Jugendbewegungen und subkulturelle Strömungen Heranwachsender erhalten ihre historische Relevanz als Indikatoren gesamtgesellschaftlicher Widersprüche und Oppositionen. Auch und gerade in der DDR der 60er lassen sich die Auswüchse jugendlichen Aufbegehrens als „Motoren sozialen Wandels“ werten. Dies scheint in der „durchherrschten Gesellschaft“ problematischer denn je, war doch „die Jugend eine zentrale Größe gesellschaftlicher Planung“. Nach dem zweiten Weltkrieg erfährt der soziologische Begriff „Generationenkonflikt“ durch das Aufkommen der Populärkultur und des Massenkonsums eine Zunahme an Komplexität – zunächst primär in westlichen Gesellschaften, letztendlich aber auch in den Staaten des Ostblocks und insbesondere in der DDR. Wie ging die SED mit dieser Problematik um? Welche Strategien entwickelte sie, um die Vorherrschaft westlicher Musik, Mode und Lebensentwürfe einzudämmen? Auf welchen Widerstand stieß die Parteiführung dabei unter den Jugendlichen? Kann der Siegeszug des Rock’n Roll in der DDR als allgemeine Liberalisierungs- und Modernisierung (um)- gedeutet werden? Welche Bedeutung spielt die konfliktreiche Auseinandersetzung zwischen Staat und Jugend in den 60er Jahren für die friedliche Revolution im Herbst 1989?
In dieser Hausarbeit möchte ich aus einer kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Perspektive die Grenzen und Möglichkeiten ausgewählter Jugendbewegungen beleuchten. Besonderes Augenmerk werde ich dabei auf öffentliche Äußerungen, Leitlinien und Prinzipien der SED-Führung in Bezug auf jugendpolitische Entscheidungen legen – sei es anhand juristischer Anordnungen, Zeitungszitate oder ähnlichem Quellenmaterial.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Vorgeschichte: Herkunft und Entstehung alternativer Jugendbewegungen in den 50er Jahren
2.2 Die sozialistische Pädagogik: Spagat zwischen Toleranz und Repression
2.3 „Kultureller Kahlschlag“: Das vorläufige Ende einer liberalen Jugend- und Kulturpolitik
2.4. Normalisierung und Anpassung unter den Vorzeichen des „Prager Frühlings“
3. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die konfliktreiche Auseinandersetzung zwischen dem SED-Staat und den Jugendbewegungen in der DDR der 1960er Jahre, um die Auswirkungen staatlicher Repression auf kulturelle Selbstentfaltung und den mentalitätsgeschichtlichen Wandel der Jugend zu beleuchten.
- Rolle der Populärkultur (Beat, Rock 'n' Roll) als Motor sozialen Wandels.
- Spannungsfeld zwischen sozialistischer Pädagogik und westlicher Jugendkultur.
- Kulturpolitische Wende und staatliche Repressionsstrategien („Kahlschlag“).
- Bedeutung des „Prager Frühlings“ für die jugendliche Identitätsbildung.
- Generationelle Perspektiven auf die DDR-Geschichte und die spätere Friedliche Revolution.
Auszug aus dem Buch
2.1 Vorgeschichte: Herkunft und Entstehung alternativer Jugendbewegungen
„Eine große Linie deutscher Kulturgeschichte im 20. Jahrhundert bildet der Aufstieg der kommerziellen Populärkünste. […] ihre Werte haben die um 1900 noch allein gültigen Maßstäbe der so genannten Hochkultur an den Rand gedrängt.“4 Bereits in der Mitte der 50er Jahre zeichnete sich in der DDR ab, dass angloamerikanische Musikstile, Modetrends und Lebensentwürfe vor den Grenzen des Ostblocks nicht halt machten und tradierte Erscheinungsformen der Jugend- und Massenkultur verdrängten. Wie überall auf der Welt übte die radikale Inszenierung von Körper und Genuss eine unbändige Faszination auf Jugendliche aller Schichten aus. Die propagierte Arbeitergesellschaft bot den Heranwachsenden zu wenig Reize – das Aufkommen der Erlebnis- und Freizeitgesellschaft führte zu neuen Möglichkeiten der äußeren Abgrenzung innerhalb subkultureller Nischen.
Inspirationsquellen und Vorbilder kamen aus dem westlichen Raum: Rock’n Roll war eine viel versprechende Alternative zur als bieder empfundenen Schlager- und Tanz-Musik. Doch was im Westen zunächst allenfalls als Generationenkonflikt seinen Ausdruck fand, erlangte in der DDR rasch eine politische Dimension: „Die transatlantische Veitstanzmusik Rock ’n’ Roll gehört in das Konzept der NATO, in das Konzept des kalten Krieges und der psychologischen Kriegsführung“5, war sich die SED-Jugendzeitung „Junge Welt“ Ende der 50er Jahre sicher. In ihr spiegelt sich das tiefe Misstrauen gegenüber dem westlichen „Kulturimperialismus“ wider. Und zwei Jahre später äußerte Walter Ulbricht auf der „1. Bitterfelder Konferenz“: „Es genügt nicht, die kapitalistische Dekadenz in Worten zu verurteilen, […] gegen die ‚Hotmusik’ und die ekstatischen ‚Gesänge’ eines Presley zu sprechen. Wir müssen etwas Besseres bieten“ 6.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das historische Relevanzfeld jugendlicher Subkulturen als Indikator für gesellschaftliche Widersprüche und stellt die zentrale Forschungsfrage nach dem staatlichen Umgang der SED mit westlichen Einflüssen.
2. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert die historischen Etappen von den Anfängen der Jugendkultur über die Phase der Liberalisierung bis hin zum repressiven „Kahlschlag“ und der anschließenden Normalisierung unter dem Einfluss des Prager Frühlings.
2.1 Vorgeschichte: Herkunft und Entstehung alternativer Jugendbewegungen in den 50er Jahren: Dieses Kapitel beschreibt den aufkommenden Einfluss westlicher Popkultur auf DDR-Jugendliche und die daraus resultierende politische Stigmatisierung durch die SED.
2.2 Die sozialistische Pädagogik: Spagat zwischen Toleranz und Repression: Hier wird der Versuch der staatlichen Institutionen dargelegt, Jugendliche ideologisch zu binden, während gleichzeitig mit einer moderaten Öffnung gegenüber Jugendkultur experimentiert wurde.
2.3 „Kultureller Kahlschlag“: Das vorläufige Ende einer liberalen Jugend- und Kulturpolitik: Dieses Kapitel behandelt die jugendpolitische Wende Mitte der 60er Jahre, die zur Kriminalisierung der Beat-Szene und zur gewaltsamen Unterdrückung von Protesten wie der „Beatdemo“ führte.
2.4. Normalisierung und Anpassung unter den Vorzeichen des „Prager Frühlings“: Das Kapitel beleuchtet den gesellschaftlichen Wandel und die Versuche der Jugend, sich innerhalb des Systems zu arrangieren, während die Hoffnung auf Reformen durch die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 gedämpft wurde.
3. Schluss: Der Schluss zieht ein Fazit unter Einbeziehung des Generationenmodells von Bernd Lindner und reflektiert über die langfristigen Folgen für das systemkritische Potenzial der Jugendlichen.
Schlüsselwörter
DDR, SED, Jugendbewegung, Rock 'n' Roll, Beat, Sozialistische Pädagogik, Prager Frühling, Kulturimperialismus, Generationenkonflikt, DT 64, Jugendkultur, Widerstand, Politische Repression, Mentalitätsgeschichte, DDR-Gesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht die spannungsreiche Beziehung zwischen dem DDR-Staat und den Jugendbewegungen der 60er Jahre im Kontext westlicher kultureller Einflüsse.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung der Jugendkultur, der staatlichen Reaktionsweise der SED, dem Einfluss von Musik auf die Identitätsbildung und den Auswirkungen politischer Umbrüche wie dem Prager Frühling.
Was ist das Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Grenzen und Möglichkeiten der Jugendbewegung in der DDR mentalitätsgeschichtlich zu beleuchten und deren Bedeutung für das Verständnis der späteren gesellschaftlichen Entwicklungen einzuordnen.
Welche methodische Vorgehensweise wählt der Autor?
Der Autor wählt eine kultur- und mentalitätsgeschichtliche Perspektive, gestützt auf die Analyse öffentlicher Äußerungen, Leitlinien der SED, juristischer Anordnungen und zeitgenössischer Quellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Phasen der Entstehung von Jugendkultur, die Erziehungsversuche der FDJ, die repressive Wende („Kahlschlag“) und die Phase der Normalisierung unter dem Einfluss der Ereignisse von 1968.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren den Inhalt?
Zentrale Begriffe sind SED, Jugendbewegung, Beat, Rock 'n' Roll, Kulturimperialismus und Sozialistische Pädagogik.
Warum war der „Prager Frühling“ für die DDR-Jugend so bedeutend?
Er fungierte als Hoffnungsträger für einen reformorientierten Sozialismus, dessen Niederschlagung jedoch die Aussicht auf innerstaatliche Reformen massiv erschütterte.
Welche Rolle spielten die Ereignisse um 1965 für die Jugendbewegung?
Das Jahr 1965 markierte mit dem sogenannten „Kahlschlag“ und der Zerschlagung der „Beatdemo“ eine Zäsur, die zu einer stärkeren Kriminalisierung und Einschüchterung der subkulturellen Szene führte.
- Quote paper
- Michael Bee (Author), 2004, Beat, Rock 'n' Roll und die SED - Die konfliktreiche Auseinandersetzung zwischen Staat und Jugendbewegung in der DDR der sechziger Jahre, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40525