Die deutsche Sprache verfügt neben dem Vorgangspassiv über eine Konstruktion, die sich aus dem Verb sein und dem Partizip II eines transitiven oder intransitiven Verbs setzt (z.B. "Die Tür ist geöffnet" oder "Den Menschen ist damit nicht geholfen") und von den Grammatikern als Zustandspassiv oder als sein-Passiv bezeichnet wird. Das Zustandspassiv gehört im Deutschen zu den grammatischen Erscheinungen, die relativ spät in das Gesichtsfeld der linguistischen Forschung getreten sind und deren Interpretation erhebliche Schwierigkeiten bereitet. Aus diesem Grund gibt es zahlreiche, aber recht unterschiedliche und heterogene Ansatzpunkte zur Erklärung des Zustandspassivs. Diese Ansatzpunkte ergeben sich aus den unterschiedlichen theoretischen Rahmen, von denen aus eine Beschreibung versucht wird. Die Meinungsverschiedenheit fängt schon bei der Terminologie an. Während z.B. Helbig/Kempter (1973) und verschiedene Grammatiken den Terminus Zustandspassiv verwenden und das Zustandspassiv dem mit werden gebildeten Vorgangspassiv gegenüberstellen, lehnen Brinker (1971) und Schoenthal (1976) die inhaltlich gefassten Termini ab und sprechen von sein- und werden-Passiv. Die Terminologie hängt offensichtlich damit zusammen, dass das werden-Passiv, nicht nur zu ausgeprägten Vorgangsverben, sondern auch zu Verben, die eher Zustände bezeichnen, gebildet werden kann.
Die grammatische Einordnung dieser Konstruktion wird heutzutage auch noch kontrovers diskutiert. In einigen Grammatiken wird das Zustandspassiv als Ellipse aus einem vorzeitigen Vorgangspassiv analysiert. Die anderen Grammatiken betrachten das Zustandspassiv als eigenständige Verbalkonstruktion, also als drittes Genus verbi neben dem Aktiv und Vorgangspassiv. Die dritten behandeln diese grammatische Erscheinung als Kopulakonstruktion, bei der sich sein mit einem adjektivierten Partizip II verbindet.
In dieser Arbeit möchte ich die grammatische Einordnung des Zustands- oder des sein-Passivs untersuchen. Ob es eine Ellipse aus einem vorzeitigen Vorgangspassiv,
ein eigenes Genus verbi oder eine Kopulakonstruktion ist? Dieses wird im ersten Kapitel behandelt. Im zweiten Kapitel versuche ich die Antwort auf die Frage "Welche Bedeutung hat das Zustands- oder sein-Passiv?" zu finden und festzustellen, wie sich seine Bedeutung von der Bedeutung der anderen Zustandsformen unterscheidet. Im dritten Kapitel werde ich mich mit der Abgrenzung des Zustands- oder sein-Passivs von anderen Konstruktionen befassen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Definition und grammatische Einordnung
2. Bedeutung
3. Abgrenzung des Zustandspassivs von anderen Formen
Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit untersucht die grammatische Einordnung, Bedeutung sowie die Abgrenzung des Zustands- oder sein-Passivs im Deutschen. Ziel ist es, die kontroversen wissenschaftlichen Positionen zu analysieren, um zu klären, ob es sich um eine Ellipse, eine eigenständige Verbalkonstruktion oder eine Kopulakonstruktion handelt.
- Grammatische Kategorisierung des sein-Passivs
- Semantische Analyse und Abgrenzung von anderen Zustandsformen
- Vergleich verschiedener linguistischer Ansätze (Helbig/Buscha, Zifonun u.a.)
- Unterscheidung von Vorgangspassiv, Perfekt Aktiv und Zustandsreflexiv
Auszug aus dem Buch
3. Abgrenzung des Zustandspassivs von anderen Formen
Helbig (1998: 175) schreibt, dass ein Zustandspassiv nur dann möglich ist, wenn es auch ein entsprechendes Vorgangspassiv gibt. Die Formen, die mit dem Zustandspassiv identisch sind, aber kein entsprechendes Vorgangspassiv haben, sind in der Regel kein Zustandspassiv und werden von Helbig als adjektivisches Prädikativ, als Zustandsreflexiv oder als allgemeine Zustandsform bezeichnet.
Es gibt mindestens 5 Klassen von Konstruktionen, die man vom Zustandspassiv unterscheiden muss: 1. Adjektivisches Prädikativ. 23) Das Problem ist noch umstritten. 24) Er ist auf seine Brille angewiesen. 25) Die Arbeit ist ausgezeichnet. Adjektivische Prädikativa sind keine komplexen verbalen Prädikate, weil dem Partizip II (mindestens in derselben Bedeutung) kein Infinitiv des Verbs zugrunde liegt, folglich auch keine entsprechende Aktivform bildbar ist. Eine der sein-Form entsprechende werden-Form ist zum Teil mit Bedeutungsunterschied möglich (Beispiel 25), zum Teil ohne anerkennbaren Bedeutungsunterschied möglich (23), zum Teil auch nicht möglich (24).
Helbig und Buscha (1998: 176) weisen darauf hin, dass bei einigen Wörtern Homonymien zwischen dem Zustandspassiv (26a) und dem adjektivischen Prädikativum (26b) auftreten: 26) Der junge Mann ist geschickt. = (26a) Der junge Mann ist (von seinem Chef zu uns) geschickt (=gesandt). = (26b) Der junge Mann ist handfertig (begabt)
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung der Problematik des Zustands- oder sein-Passivs und dessen heterogener Einordnung in der linguistischen Forschung.
1. Definition und grammatische Einordnung: Diskussion der drei Hauptanalysen des Zustandspassivs als Ellipse, eigenständige Verbalkonstruktion oder Kopulakonstruktion.
2. Bedeutung: Untersuchung der semantischen Funktion des sein-Passivs als Ausdruck eines abgeschlossenen Zustands, der aus einem Prozess resultiert.
3. Abgrenzung des Zustandspassivs von anderen Formen: Differenzierung zwischen dem Zustandspassiv und konkurrierenden Konstruktionen wie dem adjektivischen Prädikativ oder dem Zustandsreflexiv.
Zusammenfassung: Fazit zur Notwendigkeit einer Einordnung des Zustandspassivs als eigenständiges Genus verbi unter Berücksichtigung verschiedener theoretischer Perspektiven.
Schlüsselwörter
Zustandspassiv, sein-Passiv, Vorgangspassiv, Grammatik, Linguistik, Kopulakonstruktion, Genus verbi, Adjektivisches Prädikativ, Zustandsreflexiv, Semantik, Syntax, Partizip II, Transformation, Sprachwissenschaft, Verbalkonstruktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit behandelt die grammatische Analyse des sogenannten Zustands- oder sein-Passivs in der deutschen Sprache.
Welches ist das zentrale Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Klärung der grammatischen Einordnung des Zustandspassivs, insbesondere ob es als eigenes Genus verbi oder als Kopulakonstruktion zu bewerten ist.
Was sind die thematischen Schwerpunkte der Ausarbeitung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Definition, der Bedeutungskonstitution sowie der Abgrenzung gegenüber ähnlichen sprachlichen Konstruktionen.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär genutzt?
Die Arbeit basiert auf einer kontrastiven Analyse verschiedener grammatischer Theorien und linguistischer Ansätze (u.a. von Helbig/Buscha und Zifonun).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Es erfolgt eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Einordnung des Zustandspassivs sowie die systematische Abgrenzung von anderen Formen, beispielsweise dem Perfekt Aktiv.
Welche Schlüsselbegriffe sind für das Verständnis essenziell?
Wichtige Begriffe sind Zustandspassiv, Vorgangspassiv, Kopulakonstruktion und die Unterscheidung transformativer von nicht-transformativen Verben.
Warum wird das Zustandspassiv häufig mit dem Vorgangspassiv verwechselt?
Die Verwechslung entsteht oft durch formale Ähnlichkeiten, wobei das Zustandspassiv einen statischen Zustand und das Vorgangspassiv einen dynamischen Vorgang beschreibt.
Wie unterscheidet der Autor das Zustandsreflexiv vom Zustandspassiv?
Das Zustandsreflexiv basiert auf einer reflexiven Konstruktion und lässt sich nicht, wie das Zustandspassiv, auf ein Vorgangspassiv zurückführen.
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- Alexey Pimanyonok (Author), 2004, Das Zustands- oder sein-Passiv im Deutschen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47305