Wie erklären die Großtheorien unterschiedliche Aspekte der Schutzverantwortung? Wie plausibel können sie diese innerhalb ihres Weltbildes verordnen? Welche Theorie hat insgesamt die größte Erklärungskraft bezüglich des Phänomens der R2P? Es werden sich mit dieser Arbeit sowohl Einblicke in die Vorzüge und Schwächen der IB Weltbilder
angesichts des Erklärungsgegenstandes, als auch ein vertieftes Verständnis ob des Wesens der R2P
erwartet.
Mit der Resolution des Sicherheitsrates 1973 (2011) der vereinten Nationen (VN) während der Revolutionen des Arabischen Frühlings in Libyen wurde der reaktive Teil des neuen Völkerrecht-Prinzips der Responsibility to Protect (R2P) erstmals im konkreten Fall implementiert.
Mit durchschlagendem Erfolg, so verhalfen die in diesem Rahmen geführten, massiven Luftschlägen einer westlichen Staatenallianz gegen die Truppen Gaddafis schließlich den Rebellen zum Sieg und führten indirekt zum Tod des ehemaligen Machthabers. Die mit der völkerrechtlichen Positivierung der humanitären Intervention vorgenommene Veränderung des Aktionsraumes der VN ist neben dessen Aktualität auch von größter Brisanz, insofern „rules and norms governing the use of force […] go to the very heart of who we are as the United Nations and what we stand for“ (Annan 2005).
Der Prozess der völkerrechtlicher Kodifizierung der hI in der R2P ist nun „not a theory but a [...] fact begging for an explanation, as facts do” (Waltz 2000).
An dieser Stelle sollen die Großtheorien der IB herangezogen werden, welche im Falle des Phänomens der R2P kritisch auf ihre Erklärungsreichweite hin zu überprüfen sein werden. Die Auswahl der Theorien orientiert sich an den drei großen, rekonstruierten „Debatten“ der IB Theoriediskussion und der sich hieraus schließlich kristallisierenden drei großen Denkschulen des 1. Realismus, 2. des Liberalismus und 3. des Konstruktivismus.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Die Großtheorien der Internationalen Beziehungen
- Der Realismus
- Der Liberalismus
- Der Konstruktivismus
- Das völkerrechtliche Prinzip der Responsibility to Protect
- Die Humanitäre Intervention
- Die Positivierung der hI in der Responsibility to Protect
- Zusammenfassend: Womit haben wir es mit der R2P zu tun?
- Die Erklärungsreichweite der IB Großtheorien zur R2P
- Erklärungsreichweite und -schwächen des Realismus
- Erklärungsreichweite und -schwächen des Liberalismus
- Erklärungsreichweite und -schwächen des Konstruktivismus
- Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Erklärungskraft der Großtheorien der Internationalen Beziehungen im Hinblick auf das völkerrechtliche Prinzip der Responsibility to Protect (R2P). Hierbei wird die Frage nach den theoretischen Wurzeln des neu entstehenden Prinzips, dessen Entwicklung im Spannungsfeld der zentralen Prinzipien der VN-Charta sowie den konkreten Interventionen der Staatenwelt in humanitären Krisen gestellt. Ziel ist es, die jeweiligen Stärken und Schwächen der Großtheorien im Hinblick auf das Phänomen der R2P zu analysieren und schlussendlich ein Urteil über ihre Erklärungskraft in diesem speziellen Fall zu fällen.
- Das Völkerrechtliche Prinzip der Responsibility to Protect
- Die Großtheorien der Internationalen Beziehungen (Realismus, Liberalismus, Konstruktivismus)
- Die Anwendung der Großtheorien auf das Phänomen der R2P
- Die Erklärungskraft der Großtheorien im Vergleich
Zusammenfassung der Kapitel
Das erste Kapitel der Arbeit führt zunächst in das völkerrechtliche Prinzip der Responsibility to Protect ein. Es erläutert die historischen Entwicklungen von der humanitären Intervention bis zur R2P und beleuchtet die zentralen Prinzipien des Prinzips. In Kapitel 2 werden die drei großen IB-Theorien (Realismus, Liberalismus und Konstruktivismus) idealtypisch dargestellt, wobei die jeweiligen theoretischen Kernelemente anhand spezifischer Kategorien wie Akteur, Struktur und Disposition beschrieben werden. Das dritte Kapitel analysiert dann die spezifischen Annahmen und Konzepte der drei Großtheorien im Hinblick auf das Phänomen der R2P. Hierbei werden die jeweiligen Stärken und Schwächen der Theorien in Bezug auf das Konzept der R2P untersucht und durch konkrete historische Beispiele verdeutlicht. Schließlich fasst das vierte Kapitel die Ergebnisse der Analyse zusammen und beantwortet die Ausgangsfragen der Arbeit.
Schlüsselwörter
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem völkerrechtlichen Prinzip der Responsibility to Protect, den Großtheorien der Internationalen Beziehungen (Realismus, Liberalismus, Konstruktivismus), der humanitären Intervention, dem Interventionsverbot, der staatlichen Souveränität, der internationalen Anarchie, dem Menschenrechtsschutz, den VN-Organen (SR und VV), den internationalen Beziehungen, der Staatenpraxis und der internationalen Normdynamik.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet „Responsibility to Protect“ (R2P)?
R2P ist ein völkerrechtliches Prinzip, das besagt, dass jeder Staat die Pflicht hat, seine Bevölkerung vor Völkermord, Kriegsverbrechen, ethnischer Säuberung und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu schützen. Versagt ein Staat, geht diese Verantwortung auf die Weltgemeinschaft über.
Wie erklärt der Realismus das Prinzip der R2P?
Der Realismus ist skeptisch gegenüber R2P. Er sieht darin oft ein Instrument von Großmächten, um eigene Interessen unter dem Deckmantel der Moral durchzusetzen, da Staaten primär nach Macht und Sicherheit streben.
Welche Sichtweise hat der Konstruktivismus auf R2P?
Der Konstruktivismus betont die Rolle von Normen und Identitäten. R2P wird hier als Ausdruck eines Wandels der internationalen Normen gesehen, bei dem Souveränität nicht mehr als Privileg, sondern als Verantwortung definiert wird.
Was ist der Unterschied zwischen humanitärer Intervention und R2P?
Während die humanitäre Intervention oft nur den militärischen Eingriff meint, umfasst R2P drei Säulen: Prävention, Reaktion (auch militärisch als letztes Mittel) und den Wiederaufbau nach einem Konflikt.
Welchen Fall markierte die erste Anwendung von R2P?
Die UN-Sicherheitsratsresolution 1973 (2011) zum Schutz der Zivilbevölkerung in Libyen gilt als die erste konkrete Umsetzung des reaktiven Teils von R2P durch die Weltgemeinschaft.
- Quote paper
- Benno Valentin Villwock (Author), 2013, Die Erklärungsreichweite der IB Großtheorien zum VR-Prinzip der Schutzverantwortung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312166