraktionsniveau der persönlichkeitsbeschreibenden Dimensionen zu sehen. Die einzelnen Faktoren lassen sich in verschiedene Facetten unterscheiden und die unterschiedliche Betonung der jeweiligen Einzelfacetten führt zu abweichenden Faktorbenennungen. Paul Costa und Robert McCrae subsumieren etwa „Warmherzigkeit“ als Facette von „Extraversion“ während Goldberg sie dem Faktor „Agreeableness“ (Verträglichkeit) zuordnet.
Die Uneinigkeit der „Big Five“-Befürworter bei der Benennung der Faktoren führte bei Kritikern berechtigter Weise zu der Frage: „which Big Five?“ (John 1990, in: Block 1995, S. 207). Donald Fiske beispielsweise nannte seine fünf gefundenen Faktoren 1949 „Confident Self-Expression“, „Social Adaptability“, „Conformity“, „Emotional Control“ und „Inquiring Intellect“. Norman hingegen sprach 1961 von „Surgency”, „Agreeableness”, „Conscientiousness”, „Emotional Stability” und „Culture”. Peabody und Goldberg sprachen 1989 von den Faktoren „Power”, „Love”, „Work”, „Affect” und „Intellect” (Amelang & Bartussek 1997, S. 366). Costa und McCrae, die Entwickler des ersten Fragebogens zur Erfassung der fünf Faktoren (Siehe Kapitel 4.2.) nannten die fünf Dimensionen „Extraversion“ (Extraversion; deutsche Übersetzung von Borkenau & Ostendorf 1993), „Agreeableness“ (Verträglichkeit), „Conscientiousness“ (Gewissenhaftigkeit), „Neuroticism“ (Neurotizismus) und „Openess to Experience“ (Offenheit für Erfahrungen).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Verwirrung der Persönlichkeitsforschung ein und stellt die Relevanz des Fünf-Faktoren-Modells als organisatorischen Rahmen vor.
2. Genese der „Big Five“: Dieses Kapitel erläutert den lexikalischen Ansatz sowie die methodische Entwicklung der Persönlichkeitsforschung von den ersten Wortlisten bis hin zu frühen faktorenanalytischen Studien.
2.1. Der lexikalische Ansatz: Der Abschnitt beschreibt die Sedimentationshypothese und die grundlegende Annahme, dass sich Persönlichkeitsmerkmale in der Sprache niederschlagen.
2.2. Unübersichtlichkeit im Untersuchungsfeld: Hier wird die Historie als ein Prozess skizziert, der trotz der Etablierung der „Big Five“ von inkonsistenten Einzelergebnissen geprägt war.
2.3. Die „Big Five“ in Fragebogenstudien: Dieser Teil behandelt die Verwendung von Persönlichkeitsinventaren zur Validierung der aus Wortlisten gewonnenen fünf Faktoren.
2.4. Exkurs: Faktorenanalyse: Der Exkurs erklärt die mathematischen und methodischen Grundlagen der Faktorenanalyse als zentrales Instrument der Persönlichkeitsstrukturforschung.
3. Die (?) „Big Five“: Dieses Kapitel diskutiert die Robustheit der Struktur bei gleichzeitiger Uneinigkeit über die Benennung der Dimensionen.
3.1. Uneinigkeit trotz Replizierbarkeit: Der Abschnitt verdeutlicht, dass trotz statistischer Replikation die Interpretation der Faktoren durch unterschiedliche Facetten variiert.
3.2. Korrelationen zwischen den „Big Five“: Hier werden die Interkorrelationen der Faktoren sowie deren theoretische Einbettung in die Tiefenstruktur der Sprache erörtert.
3.3. Exkurs: Der Faktor V: Dieser Abschnitt beleuchtet die wissenschaftliche Debatte um die Benennung des fünften Faktors, etwa zwischen „Intellect“ und „Openness to Experience“.
4. Messinstrumente: Das Kapitel bietet einen Überblick über die Methoden zur Erfassung der Persönlichkeitsmerkmale.
4.1. Adjektivlisten und Fragebögen: Es wird der Vergleich zwischen den zwei primären Erhebungsmethoden (Fremd- vs. Selbsteinschätzung) gezogen.
4.2. Exkurs: Vom NEO über den NEO-PI-(R) zum NEO-FFI: Die historische Entwicklung der von Costa und McCrae entwickelten Fragebogeninstrumente wird detailliert nachgezeichnet.
5. Anwendungsbereiche des „NEO-Fünf-Faktoren Inventars“ (NEO-FFI) von Paul Costa und Robert McCrae: Der Abschnitt skizziert den Einsatz des NEO-FFI in der psychologischen Praxis, Beratung und Forschung.
6. Kritik an den „Big Five“: Hier werden die generellen theoretischen Probleme und die wissenschaftliche Fundierung des Ansatzes einer kritischen Betrachtung unterzogen.
6.1. Kritik am lexikalischen Ansatz: Dieser Teil befasst sich mit der Infragestellung der Sedimentationshypothese und der Repräsentativität der verwendeten Adjektivlisten.
6.2. Einige Kritik- und Diskussionspunkte am Fünf-Faktoren-Modell: Zusammenfassung der Kritik hinsichtlich der Theorielosigkeit und der Willkür bei der Bestimmung der Faktorenanzahl.
7. Aktuelle Forschungsergebnisse: „Beyond the Big Five“: Das Kapitel stellt Modelle vor, die über das Standard-Fünf-Faktoren-Modell hinausgehen.
7.1. „Big Two“, „Big Six“ und „FPX”-Modell: Vorstellung alternativer Ansätze, die psychobiologische Grundlagen oder alternative Faktorenzahlen betonen.
7.2. Exkurs: Das HEXACO-Modell: Ein Überblick über das HEXACO-Modell und den zusätzlichen Faktor „Honesty-Humility“.
8. Fazit: Das Fazit resümiert die wissenschaftliche Debatte und stellt die grundlegende Frage nach der prinzipiellen Messbarkeit der menschlichen Persönlichkeit.
Schlüsselwörter
Big Five, Fünf-Faktoren-Modell, Persönlichkeitspsychologie, Lexikalischer Ansatz, Faktorenanalyse, NEO-FFI, Persönlichkeitsmessung, Trait-Theorie, Validität, HEXACO-Modell, Differenzielle Psychologie, Selbstbeurteilung, Fremdbeurteilung, Persönlichkeitsstruktur, Konstruktvalidität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die theoretische Entwicklung und die wissenschaftliche Fundierung des Fünf-Faktoren-Modells der Persönlichkeit, um einen Überblick über den aktuellen Stand und die Kontroversen in der Persönlichkeitspsychologie zu geben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den zentralen Themen gehören der psycholexikalische Ansatz, die mathematische Methode der Faktorenanalyse, die verschiedenen Messinstrumente wie das NEO-FFI sowie die Kritik an der Stabilität und Universalität der „Big Five“.
Welches ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Erläuterung der Fünf-Dimensionen-Struktur und die kritische Untersuchung der Frage, ob dieses Modell die Persönlichkeit des Menschen tatsächlich umfassend und adäquat abbilden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine Literaturarbeit, die existierende Forschungsergebnisse, Studien und theoretische Konzepte der Persönlichkeitspsychologie systematisch zusammenfasst und kritisch reflektiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Genese des Modells, die Beschreibung der Faktoren, die Erläuterung der Messinstrumente, eine tiefgehende Kritik am Modell sowie die Darstellung aktuellerer Forschungsergebnisse wie des HEXACO- oder des FPX-Modells.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie „Big Five“, „Faktorenanalyse“, „Persönlichkeitsstruktur“, „NEO-FFI“ und „Lexikalischer Ansatz“ definieren.
Was ist das Hauptproblem des lexikalischen Ansatzes laut dieser Arbeit?
Das Hauptproblem liegt in der Annahme der Sedimentationshypothese, die empirisch schwer zu beweisen ist, sowie in der Frage, ob eine Analyse der Alltagssprache tatsächlich alle psychologisch relevanten Persönlichkeitsmerkmale vollständig abdeckt.
Wie unterscheidet sich das HEXACO-Modell von den „Big Five“?
Das HEXACO-Modell ergänzt die bekannten fünf Dimensionen um einen sechsten Faktor, „Honesty-Humility“ (Ehrlichkeit-Bescheidenheit), der in einigen Sprachräumen als eigenständige Dimension identifiziert wurde.
Welche Kritik üben Autoren wie Peter Becker am Fünf-Faktoren-Modell?
Kritiker wie Becker werfen dem Modell eine gewisse Theorielosigkeit vor, da die Faktoren rein induktiv durch die mathematische Methode der Faktorenanalyse „entdeckt“ wurden, anstatt auf einer biologischen oder theoretischen Grundlage zu basieren.
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- Anne Lehwald (Author), Anna-Maria Schielicke (Author), 2004, Die 'Big Five'. Das Fünf-Faktoren-Modell zur Beschreibung der Persönlichkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47457