In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Koedukation, die gemeinsame Erziehung von Jungen und Mädchen, an den Schulen der Bundesrepublik Deutschland eingeführt. Die Verwirklichung koedukativer Maßnahmen wurde sowohl hier als auch in der DDR, wo die Koedukation bereits im Jahre 1946 gesetzlich verankert wurde, als entscheidender Schritt zur Demokratisierung der Bildungschancen angesehen. Elementares Anliegen und Ziel war die Gleichberechtigung der Geschlechter.
Heute, gut dreißig Jahre nach ihrer Einführung, scheint die Koedukation mehr denn je in der Kritik zu stehen. Auch wenn erste Zweifel hinsichtlich der tatsächlichen Vorteile des koedukativen Unterrichts bereits Mitte der 80er Jahre vorlagen, so haben insbesondere die Ergebnisse der Neuen Frauenbewegung dazu geführt, dass die Koedukationsdebatte die Bildungspolitik zunehmend beschäftigt. Hauptinhalt dieser Debatte ist die Frage danach, ob Koedukation ihren eigentlichen Sinn und Zweck nicht verfehlt habe. Basis und Bezugspunkt der momentanen Kontroverse sind dabei Forschungsergebnisse, die belegen, dass Mädchen im koedukativen Unterricht benachteiligt werden, Chancengleichheit also keineswegs gegeben ist. Des weiteren wurde festgestellt, dass auch Jungen im geschlechtergemischten Unterricht nicht in dem Maße sozialisiert werden, dass dem Wunsch nach Gleichwertigkeit der Geschlechter ausreichend entsprochen wird. Aufgrund dieser Tatsachen wird vermehrt die Forderung nach – zumindest zeitweiliger – Trennung der Geschlechter im Unterricht geäußert. Davon betroffen ist neben den naturwissenschaftlichen Fächer und den Sprachen vorwiegend auch der Sportunterricht.
Mit der Kontroverse um die Koedukation im Sportunterricht an den Schulen der BRD beschäftigt sich auch diese Arbeit. Dabei soll es zunächst darum gehen, die Argumente für und wider den koedukativen Sportunterricht, wie sie aus der aktuellen Debatte hervorgehen, darzulegen. In diesem Zusammenhang werden auch mögliche Ursachen für ein Scheitern bzw. Chancen für ein Gelingen von Koedukation im Sport aufgezeigt. Anschließend wird es darum gehen, verschiedene Konzepte von gemischtgeschlechtlichen Sportunterricht vorzustellen und zu charakterisieren. Dabei wird sowohl auf die Vorteile als auch auf die Nachteile der jeweiligen Auffassungen verwiesen. In einem letzten Punkt werden dann einige, für den gemeinsamen Sportunterricht von Mädchen und Jungen elementare didaktische Prinzipien vorgestellt.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
1. Zur Genese des koedukativen Sportunterrichts in Deutschland
2. Koedukation im Sportunterricht – Probleme der Rechtfertigung
2.1. Vorbemerkungen
2.2. Begründung und Kritik des koedukativen Sportunterrichts
2.3. Ursachen für ein Scheitern – Chancen für ein Gelingen des koedukativen Sportunterrichts
3. Strömungen koedukativen Sportunterrichts
3.1. Grundlegendes
3.2. Funktionale Koedukation
3.3. Intentionale Koedukation
3.3.1. Ansatz nach Petersen
3.3.2. Ansatz nach Odey
3.3.3. Ansatz der reflexiven Koedukation
4. Didaktische Prinzipien für eine koedukative Unterrichtsgestaltung
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die kontroversen Debatten um die Koedukation im Schulsport. Das Ziel ist es, die Argumente für und gegen den gemeinsamgeschlechtlichen Unterricht darzulegen, verschiedene didaktische Konzepte zu charakterisieren und zentrale Prinzipien für eine erfolgreiche, gleichberechtigte Gestaltung des Sportunterrichts herauszuarbeiten.
- Historische Entwicklung der Koedukation in Deutschland
- Rechtfertigungsproblematik und Kritik am koedukativen Sportunterricht
- Gegenüberstellung funktionaler und intentionaler Koedukationsansätze
- Vorstellung spezieller Konzepte (Petersen, Odey, reflexive Koedukation)
- Didaktische Prinzipien zur Förderung eines gleichberechtigten Miteinanders
Auszug aus dem Buch
3.3.1. Ansatz nach Petersen
Bei Petersen steht die Auseinandersetzung mit den zentralen Problemen des gemeinsamen Sportunterrichts am Anfang des Vermittlungsprozesses. Es wird versucht, den Schülern die Probleme sowie deren Ursachen anhand der unvermeidlichen (z.T. absichtlich herbeigeführten) Konflikte zu verdeutlichen. Infolgedessen sollen, durch theoretische und praktische Aufarbeitung der Problemsituationen, die Einstellungen und Verhaltensweisen der Schüler zugunsten des gemeinsamen Sporttreibens beeinflusst werden. Für diesen intentional koedukativen Ansatz drängt sich das Fußballspiel als Vermittlungsgegenstand im Lernprozess förmlich auf. Einerseits sind die Leistungsunterschiede zwischen Mädchen und Jungen hier i.d.R. beträchtlich. Andererseits sind die geschlechtsbezogenen Vorurteile hinsichtlich dessen, was Mädchen im Sport schlechter und Jungen besser können beim Fußballspiel „hervorragend“ ausgeprägt. Aufgrund dieser Eigenschaften sind Problemsituationen quasi vorprogrammiert.
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet die historische Einführung der Koedukation als demokratischen Akt und thematisiert die aktuelle bildungspolitische Kontroverse hinsichtlich der Benachteiligung von Mädchen im Sportunterricht.
1. Zur Genese des koedukativen Sportunterrichts in Deutschland: Dieses Kapitel zeichnet die historischen Wurzeln der Koedukation von der Schulpflicht im 18. Jahrhundert bis zur unterschiedlichen Umsetzung in der DDR und der BRD nach.
2. Koedukation im Sportunterricht – Probleme der Rechtfertigung: Hier werden die Vor- und Nachteile sowie die pädagogischen Begründungszusammenhänge für einen gemeinsamgeschlechtlichen Sportunterricht kritisch hinterfragt.
3. Strömungen koedukativen Sportunterrichts: Das Kapitel differenziert zwischen funktionalen, intentionalen und reflexiven Ansätzen der Koedukation und analysiert deren jeweilige Zielsetzungen und didaktische Umsetzung.
4. Didaktische Prinzipien für eine koedukative Unterrichtsgestaltung: Es werden zentrale Prinzipien wie das Erfahrungsprinzip, Selbstbestimmung und Reflexion vorgestellt, um ein gleichberechtigtes Miteinander im Sport zu fördern.
5. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass die intentionale Koedukation ein tragfähiges Konzept bietet, dessen Umsetzung jedoch an der schulischen Praxis und der Haltung der Lehrkräfte scheitern kann.
Schlüsselwörter
Koedukation, Sportunterricht, Geschlechtergerechtigkeit, Sportdidaktik, Funktionale Koedukation, Intentionale Koedukation, Reflexive Koedukation, Schulsport, Bildungsdemokratisierung, Soziale Interaktion, Bewegungssozialisation, Unterrichtsgestaltung, Geschlechterrolle, Sportpädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Debatte um die Koedukation, also die gemeinsame Erziehung von Mädchen und Jungen, speziell im Kontext des Schulsports in Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Felder sind die historische Entwicklung, die sportpädagogische Rechtfertigung, die Analyse verschiedener Konzepte (funktional, intentional) sowie didaktische Handlungsprinzipien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu zeigen, warum die derzeitige Praxis oft hinter den Ansprüchen zurückbleibt und welche intentionalen Konzepte eine wirkliche Gleichberechtigung im Sport ermöglichen könnten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturgestützte, sportdidaktische Analyse, die verschiedene Ansätze der Fachliteratur vergleicht und bewertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung, eine Auseinandersetzung mit der Rechtfertigungsproblematik, eine detaillierte Vorstellung von Koedukationsströmungen und die Formulierung didaktischer Prinzipien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich durch Begriffe wie Koedukation, Sportdidaktik, Geschlechtergerechtigkeit und intentionale versus funktionale Konzepte beschreiben.
Warum wird der funktionale Ansatz der Koedukation kritisiert?
Er wird kritisiert, weil er oft nur das bloße Nebeneinander der Geschlechter organisiert, ohne soziale Vorurteile abzubauen, was in der Praxis häufig zu einer Verstärkung geschlechtsspezifischer Hierarchien führt.
Wie unterscheidet sich der Ansatz von Odey von dem von Petersen?
Während Petersen von Beginn an auf die explizite, theoretische und praktische Auseinandersetzung mit Konflikten setzt, wählt Odey einen zunächst konfliktarmen Einstieg, um Vertrauen aufzubauen, bevor anspruchsvollere, problemorientierte Inhalte folgen.
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- Sebastian Knobbe (Autor:in), 2003, Koedukation im Sportunterricht. Fluch oder Segen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39380