Strindbergs 1888 verfasstes Drama „Fräulein Julie – Ein naturalistisches Trauerspiel“ erregte aufgrund seiner Thematik zunächst großes Aufsehen und Kritik. So wurde eine Aufführung in seinem Heimatland von der dänischen Zensur verhindert, welche das Stück als unsittlich bewertete. Es kam erst sechzehn Jahre später zu einer Premiere in Schweden.
In der Tat war das Stück seiner Zeit voraus, denn die Gesellschaft war noch nicht bereit dazu, sich mit der Thematik des Stückes in derartiger Art und Weise auseinander zu setzen. Betrachtet man den Inhalt des Stückes, scheint die anfängliche Ablehnung geradezu bezeichnend für Strindbergs gesellschaftskritisches Drama. Handelt es doch von einer Grafentochter, welche an den gerade erst aufkeimenden neuen Ideologien ihrer Zeit zugrunde geht. Sie zerbricht an Theorien, die noch in einem Widerspruch zur damaligen gesellschaftlichen Situation standen und somit als unausgereift bzw. als verfrüht zum Einsatz gekommen bezeichnet werden könnten. Fräulein Julie, die Tochter eines Grafen, verbringt die Mittsommernacht in der Küche des gräflichen Anwesens mit den Bediensteten. Im Laufe der Nacht entwickelt sich zwischen Julie und Jean, dem Diener des Grafen, eine Beziehung, die schließlich im Geschlechtsakt gipfelt. Die Fragen nach „höher oder niedriger, nach besser oder schlechter, nach Mann oder Frau“ bestimmen den anschließenden Machtkampf der Geschlechter, welcher für Julie tragisch endet.
Strindberg bearbeitet in diesem Drama die in der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts aufgekommenen Theorien über die Stellung der Frau innerhalb der Gesellschaft, sowie die Ständeproblematik, welche vor allem auf der Grundlage von Darwins Entwicklungstheorien erörtert wurden. In dieser Arbeit möchte ich untersuchen, welche Gründe zu Julies Fall geführt haben.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Strindberg und die Frauenfrage
2. Merkmale des Naturalismus in „Fräulein Julie“
3.1. Welche Gründe führen zu Julies Fall?
3.1.1. Der Einfluss der Mutter
3.1.2. Der Einfluss des Vaters
3.1.3. Gleichheit der Menschen
3.1.4. Schlussfolgerung
3.2. Wie wirken sich die Grundlagen von Julies Psyche auf den Verlauf der Handlung aus?
3.2.1. Teil 1: „Vor dem Fall“
3.2.2. Teil 2: „Nach dem Fall“
4. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die psychologischen Motivationen und die Persönlichkeitsentwicklung der Protagonistin in August Strindbergs Drama „Fräulein Julie“. Ziel ist es, die sozio-kulturellen Hintergründe und erzieherischen Einflüsse zu analysieren, die Julie in den gesellschaftlichen Untergang führen, und zu prüfen, inwieweit ihr Handeln innerhalb der naturalistischen Ästhetik psychologisch plausibel bleibt.
- Die Frauenfrage und die Stellung der Frau im 19. Jahrhundert.
- Die Auswirkungen der naturalistischen Strömung auf Charakterzeichnung und Dialogstruktur.
- Der Einfluss von Elternhaus und Erziehung auf die psychische Instabilität der Protagonistin.
- Die Rolle der Ständeproblematik und der Lehre von der Gleichheit der Menschen.
- Die Analyse des Machtkampfes zwischen den Geschlechtern als zentrales Handlungsmotiv.
Auszug aus dem Buch
3.1.1. Der Einfluss der Mutter
Wie schon erwähnt, tragen viele verschiedene Gründe zu Julies Verhalten in dieser Mittsommernacht bei. Eine wichtige Ursache ist ihre widersprüchliche Erziehung zu einem Mischwesen von Frau und Mann. Innerhalb einer Gesellschaft, in der zwar die Gleichberechtigung der Frau immer mehr zum Thema wird, die Umsetzung dieser Forderung jedoch weder auf theoretischer und noch weniger auf praktischer Ebene vollzogen ist, wird Julie so zum Opfer einer Zeit im Umbruch. Die unausgereifte Theorie über die Frau als gleichwertiges Lebewesen dem Manne gegenüber steckt noch in den Kinderschuhen und ist noch weit davon entfernt, von der Gesellschaft voll anerkannt zu werden. Die alten Ideale und Vorstellungen beherrschen den gesellschaftlichen Diskurs und die Rollen der Geschlechter sind klar verteilt. Es existiert eine Grenze zwischen männlichen und weiblichen Attributen und Wesensmerkmalen, deren Übertretung von der Gesellschaft noch nicht akzeptiert, sondern im Gegenteil verurteilt wird.
Zwar ist die Gesellschaft in Bewegung und die neuen Ideen finden ihren Weg in den gesellschaftlichen Diskurs, doch dies geht langsam voran und die alten Ideale sind noch zu sehr in den Köpfen der Menschen verankert, als dass man sie von heute auf morgen umstürzen könnte. In dieser Zeit wird Julie zum Spielball des Geschlechterkampfes ihrer Eltern. Ihre Mutter, im Sinne der neuen Lehren von der Gleichheit der Menschen und der Freiheit der Frau erzogen, versucht diese in radikaler Weise umzusetzen, was sich negativ auf sie selbst, vor allem aber negativ auf ihre Tochter auswirkt. Die Idee von der Gleichheit der Geschlechter wird von der Mutter in eine Abneigung, ja einen Hass auf das männliche Geschlecht umgewandelt, was erstens auf die noch geringe Akzeptanz dieser Idee innerhalb der Gesellschaft zurückzuführen ist. Und zweitens war die Theorie noch zu stark darauf ausgerichtet Gleichheit herzustellen und weniger eine allgemeine Gleichberechtigung. Letztere dürfte die Unterschiede zwischen den Geschlechtern (körperliche wie psychische) durchaus akzeptieren, wohingegen die Annahme von der vollkommenen Gleichheit der Geschlechter zu solcherlei Vorkommen führen musste, wie es dem Grafen und seiner Frau mit dem Geschlechtertausch am Hofe ergangen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Problematik des naturalistischen Trauerspiels und Darlegung der zentralen Forschungsfrage zur Persönlichkeitsentwicklung Julies.
1. Strindberg und die Frauenfrage: Analyse von Strindbergs zwiespältiger Haltung zu Frauenrechten und Darwinismus im Kontext der damaligen Zeit.
2. Merkmale des Naturalismus in „Fräulein Julie“: Untersuchung der naturalistischen Gestaltungsmittel, wie die Beschränkung der Figuren und die psychologische Motivation der Charaktere.
3.1. Welche Gründe führen zu Julies Fall?: Detaillierte Untersuchung der elterlichen Einflüsse und der verwirrenden Ideologien auf die Psyche der Protagonistin.
3.2. Wie wirken sich die Grundlagen von Julies Psyche auf den Verlauf der Handlung aus?: Analyse des Wendepunkts im Stück durch die Gegenüberstellung von „Vor dem Fall“ und „Nach dem Fall“.
4. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Plausibilität von Julies Handeln und der psychologischen Tiefe des Dramas.
Schlüsselwörter
August Strindberg, Fräulein Julie, Naturalismus, Frauenfrage, Persönlichkeitsentwicklung, Psychologie, Geschlechterkampf, Darwinismus, Ständeproblematik, literarische Analyse, Sozialkritik, Identitätsverlust, 19. Jahrhundert.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert die Ursachen für das Scheitern der Protagonistin in August Strindbergs Drama „Fräulein Julie“ unter Berücksichtigung ihrer psychologischen Entwicklung und der sozialen Bedingungen ihrer Zeit.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Untersuchung behandelt?
Im Zentrum stehen die gesellschaftlichen Rollenbilder, die Auswirkungen einer widersprüchlichen Erziehung, naturalistische Dramentheorie sowie der Machtkampf zwischen den Geschlechtern und Ständen.
Was ist die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit untersucht, welche psychischen Gründe und Hintergrundfaktoren konkret zu Julies Fall geführt haben und ob diese Motivationsstruktur nachvollziehbar und plausibel ist.
Welche methodischen Ansätze werden verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse des Primärtextes unter Einbeziehung des zeitgenössischen Kontexts, der Aussagen aus Strindbergs Vorwort und fachspezifischer Sekundärliteratur zu Rollenkonflikten.
Was genau wird im Hauptteil der Arbeit analysiert?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der elterlichen Einflüsse und der gesellschaftlichen Ideologien sowie eine Analyse des Handlungsverlaufs, unterteilt in die Phasen „Vor dem Fall“ und „Nach dem Fall“.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Neben dem Autor und dem Werk sind „Naturalismus“, „Frauenfrage“, „Persönlichkeitsentwicklung“ und „Geschlechterkampf“ die prägenden Begriffe.
Warum ist die Mutterfigur für Julies Schicksal so bedeutsam?
Die Mutter versucht, ihre Tochter radikal zur Unabhängigkeit zu erziehen, vermittelt dabei jedoch Hass auf das männliche Geschlecht und Gleichheitsideale, die den sozialen Realitäten der Zeit widersprechen, was zu Julies innerer Zerrissenheit führt.
Wie beeinflusst der soziale Status die Beziehung zwischen Julie und Jean?
Die Klassenunterschiede bilden das Spannungsfeld, in dem der Machtkampf ausgetragen wird, wobei Julie aufgrund ihrer naiven Fehlinterpretation von Gleichheit in eine psychologische Abhängigkeit zu ihrem Bediensteten gerät.
Wird der Selbstmord der Protagonistin im Fazit als schlüssig bewertet?
Ja, die Autorin argumentiert, dass der Freitod aufgrund der vollständigen Zerstörung von Julies Identität und der Erkenntnis ihres Scheiterns als Sklavin ihrer eigenen Konstruktion psychologisch plausibel ist.
- Quote paper
- Hannah Krause (Author), 2009, Die Protagonistin in August Strindbergs „Fräulein Julie“. Persönlichkeitsentwicklung und Handlungsmotivation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342961