Der moderne Leser findet zum barocken Trauerspiel, ja zur Barockliteratur überhaupt, ungleich schwerer Zugang als etwa zu einem Werk der Klassik oder einem realistischen Roman. Einer der Gründe hierfür liegt sicherlich in der Tatsache, dass uns „zwei tiefe kulturgeschichtliche Gräben“ von dieser literarischen Epoche trennen; nämlich der „Bruch zwischen der ‚höfischen‘ Kultur zur klassisch-‚bürgerlichen‘ und der von dieser zur ‚modernen‘“.
Nähert man sich nun Daniel Casper von Lohensteins (1635-1683) Trauerspiel Cleopatra, das erstmals 1661 aufgeführt und 1680 in veränderter Form neu aufgelegt wurde, so wird man feststellen, dass die sich ergebenden Interpretationsschwierigkeiten nicht allein auf diese „kulturgeschichtlichen Gräben“ zurückzuführen sind, da die Lohensteinschen Dramen innerhalb der Tradition des schlesischen Trauerspiels selbst noch einmal eine gesonderte Stellung einnehmen. Im Gegensatz etwa zu den Trauerspielen eines Andreas Gryphius lässt sich Lohensteins Cleopatra „nicht mehr in das dichotomische Modell von einerseits Märtyrer- und andererseits Tyrannen- bzw. Laster- und Leidenschaftsdrama einfügen“. Die Figuren dieses Dramas entziehen sich einer „jedem Betrachter sofort evidenten Formel“, einer vorschnellen und naiven Einteilung in einerseits lasterhaft und andererseits tugendhaft und nachahmenswert Handelnde. Das solche „simplen Bewertungsalternativen“6 den Figuren des Trauerspiels nicht gerecht werden, möchte ich im Folgenden anhand einer Betrachtung der Protagonistin, der ägyptischen Königin Cleopatra, herausstellen. Zuvor soll allerdings kurz auf die Stellung des Lohensteinschen Dramas innerhalb der Tradition des schlesischen Trauerspiels eingegangen werden.
Diese Arbeit entsteht im Rahmen eines Seminars, das sich mit dem Arabischen in der deutschen Literatur beschäftigt. Aus diesem Grund halte ich es für angebracht, dem Hauptteil der Arbeit abschließend einige Bemerkungen zur Funktion des Exotischen und Fremden in Lohensteins Cleopatra folgen zu lassen.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Lohensteins Dramen im Kontext des schlesischen Trauerspiels
- Cleopatra als Besiegte und Siegerin
- Zur Funktion des Exotischen
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Arbeit analysiert Daniel Caspar von Lohensteins Trauerspiel "Cleopatra" im Kontext des schlesischen Trauerspiels, indem sie die Stellung Lohensteins innerhalb der Tradition, insbesondere im Vergleich zu Andreas Gryphius, beleuchtet. Weiterhin untersucht die Arbeit die Figur der Cleopatra als Besiegte und Siegerin und erörtert die Funktion des Exotischen und Fremden im Stück.
- Stellung des Lohensteinschen Dramas im schlesischen Trauerspiel
- Die Figur der Cleopatra als Besiegte und Siegerin
- Die Funktion des Exotischen im Stück
- Die Säkularisation im Werk Lohensteins
- Die Bedeutung der „innerweltlichen Auseinandersetzungen“ in Lohensteins Dramen
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung
Die Einleitung stellt die Herausforderungen dar, die der moderne Leser bei der Auseinandersetzung mit barocker Literatur, insbesondere mit dem Trauerspiel, hat. Sie betont die Besonderheit des schlesischen Trauerspiels und die spezifische Stellung von Lohensteins "Cleopatra" innerhalb dieser Tradition.
Lohensteins Dramen im Kontext des schlesischen Trauerspiels
Dieses Kapitel beleuchtet die Entwicklung des schlesischen Trauerspiels, beginnend mit Andreas Gryphius' „Leo Armenius“. Es werden die charakteristischen Merkmale des schlesischen Trauerspiels, insbesondere die Gliederung in fünf Akte mit „Reyen“ sowie die Orientierung an den poetischen Regeln von Opitz, erläutert. Die Arbeit hebt den Unterschied zwischen den Dramen Gryphius und Lohensteins hervor: Während Gryphius' Dramen stark vom dualistischen Schema von Märtyrern und Tyrannen geprägt sind, entziehen sich Lohensteins Figuren dieser simplen Einteilung.
Cleopatra als Besiegte und Siegerin
Dieser Abschnitt konzentriert sich auf die Analyse der Titelfigur und ihren ambivalenten Charakter. Die Arbeit untersucht die Rolle der Cleopatra als Besiegte und Siegerin und analysiert, wie Lohenstein diese Ambivalenz durch die Figurenzeichnung und den dramatischen Verlauf darstellt.
Schlüsselwörter
Schlesisches Trauerspiel, Daniel Caspar von Lohenstein, Andreas Gryphius, Cleopatra, Exotik, Säkularisation, innerweltliche Auseinandersetzungen, politische Dimensionen, ambivalent, Besiegte und Siegerin, Figurenzeichnung.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das Besondere an Lohensteins „Cleopatra“?
Im Gegensatz zum klassischen Barockdrama entzieht sich Cleopatra einer einfachen Einteilung in „gut“ oder „böse“ (Märtyrer vs. Tyrann) und zeigt komplexe, ambivalente Charaktere.
Wie wird Cleopatra als „besiegte Siegerin“ dargestellt?
Obwohl sie politisch und militärisch besiegt ist, erlangt sie durch ihren Freitod eine moralische und heroische Überlegenheit über ihre Bezwinger.
Welche Rolle spielt die Exotik im Stück?
Das ägyptische Setting dient als Kulisse für politische Intrigen und zeigt das Interesse des Barock an dem Fremden und dem Arabischen in der Literatur.
Was unterscheidet Lohenstein von Andreas Gryphius?
Während Gryphius oft religiöse Standhaftigkeit betont, stehen bei Lohenstein innerweltliche Machtkämpfe, Säkularisation und politische Klugheit im Vordergrund.
Warum ist Barockliteratur für moderne Leser oft schwer zugänglich?
Die Arbeit nennt kulturelle Brüche zwischen der höfischen Welt des Barock und der bürgerlichen Klassik sowie die komplexe, oft künstliche Sprache als Hindernisse.
- Quote paper
- Mareike Henrich (Author), 2002, Besiegte Siegerin. Daniel Caspar von Lohensteins "Cleopatra", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43771