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Familien- und Zeitgeschichte im 20. Jahrhundert. Jenny Erpenbecks Roman "Aller Tage Abend"

Title: Familien- und Zeitgeschichte im 20. Jahrhundert. Jenny Erpenbecks Roman "Aller Tage Abend"

Scientific Essay , 2016 , 23 Pages , Grade: "-"

Autor:in: Hans-Georg Wendland (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Summary Excerpt Details

In Jenny Erpenbecks Romanen verläuft die Zeit gewöhnlich nicht chronologisch-linear als ununterbrochenes und unumkehrbares Kontinuum. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, Jugend, Erwachsensein und Alter sind ineinander verwoben, „unwiderruflich miteinander verflochten und voneinander bedingt“. Die auf verschiedenen Zeitebenen angesiedelten Generationen - Großeltern, Eltern und Enkel - können in verschiedenen Stadien ihrer Lebensgeschichte einander begegnen und ganz andere Richtungen einschlagen.

In „Aller Tage Abend“ bildet die Familiengeschichte eine literarische „Konstruktion“, mit der durch die Fähigkeit des Erinnerns und die schöpferische Kraft des Erzählens Vergangenes wieder sichtbar gemacht, Tote zu neuem Leben erweckt und bereits geschehene Dinge wieder zurückgenommen werden. Auf diese Weise werden Möglichkeiten ausgelotet, wie das Leben unter vielleicht nur geringfügig geänderten Bedingungen auch hätte verlaufen können. Zum Schluss des Romans erwirbt die gealterte Protagonistin die Fähigkeit, „sich in der Zeit frei zu bewegen“.

Das erinnert an die Hauptfigur in „Geschichte vom alten Kind“, die gelernt hat, „in der Zeit herumzuspazieren wie in einem Garten“, anstatt ihr Leben „in seiner diachronischen Abfolge“ zu durchlaufen. Das Leben ist kein bis ins Detail berechen-, plan- und voraussehbarer Prozess, sondern voller Unwägbarkeiten, Zufälle und unerwarteter Schicksalsschläge, die die Stabilität der Verhältnisse von einem Moment auf den anderen ins Wanken und zum Einsturz bringen können. Die Fähigkeit des Erinnerns ist mit zunehmendem Alter von Auflösungs- und Zersetzungsprozessen bedroht, wie bei der neunzigjährigen dementen Frau Hoffmann in Buch V des Romans.

Durch die Brüchigkeit der Erinnerung ist der „Ariadnefaden der Tradition“ in Gefahr zu zerreißen. Damit wird eine weit über das Romangeschehen hinausgehende Bedeutungsebene anvisiert. Als Bestandteil des „kulturellen Gedächtnisses“ kann historisches Geschehen in Vergessenheit geraten und in der Versenkung verschwinden, wenn es nicht im Rahmen einer grenzübergreifenden „europäischen Erinnerungskultur“ bewahrt wird.

Mit „Aller Tage Abend“ hat Jenny Erpenbeck einen Text verfasst, in dem Teile der jüngeren europäischen Geschichte mit der Geschichte einer Familie verzahnt werden, deren „individuelle Schicksale“ als „pars pro toto für einen historischen Zusammenhang einstehen können.“ Ihr Text bildet einen literarischen Beitrag, um dem Vergessen historischen Geschehens vorzubeugen.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Die Brüchigkeit der Erinnerung und die Bedeutung von Erinnerungsobjekten

2. Verheimlichen, Verschweigen, Vertuschen, Lügen, Betrügen, Verdrängen und der Begriff der Wahrheit

3. Christentum, Judentum und Antisemitismus

4. Elemente der Ironie und der Komik

Zielsetzung & Themen der Arbeit

Diese Arbeit untersucht Jenny Erpenbecks Roman „Aller Tage Abend“ hinsichtlich seiner erzählerischen Konstruktion, in der sich Zeitgeschichte und individuelle Familiengeschichte verzahnen. Im Zentrum steht die Analyse der Mechanismen des Erinnerns, Vergessens und Verschweigens sowie die Frage, wie durch das Erzählen alternative Lebensmöglichkeiten und historische Kontingenzen literarisch ausgelotet werden.

  • Die Brüchigkeit des individuellen und kulturellen Gedächtnisses
  • Strategien des Verschweigens, Verheimlichens und der Identitätskonstruktion
  • Religiöse Konfliktfelder zwischen Judentum und Christentum
  • Die Funktion von Ironie und Komik als narrative Stilmittel
  • Die Verarbeitung von Zeitgeschichte im Familienroman

Auszug aus dem Buch

1. Die Brüchigkeit der Erinnerung und die Bedeutung von Erinnerungsobjekten

In Jenny Erpenbecks Romanen verläuft die Zeit gewöhnlich nicht chronologisch-linear als ununterbrochenes und unumkehrbares Kontinuum. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, Jugend, Erwachsensein und Alter sind ineinander verwoben, „unwiderruflich miteinander verflochten und voneinander bedingt“. (Biendarra in: Marx/Schöll, 143) Die auf verschiedenen Zeitebenen angesiedelten Generationen - Großeltern, Eltern und Enkel - können in verschiedenen Stadien ihrer Lebensgeschichte einander begegnen und ganz andere Richtungen einschlagen. In „Aller Tage Abend“ bildet die Familiengeschichte eine literarische „Konstruktion“, mit der durch die Fähigkeit des Erinnerns und die schöpferische Kraft des Erzählens Vergangenes wieder sichtbar gemacht, Tote zu neuem Leben erweckt und bereits geschehene Dinge wieder zurückgenommen werden. Auf diese Weise werden Möglichkeiten ausgelotet, wie das Leben unter vielleicht nur geringfügig geänderten Bedingungen auch hätte verlaufen können.

Zum Schluss des Romans erwirbt die gealterte Protagonistin die Fähigkeit, „sich in der Zeit frei zu bewegen“. (A 260) Das erinnert an die Hauptfigur in „Geschichte vom alten Kind“, die gelernt hat, „in der Zeit herumzuspazieren wie in einem Garten“ (Geschichte vom alten Kind. München: Eichborn Verlag 2001, 124), anstatt ihr Leben „in seiner diachronischen Abfolge“ (Vedder in: Marx/Schöll, 55) zu durchlaufen. Das Leben ist kein bis ins Detail berechen-, plan- und voraussehbarer Prozess, sondern voller Unwägbarkeiten, Zufälle und unerwarteter Schicksalsschläge, die die Stabilität der Verhältnisse von einem Moment auf den anderen ins Wanken und zum Einsturz bringen können. Die Fähigkeit des Erinnerns ist mit zunehmendem Alter von Auflösungs- und Zersetzungsprozessen bedroht, wie bei der neunzigjährigen dementen Frau Hoffmann in Buch V des Romans. Durch die Brüchigkeit der Erinnerung ist der „Ariadnefaden der Tradition“ (Mein in: Marx/Schöll, 68) in Gefahr zu zerreißen. Damit wird eine weit über das Romangeschehen hinausgehende Bedeutungsebene anvisiert. Als Bestandteil des „kulturellen Gedächtnisses“ (ebd.) kann historisches Geschehen in Vergessenheit geraten und in der Versenkung verschwinden, wenn es nicht im Rahmen einer grenzübergreifenden „europäischen Erinnerungskultur“ (Biendarra in: Marx/Schöll, 131) bewahrt wird.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Die Brüchigkeit der Erinnerung und die Bedeutung von Erinnerungsobjekten: Dieses Kapitel erörtert, wie Erpenbeck die nicht-lineare Zeitstruktur nutzt, um durch das Erzählen alternative Lebensverläufe und die fragile Verbindung zwischen Familiengeschichte und kulturellem Gedächtnis darzustellen.

2. Verheimlichen, Verschweigen, Vertuschen, Lügen, Betrügen, Verdrängen und der Begriff der Wahrheit: Hier wird analysiert, wie das Motiv des Verschweigens und die Umdeutung der Vergangenheit als durchgängige Strategien der Identitätsbildung und des Selbstschutzes über Generationen hinweg fungieren.

3. Christentum, Judentum und Antisemitismus: Das Kapitel beleuchtet, wie religiöse Dogmen und der grassierende Antisemitismus die Familiengeschichte prägen und zu einer zunehmenden Entfremdung sowie der Aufgabe jüdischer Traditionen führen.

4. Elemente der Ironie und der Komik: Diese Analyse zeigt auf, wie durch die Diskrepanz zwischen Sein und Schein sowie den Einsatz ironischer Erzählweisen das scheinbar Festgeschriebene infrage gestellt und der Leser zur Reflexion über die „vielen möglichen Wahrheiten“ angeregt wird.

Schlüsselwörter

Jenny Erpenbeck, Aller Tage Abend, Familienroman, Erinnerungskultur, Identität, Verschweigen, Zeitgeschichte, Judentum, Antisemitismus, Ironie, Wahrheit, Konstruktion, Gedächtnis, Familiengeschichte, Exil.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht den Roman „Aller Tage Abend“ von Jenny Erpenbeck hinsichtlich seiner narrativen Gestaltung von Familiengeschichte und deren Einbettung in die europäische Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die Schwerpunkte liegen auf den Mechanismen des Erinnerns und Verschweigens, der Konstruktion von Identitäten, den religiösen Spannungsfeldern zwischen Judentum und Christentum sowie der Bedeutung von Ironie und Komik im Text.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Erpenbeck durch das erzählerische Verfahren des Erinnerns und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Möglichkeiten aufzeigt, wie Geschichte hätte verlaufen können, und die Brüchigkeit von sogenannten „Wahrheiten“ zu entlarven.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die den Roman auf seine narrativen Strukturen, Motive und intertextuellen Bezüge untersucht.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Im Hauptteil werden die zentralen Motive – wie Erinnerung, Geheimhaltung, Religion und Ironie – anhand der unterschiedlichen „Bücher“ des Romans und der Entwicklung der Figuren detailliert analysiert.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wesentliche Begriffe sind Jenny Erpenbeck, Erinnerungskultur, Identität, Verschweigen, Zeitgeschichte, Wahrheit und Konstruktion.

Welche Rolle spielt das Motiv der „abwesenden Väter“?

Das Motiv dient als paradigmatisches Beispiel für das familiäre Verschweigen, da durch das Fehlen der Väter und die damit verbundenen Lügen Lebensentwürfe der nachfolgenden Generationen maßgeblich beeinflusst und oft traumatisierend verzerrt werden.

Wie wird die Rolle der Religion im Roman bewertet?

Religion wird nicht als stützendes Element dargestellt, sondern als eine Kraft, die in der erzählten Familiengeschichte eher zur Spaltung beiträgt, wobei sich die Figuren im Laufe des Romans zunehmend von den religiösen Bindungen lösen.

Was bedeutet die „bittere Ironie“ im Kontext des Exils?

Die bittere Ironie zeigt sich in der ausweglosen Situation der Exilanten, deren Bemühungen um ein Überleben im sowjetischen Exil oft an den bürokratischen und politischen Realitäten scheitern, wobei die „Prüfung“ durch die Diktaturen fatal endet.

Warum spielt die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge eine solche Rolle?

Da es im Roman keine absoluten Wahrheiten gibt, ist die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge fließend. Die Erzählstrategie zielt darauf ab, die „vielen möglichen Wahrheiten“ offenzulegen, anstatt eine singuläre Geschichte zu behaupten.

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Details

Title
Familien- und Zeitgeschichte im 20. Jahrhundert. Jenny Erpenbecks Roman "Aller Tage Abend"
College
University of Hannover  (Deutsches Seminar)
Grade
"-"
Author
Hans-Georg Wendland (Author)
Publication Year
2016
Pages
23
Catalog Number
V339203
ISBN (eBook)
9783668287501
ISBN (Book)
9783668287518
Language
German
Tags
familien- zeitgeschichte jahrhundert jenny erpenbecks roman aller tage abend
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Hans-Georg Wendland (Author), 2016, Familien- und Zeitgeschichte im 20. Jahrhundert. Jenny Erpenbecks Roman "Aller Tage Abend", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339203
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