Selbstjustiz wird in Deutschland streng geahndet, sehr zum Missfallen einiger Bürger, die der Meinung sind, der Rechtsstaat greife oft nicht streng genug ein. Besonders heftige Debatten entbrennen zuweilen, wenn die Entlassung eines Straftäters aus dem Gefängnis bevorsteht, vor allem wenn diese vor Ablauf der verhängten Strafe stattfinden soll. Häufig heißt es in den Medien dann, der (Ex-)Straftäter werde aufgrund guter Führung und psychologischer Gutachten vorzeitig aus der Haft entlassen. In vielen Fällen erfährt man nach der kurzeitigen Intensivberichterstattung kaum noch etwas über die betroffenen Personen, es sei denn, der entlassene Straftäter wird rückfällig.
In diesem Fall werden die an der Entlassung und Bewährung beteiligten Personen häufig von allen Seiten kritisiert. Insbesondere dem zuständigen Psychologen, dessen „falsche“ Einschätzung Schuld an der Entlassung gewesen sei, oder der in der Bewährungszeit versagt habe, werden Vorwürfe gemacht, die bis hin zu Forderungen des Zulassungsentzugs gehen. Hierbei wird von der breiten Bevölkerung häufig ignoriert, dass es sich beispielsweise bei Gutachten zunächst einmal um Beschreibungen einiger interessierender Variablen des Straftäters oder des bisherigen Therapieverlaufs handelt.
Bei der abgeleiteten Prognose zukünftigen Verhaltens handelt es sich um reine Wahrscheinlichkeitsaussagen und Erfahrungswerte des Psychologen, die zu einem klinischen Urteil zusammengefasst werden. Die letztendliche Entscheidung des Richters mag zwar zu Teilen auf dieser Einschätzung beruhen, jedoch ist sie nicht das einzige Kriterium. Zudem muss bedacht werden, dass es an verlässlichen und empirisch überprüften Prädiktoren, die das Kriterium „Rückfälligkeit“ zuverlässig vorhersagen könnten, fehlt. Vielmehr stellt die Frage danach, warum manche Straftäter rückfällig werden und andere wiederum nicht, einen sehr aktuellen Forschungsgegenstand der Psychologie dar.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Stichprobe
- Design
- Durchführung
- Auswertung
- Ergebnisse
- Diskussion
- Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Liverpool Desistance Study zielt darauf ab, ein umfassendes Verständnis des Desistance-Prozesses, also der Unterlassung von Straftaten, zu erlangen. Die Studie untersucht, wie ehemalige Straftäter, die nicht wieder straffällig wurden, ihren Weg zur Desistance erleben und beschreiben.
- Charakteristische Denkmuster bei nicht-rückfälligen Straftätern
- Unterschiede in den Denkmustern zwischen persistenten und nicht-rückfälligen Straftätern
- Einfluss von Denkmustern auf den Desistance-Prozess
- Übertragungsmöglichkeiten der Studienergebnisse in die Praxis der Bewährungshilfe
- Psychologische Prozesse im Zusammenhang mit dem weiteren Werdegang von Straftätern
Zusammenfassung der Kapitel
- Einleitung: Die Einleitung stellt das Problem des Desistance-Prozesses vor und verdeutlicht die Notwendigkeit von Forschung in diesem Bereich. Die Liverpool Desistance Study wird als eine wichtige Untersuchung in diesem Kontext vorgestellt.
- Stichprobe: Dieser Abschnitt beschreibt die Auswahl der Studienteilnehmer, hauptsächlich ehemalige Straftäter aus Liverpool. Die Teilnehmer weisen ähnliche biografische Merkmale auf, wie z.B. frühen Schulabbruch und frühe Delinquenz.
- Design: Die Liverpool Desistance Study ist eine Querschnittsuntersuchung mit gepaarten Gruppen. Die Studie teilt die Teilnehmer in persistente und nicht-rückfällige Straftäter ein und vergleicht die beiden Gruppen hinsichtlich ihrer Denkmuster.
- Durchführung: Beschreibt die Datenerhebungsmethode, die aus standardisierten Fragebögen und einem modifizierten Life-Story-Interview besteht. Die Teilnehmer erzählen ihre Lebensgeschichte, um Einblicke in ihre Denkweise zu gewinnen.
- Auswertung: Erläutert die Analyse der Interviewprotokolle, bei der die Inhalte nach Schemata in den Hauptthemen und psychosozialen Themen kategorisiert werden. Eine vergleichende Analyse ermöglicht die Identifizierung von Merkmalen, die charakteristisch für nicht-rückfällige Straftäter sind.
Schlüsselwörter
Desistance, Straftäter, Rückfälligkeit, Denkmuster, Life-Story-Interview, Inhaltsanalyse, persistente Straftäter, nicht-rückfällige Straftäter, Bewährungshilfe, psychologische Prozesse.
Häufig gestellte Fragen
Was versteht man unter „Desistance“-Forschung?
Desistance-Forschung untersucht den Prozess des Aufhörens mit Straftaten. Sie fragt nicht danach, warum Menschen kriminell werden, sondern warum ehemalige Straftäter dauerhaft straffrei bleiben.
Was ist die Liverpool Desistance Study?
Es handelt sich um eine psychologische Untersuchung, die Denkmuster von persistenten (rückfälligen) und nicht-rückfälligen Straftätern vergleicht, um Faktoren für eine erfolgreiche Resozialisierung zu identifizieren.
Welche Rolle spielen Denkmuster bei der Straffreiheit?
Nicht-rückfällige Straftäter entwickeln oft spezifische „Pro-Social“-Identitäten und neue Lebensgeschichten, die ihnen helfen, den Kreislauf der Kriminalität zu durchbrechen.
Wie zuverlässig sind psychologische Gutachten zur Rückfälligkeit?
Gutachten sind Wahrscheinlichkeitsaussagen basierend auf klinischen Urteilen und Erfahrungswerten. Da verlässliche Prädiktoren oft fehlen, bleibt eine Restunsicherheit bestehen.
Was ist ein Life-Story-Interview in diesem Kontext?
Beim Life-Story-Interview erzählen Teilnehmer ihre Lebensgeschichte. Forscher analysieren diese Erzählungen nach bestimmten Schemata, um psychologische Prozesse der Verhaltensänderung zu verstehen.
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- Anonym (Author), 2014, "Desistance"-Forschung. Psychologische Aspekte in der Bewährungshilfe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300335