In den vergangenen Jahren war aufgrund des steigenden Wettbewerbsdrucks eine zunehmende Automatisierung und Rationalisierung in den Fertigungsbereichen erfolgt. Dies hatte aber gravierende Verschiebungen der innerbetrieblichen Kostenstrukturen zur Folge. Einerseits sanken – trotz Lohnsteigerungen – aufgrund der abnehmenden Arbeitnehmerzahl im Produktionsbereich die Anteile der direkt zurechenbaren Fertigungslöhne an den Gesamtkosten und andererseits nahmen, wegen der wachsenden Zahl steuernder und überwachender Tätigkeiten, die Gemeinkosten zu. Der Fertigungslohn war als Verrechnungsgrundlage nicht mehr geeignet, denn mit immer kleiner werdender Zuschlagsbasis und gleichzeitig wachsenden Gemeinkosten stiegen auch die Verrechnungssätze. Es bestand die Gefahr, dass kleinste Fehler bei der Erfassung der Kosten gravierende Ungenauigkeiten in der Kalkulation zur Folge hatten. Schwierigkeiten bereitete auch die Aufschlüsselung der Fixkosten.
Aus diesen Gründen entwickelte man in den USA ein Kostenrechnungssystem, welches in Deutschland unter dem Namen Prozesskostenrechnung eingeführt wurde, das diese Problematik berücksichtigte.
Im Rahmen dieser Arbeit wird, nach einer kurzen historischen Beschreibung der Problematik der Gemeinkosten, auf die traditionellen Aufgaben und Ziele der Prozesskostenrechnung eingegangen. Es wird die Vorgehensweise der Prozesskostenrechnung auch an einem Beispiel aus der Praxis erläutert, die Bedeutung der Prozesskostenrechnung herausgearbeitet und kri-tisch bewertet.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
1.1 Die Entwicklung in den USA
1.2 Die Entwicklung in Deutschland
2 Aufgaben und Ziele der Prozesskostenrechnung
2.1 Kostenerfassung
2.2 Kostenzurechnung
2.3 Ziele der Prozesskostenrechnung
3 Die Systematik der Prozesskostenrechnung
3.1 Ermittlung der Prozesse und Zuordnung von Kosten
3.2 Ermittlung der Kostentreiber
3.3 Ermittlung der Prozesskostensätze
3.4 Zusammenfassung zu Hauptprozessen
4 Funktionsprinzip der Kostenrechnung
5 Integrationsmöglichkeiten der Prozesskostenrechnung im Unternehmen
5.1 Integration der Prozesskostenrechnung in vorhandene Kostenrechnungs systeme und in die EDV
5.2 Die Anwendung der Prozesskostenrechnung in der Praxis
6 Prozesskostenrechnung im Beschaffungs- und Logistikbereich der Hewlett- Packard GmbH
6.1 Vorgehensweise bei der Einführung der Prozesskostenrechnung in der Hewlett- Packard GmbH
6.2 Definition des Kostenrechnungskonzeptes
6.3 Festlegung der Prozesse und Maßgrößen
6.3.1 Der Prozess Materialeinkauf
6.3.2 Der Prozess Lager
6.4 Kalkulation am Beispiel der Hewlett- Packard GmbH
6.5 EDV- technische Umsetzung
6.6 Erfahrungen mit der Prozesskostenrechnung
7 Vergleich der Prozesskostenrechnung mit anderen Systemen der Kostenrechnung
7.1 Vergleich der Prozesskostenrechnung mit der Vollkostenrechnung
7.2 Grenzplankostenrechnung- und Deckungsbeitragsrechnung im Vergleich mit der Prozesskostenrechnung
8 Bewertung der Prozesskostenrechnung
8.1 Kritik an der Prozesskostenrechnung/ Stärken und Schwächen
9 Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept der Prozesskostenrechnung als Weiterentwicklung traditioneller Kostenrechnungssysteme, um eine verursachungsgerechtere Verrechnung von Gemeinkosten in indirekten Leistungsbereichen zu ermöglichen und die Kostentransparenz zu erhöhen.
- Historische Entwicklung der Prozesskostenrechnung in den USA und Deutschland.
- Systematik der Prozesskostenrechnung (Prozesserfassung, Kostentreiber, Prozesskostensätze).
- Integrationsmöglichkeiten der Methode in bestehende Unternehmens- und EDV-Strukturen.
- Praxisbeispiel der Hewlett-Packard GmbH im Beschaffungs- und Logistikbereich.
- Kritische Bewertung der Stärken und Schwächen im Vergleich zu traditionellen Systemen.
Auszug aus dem Buch
6.4 Kalkulation am Beispiel der Hewlett- Packard GmbH
Im Folgenden soll die prozessorientierte Kalkulation an einem Beispiel verdeutlicht werden. In Abbildung 6 ist ein Vergleich zwischen einem Standardbauteil und einem Exotenbauteil dargestellt.
Die Materialkosten sind bei beiden Teilen gleich hoch und betragen 10 $. Ein Vorzugslieferant, bei welchem Hewlett- Packard insgesamt schon 200 verschiedene Bauteile einkauft, liefert das Standardbauteil. Für dieses Bauteil weist der Materialbedarfsplan einen Halbjahresbedarf von 1.000 Stück aus, die über zwei Bestellungen beschafft werden. Bei der traditionellen Zuschlagskalkulation würde man bei einem Materialgemeinkostensatz von 10% Materialgemeinkosten i.H.v. 1 $ für dieses Teil kalkulieren. Ausgehend von der prozessorientierten Kalkulation werden hingegen 0,58 $ als Totalprozesskosten pro Teil ermittelt. Somit wird das Standardbauteil in der traditionellen Kalkulation mit deutlich höheren Gemeinkosten bewertet.
Eine Fehlbewertung zeigt sich noch deutlicher bei Betrachtung des Exotenbauteils. Dieses Bauteil wird nur 50 mal pro Halbjahr benötigt (im Gegensatz zum Standardbauteil) und von einem Lieferanten bezogen, von dem Hewlett- Packard nur 5 verschiedene Teile bezieht. Da dieses Teil in nur sehr kleinen Mengen bereitgestellt wird, resultiert hieraus enormer Steuerungsaufwand im Beschaffungs- und Logistikprozess. Bei der traditionellen Kalkulation werden hier genau dieselben Materialgemeinkosten wie für das Standardbauteil ausgewiesen, da sich hinsichtlich den als Bezugsgröße dienenden Materialkosten beide Teile nicht unterscheiden. Eine Bewertung hinsichtlich des hohen Steuerungsaufwands vorzunehmen, gelingt in der prozessorientierten Kalkulation. D. h., dass die Totalprozesskosten pro Exotenbauteil hier mit 37 $ ermittelt werden. In diesem Beispiel werden die Schwächen der traditionellen Zuschlagskalkulation und die Stärken der prozessorientierten Kalkulation besonders deutlich.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Einleitung beleuchtet die Verschiebung der Kostenstrukturen in Unternehmen und die daraus resultierende Notwendigkeit der Prozesskostenrechnung als moderne Alternative zur traditionellen Vollkostenrechnung.
2 Aufgaben und Ziele der Prozesskostenrechnung: Hier werden die methodischen Anforderungen an die Kostenerfassung und -zurechnung definiert sowie die übergeordneten strategischen Ziele des Konzepts erläutert.
3 Die Systematik der Prozesskostenrechnung: Dieses Kapitel erläutert den Aufbau der Prozesskostenrechnung, von der Identifikation der Prozesse über die Wahl der Kostentreiber bis hin zur Ermittlung von Prozesskostensätzen und Hauptprozessen.
4 Funktionsprinzip der Kostenrechnung: Das Funktionsprinzip wird grundlegend dargestellt, um zu verdeutlichen, wie Tätigkeiten in Prozesse überführt werden, um eine verursachungsgerechte Kostenverteilung zu erreichen.
5 Integrationsmöglichkeiten der Prozesskostenrechnung im Unternehmen: Es wird untersucht, wie die Prozesskostenrechnung in bestehende Kostenrechnungssysteme und IT-Infrastrukturen eingebettet werden kann und welche praktischen Herausforderungen dabei entstehen.
6 Prozesskostenrechnung im Beschaffungs- und Logistikbereich der Hewlett- Packard GmbH: Anhand einer detaillierten Fallstudie wird die praktische Anwendung der Methode, inklusive der EDV-Umsetzung und Kalkulationsbeispiele, aufgezeigt.
7 Vergleich der Prozesskostenrechnung mit anderen Systemen der Kostenrechnung: Die Methode wird kritisch gegen die Vollkostenrechnung sowie die Grenzplankosten- und Deckungsbeitragsrechnung abgegrenzt.
8 Bewertung der Prozesskostenrechnung: Das Kapitel widmet sich einer fundierten Kritik, unterteilt in die Effekte der Allokation, Komplexität und Degression sowie eine abschließende Analyse der Vor- und Nachteile.
9 Fazit: Die Arbeit schließt mit einer kritischen Reflexion, die den Nutzen der Prozesskostenrechnung relativiert und den hohen Einführungsaufwand hervorhebt.
Schlüsselwörter
Prozesskostenrechnung, Gemeinkosten, Kostenmanagement, Kostentreiber, Prozesskostensatz, Vollkostenrechnung, Kalkulation, Kostentransparenz, indirekte Leistungsbereiche, Produktkomplexität, Beschaffung, Logistik, Unternehmensstrategie, Gemeinkostenmanagement, Activity-based Costing.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt die Einführung und Anwendung der Prozesskostenrechnung als Instrument zur transparenteren und verursachungsgerechten Verrechnung von Gemeinkosten in den indirekten Unternehmensbereichen.
Welche thematischen Schwerpunkte setzt die Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Systematik der Prozessanalyse, der Integration in bestehende IT-Systeme sowie dem Vergleich mit anderen klassischen Kostenrechnungsmethoden.
Was ist das primäre Ziel der beschriebenen Prozesskostenrechnung?
Das Hauptziel ist die genauere Verrechnung von Gemeinkosten in indirekten Bereichen und die Unterstützung strategischer Entscheidungen durch höhere Kostentransparenz.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie einer vertiefenden Fallstudie zur praktischen Anwendung bei der Hewlett-Packard GmbH.
Welche Kerninhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Systematik, die praktische Implementierung am Beispiel HP sowie eine kritische Auseinandersetzung mit Stärken und Schwächen der Methode.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Prozesskostenrechnung, Kostentreiber, Gemeinkostenmanagement, Prozesstransparenz und der Vergleich zu traditionellen Zuschlagskalkulationen.
Warum wird im Beispiel der Hewlett-Packard GmbH zwischen Standard- und Exotenbauteilen unterschieden?
Die Unterscheidung dient dazu, die Schwächen der traditionellen Kalkulation (die hohe Steuerungsaufwände bei seltenen Teilen ignoriert) gegenüber der prozessorientierten Kalkulation (die diese Kosten transparent macht) aufzuzeigen.
Was ist die zentrale Kritik der Arbeit am Prozesskosten-Ansatz?
Die Arbeit kritisiert, dass es sich nicht um eine grundlegend neue Methode handelt, sondern um eine Weiterentwicklung mit statischem Charakter, die hohen Einführungsaufwand erfordert und bei falscher Anwendung zu Fehlentscheidungen führen kann.
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- Kathrin Schröder (Author), 2002, Prozesskostenrechnung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4578