Moses Mendelsohn beginnt seine Schrift „Jerusalem“ mit einer Kritik des Verhältnisses der beiden wichtigsten Stützen der Gesellschaft zueinander, Staat und Religion. 1 Diese verfügen beide über Macht- und Herrschaftsansprüche, können aber beide ihre Ansprüche nicht durch eine allgemeine Theorie legitimieren. Der Staat, so scheint es, habe eher Anspruch auf die Zuständigkeit im Diesseits, die Kirche eher auf die im Jenseits. Doch die genaue Abgrenzung der Herrschaftsbereiche ist weitestgehend unklar und die Grenzen der Gebiete, für die sich Staat oder Kirche zuständig fühlen dürfen, sind fließend. Alle Unklarheiten lassen sich dabei auf zwei fundamentale Irrtümer zurückführen: Zum einen auf die strikte Trennung von zeitlich begrenztem Diesseits und ewigem Jenseits mit einer Zuordnung, die dem Staat die Zeitlichkeit und der Kirche die Ewigkeit zuschreibt, zum anderen auf eine Verkennung der wahren Rechte, Pflichten und Bedürfnisse des Menschen, die bereits vor Erschaffung des Staates bestehen.
Damit Mendelsohn eine Staatsphilosophie unter den Prämissen der Aufklärung gestalten kann, muss er zunächst die strikte Trennung von zeitlichem Diesseits und ewigem Jenseits beseitigen und in einem zweiten Schritt die von Gott gegebenen generellen Rechte und Pflichten des Menschen benennen. Auf diesem Fundament kann Mendelsohn dann seine Staatsphilosophie aufbauen. Staat und Kirche erhalten so deutlich umrissene Aufgaben bzw. Befugnisse und klare Handlungsgrenzen. Im Sinne der Aufklärung ist Mendelsohn zusätzlich bemüht, die Freiheit des Gewissens zu bewahren. Sie darf im Gefüge von Staat und Kirche nicht zu Gunsten einer der beiden abgeschafft oder beschnitten werden. Es wird sich zeigen, dass Mendelsohn ein schlüssiges Konzept für eine konfliktfreie Nebeneinanderstellung von Staat und Kirche gelingt, in dem die Gewissensfreiheit unangetastet bleibt.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Kapitel I
- Das alte Paradigma der Herrschaftsbereiche von Staat und Kirche
- Kapitel II
- Ein neues Paradigma oder Versuch einer religiösen Revolution
- Kapitel III
- Der Naturzustand des Menschen und die Erschaffung des Staates
- Kapitel IV
- Staat und Kirche - Aufgaben und Handlungsbefugnisse
- Resümee
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Schrift „Jerusalem“ von Moses Mendelsohn stellt eine umfassende Analyse des Verhältnisses von Staat und Kirche dar. Sie kritisiert das etablierte Machtgefüge und die mangelnde Abgrenzung der Herrschaftsbereiche beider Institutionen. Mendelsohn strebt nach einer neuen Ordnung, die auf der Gewissensfreiheit und einer klaren Definition der Aufgaben und Befugnisse von Staat und Kirche basiert.
- Die Kritik des alten Paradigmas der strikten Trennung von Diesseits und Jenseits
- Die Bedeutung der Gewissensfreiheit als Kern der Aufklärung
- Die Definition der Rechte und Pflichten des Menschen vor der Staatsgründung
- Die Entwicklung eines neuen Paradigmas für die Koexistenz von Staat und Kirche
- Die Herausforderungen der Machtteilung und die Abgrenzung der Handlungsbefugnisse
Zusammenfassung der Kapitel
Im ersten Kapitel analysiert Mendelsohn das traditionelle Machtgefüge von Staat und Kirche, das auf einer strikten Trennung von Zeitlichkeit und Ewigkeit basiert. Diese Trennung führt zu Konflikten, da beide Institutionen Anspruch auf die gleiche Macht und die Treue des Einzelnen erheben. Das zweite Kapitel beleuchtet die Notwendigkeit einer neuen Ordnung, die auf einer religiösen Revolution und der Gewissensfreiheit des Menschen basiert. Das dritte Kapitel untersucht den Naturzustand des Menschen und die Entstehung des Staates. Mendelsohn argumentiert, dass die Rechte und Pflichten des Menschen bereits vor der Staatsgründung bestehen und von Gott gegeben sind. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit der Definition der Aufgaben und Handlungsbefugnisse von Staat und Kirche im Sinne eines neuen Paradigmas. Mendelsohn plädiert für eine klare Abgrenzung der Bereiche, in denen Staat und Kirche jeweils zuständig sind, um Konflikte zu vermeiden und die Gewissensfreiheit zu gewährleisten.
Schlüsselwörter
Die Kernthemen der Schrift „Jerusalem“ von Moses Mendelsohn umfassen das Verhältnis von Staat und Kirche, Gewissensfreiheit, Naturzustand des Menschen, Aufklärung, Machtteilung, Handlungsbefugnisse und die Definition der Aufgaben von Staat und Kirche im Sinne einer neuen Gesellschaftsordnung.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das Hauptthema von Moses Mendelssohns "Jerusalem"?
Das Werk befasst sich mit der Trennung von Staat und Religion sowie der Forderung nach religiöser Toleranz und Gewissensfreiheit im Kontext der Aufklärung.
Wie grenzt Mendelssohn die Macht von Staat und Kirche ab?
Mendelssohn argumentiert, dass der Staat das Handeln regelt und Zwang ausüben darf, während die Religion das Gewissen und die Gesinnung betrifft und keinen Zwang anwenden darf.
Warum lehnt Mendelssohn den religiösen Zwang ab?
Für Mendelssohn ist wahrer Glaube nur durch Überzeugung und nicht durch äußeren Druck möglich. Kirchenrechtliche Strafen wie der Bann widersprechen dem Wesen der Religion.
Was versteht Mendelssohn unter der "Gewissensfreiheit"?
Es ist das unveräußerliche Recht jedes Menschen, seinen religiösen Überzeugungen ohne staatliche oder kirchliche Einmischung zu folgen.
Welche Rolle spielt der Naturzustand in seiner Argumentation?
Mendelssohn geht davon aus, dass der Mensch bereits im Naturzustand gottgegebene Rechte und Pflichten hat, die auch nach der Gründung eines Staates bestehen bleiben.
Ist Mendelssohns Konzept heute noch relevant?
Ja, seine Gedanken zur religiösen Toleranz und zur strikten Trennung von religiöser Überzeugung und bürgerlichen Rechten sind Grundpfeiler moderner demokratischer Gesellschaften.
- Quote paper
- Maik Lehmkuhl (Author), 2005, Das Verhältnis von Staat und Kirche in Moses Mendelsohns Schrift 'Jerusalem', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34216