Immer wieder sehen sich Psychotherapeuten in der Praxis mit existentiellen Fragen konfrontiert, auf die sie in ihrer Ausbildung nur unzureichend oder gar nicht vorbereitet wurden. Zudem gibt es nur wenige Veröffentlichungen, die sich praxisorientiert mit existentiellen Themen in "hinreichender Breite" disziplinübergreifend befassen (Petzold).
Die Logotherapie Viktor E. Frankls und die Emotionsfokussierte Therapie Leslie S. Greenbergs sind in diesem Kontext von besonderer Bedeutung. Frankl hat als "pragmatischer Denker" mit seinem Ansatz einer sinnzentrierten Psychotherapie einen "wesentlichen Beitrag" für die Psychotherapie geleistet, fand aber "nicht die Anerkennung, die er verdient" (Yalom). Die Emotionsfokussierte Therapie Greenbergs - ein moderner, integrativer, aus der Prozessforschung entstandener Ansatz - bezieht existentielle Themen ausdrücklich in die therapeutische Arbeit mit ein und sieht in dem Willen "Bedeutung im Leben zu finden unsere Hauptmotivation zu leben" (Greenberg).
Im Einzelnen wird die Konzeptualisierung von "Sinn" und "Bedeutung" in Logotherapie und Emotionsfokussierter Therapie kritisch untersucht sowie die Umsetzung der Konzepte in therapeutische Praxis. Ein systematischer Vergleich arbeitet nicht nur die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Ansätze heraus, sondern auch ihre impliziten philosophischen Setzungen.
Gliederung
1.0 Thematische Einführung
1.1 Sinn und Bedeutung in der Psychotherapie
1.2 Philosophische Perspektiven von Sinn und Bedeutung
1.3 Erkenntnisleitende Fragestellungen und Aufbau der Arbeit
2.0 Logotherapie und Existenzanalyse
2.1 Terminologie
2.2 Kritik des Psychologismus (Entstehungshintergrund I)
2.3 Existenzanalytische Anthropologie
2.3.1 Konstituentien des menschlichen Daseins
2.3.1.1 Geistigkeit
2.3.1.2 Freiheit
2.3.1.3 Verantwortlichkeit
2.3.2 Konzeptualisierung von Sinn
2.3.2.1 Der ‚Wille zum Sinn‘
2.3.2.2 Sinnkonzepte
2.3.2.2.1 Sinn im Leben (partikulärer Sinn)
2.3.2.2.2 Sinn des Lebens
2.3.2.2.3 Über-Sinn (Sinn des Ganzen)
2.3.2.3 Sinnfindung
2.3.2.3.1 „Sinnorgan“ Gewissen
2.3.2.3.2 Sinnwahrnehmung als Gestaltwahrnehmung
2.3.2.3.3 Werte verwirklichen
2.3.2.3.3.1 Wertkategorien (Wertetrias)
2.3.2.4 Sinnfindungsstörungen
2.3.2.4.1 Existentielle Frustration
2.3.2.4.2 Existentielles Vakuum
2.3.2.4.3 Noogene Neurose
2.3.3 Logotherapie und Religion
2.4 Praxis der Logotherapie
2.4.1 Entstehungshintergrund II
2.4.2 Logotherapeutische Prinzipien
2.4.3 Logotherapeutische Methodik
2.4.3.1 Improvisation und Beziehung
2.4.3.2 Pflichten des Arztes
2.4.3.3 Sokratischer Dialog
2.4.3.4 Logotherapeutische Methoden
2.4.3.4.1 Paradoxe Intention
2.4.3.4.2 Dereflexion
2.5. Kritische Würdigung
3.0 Emotionsfokussierte Therapie
3.1 Terminologie
3.2 Entstehungshintergrund und Problemstellung
3.3 Theoretische Grundlagen der Emotionsfokussierten Therapie
3.3.1 Perspektiven der Kognitionswissenschaften
3.3.2 Perspektiven der Emotionsforschung
3.3.2.1 Biologische Aspekte
3.3.2.2 Sozio-kulturelle Aspekte
3.3.3 Konzeptualisierung von Bedeutung
3.3.3.1 Emotionale Schemata
3.3.3.2 Emotionsarten und ihre Funktion
3.3.3.2.1 Primär adaptive Emotionen
3.3.3.2.2 Primär maladaptive Emotionen
3.3.3.2.3 Sekundäre Emotionen
3.3.3.2.4 Instrumentelle Emotionen
3.3.3.3 Dialektischer Konstruktivismus
3.3.3.3.1 Theoretischer Kontext
3.3.3.3.2 Beschreibung des dialektisch-konstruktivistischen Modells
3.3.3.4 Dysfunktion und Veränderungsprinzipien
3.3.3.4.1 Mangel an emotionalem Gewahrsein
3.3.3.4.2 Maladaptive emotionale Schemata
3.3.3.4.3 Regulation von Emotionen
3.3.3.4.4 Narrative Konstruktion und existentielle Bedeutungserschaffung
3.4 Praxis der Emotionsfokussierten Therapie
3.4.1 Behandlungsprinzipien
3.4.2 Wahrnehmungsfertigkeiten des Therapeuten
3.4.3 Interventionsfertigkeiten
3.4.3.1 Allgemeine Interventionsfertigkeiten
3.4.3.2 Empathie
3.4.3.2.1 Funktionen von Empathie
3.4.3.2.2 Formen empathischer Kommunikation
3.4.3.3 Marker und Aufgaben
3.4.3.3.1 Problematische Reaktionen
3.4.3.3.2 Focusing bei unklarem Felt sense
3.4.3.3.3 Zwei-Stuhl-Dialog bei Konfliktspaltungen
3.4.3.3.4 Zwei-Stuhl-Inszenierung bei selbstunterbrechenden Prozessen
3.4.3.3.5 Leerer-Stuhl-Dialog bei unabgeschlossenen Prozessen
3.4.3.3.6 Empathisches Bestätigen bei Vulnerabilität
3.5 Kritische Würdigung
4.0 Vergleich der beiden Konzeptionen
4.1 Konzeptualisierung von Sinn bzw. Bedeutung
4.2 Umsetzung der Konzepte in psychotherapeutische Praxis
4.3 Philosophisch-weltanschauliche Position und Fragen der Passung
4.4 Ergebnis
4.5 Synoptische Übersicht
5.0 Abschließende kritische Würdigung
6.0 Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht die Konzeptualisierung von Sinn und Bedeutung in der Logotherapie und Existenzanalyse nach Viktor E. Frankl mit der Emotionsfokussierten Therapie (EFT) nach Leslie S. Greenberg. Ziel ist es, die theoretischen Ansätze, ihre Umsetzung in die therapeutische Praxis sowie ihre zugrunde liegenden philosophisch-weltanschaulichen Positionen zu analysieren und einander gegenüberzustellen.
- Therapietheoretische Konzeptualisierung von "Sinn" und "Bedeutung"
- Methodische Umsetzung in der psychotherapeutischen Praxis
- Philosophisch-weltanschauliche Grundlagen der Ansätze
- Kritische Würdigung der Ansätze hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit
- Synoptischer Vergleich beider Konzeptionen
Auszug aus dem Buch
Sinn und Zweck (Richtungssinn)
In vielen Fällen kann die Frage nach dem Sinn funktional, mit der Angabe der Zweckdienlichkeit von Mitteln beantwortet werden. Sinn hat, was der Erreichung von Zwecken dient, sinnwidrig ist, was sie verhindert, und was zur Erreichung von Zwecken gar nichts beitragen kann, ist sinnlos (Schaeffler 1974, S. 1326).
Für die Beantwortung der Frage nach dem „Sinn des Lebens“ reicht dieses funktionale Sinnverständnis jedoch nicht aus. Denn „wer seine Existenz mit der des ‚Rädchens im Getriebe‘ vergleichen muss, hat zwar die Zweckdienlichkeit seines Lebens entdeckt, hat damit aber noch nicht die gesuchte Antwort auf die Frage nach dem Sinn seines Lebens gefunden“ (Schaeffler 1974, S. 1335f). Offenbar lässt die Frage nach dem Sinn des Lebens „nicht jede Dienlichkeit für einen Zweck als Rechtfertigung gelten“ (id). Denn ausschließlich als Mittel für Fremdes gebraucht, kann Leben nur noch als entfremdetes begriffen werden (vgl. Schaeffler 1974, S. 1337).
Es hat den Anschein als sei die Frage nach dem Sinn des Lebens mit einer „Auffassung von einer inneren Absicht“ verbunden (vgl. Gerhardt 1995, S. 815). Sie berührt damit den aristotelischen Begriff des „Telos“ (τέλος Ziel) bzw der Entelechie „als einer wesensimmanenten Strebekraft“ (Brockard 1974, S. 1823).
Zusammenfassung der Kapitel
1.0 Thematische Einführung: Dieses Kapitel führt in die Problematik von Sinnfragen in der psychotherapeutischen Praxis ein und thematisiert das weitgehende Ausbleiben einer systematischen Behandlung in der Fachliteratur.
2.0 Logotherapie und Existenzanalyse: Hier wird der Ansatz von Viktor Frankl dargestellt, der auf einer existenzanalytischen Anthropologie und dem "Willen zum Sinn" basiert.
3.0 Emotionsfokussierte Therapie: Dieses Kapitel erläutert die EFT als integrativen Ansatz, der kognitive Informationsverarbeitung mit der zentralen Bedeutung des emotionalen Erlebens verbindet.
4.0 Vergleich der beiden Konzeptionen: In diesem Kapitel werden die theoretischen und praktischen Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten der Logotherapie und der EFT systematisch gegenübergestellt.
5.0 Abschließende kritische Würdigung: Hier erfolgt eine kritische Reflexion des Nutzens beider Ansätze für die psychotherapeutische Praxis unter Einbeziehung philosophischer und methodischer Einwände.
Schlüsselwörter
Logotherapie, Existenzanalyse, Emotionsfokussierte Therapie, Sinnfrage, Bedeutung, Wille zum Sinn, Emotionale Schemata, Selbstdistanz, Selbsttranszendenz, Psychotherapie, Werttrias, Phänomenologie, Konstruktivismus, Sinnfindung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht die Ansätze der Logotherapie nach Viktor Frankl und der Emotionsfokussierten Therapie nach Leslie S. Greenberg im Hinblick darauf, wie diese beiden Verfahren "Sinn" und "Bedeutung" konzeptualisieren und therapeutisch nutzen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Themenbereiche Sinnsuche, existentielle Frustration, Bedeutungskonstruktion, die Rolle von Emotionen im Therapieprozess und die philosophischen Grundannahmen, auf denen diese Psychotherapieverfahren aufbauen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist eine systematische Gegenüberstellung der zwei Therapiekonzepte, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Theoriebildung und der praktischen Anwendung bei Sinnkrisen herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine systematische, therapietheoretische Analyse und einen vergleichenden Diskurs unter Einbeziehung philosophischer und psychologischer Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Darstellung der Logotherapie (Theorie, Praxis, Methodik) und der Emotionsfokussierten Therapie (Grundlagen, Prozesskonzepte, Interventionen), gefolgt von einem direkten Vergleich dieser Ansätze.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Logotherapie, Emotionsfokussierte Therapie, Sinn, Bedeutung, existentielle Frustration, emotionale Schemata und Selbsttranszendenz definiert.
Wie unterscheidet sich das Verständnis von Sinn zwischen den beiden Therapien?
Während Frankl Sinn in einem objektivistischen Rahmen als etwas ansieht, das "gefunden" werden muss, betrachtet die EFT Bedeutung als einen dialektisch-konstruktivistischen Prozess, bei dem Bedeutung in einem Prozess von Biologie und Kultur aktiv erschaffen und entdeckt wird.
Welche Rolle spielt die therapeutische Beziehung in beiden Ansätzen?
Beide Ansätze priorisieren die therapeutische Beziehung. In der Logotherapie steht die Begegnung von Arzt und Patient im Zentrum, während in der EFT die therapeutische Beziehung die Basis für die prozessleitende Arbeit an emotionalen Schemata bildet.
- Arbeit zitieren
- Martin Bender (Autor:in), 2019, Sinn und Bedeutung in der Logotherapie und in der Emotionsfokussierten Therapie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455112