1. Einleitung
Die Munleun - Szene in Wolfram von Eschenbachs „Willehalm“ ist schon oft von Literaturforschern diskutiert und interpretiert worden. Der Auftritt des Titelhelden vor dem König beim Hoftag stellt eine Schlüsselszene des Werkes dar. Zwischen den Beschreibungen der beiden großen Schlachten gegen die Heiden gelegen, wird hier das Schicksal der Provence besiegelt, in das die Heiden eingefallen sind. Nachdem Willehalm die erste Schlacht verloren hat, muss er in Munleun den König und die Fürsten dazu bewegen, ihn in der zweiten Schlacht zu unterstützen.
Willehalms Auftreten vor dem König ist jedoch nicht das eines Bittstellers. Vielmehr tritt er wütend und traurig auf und schleudert dem König wüste Beschimpfungen entgegen.
Um Willehalms Verhalten am Hof verständlich zu machen, und um zu zeigen, dass für die Zuhörer bzw. Leser im Mittelalter dieses Auftreten „lesbar“ war, möchte ich zunächst einige Fakten über die Rezeptionsbedingungen von Literatur im Mittelalter aufzeigen, und dann im dritten Kapitel dieser Arbeit zeigen, dass das öffentliche Auftreten und die öffentliche sowie private Kommunikation im Mittelalter von symbolischen Gebärden, Gesten und Emotionen geprägt waren, die von den mittelalte rlichen Menschen als verbindlich angesehen wurden. Im vierten Kapitel werde ich dann die Entstehungsgeschichte des „Willehalm“ kurz anreißen. Nach einem kurzen Exkurs durch ältere Interpretationen der Szene, die darin meist einen Gefühlsausbruch des Titelhelden und einen Gegensatz vom starken Fürsten und schwachen Herrscher sehen, möchte ich zeigen, dass aus Willehalms Verhalten auch eine andere Absicht herauslesbar ist. Dabei stütze ich mich auf Erkenntnisse von Gerd Althoff, Kathryn Starkey und Bernd Thum , die ich in den vorhergehenden Kapiteln präsentiert habe. Meine These lautet, dass sich Willehalm der Konventionen öffentlicher Kommunikation bewusst ist, dass er sich dieser Konventionen bedient und sie zum Teil bewusst missachtet, um sein Ziel, die Unterstützung des Königs für den Kampf gegen die Heiden, zu erreichen. [...]
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Zur Rezeption von Literatur in der höfischen Kultur des Mittelalters
- Symbolische Elemente in der Kommunikation und Politik des Mittelalters
- Der „Willehalm" Wolfram von Eschenbachs
- Entstehung und Inhalt des „Willehalm"
- Zur Interpretationen der Munleun – Szene in der älteren Forschung
- Versuch der Auslegung der Szene unter Einbeziehung neuerer Erkenntnisse der Mediävistik
- Fazit
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die vorliegende Arbeit analysiert die Munleun-Szene in Wolfram von Eschenbachs „Willehalm“ mit dem Ziel, die Bedeutung des Auftretens von Willehalm vor dem König im Kontext der höfischen Kultur des Mittelalters zu entschlüsseln.
- Rezeption von Literatur im Mittelalter
- Symbolische Elemente in der mittelalterlichen Kommunikation
- Interpretation der Munleun-Szene
- Willehalms Auftreten im Kontext der höfischen Konventionen
- Bedeutung von Gesten und Emotionen in der mittelalterlichen Kommunikation
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung stellt die Munleun-Szene als Schlüsselszene im „Willehalm“ vor und erläutert die Intention der Analyse.
Kapitel 2 beleuchtet die Rezeption von Literatur in der höfischen Kultur des Mittelalters, wobei der Fokus auf die Lesekompetenz des Adels und den Einfluss von Frauen auf die höfische Literatur liegt.
Kapitel 3 untersucht die Bedeutung von symbolischen Elementen in der Kommunikation und Politik des Mittelalters und stellt die Bedeutsamkeit von Gesten und Emotionen für die Verständigung in dieser Zeit heraus.
Kapitel 4 beleuchtet die Entstehung und den Inhalt des „Willehalm“. Es werden ältere Interpretationen der Munleun-Szene vorgestellt und die These aufgestellt, dass Willehalms Verhalten bewusst auf die Konventionen öffentlicher Kommunikation Bezug nimmt.
Schlüsselwörter
Die Arbeit befasst sich mit den Themen Mittelalterliche Literatur, höfische Kultur, Rezeption, Kommunikation, Symbolsprache, Gesten, Emotionen, Wolfram von Eschenbach, Willehalm, Munleun-Szene.
Häufig gestellte Fragen
Was ist die zentrale Bedeutung der Munleun-Szene in Wolframs „Willehalm“?
Die Munleun-Szene ist eine Schlüsselszene, in der der Titelheld Willehalm nach einer verlorenen Schlacht vor den König tritt, um Unterstützung für den weiteren Kampf gegen die Heiden zu fordern.
Warum verhält sich Willehalm am Hof so aggressiv?
Anstatt als Bittsteller aufzutreten, nutzt Willehalm Wut, Beschimpfungen und traurige Gesten. Die Arbeit analysiert, ob dies ein bloßer Gefühlsausbruch ist oder ein kalkulierter Einsatz mittelalterlicher Kommunikationskonventionen.
Welche Rolle spielten Symbole und Gesten im Mittelalter?
In der mittelalterlichen Politik und Kommunikation waren öffentliche Gebärden und Emotionen verbindliche Zeichen. Sie dienten dazu, Absichten und soziale Ränge für das Publikum „lesbar“ zu machen.
Welche These vertritt die Arbeit bezüglich Willehalms Auftreten?
Die These lautet, dass Willehalm sich der Konventionen öffentlicher Kommunikation bewusst ist und diese gezielt einsetzt oder missachtet, um den König zum Handeln zu bewegen.
Wie wurde Literatur im höfischen Mittelalter rezipiert?
Die Arbeit beleuchtet die Lesekompetenz des Adels und den starken Einfluss von Frauen auf die höfische Literaturproduktion und deren Rezeption.
Welche neueren Erkenntnisse der Mediävistik werden herangezogen?
Die Analyse stützt sich auf Forschungen von Gerd Althoff, Kathryn Starkey und Bernd Thum zur symbolischen Kommunikation und dem rituellen Verhalten im Mittelalter.
- Quote paper
- Hilke Dahinten (Author), 2004, Interpretation der Munleun - Szene aus Wolfram von Eschenbachs Willehalm, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31160