Der Antiziganismus ist eine vor allem im europäischen Raum weit verbreitete Ideologie, die trotz der schwerwiegenden Folgen für die Betroffenen kaum öffentliche Aufmerksamkeit in Deutschland gewinnt. Besonders im osteuropäischen Raum findet die Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung von als „Zigeunern“ stigmatisierten Menschen ein höheres Maß als in westeuropäischen Ländern: Viele Sinti und Roma leben in Arbeitslosigkeit, da sie wegen der großen Zahl an Vorurteilen gegen sie starke Schwierigkeiten haben, einen Arbeitsplatz zu finden. Ebenso beherrschen die schlechte Bildungs- und Gesundheitssituation das Leben dieser Menschen im östlichen Europa. Oft wird ihnen auch hier das Recht zur Niederlassung verweigert.
Pogrome, Mordanschläge und körperliche Angriffe auf Angehörige der Roma sind in osteuropäischen Ländern wie Ungarn, Slowakei und Tschechien keine Seltenheit. Während der Zeit des zweiten Weltkrieges waren die Umstände für die Sinti und Roma im Europäischen Raum am fatalsten. Während des nationalsozialistischen Herrschaft kamen in Europa um die 500.000 Sinti und Roma zu Tode. Doch wie konnte es gerade in Deutschland zu einem solchen Massenmord an Sinti und Roma kommen?
Das Werk „Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie“ von Ferdinand Tönnies bot bereits 1887 eine klare wissenschaftliche Abgrenzung der Begriffe Gemeinschaft und Gesellschaft, welche in einem Dualismus zueinander stehen. Mit der zunehmenden Politisierung beider Begriffe zusammen mit der Entstehung des Mythos von 1914 nahm auch immer mehr die Annahme unter der deutschen Bevölkerung zu, dass zu einer Formierung der erwünschten „Volksgemeinschaft“ die Exklusion des Volksfremden notwendig sei. Als volksfremd zählten damals unter anderem auch die Sinti und Roma. Da ebenfalls fast alle zugeschriebenen Stereotypen gegenüber diesen Gruppen als klares Gegenbild zur Zivilisation und modernen Gesellschaft erscheinen, lässt sich folgende Fragen aufstellen: Wird beim Antiziganismus in Verbindung mit dem Gemeinschaftsideal das eigene anstrebte Modell des sozialen Zusammenlebens als fremd gedeutet? Haben deshalb die suggerierte Höherwertigkeit der Gemeinschaft bei Tönnies und die darauffolgende Politisierung des Begriffs die Grundlagen für den heutigen Antiziganismus in Deutschland gelegt?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Problemstellung
1.2. Aufbau
2. Vom soziologischen Begriff zur politischen Formel
2.1. Gemeinschaft und Gesellschaft bei Ferdinand Tönnies
2.1.1. Theorie der Gemeinschaft
2.1.2. Theorie der Gesellschaft
2.2. Politisierung des Gemeinschaftsbegriffes
3. Antiziganistische Ideologie
3.1. Historischer Einblick in die Diskriminierung von Sinti und Roma in Europa
3.2. Begriff des Antiziganismus
3.3. „Zigeuner“ als Symbol der Gemeinschaft?
4. Zusammenfassung
5. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen Ferdinand Tönnies' soziologischem Gemeinschaftsbegriff und der Entstehung sowie Manifestation des Antiziganismus in Deutschland. Dabei wird erforscht, inwieweit das deutsche Gemeinschaftsideal als Abgrenzung zum "Volksfremden" konstruiert wurde und ob dies die argumentative Grundlage für historische und moderne antiziganistische Ressentiments bildete.
- Analyse des soziologischen Dualismus von Gemeinschaft und Gesellschaft nach Ferdinand Tönnies
- Politisierung des Gemeinschaftsideals während der Weimarer Republik und der Zeit um 1914
- Historische Genese antiziganistischer Stereotype und deren Diskriminierungsformen
- Psychologische Mechanismen der Identitätsbildung durch Abgrenzung vom "Anderen"
- Verbindung von antiziganistischen Konstruktionen mit der Vorstellung der "deutschen Volksgemeinschaft"
Auszug aus dem Buch
1.1. Problemstellung:
Der Antiziganismus ist eine vor allem im europäischen Raum weit verbreitete Ideologie, die trotz der schwerwiegenden Folgen für die Betroffenen kaum öffentliche Aufmerksamkeit in Deutschland gewinnt. Auch Wenn der Begriff in jüngster Zeit auch in der Forschung immer mehr an Bedeutung gewinnt, scheint die mediale Berichterstattung darüber nur marginal zuzunehmen. So meint auch Markus End, dass „Antiziganismus (…) gegenwärtig (…) nur von einer kleinen Gruppe wissenschaftlich und politisch Interessierter verwendet wird (…) [und, D.D.] für die Mehrheit der deutschsprachigen Bevölkerung (…) noch gänzlich unbekannt ist.“ Das macht es umso schwieriger und gleichzeitig interessanter das Thema zu bearbeiten.
Die antiziganistische Diskriminierung mündet meist in sehr schlechten Lebensbedingungen für die verschiedenen Gruppen in Europa. Besonders im osteuropäischen Raum findet die Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung von als „Zigeunern“ stigmatisierten Menschen ein höheres Maß als in westeuropäischen Ländern: Viele Sinti und Roma leben in Arbeitslosigkeit, da sie wegen der großen Zahl an Vorurteilen gegen sie starke Schwierigkeiten haben, einen Arbeitsplatz zu finden. Ebenso beherrschen die schlechte Bildungs- und Gesundheitssituation das Leben dieser Menschen im östlichen Europa.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die mangelnde öffentliche Aufmerksamkeit für Antiziganismus in Deutschland und skizziert die prekäre soziale Lage von Sinti und Roma in Europa als Ausgangspunkt für die Problemstellung.
2. Vom soziologischen Begriff zur politischen Formel: Dieses Kapitel erläutert Tönnies' Theorie von Gemeinschaft und Gesellschaft und zeigt auf, wie diese Konzepte im 20. Jahrhundert politisiert wurden, um eine exklusive "Volksgemeinschaft" zu definieren.
3. Antiziganistische Ideologie: Hier wird die historische Entwicklung der Diskriminierung von Sinti und Roma analysiert und die Rolle des „Zigeuner“-Bildes als Symbol in der deutschen Identitätsbildung untersucht.
4. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert, dass antiziganistische Ressentiments als notwendiges Gegenbild zur Konstruktion einer "richtigen" deutschen Gemeinschaft fungieren und eng mit den gesellschaftlichen Umbrüchen der Moderne verknüpft sind.
5. Bibliographie: Das Verzeichnis listet sämtliche verwendete wissenschaftliche Literatur und Quellen auf, die der Untersuchung zugrunde liegen.
Schlüsselwörter
Antiziganismus, Gemeinschaft, Gesellschaft, Ferdinand Tönnies, Sinti und Roma, Volksgemeinschaft, Identitätsbildung, Diskriminierung, Stereotype, Ideologie, Nationalismus, Ausschluss, Fremdheit, Deutschland, Sozialwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die theoretischen und ideologischen Grundlagen des Antiziganismus in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung des soziologischen Gemeinschaftsbegriffs von Ferdinand Tönnies.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der soziologischen Abgrenzung von Gemeinschaft und Gesellschaft, der Politisierung dieser Begriffe während der Weimarer Republik und der historischen Stigmatisierung von Sinti und Roma.
Welche Forschungsfrage wird verfolgt?
Es wird untersucht, ob die in Tönnies' Werk suggerierte Höherwertigkeit der Gemeinschaft die Grundlagen für den heutigen Antiziganismus in Deutschland gelegt hat, indem das „Fremde“ als notwendiges Gegenbild zur „Volksgemeinschaft“ definiert wurde.
Welche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine theoretische und ideengeschichtliche Analyse, die soziologische Klassiker mit historischen Diskursen verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Theorie der Gemeinschaft, der Politisierung des Begriffs um 1914, der historischen Diskriminierung von Roma und Sinti sowie dem psychologischen Kern antiziganistischer Identitätsbildung.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Antiziganismus, Gemeinschaftsideal, Identitätsbildung, soziale Exklusion und der historische Dualismus von Gemeinschaft und Gesellschaft.
Inwiefern beeinflusste die Romantik das Bild der "Zigeuner"?
Die Arbeit stellt dar, dass die Romantik das „Fremde“ und „Zurückgebliebene“ einerseits negativ als zivilisationsfeindlich, andererseits positiv als „natürlich“ und „frei“ umdeutete, was die spätere Instrumentalisierung in nationalen Einheitsdebatten begünstigte.
Warum wird in der Arbeit konsequent der Begriff "Antiziganismus" statt "Feindschaft gegen Sinti und Roma" genutzt?
Der Autor entscheidet sich bewusst für den Begriff Antiziganismus, um die ideologische Struktur der Stigmatisierung als „fremdes Volk“ zu erfassen, die sich über diverse heterogene Gruppen hinwegzieht und oft auf tiefliegenden, jahrhundertealten Stereotypen basiert.
- Arbeit zitieren
- Daniel Drescher (Autor:in), 2012, Der Gemeinschaftsbegriff als Grundlage des Antiziganismus in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/306110