Die folgende Arbeit soll zeigen, was nach Luhmanns Systemtheorie Organisationen oder auch organisierte soziale Systeme als autopoietische Systeme erscheinen lässt, welche Theoriebausteine dazu nötig sind, welcher Operationen und Elemente es dazu bedarf und was in diesem Zusammenhang Entscheiden heißt.
Zunächst soll in das Thema eingeführt werden, indem gezeigt wird, was soziale Systeme im Allgemeinen als autopoietische Systeme ausmacht und charakterisiert, um dann spezieller Organisationen als autopoietische Systeme zu beobachten. Im weiteren Verlauf werden die wichtigsten Begriffe zur Organisation wie Mitgliedschaft, Entscheidung, Zeit, Unsicherheit, Personal, Technik, Selbstbeschreibung und Rationalität näher beschrieben, um dann abschließend auf das Verhältnis von Organisation und Gesellschaft einzugehen.
Zudem soll gezeigt werden, auf welche Besonderheiten es beim Verhältnis zwischen funktional differenzierter Gesellschaft und organisierten Systemen ankommt. So wie jede Theorie ist auch diese Theorie „nur“ eine Konstruktion. Das Besondere an der Beobachtung des Beobachters Luhmann ist die Umstellung auf Differenz und der damit eingeleitete besondere Umgang mit Paradoxien. Paradoxien bzw. paradoxe Unterscheidungen sind nicht zu umgehen, im Gegenteil sie können sogar Möglichkeiten ermöglichen; im Falle des Systems zum Beispiel durch ein Reentry der Unterscheidung von System und Umwelt in das System und die durch die Orientierung des Systems an dieser Entscheidung mögliche Autopoiesis eben dieses Systems.
In dieser Arbeit wird man auf diese Paradoxien stoßen, wobei die Paradoxie der Einheit der Differenz von System und Umwelt – welches „die“ Unterscheidung der Systemtheorie darstellt – also die Welt, allgegenwärtig ist und ausgeblendet wird. Daher wird alle Beobachtung je nach Wahl der Systemreferenz auf System oder Umwelt als „Ort“ der Beobachtung bezogen werden. Dabei ist zu beachten, dass schon die Wahl der Systemreferenz bereits ein Entscheidungsprozess ist.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. AUTOPOIETISCHE SYSTEME
3. DIE ORGANISATION ALS AUTOPOIETISCHES SYSTEM
3.1. MITGLIEDSCHAFT UND MOTIVE
3.2. ENTSCHEIDUNGEN
3.2.1. Die Paradoxie des Entscheidens
3.2.2. Zeitverhältnisse
3.2.3. Unsicherheitsabsorption
3.2.4. Risiko und Entscheidungen
3.2.5. Entscheidungsprämissen
3.2.6. Entscheidungsprogramme
3.2.7. Personal
3.3. DIE ORGANISATION DER ORGANISATION
3.4. STRUKTURELLE WANDEL
3.5. TECHNIK
3.6. SELBSTBESCHREIBUNG
3.7. RATIONALITÄT
4. ORGANISATION UND GESELLSCHAFT
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht auf Basis der Systemtheorie von Niklas Luhmann, wie Organisationen als autopoietische, selbstreferenzielle Systeme fungieren, die sich durch Entscheidungen konstituieren und reproduzieren. Im Zentrum steht die Frage, wie diese sozialen Systeme mit Unsicherheit umgehen und durch spezifische Strukturen ihre eigene Fortführung sicherstellen.
- Autopoiese und operative Geschlossenheit sozialer Systeme
- Die zentrale Bedeutung von Entscheidungen und deren Paradoxien
- Strukturbildung durch Entscheidungsprämissen und Programme
- Das Verhältnis von Organisationen zur funktional differenzierten Gesellschaft
Auszug aus dem Buch
3.2.1. Die Paradoxie des Entscheidens
Entscheiden setzt Unterscheiden voraus, daher gilt hier die selbe Problematik wie auch für das Beobachten: „Jede Beobachtung erzeugt Beobachtetes und Nichtbeobachtetes.“ Die Paradoxie besteht dann darin, dass die Beobachtung beobachten kann, obwohl sie nicht beobachten kann. Es geht immer um Differenzen, Beobachten ist formabhängig. Es kann nur beobachtet werden, was beobachtet werden kann, ohne den blinden Fleck jeder Beobachtung eliminieren zu können; er kann lediglich verschoben werden und: „Mit der Beobachtung einer Paradoxie, einer Unendlichkeit in endlicher Form, erreicht das beobachtende System eine nicht mehr überbietbare Irritation.“ Eine Entscheidung ist nun auch differenztheoretisch bzw. auch durch das Kalkül der Form darstellbar. Entscheidungen als Beobachtungen unterscheiden mit Alternativen. Die durch die Entscheidung bezeichnete Alternative ist folglich die Entscheidung, wobei beide Seiten der Unterscheidung bezeichnet werden können. Doch erst „[...] die Alternative macht die Entscheidung zur Entscheidung.“
Entscheidung wird so zur Innenseite der Form und die Nichtentscheidung zur Außenseite der Form. An die Entscheidung kann dann mit Alternativen angeschlossen werden. Damit wird dann entschieden, welches die Innenseite der neuen Form ist. Somit wird auch immer die Alternative unterschieden. Die Entscheidung, bzw. das Beobachten, welches die Unterscheidung benutzt, muss sich selbst unsichtbar machen, das heißt nicht bezeichnen. „Es handelt sich bei der Konstruktion von Alternativität also um den Einschluß des Ausgeschlossenen [...].“ Die Entscheidung ist das durch diese Konstruktion von Alternativen ausgeschlossene Dritte. Und weiter: „[...] so geht es immer um die Einheit einer Unterscheidung, um die Selbigkeit des Differenten [...].“
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in die systemtheoretische Perspektive auf Organisationen als autopoietische Systeme und Erläuterung des methodischen Umgangs mit Paradoxien.
2. AUTOPOIETISCHE SYSTEME: Darstellung der systemtheoretischen Grundlagen, insbesondere der Ausdifferenzierung von Systemen gegenüber ihrer Umwelt durch Selbstreferenz.
3. DIE ORGANISATION ALS AUTOPOIETISCHES SYSTEM: Untersuchung der spezifischen Merkmale von Organisationen, die sich als operativ geschlossene Systeme durch Entscheidungen reproduzieren.
3.1. MITGLIEDSCHAFT UND MOTIVE: Analyse der Mitgliedschaft als struktureller Koppler, der psychische Systeme in die autopoietische Kommunikation der Organisation integriert.
3.2. ENTSCHEIDUNGEN: Untersuchung der Entscheidung als basales Element und Ereignis, das die Autopoiesis der Organisation kontinuierlich vollzieht.
3.2.1. Die Paradoxie des Entscheidens: Erörterung der fundamentalen Unmöglichkeit, Entscheidungen rational in einer nicht-paradoxen Weise endgültig zu begründen.
3.2.2. Zeitverhältnisse: Analyse der zeitlichen Strukturierung von Entscheidungen als Mittel zur Bewältigung der Paradoxie.
3.2.3. Unsicherheitsabsorption: Beschreibung der Funktion der Organisation, Unsicherheit durch Entscheidungen zu transformieren und in eine bekannte Welt zu überführen.
3.2.4. Risiko und Entscheidungen: Betrachtung jeder Entscheidung als riskante Operation, da optimale Rationalität in komplexen Umwelten nicht gegeben ist.
3.2.5. Entscheidungsprämissen: Darstellung, wie Entscheidungen die Möglichkeiten für zukünftige Operationen strukturieren und einschränken.
3.2.6. Entscheidungsprogramme: Unterscheidung zwischen Konditional- und Zweckprogrammen als Mechanismen der operativen Selektion.
3.2.7. Personal: Analyse der Zurechnung von Entscheidungen auf Personen zur Strukturierung der internen Arbeitsweise.
3.3. DIE ORGANISATION DER ORGANISATION: Untersuchung der Reflexivität, bei der das System seine eigenen Entscheidungsprozesse beobachtet und steuert.
3.4. STRUKTURELLE WANDEL: Betrachtung von Reformen als riskante Strukturänderungen, die auf die Paradoxie der Entscheidung reagieren.
3.5. TECHNIK: Analyse des Verhältnisses von Technik und Organisation als Form loser Kopplungen zur Effizienzsteigerung.
3.6. SELBSTBESCHREIBUNG: Erörterung der Rolle von Texten und Selbstbildern, mit denen das System seine eigene Identität erzeugt und stabilisiert.
3.7. RATIONALITÄT: Neuinterpretation von Rationalität als Systemrationalität, die Komplexität durch die selbstreferenzielle Differenz von System und Umwelt reduziert.
4. ORGANISATION UND GESELLSCHAFT: Einbettung der Organisationstheorie in die Gesellschaftstheorie und Klärung der Abhängigkeiten zwischen funktionalen Teilsystemen.
Schlüsselwörter
Luhmann, Systemtheorie, Autopoiesis, Organisation, Entscheidung, Selbstreferenz, Komplexitätsreduktion, Paradoxie, Unsicherheitsabsorption, Entscheidungsprämissen, Struktur, Kommunikation, System-Umwelt-Differenz, Gesellschaft, Rationalität
Häufig gestellte Fragen
Was ist das grundlegende Thema der Arbeit?
Die Arbeit analysiert Organisationen aus der Perspektive der Systemtheorie von Niklas Luhmann und beschreibt sie als autopoietische soziale Systeme.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Schwerpunkte sind die Konstitution von Organisationen durch Kommunikation, der Umgang mit Paradoxien, Entscheidungslogiken, Zeitverhältnisse und die Rolle der Organisation innerhalb der Gesellschaft.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Es wird untersucht, wie Organisationen als autopoietische Systeme durch rekursive Entscheidungsfolgen ihre Existenz sichern, Komplexität reduzieren und sich gegenüber ihrer Umwelt abgrenzen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse auf Basis der systemtheoretischen Konzepte von Niklas Luhmann, die bestehende Theoriebausteine auf Organisationen anwendet.
Was umfasst der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in eine systematische Beschreibung der verschiedenen Facetten der Organisation, von Mitgliedschaft und Personal über Entscheidungsprämissen und Programme bis hin zu Technik und Selbstbeschreibung.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Autopoiesis, operative Geschlossenheit, Entscheidung, Paradoxie, Selbstreferenz und strukturelle Kopplung definiert.
Warum sind Entscheidungen in dieser Theorie so wichtig?
Entscheidungen sind für Luhmann die basalen Operationen, aus denen sich eine Organisation zusammensetzt; ohne sie würde das autopoietische System Organisation nicht existieren.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen verschiedenen Entscheidungsprogrammen?
Die Arbeit differenziert zwischen Konditionalprogrammen (wenn A, dann B) und Zweckprogrammen, um die unterschiedlichen Arten der Komplexitätsreduktion in Organisationen zu verdeutlichen.
- Quote paper
- Daniel Dorniok (Author), 2005, Organisationen oder organisierte soziale Systeme als autopoietische Systeme und ihre Entscheidungen. Betrachtungen zu Luhmanns Systemtheorie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38629