Mehrsprachigkeit ist in der Schule nicht vorgesehen, sondern wird meist als Defizit aufgefasst. Einsprachigkeit stellt dagegen den normalen, wünschenswerten Zustand dar und lässt sich mit der Vorstellung eines sprachhomogenen Nationalstaates verbinden. Die Mehrsprachigkeit der Schüler wird oft auch dann ignoriert, wenn eine Klasse mehrheitlich von nichtdeutschen Schülern besucht wird. Die Schule orientiert sich am „allgemeinen Kind“1, das nicht zuge wandert, einsprachig und in einer sprachlich und kulturell homogenen Gesellschaft aufgewachsen ist.2 Der Sprachwissenschaftler Leo Weisgerber geht davon aus, dass Zweisprachigkeit Vorteile, aber auch Gefahren berge und deshalb der Elite vorbehalten sei, da nur sie die Vorteile nutzen könne, der Mensch jedoch einsprachig angelegt sei. Dabei verachtet Weisgerber die Tatsache, dass Mehrsprachigkeit die Regel, Einsprachigkeit dagegen die Ausnahme in unserer Gesellschaft darstellt. Weisgerbers Ansicht nach, prägt das muttersprachliche Weltbild die kulturelle Identität eines Menschen, deshalb sieht er eine Gefährdung im Zweitspracherwerb und ist von der Vorstellung überzeugt, dass die meisten Menschen Zweitsprachigkeit nicht verkraften können. Es gibt vielfältige Gründe dafür, warum Kinder eine andere Sprache sprechen: die Eltern sprechen eine andere Sprache als die La ndessprache und die Muttersprache der Kinder stellt somit eine Minderheitensprache dar; die Elternteile sprechen ve rschiedene Sprachen (Mischehen); die Eltern lebten mit ihren Kindern zeitweise im Ausland, wo die Kinder Europa- oder Auslandsschulen besuchten; das Land ist offiziell zweisprachig und bietet Schulen an, an denen beide Landessprachen gelernt werden können (Kanada: Englisch / Französisch; Finnland: Finnisch / Schwedisch). Verschiedene Sprachen besitzen in unserer Gesellschaft einen unterschiedlichen Status. An erster Stelle (höchster Status) steht die Mehrheitssprache Deutsch, gefolgt von den prestigeträchtigen Schulfremdsprachen Englisch und Französisch sowie Herkunftssprachen, die als Begegnungssprachen angeboten werden. Das Schlusslicht bilden Minderheitensprachen
wie kurdisch oder albanisch. [...] 1 Vgl. Neumann, Ursula / Wilkens, Gabriela S.: Multikulturalität und Mehrsprachigkeit als Lernbedingungen im Literaturunterricht. In: Bogdal, Klaus-Michael (Hrsg.): Grundzüge der Literaturdidaktik, 2001, S.80. 2 Vgl. Neumann / Wilkens, 2001, S.78ff.
Inhaltsverzeichnis
1. Mehrsprachigkeit in Gesellschaft und Schule
1.1 Restringierter und elaborierter Code
1.2 Individuelle Zweisprachigkeit
1.3 Zweisprachigkeit und Identitätsentwicklung
2. Didaktische Ansätze
2.1 Der kommunikative Ansatz
2.2 Der interkulturelle Ansatz
2.3 Der bilinguale Ansatz
3. Typologie von Schulmodellen
4. Grundtypen von Schulmodellen
4.1 Segregation
4.2 Sprachschutzprogramme (Maintenance- oder Language Shelter)
4.3 Submersion in multinationalen Regelklassen
4.4 Immersion
4.5 Zusammengesetzte Klassen
4.6 Muttersprachlicher Unterricht
4.6.1 Kritik am Muttersprachlichen Unterricht
4.6.2 Muttersprachliche Lehrkräfte
4.6.2 Anforderungen an den Muttersprachlichen Unterricht
4.7 Konzepte im Ausland
5. Modelle Interkultureller Erziehung
6. Fehleranalyse: Interlanguage vs. Fossilierungen
7. Zum Einsatz von Sprachbüchern
8. Sprachspiele und Spracherwerb
8.1 Formen und Funktionen des kindlichen Sprachspiels
8.2 Witze im Kontext des kindlichen Sprachspiels
8.3 Sprachspiele in mehrsprachigen Lerngruppen
8.4 Interaktions- und Gesellschaftsspiele
9. Integrativer Sprach- und Literaturunterricht
10. Schrifterwerb in zwei Sprachen
10.1 Typische Erscheinungen beim Erwerb der Schriftsprache Deutsch
10.2 Koordination des Sprach- und Schrifterwerbs im Anfangsunterricht
10.3 Beispiele für einen koordinierten Anfangsunterricht
10.4 Sprachspiele im Anfangsunterricht
11. Grammatikunterricht in mehrsprachigen Lerngruppen
11.1 Implizite vs. explizite Grammatik
11.2 Sprachbewusstheit
11.3 Sprachspiele im Grammatikunterricht
11.4 Situatives vs. systematisches Lernen
11.5 Schwerpunkte des Grammatikunterrichts
12. Literaturunterricht in mehrsprachigen Lerngruppen
13. Textproduktion in mehrsprachigen Lerngruppen
13.1 Lehr- und Lernbarkeit des Schreibens
13.2 Umgang mit Rechtschreibfehlern
14. Innersprachliche Mehrsprachigkeit
14.1 Zum Varietätenerwerb von Migrantenkindern
15. Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität
15.1 Idiomatische Wendungen
15.1.1 Schwierigkeiten beim Erwerb einer zweisprachigen Idiomatik
15.2 Nonverbale Kommunikation
16. Zukünftige Anforderungen an den Unterricht in mehrsprachigen Lerngruppen
16.1 Anforderungen an Lehrkräfte
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Hausarbeit untersucht die Herausforderungen und didaktischen Möglichkeiten der Mehrsprachigkeit im schulischen Kontext. Das zentrale Ziel ist es, Wege aufzuzeigen, wie Schule die sprachliche Vielfalt von Migrantenkindern wertschätzend integrieren kann, anstatt sie als Defizit zu betrachten, und wie ein koordinierter Unterricht den Zweitsprachenerwerb fördern kann.
- Didaktische Konzepte und Schulmodelle für mehrsprachige Lerngruppen.
- Die Bedeutung von Sprachbewusstheit und die Rolle von Sprachspielen im Lernprozess.
- Herausforderungen beim Schrifterwerb und im Grammatikunterricht in zwei Sprachen.
- Interkulturelle Bildung und der Umgang mit kultureller Vielfalt im Literatur- und Sprachunterricht.
Auszug aus dem Buch
1. Mehrsprachigkeit in Gesellschaft und Schule
Mehrsprachigkeit ist in der Schule nicht vorgesehen, sondern wird meist als Defizit aufgefasst. Einsprachigkeit stellt dagegen den normalen, wünschenswerten Zustand dar und lässt sich mit der Vorstellung eines sprachhomogenen Nationalstaates verbinden. Die Mehrsprachigkeit der Schüler wird oft auch dann ignoriert, wenn eine Klasse mehrheitlich von nichtdeutschen Schülern besucht wird. Die Schule orientiert sich am „allgemeinen Kind“, das nicht zugewandert, einsprachig und in einer sprachlich und kulturell homogenen Gesellschaft aufgewachsen ist.
Der Sprachwissenschaftler Leo Weisgerber geht davon aus, dass Zweisprachigkeit Vorteile, aber auch Gefahren berge und deshalb der Elite vorbehalten sei, da nur sie die Vorteile nutzen könne, der Mensch jedoch einsprachig angelegt sei. Dabei verachtet Weisgerber die Tatsache, dass Mehrsprachigkeit die Regel, Einsprachigkeit dagegen die Ausnahme in unserer Gesellschaft darstellt. Weisgerbers Ansicht nach, prägt das muttersprachliche Weltbild die kulturelle Identität eines Menschen, deshalb sieht er eine Gefährdung im Zweitspracherwerb und ist von der Vorstellung überzeugt, dass die meisten Menschen Zweitsprachigkeit nicht verkraften können.
Es gibt vielfältige Gründe dafür, warum Kinder eine andere Sprache sprechen: die Eltern sprechen eine andere Sprache als die Landessprache und die Muttersprache der Kinder stellt somit eine Minderheitensprache dar; die Elternteile sprechen verschiedene Sprachen (Mischehen); die Eltern lebten mit ihren Kindern zeitweise im Ausland, wo die Kinder Europa- oder Auslandsschulen besuchten; das Land ist offiziell zweisprachig und bietet Schulen an, an denen beide Landessprachen gelernt werden können (Kanada: Englisch / Französisch; Finnland: Finnisch / Schwedisch).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Mehrsprachigkeit in Gesellschaft und Schule: Analysiert den gesellschaftlichen Status von Mehrsprachigkeit und die häufige Wahrnehmung als Defizit im schulischen Kontext.
2. Didaktische Ansätze: Beleuchtet verschiedene pädagogische Konzepte wie den kommunikativen, interkulturellen und bilingualen Ansatz.
3. Typologie von Schulmodellen: Definiert Kriterien, die den Erfolg von Schulmodellen zur Integration ausländischer Kinder bestimmen.
4. Grundtypen von Schulmodellen: Stellt verschiedene Organisationsformen von Unterricht vor, von Segregation bis hin zur Immersion.
5. Modelle Interkultureller Erziehung: Diskutiert Ansätze, die lebensweltliche Zweisprachigkeit anerkennen und fördern.
6. Fehleranalyse: Interlanguage vs. Fossilierungen: Differenziert zwischen variabler Lernersprache und Stagnationsprozessen beim Spracherwerb.
7. Zum Einsatz von Sprachbüchern: Kritisiert klassische Sprachbücher und formuliert Anforderungen für zeitgemäße Materialien.
8. Sprachspiele und Spracherwerb: Beschreibt das Potenzial von Sprachspielen zur systematischen und motivierenden Sprachförderung.
9. Integrativer Sprach- und Literaturunterricht: Plädiert für die Einbettung sprachlicher Inhalte in situative und handlungsorientierte Zusammenhänge.
10. Schrifterwerb in zwei Sprachen: Untersucht die Herausforderungen bei der Alphabetisierung in zwei Sprachen und Kooperationsmöglichkeiten.
11. Grammatikunterricht in mehrsprachigen Lerngruppen: Diskutiert die Balance zwischen implizitem und explizitem Lernen.
12. Literaturunterricht in mehrsprachigen Lerngruppen: Erörtert, wie Literatur zur interkulturellen Bildung und Sprachreflexion beitragen kann.
13. Textproduktion in mehrsprachigen Lerngruppen: Analysiert Strategien zur Förderung schriftsprachlicher Fähigkeiten und den Umgang mit Fehlern.
14. Innersprachliche Mehrsprachigkeit: Befasst sich mit der Vielfalt an Varietäten und dem Spracherwerb von Migrantenkindern.
15. Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität: Thematisiert die Bedeutung von kulturellem Wissen bei idiomatischen Wendungen und Kommunikation.
16. Zukünftige Anforderungen an den Unterricht in mehrsprachigen Lerngruppen: Formuliert pädagogische Empfehlungen und Anforderungen an Lehrkräfte.
Schlüsselwörter
Mehrsprachigkeit, Interkulturelle Erziehung, Zweitspracherwerb, Migrantenkinder, Sprachdidaktik, Schulmodelle, Sprachbewusstheit, Sprachspiele, Schrifterwerb, Interkulturelle Kompetenz, Innersprachliche Varietäten, Grammatikunterricht, Immersion, Sprachförderung, Bilingualismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Thema Mehrsprachigkeit in der Schule und analysiert die pädagogischen und didaktischen Anforderungen, um diesen Zustand als Ressource statt als Defizit zu gestalten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind didaktische Ansätze, verschiedene Schulmodelle, der Prozess des Schrifterwerbs, der Grammatikunterricht, die Rolle von Sprachspielen sowie interkulturelle Bildungsmodelle.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, Wege für einen integrativen, wertschätzenden Unterricht in mehrsprachigen Lerngruppen aufzuzeigen, der die individuellen Voraussetzungen der Kinder berücksichtigt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer wissenschaftlichen Literaturanalyse und Synthese fachdidaktischer Theorien zum Bereich Mehrsprachigkeit und Sprachdidaktik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden neben theoretischen Modellen (wie dem restringierten/elaborierten Code) auch praktische Ansätze wie der Muttersprachliche Unterricht, Sprachspiele im Anfangsunterricht und der Umgang mit Fehlern (Interlanguage/Fossilierungen) detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Mehrsprachigkeit, Zweitspracherwerb, interkulturelle Erziehung, Sprachdidaktik und Sprachspiele charakterisiert.
Warum ist die Unterscheidung zwischen Interlanguage und Fossilierungen so wichtig?
Die Unterscheidung ist für Lehrkräfte essentiell, da Interlanguage eine natürliche Phase des Sprachlernens darstellt, während Fossilierungen eine Stagnation markieren, die gezielte didaktische Interventionen erfordert.
Welche Rolle spielt die Einbeziehung der Erstsprache für den Schrifterwerb?
Die Einbeziehung der Erstsprache ist wichtig, da Kinder auf bereits erworbenes sprachliches Wissen zurückgreifen können. Eine koordinierte Alphabetisierung kann kognitive Stagnation verhindern und das Vertrauen der Kinder stärken.
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- Kathrin Morawietz (Author), 2005, Mehrsprachigkeit in Schule und Gesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36678