„Wer von Tübingen kommt ohne Weib, von Wittenberg mit gesundem Leib,
von Helmstedt ohne Wunden, von Jena ohne Schrunden,
von Marburg ungefallen, hat nicht studiert auf allen.“
Dieser vielzitierte(1) Stammbuchvers scheint zunächst auf prägnante Weise die Zustände an den deutschen Universitäten des 17. Jahrhunderts zu formulieren, galt dieses doch gleich einer „communis opinio“ eines Großteils der Historiker, die sich mit der Kulturgeschichte des Studententums befasst haben, lange als eine „Zeit schweren Niedergangs“(2) , in der „tiefe Demoralisation“(3) die Studenten ergriffen habe. „Zügellosigkeit“(4) , ja „tierische Roheit und Verkommenheit“(5) zeichne diese „zucht- und sittenlose Jugend“(6) aus. Angesichts der “vollständige[n] Verwilderung auf den deutschen Hochschulen“ sei die „Schmach und Hülflosigkeit Deutschlands unsäglich“ gewesen.(7)
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1 Zitiert nach: Brügmann, A.: Zucht und Leben der deutschen Studenten 1648-1848 (Veröffentlichungen des Instituts für deutsche Studentengeschichte 1). Würzburg, 1941, S. 31. [...]
2 Bruchmüller, Wilhelm: Das deutsche Studententum von seinen Anfängen bis zu Gegenwart (Aus Natur und Geisteswelt 477). Leipzig, Berlin, 1922, S. 34.
3 Keil: Jenaisches Studentenleben, S. 89.
4 Baeker, Paul: Die Kämpfe um die akademische Freiheit einst und jetzt (Deutsches Wollen 1). Prenzlau, 1905, S. 20.
5 Kelter, Edmund: Ein Jenaer Student um 1630 (Eberhard von Todenwarth). Jena, 1908, S. 35.
6 Dolch, Oskar: Geschichte des deutschen Studententums. Graz, 1968 (Photomechanischer Nachdruck der Ausgabe von 1858), S. 149.
7 Ebenda. S. 148f.
Inhaltsverzeichnis:
- Einleitung
- Die akademische Welt zwischen Reformation und Aufklärung. Eine kurze Einführung.
- Die Deposition
- Der Pennalismus
- Formen und Auswüchse
- Die älteren Landsmannschaften und ihre Rolle im Pennalismus
- Widerstand
- Erklärungsversuche und Deutungsmuster
Zielsetzung und Themenschwerpunkte:
Diese Arbeit befasst sich mit der Deposition und dem Pennalismus als studentischen Initiationsriten im 17. Jahrhundert. Ziel ist es, diese Phänomene zu untersuchen und ihre Rolle im Kontext der akademischen Welt zwischen Reformation und Aufklärung zu analysieren. Dabei werden die Entstehung, Ausprägungen, Auswirkungen und Deutungsmuster dieser Rituale betrachtet.
- Die Deposition als älteres Aufnahmeritual für Neulinge an deutschen Universitäten
- Der Pennalismus als Herrschaft der älteren Studenten über die Neulinge mit einhergehender Ausnutzung und Unterdrückung
- Die Rolle der älteren Landsmannschaften im Pennalismus
- Widerstand gegen die Rituale und deren Auswirkungen
- Erklärungsversuche und Deutungsmuster für die Entstehung und Verbreitung der Rituale
Zusammenfassung der Kapitel:
- Die Einleitung stellt die Problematik der studentischen Initiationsriten im 17. Jahrhundert dar und erläutert den Forschungsstand zur Kulturgeschichte des Studentenlebens dieser Epoche.
- Das erste Kapitel bietet einen kurzen Überblick über die Bildungslandschaft der Zeit zwischen Reformation und Aufklärung.
- Das zweite Kapitel befasst sich mit der Deposition, dem einmaligen Aufnahmeritual für den Universitätsneuling. Es untersucht die Geschichte der Deposition im 17. Jahrhundert, die Akteure dieses Rituals und seinen Wandel im Laufe der Zeit.
- Das dritte Kapitel analysiert den Pennalismus als ein zentrales Element des studentischen Lebens im 17. Jahrhundert. Es beleuchtet die Formen und Auswüchse des Pennalismus sowie die Rolle der älteren Landsmannschaften in diesem Kontext.
- Der Abschnitt über den Widerstand gegen den Pennalismus beleuchtet die Reaktionen auf diese Praktiken und die Bemühungen, sie zu bekämpfen.
- Das letzte Kapitel befasst sich mit den Erklärungsversuchen und Deutungsmustern für das Phänomen des Pennalismus und versucht, die zeitgenössischen Wertungen des akademischen Lebens des 17. Jahrhunderts im Kontext der vorangegangenen Ausführungen zu bewerten.
Schlüsselwörter:
Deposition, Pennalismus, studentische Initiationsriten, ältere Studenten, Neulinge, Landsmannschaften, Universitäten, Reformation, Aufklärung, Kulturgeschichte des Studentenlebens, akademische Welt, 17. Jahrhundert.
Häufig gestellte Fragen
Was versteht man unter „Deposition“ im 17. Jahrhundert?
Die Deposition war ein rituelles Aufnahmeritual für Universitätsneulinge, bei dem sie symbolisch von ihrer „tierischen Rohheit“ befreit wurden, um als Studenten (Beani) aufgenommen zu werden.
Was ist Pennalismus?
Pennalismus bezeichnete die systematische Unterdrückung und Ausbeutung von Studienanfängern (Pennale) durch ältere Studenten, oft verbunden mit hohen Geldforderungen und Dienstleistungen.
Warum waren diese Rituale so gewalttätig?
Sie dienten der Herstellung einer strengen Hierarchie innerhalb der studentischen Gemeinschaft und waren oft Ausdruck einer verrohten Sitte in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg.
Welche Rolle spielten die Landsmannschaften dabei?
Die frühen Landsmannschaften organisierten den Pennalismus oft als festes System, um Neulinge an sich zu binden und finanzielle Vorteile für die älteren Mitglieder zu sichern.
Gab es Widerstand gegen den Pennalismus?
Ja, sowohl Universitätsleitungen als auch Landesherren versuchten durch Verbote und Strafen den Pennalismus einzudämmen, was jedoch über lange Zeit nur wenig Erfolg zeigte.
- Quote paper
- Daniel Koschera (Author), 2001, Deposition und Pennalismus im 17. Jahrhundert. Studentische Initiationsriten im Spannungsfeld zwischen Verurteilung und Verharmlosung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3578