Ende Februar 2015 machte eine Schlagzeile in den Medien die Runde: „In dieser Buddha-Statue steckt eine Mumie.“ Wer sich weder mit Religionen auskennt noch dem Buddhismus angehört, wird diesen Zusammenhang nicht verstehen. Bei genauerer Recherche aber scheint deutlich zu werden, dass dahinter ein Ritual der Selbstmumifizierung steckt und auch mehr, als Zeitungs- oder Onlineartikel beschreiben. Aus den gegebenen Informationen aber gelangt man beispielsweise zu folgenden Fragen: Wie ist diese Prozedur in den Buddhismus einzuordnen? Wer ist daran beteiligt? Was soll das für Folgen haben? Welche Denkweise steckt dahinter?
Diesen Aspekten soll sich in der vorliegenden Arbeit angenähert werden. Dazu wird zuerst der Buddhismus als Religion betrachtet und versucht, gedankliche Ursprünge herauszufiltern. Es ist in diesem Rahmen nicht möglich, alle religiösen Facetten darzustellen, jedoch soll der am bedeutendsten scheinende Punkt des Leidens im Buddhismus klarer gemacht werden. Weiterhin wird in diesem Kontext die Bedeutung des Todes untersucht.
Geht man einen Schritt weiter und interpretiert die Denkweise einer Religion als Weltsicht, können die in ihr verankerten Rituale als eine Ausdrucksform jener formuliert werden. Der dritte Punkt der Arbeit widmet sich der Bedeutung von solchen Handlungen. Was sind Rituale? Wozu können sie benutzt werden? Welche Rolle spielen sie? Diese Fragen werden mit dem Fokus auf das Feld der Religionen beantwortet. Dabei geht es nicht speziell um den Buddhismus, er sei hier neben andere religiöse Richtungen gestellt. Schließlich noch einmal besonders hervorgehoben wird der Begriff des Opferrituals. In Punkt vier der Arbeit fließen nun die Erkenntnisse über die Struktur des Buddhismus, die Rolle des Leidens, die Bedeutung von Ritualen und deren Potenzial ineinander. Das aktuelle Beispiel der gefundenen Mönchsleiche in einer Buddha-Statue wird betrachtet, um jene Faktoren zueinander zu führen und anschaulich zu machen. Schließlich sollen folgende Fragen beantwortet werden: Können religiöse Rituale tatsächlich Weltsichten ausdrücken und wie kann dies die Selbstmumifizierung im Buddhismus leisten?
Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung: Mönchsleiche in Buddha-Statue gefunden
2) Die Weltsicht einer Religion
2.1.) Die Rolle des Leidens im Buddhismus
3) Rituale und Bräuche in der Religion – Kreieren einer Weltsicht
3.1.) Opferrituale
4) Das Ritual der Selbstmumifzierung im Shingon-Buddhismus
4.1.) Die Aufmerksamkeit der Medienwelt
4.2.) Selbstmumifzierung & Weltsicht
5) Fazit: Religiöse Rituale beschreiben Weltsicht
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen religiösen Ritualen und den ihnen zugrunde liegenden Weltsichten. Anhand des Phänomens der buddhistischen Selbstmumifizierung wird analysiert, wie komplexe spirituelle Konzepte, wie der Umgang mit dem Leiden und dem Tod, durch rituelles Handeln ausgedrückt, manifestiert und für die Gemeinschaft erfahrbar gemacht werden.
- Die Rolle des Leidens und des Todes im buddhistischen Verständnis.
- Religiöse Rituale als Ausdrucksformen und Träger von Weltsichten.
- Das Ritual der Selbstmumifizierung (Sokushinbutsu) als radikale spirituelle Praxis.
- Der gesellschaftliche und institutionelle Kontext religiöser Opferrituale.
- Die Interpretation von Artefakten und rituellen Praktiken zur Entschlüsselung von Weltbildern.
Auszug aus dem Buch
4.2.) Selbstmumifzierung & Weltsicht
Der Vorgang der Selbstmumifzierung wird Sokushinbutsu genannt. „Sokushinbutsu means, literally, attaining Buddhahood while still alive.“ Dazu muss sich der Anwärter einem besonderen Ritual unterziehen. „The process of becoming a self-made mummy is long, slow and excruciatingly painful, taking from three to ten years.
In drei Phasen, je 1000 Tage, vollzieht sich die Prozedur: Die erste besteht aus strenger Diät, da Körperfett die Mumifizierung verlangsamt. Darauffolgend dürfen nur noch Rinde und Wurzeln aus dem Wald gegessen werden. So wird dem Körper weiteres Wasser entzogen. Zusätzlich werden giftige Tees verabreicht, um den Mönch zum Erbrechen und Urinieren zu bringen. So werden auch Bakterien abgetötet, die die Haut des Priesters nach dem Tod verzehren würden. Die Meditation unterstützt diese Phase. Der letzte Schritt ist das nahezu vollständige Begraben unter Steinen drei Meter unter der Erde. Nur ein winziger Luftschacht wird gelassen. Hier wartet der Mönch auf seinen Tod, für andere erkennbar, wenn er lange nicht mehr mit einer Glocke auf sich aufmerksam macht. Nach drei Jahren und drei Monaten wird der mumifizierte Mönch in einen Schrein oder einer Buddha-Statue platziert und gilt somit als Verehrungsobjekt.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: Mönchsleiche in Buddha-Statue gefunden: Die Einleitung thematisiert den Fund einer mumifizierten Mönchsleiche in einer Buddha-Statue als Anlass, um das rituelle Hintergrundwissen und dessen Bedeutung für religiöse Weltsichten zu untersuchen.
2) Die Weltsicht einer Religion: Dieses Kapitel erläutert das Konzept der Religion als Weltsicht und fokussiert dabei spezifisch auf die zentrale Rolle des Leidens und dessen Bewältigung im Buddhismus.
3) Rituale und Bräuche in der Religion – Kreieren einer Weltsicht: Hier werden Rituale als strukturgebende und gemeinschaftsstiftende Handlungen definiert, die religiöse Überzeugungen sichtbar machen, wobei besonders der Aspekt der Opferrituale beleuchtet wird.
4) Das Ritual der Selbstmumifzierung im Shingon-Buddhismus: In diesem Hauptteil wird das konkrete Ritual der Selbstmumifizierung analysiert und in den Kontext buddhistischer Denkmuster wie Erlösung und Buddhaschaft gesetzt.
5) Fazit: Religiöse Rituale beschreiben Weltsicht: Das Fazit fasst zusammen, dass Rituale unverzichtbare Fenster zum Verständnis religiöser Weltbilder sind und die Untersuchung von Handlungen wie der Selbstmumifizierung tiefere Einblicke in spirituelle Logiken ermöglicht.
Schlüsselwörter
Buddhismus, Shingon-Buddhismus, Selbstmumifizierung, Sokushinbutsu, religiöse Rituale, Weltsicht, Leiden, Tod, Askese, Meditation, Opferritual, Erleuchtung, Nirvana, Gemeinschaft, Religionswissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen religiösen Ritualen und den dahinterstehenden Weltbildern der jeweiligen Glaubensgemeinschaften.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Felder sind die Bedeutung von Ritualen, die buddhistische Philosophie in Bezug auf das Leiden und den Tod sowie die Analyse radikaler religiöser Praktiken.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu belegen, dass religiöse Rituale wie die Selbstmumifizierung keine isolierten Handlungen sind, sondern komplexe Weltsichten ausdrücken und stabilisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine interpretatorische Herangehensweise, bei der religiöse Rituale als Ausdrucksformen von Weltbildern analysiert und mit dem soziokulturellen Kontext der Anhängerschaft verknüpft werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Struktur des Buddhismus, der Bedeutung von Ritualen im Allgemeinen, Opferritualen und einer detaillierten Fallstudie zur Selbstmumifizierung (Sokushinbutsu).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind Buddhismus, Selbstmumifizierung, Sokushinbutsu, Ritual, Weltsicht, Leiden und Erleuchtung.
Was unterscheidet das Sokushinbutsu-Ritual von gewöhnlichen Bestattungsriten?
Im Gegensatz zu passiven Riten handelt es sich beim Sokushinbutsu um eine aktive, langwierige und schmerzhafte spirituelle Praxis des Mönchs, um bereits zu Lebzeiten den Zustand der Buddhaschaft zu erreichen.
Warum wurde die Selbstmumifizierung in Japan verboten?
Das Verbot im Jahr 1909 erfolgte aufgrund der körperlichen Gefährdung der Praktizierenden sowie der problematischen Aussichten auf einen Erfolg des Rituals.
- Arbeit zitieren
- Anne-Marie Holze (Autor:in), 2014, Religiöse Rituale als Ausdruck einer Weltsicht. Darstellung am Beispiel der Selbstmumifizierung im Buddhismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319719