Der Soziologe und Ethnologe Pierre Bourdieu zählt zu den bedeutendsten französischen Sozialwissenschaftler des letzten Jahrhunderts. Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit seinem einflussreichsten theoretischen Werk: Der Habitustheorie sowie seinem Modell des sozialen Raumes. Allerdings werden bei dieser Ausarbeitung auch andere Entwürfe Bourdieus beschrieben, um auf die Entwicklungen innerhalb seiner Arbeiten aufmerksam zu machen, die gerade bei Bourdieu von Interesse sind. Als Ethnologe basieren nämlich seine Modelle in der Regel auf dem Prinzip der teilnehmenden Beobachtung und sind deshalb ständigem Wandel ausgesetzt. Und diese Änderungen der gegebenen Untersuchungssituation führen auch zwangsläufig zu Modifizierungen der Untersuchungserkenntnisse. Deshalb haben die Theorien Bourdieus in der Regel den gleichen Hintergrund (Habitus) und bauen zumindest ansatzweise aufeinander auf. Bourdieus Arbeiten haben zu großen Kontroversen geführt. So stößt die Habitustheorie beispielsweise auf großen Widerstand bei Positivisten, die auf die uneingeschränkte Freiheit des menschlichen Handelns bestehen und deshalb mit Bourdieus zweifelsohne desillusionierenden Theorien wenig anfangen können. Auch Bourdieus Untersuchungsgebiete bei seinen Ausarbeitungen zum Modell des sozialen Raumes sind unkonventionell. So untersucht er das für wissenschaftliche Ausarbeitungen untypische Feld der Geschmäcker und leitet aus seinen Forschungsergebnissen einen gesamtgesellschaftlichen Theorieansatz ab. Zuerst wird in dieser Hausarbeit allerdings auf Bourdieus Habitustheorie eingegangen. Diese dient als Basis für die weiteren Ausführungen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Habitustheorie
2.1 Der Klassenhabitus
3. Die Theorie sozialer Felder
4. Der Kapitalbegriff
4.1 Ökonomisches Kapital
4.2 Kulturelles Kapital
5.2.1 Kulturelles Kapital im objektivierten Zustand
5.2.2 Kulturelles Kapital im inkorporierten Zustand
5.2.3 Kulturelles Kapital im institutionalisierten Zustand
4.3 Soziales und symbolisches Kapital
5. Der Soziale Raum
5.1 Der Raum der sozialen Positionen
5.2 Der Raum der Lebensstile
5.2.1 Legitimer Geschmack
5.2.2 Mittlerer Geschmack
5.2.3 Populärer Geschmack
6. Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das theoretische Werk von Pierre Bourdieu mit einem Fokus auf die Habitustheorie und das Modell des sozialen Raumes. Dabei wird erforscht, inwieweit das Handeln von Individuen durch habituelle Strukturen vorbestimmt ist und wie sich soziale Positionen sowie Lebensstile innerhalb einer Gesellschaft konstituieren.
- Die Konzeption des Habitus als einverleibtes System von Anlagen.
- Die Struktur und Dynamik sozialer Felder.
- Die Differenzierung verschiedener Kapitalformen (ökonomisch, kulturell, sozial, symbolisch).
- Die Analyse des sozialen Raumes anhand von Kapitalvolumen und Kapitalstruktur.
- Der Zusammenhang zwischen sozialen Positionen und geschmacksspezifischen Lebensstilen.
Auszug aus dem Buch
2. Die Habitustheorie
Die Habitustheorie ist Bourdieus wichtigstes theoretisches Konzept. Sie bildet die Basis beinahe aller Forschungs- und Untersuchungsansätze Bourdieus.
In der Alltagssprache definiert sich der Habitus als das Aussehen, Erscheinungsbild und Auftreten eines Menschen. Auch Bourdieu schließt bei seinem Habituskonzept diese Merkmale der äußeren, wahrnehmbaren Erkennung eines Menschen mit ein. Er versteht den Habitus als ein inkorporiertes – einverleibtes – „System von Anlagen zu einem bestimmten Verhalten“ (Dispositionen) und der „unbewussten Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata“.
Der Habitus wird von Bourdieu somit als eine Art inne wohnender Regisseur angesehen, der die Rezeption und Verarbeitung von Informationen steuert und somit Einfluss auf die Aktionen des Individuums hat. Der Regisseur arbeitet allerdings im Verborgenen. Das Individuum nimmt ihn nicht wahr. Es glaubt, in seinem Handeln völlig selbstbestimmt agieren zu können und ist sich der habituellen Dispositionen nicht bewusst. „Ihre „Genese – ihre Geschichte – wurde vergessen“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz Bourdieus als Sozialwissenschaftler ein und umreißt die behandelten Kernbereiche wie die Habitustheorie und den sozialen Raum.
2. Die Habitustheorie: Hier wird der Habitusbegriff als zentrales, unbewusstes Steuerungssystem menschlichen Handelns definiert und in Bezug auf seine familiäre Genese erläutert.
2.1 Der Klassenhabitus: Dieses Kapitel beschreibt, wie habituelle Dispositionen nicht nur individuell, sondern klassenspezifisch ausgeprägt sind und soziale Gruppierungen definieren.
3. Die Theorie sozialer Felder: Die Analyse konzentriert sich hier auf die autonomen, objektiven Strukturen, innerhalb derer Akteure agieren und um Machtpositionen kämpfen.
4. Der Kapitalbegriff: Dieses Kapitel differenziert verschiedene Kapitalsorten, die den Status eines Akteurs im sozialen Raum bestimmen.
4.1 Ökonomisches Kapital: Erläuterung des traditionellen Kapitalbegriffs, der sich auf den materiellen Besitz von Eigentum bezieht.
4.2 Kulturelles Kapital: Darstellung des Bildungskapitals und dessen Wissensformen.
5.2.1 Kulturelles Kapital im objektivierten Zustand: Beschreibung der manifesten, materiellen Form kulturellen Kapitals wie Bücher oder Kunstgegenstände.
5.2.2 Kulturelles Kapital im inkorporierten Zustand: Analyse der Fähigkeiten und des Wissens, die als Teil der Persönlichkeit im Individuum verankert sind.
5.2.3 Kulturelles Kapital im institutionalisierten Zustand: Betrachtung der staatlich legitimierten Bildungsabschlüsse als Nachweis kulturellen Kapitals.
4.3 Soziales und symbolisches Kapital: Untersuchung des Beziehungskapitals sowie des durch Prestige definierten symbolischen Kapitals.
5. Der Soziale Raum: Dieses Kapitel führt Bourdieus makroskopisches Modell zur Klassifizierung der Gesellschaft ein.
5.1 Der Raum der sozialen Positionen: Erläuterung der Einteilung in Klassen anhand der objektiven Kriterien Kapitalvolumen und Kapitalstruktur.
5.2 Der Raum der Lebensstile: Untersuchung der subjektiven Präferenzen und Geschmäcker, die den Klassen zugeordnet werden.
5.2.1 Legitimer Geschmack: Beschreibung des Geschmacks der herrschenden Klasse, der sich durch Distinktion auszeichnet.
5.2.2 Mittlerer Geschmack: Analyse der Orientierung der Mittelklasse an der Oberschicht bei gleichzeitiger Abgrenzung nach unten.
5.2.3 Populärer Geschmack: Untersuchung der pragmatischen Lebensführung der unteren Klasse.
6. Schlussbemerkungen: Reflexion über die Tragweite von Bourdieus Theorien und deren kritische Einordnung.
Schlüsselwörter
Pierre Bourdieu, Habitus, Sozialer Raum, Kapitalbegriff, Kulturelles Kapital, Sozialer Aufstieg, Soziale Felder, Klassenhabitus, Distinktion, Lebensstile, Legitimer Geschmack, Inkorporiertes Kapital, Kapitalstruktur, Soziale Praxis, Soziologische Theorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine Einführung in das soziologische Werk von Pierre Bourdieu, mit einem speziellen Fokus auf seine zentralen Konzepte des Habitus und des sozialen Raumes.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Habitustheorie, den verschiedenen Kapitalformen (ökonomisch, kulturell, sozial), der Theorie sozialer Felder und der Analyse gesellschaftlicher Klassen durch Lebensstile.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel der Arbeit ist es, Bourdieus Theorien verständlich zu machen und aufzuzeigen, wie soziale Strukturen, Machtverhältnisse und individuelle Lebensweisen miteinander verknüpft sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Auseinandersetzung mit der Primärliteratur von Pierre Bourdieu und ergänzender Sekundärliteratur, um seine zentralen Begriffe zu systematisieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Habitustheorie, die Dynamik sozialer Felder, die verschiedenen Kapitalbegriffe und das makroskopische Modell des sozialen Raumes mit seinen unterschiedlichen Geschmackskategorien analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Habitus, Kapital, Soziales Feld, Lebensstil, Distinktion und Klassenzugehörigkeit.
Wie unterscheidet Bourdieu die Zustände kulturellen Kapitals?
Bourdieu unterteilt kulturelles Kapital in einen objektivierten Zustand (materielle Objekte), einen inkorporierten Zustand (internalisiertes Wissen) und einen institutionalisierten Zustand (staatliche Titel).
Was bedeutet der Begriff Distinktion in diesem Kontext?
Distinktion bezeichnet das Streben der Akteure – insbesondere der herrschenden Klasse – sich durch spezifische Geschmäcker und Praktiken von anderen sozialen Klassen abzugrenzen.
Was ist das Ergebnis der Analyse zur Sportausübung?
Die Arbeit verdeutlicht am Beispiel von Sportarten wie Golf oder Fechten, dass unterschiedliche Klassen ihre Vorlieben nutzen, um sich durch "edlere" Betätigungen von anderen abzuheben.
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- Meiko Merda (Author), 2003, Pierre Bourdieu. Habitus und sozialer Raum, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44696