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Von dem Stolze zur Zärtlichkeit und von der Zärtlichkeit zur Erbitterung. G. E. Lessing und die Theorie der Schauspielkunst

Title: Von dem Stolze zur Zärtlichkeit und von der Zärtlichkeit zur Erbitterung. G. E. Lessing und die Theorie der Schauspielkunst

Thesis (M.A.) , 2013 , 80 Pages , Grade: 1,7

Autor:in: Lenka Volmer (Author)

German Studies - Miscellaneous
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Das 18. Jahrhundert markiert eine bedeutsame Entwicklung des deutschen Theaters. Während es zunächst vornehmlich der Belustigung und Entlastung des Publikums dient, ändert sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts allmählich seine Funktion. Im Zuge der Aufklärung und der Herausbildung eines neuen, vernunftorientierten Welt- und Menschenbildes wächst unter den Intellektuellen das Bewusstsein für das Theater und seine Möglichkeiten als öffentliches Medium. Angefangen mit den Reformbemühungen Johann Christoph Gottscheds, die Schauspielkunst enger an die Dramenvorlage zu binden, setzt sich immer mehr die Auffassung durch, dass das dramatische Werk seine Wirkung erst durch die Theatervorstellung vollends entfalten kann. In der Frühaufklärung sind Dramatik und Schauspielkunst in Deutschland noch stark der sich am französischen Klassizismus orientierenden Regelpoetik verhaftet. Um die Mitte des Jahrhunderts bricht dann eine Diskussion um den natürlichen schauspielerischen Ausdruck aus, der sich an einer empirischen Auslegung der Natur orientiert. So beschäftigen sich Theoretiker und Theaterinteressierte unter Heranziehung unterschiedlicher Gesichtspunkte mit der theatralischen Vorstellung. Sie alle haben ein Ziel vor Augen: Die Schauspielkunst von den Fesseln des französischen Klassizismus zu befreien, sie als eine die Natur nachahmende Kunstfertigkeit zu ergründen und ihr ein würdiges Ansehen zu verschaffen.
In Deutschland leistet allen voran Gotthold Ephraim Lessing mit seinen theoretischen Ansätzen einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung des Theaters. Inspiriert von den theoretischen Werken englischer, italienischer und französischer Autoren, setzt er sich in seinen Arbeiten mit verschiedenen Aspekten der Dramenproduktion und der Theaterpraxis auseinander. Sein Anliegen besteht zum einen darin, die Schauspielkunst im Sinne der empirischen Natürlichkeit neu zu definieren. Zum anderen bemüht er sich, das Theater als eine Institution zur Verbreitung aufklärerischer Ideen zu etablieren und ihm eine wichtige Stellung in der Gesellschaft zu verschaffen. Aufbauend auf den Reformbemühungen Gottscheds verfolgt Lessing die Idee der Literarisierung des Theaters weiter. Er geht davon aus, dass das Drama und die Theatervorstellung eine sich gegenseitig ergänzende Einheit bilden.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Aufklärung und Theater

2.1 Das Prinzip der Naturnachahmung

2.2 Literarisierung des Theaters

2.3 Systematisierung der Schauspielkunst

3 Gotthold Ephraim Lessing und die Theorie der Schauspielkunst

4 Literaturästhetische und wirkungsästhetische Aspekte

4.1 Natur und Täuschung

4.2 Das Schöne und das Hässliche

4.3 Die Empfindung des Zuschauers

5 Lessings Dramentheorie

5.1 Die moralische Aussage

5.2 Das bürgerliche Trauerspiel

5.3 Das bürgerliche Lustspiel

5.4 Das Individuelle und das Allgemeine der Charaktere

6 Lessings Theorie des körpersprachlichen Ausdrucks

6.1 Der Spielmodus

6.1.1 Der selbstvergessene Schauspieler nach Pierre Rémond de Sainte-Albine

6.1.2 Der Reflexionsschauspieler nach Francesco Riccoboni

6.2 Schauspieler mit Empfindung und Verstand – Lessings Position

6.2.1 Die Regeln der körperlichen Beredsamkeit

6.2.2 Darstellung der Leidenschaften

6.2.3 Schauspieler und Dichter

7 Schlussbetrachtung

Zielsetzung & Themenfelder

Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, aus Gotthold Ephraim Lessings vielfältigen theatertheoretischen Äußerungen eine kohärente Theorie der Schauspielkunst zu filtern und in Bezug zu seinen dramentheoretischen Ansichten zu setzen, wobei die zentrale Forschungsfrage die Verbindung von Naturnachahmung, emotionaler Wirkung und moralischer Lehre auf der Bühne untersucht.

  • Entwicklung und Systematisierung der Schauspielkunst im 18. Jahrhundert.
  • Die ästhetische Konzeption von Schönheit, Wahrheit und Täuschung im Theater.
  • Lessings Dramenmodell: Vom bürgerlichen Trauerspiel bis zur Komödie.
  • Das Verhältnis von Gefühl und Verstand bei der Gestaltung von Charakteren.
  • Die Theorie des körpersprachlichen Ausdrucks und die Rolle des Schauspielers.

Auszug aus dem Buch

2.1 Das Prinzip der Naturnachahmung

Der Auslöser für das zunächst auf der theoretischen Ebene aufkommende Umdenken war das Streben nach Natürlichkeit, das den literatur- und kunsttheoretischen Diskurs des 18. Jahrhunderts vor allem in seiner ersten Hälfte prägte und zu einem Überdenken der gesamten Kunst- und Kulturproduktion geführt hat. Diese Hinwendung zur Natur und damit zur realen Welt korrespondierte mit der Herausbildung eines neuen Welt- und Menschenbildes, welche bereits am Ausgang des 17. Jahrhunderts ihren Anfang nahm. Inspiriert von den Werken französischer und englischer Autoren wurde in die philosophische Diskussion die Kategorie der Vernunft eingeführt, mit der Hilfe das Weltbild relativiert wurde. „Denn es bildete sich mehr und mehr die Überzeugung heraus, dass die Welt eine vernünftig eingerichtete Ordnung ist, die folglich auch von der Vernunft, über die jeder Mensch […] von Natur aus verfügt, unmittelbar eingesehen werden kann.“

Die barocke Vorstellung einer von Gott erschaffenen Weltordnung hatte zunächst Bestand, dem Menschen wurde jedoch eine neue Rolle zugeschrieben. So sollte er nicht mehr als eine passive Figur von der Einsicht in die Ordnung der Welt ausgenommen sein. Vielmehr wurde ihm nun die Fähigkeit zugesprochen, diese Ordnung – ausgestattet mit dem Prädikat der Vernunft – zu verstehen.

Die jenseitsorientierte, von religiösen Vorstellungen geprägte Weltbetrachtung des Zeitalters der Barock wurde durch eine Beobachtung der realen Welt ersetzt. Dieser philosophisch-gesellschaftliche Paradigmenwechsel führte zwangsläufig zu einem veränderten Verständnis der Kunst. Nun fähig die Weltordnung einzusehen soll sich der Künstler gänzlich der Wirklichkeit hinwenden und diese in seiner Darstellung wieder sichtbar machen. Demgegenüber stand der für das Zeitalter der Barock typische Glaube an die von Gott erschaffene Ordnung der Welt. Der Mensch vermochte diese zwar mit seinen Sinnen wahrzunehmen, da jedoch davon ausgegangen wurde, dass die Sinne täuschen, war es ihm nicht möglich, diese Ordnung zu erschließen. Der Darstellungsmodus des barocken Theaters manifestiert den Kontrast zwischen der trügerischen weltlichen Schönheit und der Sehnsucht nach dem Jenseits.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Einleitung: Darstellung der historischen Ausgangslage des deutschen Theaters im 18. Jahrhundert und Einführung in das Forschungsanliegen einer kohärenten Schauspieltheorie bei Lessing.

2 Aufklärung und Theater: Analyse des Wandels von barocken Theaterformen hin zu neuen Ansprüchen an Naturnachahmung und der Literarisierung des Theaters durch Gottsched.

3 Gotthold Ephraim Lessing und die Theorie der Schauspielkunst: Untersuchung von Lessings Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Theaterpraxis und seiner Entwicklung einer eigenen, distanzierten Position.

4 Literaturästhetische und wirkungsästhetische Aspekte: Behandlung der ästhetischen Grundlagen von Schönheit, Täuschung und der Kausalität zwischen schauspielerischer Darstellung und Zuschauerwahrnehmung.

5 Lessings Dramentheorie: Erörterung von Lessings Konzept des bürgerlichen Trauerspiels und Lustspiels sowie der Bedeutung des Moralischen und der individuellen Charaktergestaltung.

6 Lessings Theorie des körpersprachlichen Ausdrucks: Eingehende Analyse der Spielmodi, der Identifikation mit der Rolle und der technischen Umsetzung von Leidenschaften durch den Schauspieler.

7 Schlussbetrachtung: Zusammenfassendes Fazit über Lessings Beitrag zur theatertheoretischen Entwicklung und die Bedeutung der Einheit von Drama und Aufführung.

Schlüsselwörter

Gotthold Ephraim Lessing, Schauspielkunst, Aufklärung, Naturnachahmung, Mitleidstheorie, Dramentheorie, Bürgerliches Trauerspiel, Bühnenillusion, Körpersprache, Affektdarstellung, Zuschauerwirkung, Literaturästhetik, Rollenidentifikation, Wirkungsästhetik.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung und Systematisierung der Schauspielkunst im 18. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung der theoretischen Ansätze von Gotthold Ephraim Lessing.

Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?

Zentrale Themen sind die Transformation von Theaterkonzepten in der Aufklärung, das Verhältnis von Naturnachahmung zur künstlerischen Darstellung und die moralische sowie emotionale Wirkung des Theaters auf den Zuschauer.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist es, aus Lessings zerstreuten theoretischen Schriften eine in sich geschlossene Theorie der Schauspielkunst zu destillieren und deren Zusammenspiel mit seinen dramentheoretischen Grundsätzen darzulegen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit analysiert Lessings Primärtexte sowie zeitgenössische Quellen im historischen Kontext und setzt diese in Bezug zur fachwissenschaftlichen Forschung der Literatur- und Theaterwissenschaft.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung literaturästhetischer Prinzipien (wie Natur und Täuschung), Lessings Dramenmodelle (Trauerspiel und Lustspiel) sowie eine detaillierte Analyse seiner Theorie des körpersprachlichen Ausdrucks und des schauspielerischen Spielmodus.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Naturnachahmung, Mitleidstheorie, Schauspielkunst, Illusionsbildung und Affektdarstellung charakterisiert.

Wie unterscheidet sich Lessings Ansatz von dem Gottscheds?

Während Gottsched eine starre Regelpoetik und eine distanzierte, vernunftgeleitete Darstellung forderte, plädiert Lessing für eine psychologisch fundierte Darstellung, in der Empfindung und Verstand in ein ausgewogenes Verhältnis treten.

Was bedeutet für Lessing die Rolle des „selbstvergessenen“ versus „Reflexionsschauspielers“?

Lessing setzt sich kritisch mit Rémonds Ideal des selbstvergessenen Schauspielers und Riccobonis Forderung nach einem kontrollierten Spiel auseinander und entwickelt ein eigenes Modell, das die Identifikation mit der Rolle durch technische Kontrolle und intellektuelle Durchdringung ergänzt.

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Details

Title
Von dem Stolze zur Zärtlichkeit und von der Zärtlichkeit zur Erbitterung. G. E. Lessing und die Theorie der Schauspielkunst
College
University of Münster
Grade
1,7
Author
Lenka Volmer (Author)
Publication Year
2013
Pages
80
Catalog Number
V320713
ISBN (eBook)
9783668198982
ISBN (Book)
9783668198999
Language
German
Tags
G. E. Lessing 18. Jahrhundert Schauspielkunst Theatertheorie Theorie der Schauspielkunst Drama Gottsched Literarisierung des Theaters
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Lenka Volmer (Author), 2013, Von dem Stolze zur Zärtlichkeit und von der Zärtlichkeit zur Erbitterung. G. E. Lessing und die Theorie der Schauspielkunst, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/320713
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