Das übergeordnete Ziel der vorliegenden Seminararbeit ist es, ein didaktisches Begleitmaterial für den Film „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ vorzulegen, welches ab dem 2. Halbjahr der 10. Kl. an sächsischen Mittelschule einsetzbar ist. Innerhalb der vorliegenden Medienanalyse soll zunächst eine kurze Inhaltszusammenfassung des Films gegeben werden. Anschließend wird der Film medienspezifisch hinsichtlich der filmischen- und narrativen Gestaltungsmittel analysiert, um auszuloten, welche Aspekte des Films ein besonderes Potential für die konzipierten Unterrichtsmaterialien bieten.
Christiane F.- dieser Name steht für eine schockierende Geschichte, welche Ende der 1970er-Jahre in den westdeutschen Medien einerseits einen Skandal auslöst, andererseits in der Öffentlichkeit eine Enttabuisierung der Thematik „Drogenkonsum von Minderjährigen“ in Gang setzt. Die Jugendliche Christiane Felscherinow muss im Jahr 1978 in Berlin als Zeugin in einem Gerichtsprozess aussagen. In dieser Zeit bitten die damaligen Autoren des Stern, Kai Hermann und Horst Rieck, die damals 15-Jährige um ein Gespräch und nehmen ihre Schilderungen, u. a. über den Drogenmissbrauch in Christianes Szene und die damit verbundene Prostitution mittels Tonbandprotokollen auf: „Wir verabredeten uns mit ihr zu einem Interview, das Recherchen über die Situation der Jugendlichen vervollständigen sollte. Vorgesehen waren zwei Stunden für das Gespräch. Aus den zwei Stunden wurden zwei Monate“. Noch im selben Jahr erscheint, sowohl mit Christianes Einverständnis, als auch mit dem ihrer Eltern und Überlebenden der „Fixer-Clique“, das Buch Christiane F.- Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, welches in kürzester Zeit ein Bestseller wird und Christiane zu einer Art Ikone einer verlorenen Jugend macht. Zu einem Kassenerfolg wird auch die gleichnamige Verfilmung des Werkes aus dem Jahr 1981, wobei sie mit 3,5 Millionen DM gleichzeitig die teuerste deutsche Produktion war. Die Drehzeit betrug 82 Tage und fand größtenteils an Originalschauplätzen in Ost- und Westberlin statt, bspw. wurde am Bahnhof Zoo mit versteckter Kamera gefilmt, da es keine Dreherlaubnis gab. Mohl spricht im Zusammenhang mit dem Film WKVBZ bereits einige Jahre nach der Erscheinung von einem „gesellschaftlichen Schlüsselerlebnis“. Der Film, der eigentlich als ein Aufklärungs- und Präventionsfilm gedacht war, habe bei dem jungen Publikum, v. a. bei drogengefährdeten und/ oder kriminellen Jugendlichen oftmals den gegenteiligen Effekt erzielt.
Inhaltsverzeichnis
1. Medienanalyse
1.1 Inhaltswiedergabe
1.2 Analyse und Interpretation des Mediums
2. Didaktische Überlegungen
2.1 Begründung zur Wahl des Mediums
2.1.1 Begründung aus filmästhetischer Sicht
2.1.2 Begründung aus didaktischer Sicht
2.2 Zielformulierung
2.3 Kurzvorstellung des konzipierten Materials
3. Erwartungsbilder zu den Schülermaterialien
3.1 Erwartungsbild zu der Beziehung von Bild und Ton
3.2 Erwartungsbild zu Montage und Mise-en-Scène
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht darin, ein didaktisches Begleitmaterial für den Film "Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" zu entwickeln, das speziell für Schüler der 10. Klasse an sächsischen Mittelschulen konzipiert ist. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert sich darauf, wie filmische Gestaltungsmittel analysiert werden können, um das Medium Film als Kunstform und Kulturgut im Deutschunterricht zu erschließen.
- Analyse filmischer Darstellungsverfahren (Bild-Ton-Beziehung, Montage, Mise-en-Scène)
- Entwicklung didaktischer Materialien zur Schulung der "Filmlesefähigkeit"
- Verknüpfung von filmästhetischen Anforderungen mit fachdidaktischen Lehrplanzielen
- Methodische Konzeption von Aufgabenformaten für den medienintegrativen Unterricht
Auszug aus dem Buch
Analyse der filmischen Gestaltungsmittel im Film WKVBZ
Der Zuschauer sieht, wie die beiden schweißgebadet und zitternd im Bett liegen und wie sie vor Schmerzen schreien. Durch die Großaufnahmen reagiert der Rezipient besonders betroffen. Die emotionale Befindlichkeit der Figuren steht hierbei im Vordergrund. Ein Beispiel dafür ist auch die Großaufnahme von Christianes Mutter, nachdem sie ihre Tochter bewusstlos im Bad auffindet. Mittels der Detailaufnahmen wird extreme Nähe hergestellt. Hierbei stehen die Details, z. B. die Spritzen symbolisch pars pro toto, d. h. für das Ganze. Die Einstellungsgröße Halbtotale findet sich oft in den Szenen im Sound oder am Bahnhof Zoo wieder. Lediglich die bildgewichtigen Figuren werden dann von Kopf bis Fuß gezeigt, um die Interaktionen bzw. die Körpersprache in den Fokus zu setzen.
In der Diskothek Sound werden überdies auch des Öfteren Bilder in der Amerikanischen Einstellung gezeigt, d. h. die Figuren sind von Kopf bis kurz über dem Knie im Bild, bspw. David Bowie wird auf seinem Konzert überwiegend in dieser Einstellung gefilmt. Dadurch wird ein ausgewogener Eindruck von der Gestik vermittelt, hingegen spielt die emotionale Befindlichkeit hierbei keine besondere Rolle. Selten kommen im Film WKVBZ Panoramaaufnahmen von Landschaften oder der Stadtarchitektur vor. Zu Beginn und zwischendurch wird die Anonymität von Berlin anhand von Fernaufnahmen gezeigt. Die Schlussszene markiert gleichzeitig die einzige Landschaftsaufnahme des Films. Sie wirkt im Vgl. zu den restlichen, traurigen Bildern des Films nahezu tröstlich und hoffnungsvoll. Die Hoffnung wird, abgesehen von den hellen Farben, durch die Sprache verstärkt, da Christiane monologhaft davon berichtet, dass sie „clean“ sei. Die Bilder im Film WKVBZ sind fast ausschließlich aus der Perspektive der Augenhöhe aufgenommen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Medienanalyse: Dieses Kapitel gibt eine historische Einordnung des Stoffes und analysiert den Film hinsichtlich seiner filmischen und narrativen Gestaltungsmittel sowie seiner Genremerkmale.
2. Didaktische Überlegungen: Hier wird der Einsatz des Films im Unterricht begründet, wobei der Fokus auf der Filmbildung, der didaktischen Reduktion und der Verknüpfung mit den sächsischen Lehrplänen liegt.
3. Erwartungsbilder zu den Schülermaterialien: In diesem Teil werden die methodisch-didaktischen Lösungen für die entworfenen Arbeitsblätter detailliert dargestellt und fachlich erläutert.
Schlüsselwörter
Christiane F., Filmdidaktik, Filmlesefähigkeit, Medienanalyse, Montage, Mise-en-Scène, Bild-Ton-Beziehung, Drogenprävention, Mittelschule, Deutschunterricht, Filmbildung, Analyse, Interpretation, Gestaltungsmittel, Unterrichtsmaterial.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der didaktischen Aufarbeitung des Spielfilms "Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" für den Einsatz in der 10. Klasse an Mittelschulen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die filmische Darstellungsanalyse, die Förderung der Medienkompetenz und die kritische Auseinandersetzung mit der Filmästhetik vor dem Hintergrund der Drogenproblematik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Erstellung von unterrichtspraktischem Begleitmaterial, das Schülern hilft, Film als "audiovisuellen Text" zu verstehen und methodisch zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Literatur- und Filmanalyse sowie didaktische Reduktionsverfahren, um komplexe filmische Mittel für Lernende der Sekundarstufe I aufzubereiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Medienanalyse des Films, eine umfangreiche didaktische Begründung der Materialwahl und die Darstellung der erwarteten Kompetenzzuwächse bei den Schülern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Filmlesefähigkeit, didaktisches Begleitmaterial, Montage, Mise-en-Scène und die bewusste Steuerung der Rezeption durch filmtechnische Mittel.
Wie unterscheidet sich der Film in der Analyse von der literarischen Vorlage?
Die Analyse arbeitet heraus, dass der Film trotz seiner Basis auf realen Ereignissen eine eigene "Filmästhetik" besitzt, die durch spezifische Kameraeinstellungen und den gezielten Einsatz von Ton-Bild-Kontrasten eine andere Wirkung erzielt als das Buch.
Warum wird der Film erst für die 10. Klasse empfohlen?
Aufgrund der FSK-Freigabe ab 16 Jahren ist ein Einsatz in jüngeren Klassenstufen rechtlich ausgeschlossen; daher wird die Unterrichtseinheit für das zweite Halbjahr der 10. Klasse verortet.
- Arbeit zitieren
- Anja Grunow (Autor:in), 2017, Deutschunterricht mithilfe des biographischen Spielfilms "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376472