[...] Diese allgemeinen Charakteristika lassen sich auch
bei Ovid finden. Während in der vorovidischen Dichtung das Pathos der Liebe und
des willkürlich- unerbittlichen Liebesgottes auf ernsthafte Weise behandelt wurde ,
fasst Ovid Liebe als ein nicht so ernst zu nehmendes Spiel auf, das durch die Regeln
und Topoi der Vorgänger schon festgelegt ist2. Brooks Otis sieht Ovids Liebeselegie
sogar als eine „reductio ad absurdum“ der Gattung wie sie für Properz und Tibull
charakteristisch war, die sich durch „Umschweife und irreführende Ernsthaftigkeit“3
auszeichnet. Ovid entwickelt das Thema in Anlehnung an Tibull und Properz, die
zum tragischen Genus tendierten, zwar spielerisch und komisch, aber mit dennoch
täuschend echter Ernsthaftigkeit.
Die Amores bestehen, so wie sie uns in der zweiten Ausgabe überliefert sind, aus
drei Büchern. Von den fünfzehn Gedichten des ersten Buches sind die Elegien zwei
bis sieben und neun bis vierzehn thematisch parallel angeordnet; sie werden umrahmt
von den Programmgedichten eins, acht und fünfzehn4. Der Grund für das Verfassen
einer Elegie (am. 1.1) ist der Liebesgott Amor, der ein Versmaß stahl und den
Dichter mit einem Liebespfeil traf, so dass dieser von seinem Vorhaben ein Epos zu
schreiben abkam und sich in Corinna verliebte. So wie sich die Erfüllung in der
Liebe (1.5) und die Absage (1.12) gegenüberstehen, so entsprechen sich auch die
Elegie 1.6, die hier genauer analysiert werden soll, mit der nächtlichen Klage vor der
Tür der Geliebten und die Elegie 1.13 mit dem Abschied am Morgen.
Im folgenden möchte ich zeigen wie Ovid das bekannte Motiv des Paraklausithyron
auf äußerst witzige, amüsante Weise entwickelt, indem er den exclusus amator
lächerlich macht, und doch oberflächlich die Ernsthaftigkeit eines Properz oder
Tibull bewahrt. Dabei zeichnen vor allem die Verwendung eines Refrains und die
starken Kontraste innerhalb des Gedichtes das nach Erich Reitzenstein „neue
Kunstwollen“ des Dichters aus.
2 Reitzenstein, Erich: Das neue Kunstwollen in den Amores Ovids. in: Michael von Albrecht, Ernst
Zinn (Hg.) : Ovid. 1. Auflage. Darmstadt 1968 (Wege der Forschung 92). S. 210ff.
3 Otis, Brooks: Ovids Liebesdichtungen und die augusteische Zeit. in: Michael von Albrecht, Ernst
Zinn (Hg.) : Ovid. 1. Auflage. Darmstadt 1968 (Wege der Forschung 92). S.237.
4 P. Ovidius Naso: Amores. Liebesgedichte. Lateinisch und Deutsch von Michael von Albrecht.
Stuttgart 1997.S. 232.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung in die Analyse– Die ovidische Liebeselegie
2. Verse 1- 31
3. Die Verse 32- 48
3.1 Der Refrain
3.2 Amor, Waffen und Wein– Verse 33 bis 39
3.3 Die Enttäuschung und der Schlaf des ianitor – Verse 40 bis 46
3.4 Das schwere Los des Liebenden: amica et sors – Verse 45 bis 48
4. Zusammenfassung: Das Spiel mit der Liebe
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit analysiert die Elegie 1.6 aus Ovids Amores, wobei der Fokus auf der humorvollen und paradoxen Darstellung des Motivs des Paraklausithyron liegt. Ziel ist es aufzuzeigen, wie Ovid durch das Spiel mit literarischen Topoi und einer scheinbaren Ernsthaftigkeit den „exclusus amator“ als komische Figur inszeniert.
- Die Charakteristika der römischen Liebeselegie bei Ovid
- Die Funktion des Refrains und metrische Analyse in Elegie 1.6
- Die Kontraste zwischen Sklaven und freiem Mann sowie Realität und Illusion
- Die literarische Verarbeitung von militärischen Metaphern und erotischen Motiven
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Refrain
Das Auftreten eines Refrains innerhalb eines Paraklausithyron kommt bei römischen Liebesdichtern wie Properz und Tibull nicht vor und zeigt sehr deutlich wie Ovid versucht das althergebrachte Motiv aufzufrischen, wobei Refrains innerhalb des Zuges zum Haus der Geliebten schon in griechischer Literatur vorkommen (vgl. Ar. Eccl. 971f., 974f. 6).
Der Liebende stellt fest, dass die Stunden der Nacht verrinnen und fordert scheinbar den Sklaven auf den Riegel der Tür beiseite zu schieben. Doch wie eine genaue Analyse von Metrik und Klang zeigt, muss der amator nicht unbedingt den Sklaven ansprechen.
Metrisch besteht eine Balance zwischen den beiden Hälften des Pentameters in Rhythmus und Klang. Nur fünfzehn Pentameter in Ovids Amores, also etwa ein Prozent, zeichnen sich durch Parallelität in der Silbenverteilung in beiden Hemistichien aus (hier 3, 2, 2)6:
tempora noctis eunt; excute poste seram.
Außerdem sind jeweils die ersten Vokale der korrespondierenden Wörter gleich. Diese starke Parallelität und Wiederholung des Verses resultiert in einer Eindringlichkeit des Klangbildes wie sie für Zauberformeln7 bezeichnend ist. Ovid zieht also nun auch magische Kräfte hinzu, damit sich die Zaubertür mit Hilfe dieser vielleicht selbst öffnet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung in die Analyse– Die ovidische Liebeselegie: Dieses Kapitel verortet Ovid innerhalb der Tradition der römischen Liebeselegie und erläutert die Grundkonstellation des servitium amoris.
2. Verse 1- 31: Der Abschnitt analysiert den Beginn der Elegie, in der das elegische Ich versucht, den ianitor mit Argumenten zur Öffnung der Tür zu bewegen.
3. Die Verse 32- 48: Hier wird die Rolle von Metrik, Refrain und paradoxen Motiven als Stilmittel Ovids untersucht, um die humorvolle Inszenierung des Liebenden zu verdeutlichen.
3.1 Der Refrain: Dieser Teil beleuchtet die metrische Gestaltung und die fast magische Wirkung des Refrains innerhalb des Paraklausithyron.
3.2 Amor, Waffen und Wein– Verse 33 bis 39: Die Untersuchung konzentriert sich auf die Harmlosigkeit des Liebenden, die durch die Verbindung von militärischer Metaphorik und Trunkenheit komisch kontrastiert wird.
3.3 Die Enttäuschung und der Schlaf des ianitor – Verse 40 bis 46: Das Kapitel analysiert die wachsende Aggressivität des Liebenden gegenüber dem Türhüter und die sprachlichen Nuancen der Anklage.
3.4 Das schwere Los des Liebenden: amica et sors – Verse 45 bis 48: Dieser Teil widmet sich dem Rollentausch-Wunsch des Liebenden und dessen ironischer Behandlung durch Ovid.
4. Zusammenfassung: Das Spiel mit der Liebe: Das Fazit fasst zusammen, wie Ovid durch die ständige Spannung zwischen Ernst und Komik die Gattung der Liebeselegie neu definiert.
Schlüsselwörter
Ovid, Amores, Elegie, Liebeselegie, Paraklausithyron, exclusus amator, ianitor, Amor, Properz, Tibull, Literaturanalyse, Antike, Metrik, Motiv, Liebesdichtung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Elegie 1.6 aus Ovids Werk „Amores“, in der ein ausgeschlossener Liebhaber vor der Tür seiner Geliebten klagt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Analyse konzentriert sich auf die literarische Gestaltung des Paraklausithyron-Motivs, die Verwendung militärischer Metaphern, die Rolle des Türhüters (ianitor) sowie die Kontraste zwischen Realität und Illusion.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Ovid das Motiv des „exclusus amator“ durch subtile Ironie und die bewusste Kombination von Ernsthaftigkeit und Komik „ad absurdum“ führt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine philologische Textanalyse angewandt, die sich auf Metrik, Wortwahl (z.B. rhetorische Figuren, Vokabelverwendung) und den Vergleich mit anderen antiken Elegikern wie Properz und Tibull stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert die Elegie in Abschnitte und analysiert dort die rhetorische Strategie des Liebenden, seine Versuche der Beeinflussung des Sklaven und die metrische Gestaltung der Verse.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Analyse?
Wichtige Begriffe sind „exclusus amator“, „Paraklausithyron“, „Refrain“, „Paradoxon“, „servitium amoris“ und „neues Kunstwollen“.
Wie deutet die Autorin den Refrain in den Versen 32 bis 48?
Der Refrain wird als ein bewusster Bruch mit der Konvention und als Mittel interpretiert, das durch metrische Parallelität eine fast magische oder beschwörende Wirkung entfaltet, während er gleichzeitig die Erfolglosigkeit des Liebenden betont.
Warum wird der Liebende als „lächerlich“ bezeichnet?
Die Lächerlichkeit ergibt sich daraus, dass der Liebende zwar den Anspruch eines vornehmen Mannes aus höherer Schicht erhebt, aber durch seine Trunkenheit, seine drohende Art und den absurden Wunsch, die Ketten des Sklaven zu übernehmen, seine eigene Würde untergräbt.
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- Johanna Wünsche (Author), 2002, Gedichtinterpretation von Ovids 'Amores 1,6', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31767