Jacques Coeur (1395- 1456) war der französische Großhandelskaufmann und ein Magnat des Mittelalters. Er avancierte zum wichtigsten Fernhandelsvertreter Frankreichs und tätigte erste Bankgeschäfte. Die vorliegende Arbeit untersucht inwieweit Coeur dem soziologischen Idealtypus des homo oeconomicus entspricht. Hat Coeur als Kaufmann, der aus kleinbürgerlichen Verhältnisse stammte, nur das gleiche getan wie seine Vorgänger, nur in größerem Maßstab? War Coeur darüberhinaus so etwas wie die Netzwerkzentrale in einem frühkapitalistischen Schaltkreis? Die Arbeit fragt letztlich auch danach ob Coeur ein vorzeitiger Mensch der Moderne und pragmatischer, nichtideologischer Kapitalist der ersten Stunde war.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. Coeur als homo oeconomicus – Versuch einer Ortung
3. Die Macht der Umstände - Herkunft
4. Coeur im Weltsystem
4.1. Coeur, der Finanzmagnat – der Bewegende – oder der bewegt?
4.2. Coeur, die “Universalspinne” im Netz
4.3. “Der Klavierspieler des Tauschandels”
4.4. Der Elektriker des kapitalistischen Schaltkreises
5. Der Kaufmann als Individualist, Voraufklärer und das erste Individuum der Moderne?
6. Gesichtsloser Kapitalist – die Abwesenheit der Mentalität
7. ZUSAMMENFASSUNG
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit analysiert die historische Figur des französischen Großkaufmanns Jacques Coeur, um zu klären, ob er lediglich als Vertreter des spätmittelalterlichen Handels in größerem Maßstab agierte oder als Wegbereiter kapitalistischer Strukturen und des modernen Individuums betrachtet werden kann.
- Untersuchung von Coeurs wirtschaftlicher Rolle als "Merchant Banker" im Spätmittelalter.
- Analyse der Symbiose zwischen Coeurs Handelsnetz und staatlicher Macht (Argenterie).
- Einordnung von Coeur in das historische Weltsystemkonzept.
- Diskussion der These, ob Coeur als "erstes Individuum der Moderne" oder Voraufklärer gelten kann.
- Hinterfragung der kapitalistischen Mentalität und Strategien hinter Coeurs Handeln.
Auszug aus dem Buch
4.2. Coeur, die “Universalspinne” im Netz
Wir haben schon über den Sprung Coeurs auf der mobilen sozialen Leiter des Mittelalter gesprochen. Dann haben wir das Bild des “Wellenreiters” der Geldwertdynamik bemüht. Nun wollen wir auf oder unter die Wasseroberfläche ein Netz, ein Geflecht legen, dass die Geschäftsverbindungen und Handelswege repräsentiert. Auf den Netzfäden agiert Coeur als agile “Universalspinne”. (Mollat 1991: 43-47)
Was soll dieses Bild sagen? Zum einen können wir Coeurs Handeslschwerpunkt örtlich als das Mittelmeer veranschaulichen. Zum anderen erscheint es mir praktikabel das System von Faktoren, Bediensteten, Agenten und Korrespondenten zu beschreiben das zeitlich und örtlich äußerst flexibel entscheidet. Das Netz wandert und verändert sich in seiner Größe. Coeur leitet vom Netz-Kern aus – und das ist die Argenterie.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung definiert die Fragestellung nach der Modernität Jacques Coeurs und seinem Wirken als Großkaufmann an der Schwelle zum Frühkapitalismus.
2. Coeur als homo oeconomicus – Versuch einer Ortung: Dieses Kapitel verortet Coeur als "Merchant Banker" und hinterfragt, ob er dem soziologischen Idealtypus des homo oeconomicus entspricht.
3. Die Macht der Umstände - Herkunft: Es wird untersucht, inwiefern Coeurs Herkunft aus dem kleinen Handelsbürgertum den späteren Aufstieg zum Staatsminister beeinflusste.
4. Coeur im Weltsystem: Das Kapitel bettet Coeurs Handelsaktivitäten in ein theoretisches Modell des Weltsystems ein und analysiert seine Machtstellung.
4.1. Coeur, der Finanzmagnat – der Bewegende – oder der bewegt?: Fokus auf die Argenterie als Zentrum seiner fiskalischen Macht und die Dynamik seiner Finanztransaktionen.
4.2. Coeur, die “Universalspinne” im Netz: Beschreibung des komplexen, flexiblen Geflechts aus Faktoren, Handelsrouten und diplomatischen Beziehungen.
4.3. “Der Klavierspieler des Tauschandels”: Analyse von Coeur als agiler Akteur, der Angebot und Nachfrage geschickt zu nutzen wusste.
4.4. Der Elektriker des kapitalistischen Schaltkreises: Bildhafte Darstellung von Coeur als jemand, der die Schaltkreise des kapitalistischen Handels aktiv steuert.
5. Der Kaufmann als Individualist, Voraufklärer und das erste Individuum der Moderne?: Diskussion um die Modernität Coeurs im Kontext von Individualität und Voraufklärung.
6. Gesichtsloser Kapitalist – die Abwesenheit der Mentalität: Die These wird aufgestellt, dass Coeurs Erfolg primär auf Pragmatismus und erlernten Fähigkeiten statt auf einer festen Mentalität beruhte.
7. ZUSAMMENFASSUNG: Zusammenfassende Beantwortung der Ausgangsthese, dass Coeur eine grundlegend neue Figur darstellt, die durch Mobilität und Netzbildung das Mittelalter erschütterte.
Schlüsselwörter
Jacques Coeur, Frühkapitalismus, Spätmittelalter, Argenterie, Merchant Banker, Weltsystem, Kapitalismus, Handelsnetz, Homo oeconomicus, Individualismus, Wirtschaftsgeschichte, Geldwirtschaft, Frankreich, Handel, Frankreichs Geschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die historische Persönlichkeit Jacques Coeur und seinen Beitrag zum frühkapitalistischen Wirtschaften im Spätmittelalter.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Die Arbeit konzentriert sich auf die Bereiche Wirtschaftsgeschichte, Sozialgeschichte, Soziologie und die historische Analyse von Individuum und Moderne.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu klären, ob Jacques Coeur lediglich einen bereits bekannten Kaufmannstypus verkörperte oder ob er eine neue, "moderne" Figur darstellte, die die Strukturen seiner Zeit grundlegend veränderte.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewendet?
Der Autor nutzt eine historisch-analytische Methode, kombiniert mit soziologischen Modellen (z.B. Weltsystem-Theorie, Systemtheorie) und einer kritischen Auseinandersetzung mit Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden Coeurs Herkunft, sein Aufstieg zum Argentier, sein komplexes Netzwerk aus Faktoren und Handelspartnern sowie seine Rolle als "Klavierhändler" und Akteur im kapitalistischen System analysiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören "Argenterie", "Merchant Banker", "homo oeconomicus", "kapitalistisches Netz" und die Frage nach der "Modernität" Coeurs.
Warum ist die Argenterie so entscheidend für das Verständnis von Coeur?
Die Argenterie (die Königskasse) bildete das Fundament seines Erfolgs und ermöglichte ihm den Sprung aus dem kleinbürgerlichen Milieu in die faktische Position zwei des französischen Staates.
Warum ist Coeur laut der Arbeit ein "glücklicher Spieler"?
Der Autor bezeichnet ihn so, da er geschickt auf Sektoren wie den Fernhandel setzte, die im 15. Jahrhundert hohe Renditen versprachen und das Rückgrat des Handelskapitalismus bildeten.
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- Marcus Fiebig (Author), 2003, Auf der Suche nach dem homo oeconomicus - am Beispiel des Großkaufmann Jaques Coeur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29831