Im Folgenden werden einige theoretische Fundamente der sich später entwickelten Selbstpsychologie dargestellt Hierbei wird unter anderem auf die frühen Annäherungen Kohuts an das Narzissmuskonzept und die Geburt der Selbstpsychologie eingegangen.
Obwohl KOHUT mit der oben genannten Schrift von 1959 erste sanfte Annäherungen an die von ihm später sogenannte idealisierte Variante der narzisstischen Übertragung geliefert hat, ist seine Beschäftigung mit diesem Thema sicher mindestens so alt, wie die bei AUGUST AICHHORN absolvierte Analyse. Denn AICHHORN kann mit Recht als einer der Urheber bezeichnet werden, der die These narzisstischer Übertragungen vertrat. Im Gegensatz zu FREUD, der nicht an eine Übertragungsfähigkeit narzisstischer Patienten glaubte, da Objektbeziehung und Narzissmus für ihn zwei entgegengesetzte psychische Funktionen bzw. Positionen sind, da der Narzissmus als primär und die Objektliebe als entwicklungsbedingt spätere, sekundäre Fähigkeit angesehen wird und sich demnach Narzissmus und Objektbeziehung/Objektliebe ausschließen, schrieb AUGUST AICHHORN im Jahre 1936 einen bedeutenden Artikel über die Technik der Erziehungsberatung, in der er von einer narzisstischen Übertragung berichtete. In diesem Artikel, den er FREUD zum 80. Geburtstag widmete, erläutert er die spezifischen Übertragungsmomente bei delinquenten Kindern und Jugendlichen. Um mit ihnen ein produktives Arbeitsverhältnis aufzubauen machte er sich die, von KOHUT später als idealisierte Übertragung identifizierte Einstellung der Jugendlichen zunutze. Auch wenn AICHHORN sich noch in der Sprache der Triebtheorie ausdrückt und davon spricht, dass dieser betreffende Jugendliche „[…] überhaupt noch gar keine objektlibidinöse Beziehung zu uns gehabt […]“ (AICHHORN 1936, S. 61) hat, so schreibt er in einer bemerkenswerten Deutlichkeit über die Funktion, die bei KOHUT zum „Selbstobjekt“ wurde:
„Man liebt es [das Objekt] wegen der Vollkommenheiten, die man fürs eigene Ich angestrebt hat, und die man sich nun auf diesem Umweg zur Befriedigung seines Narzissmus verschaffen möchte.“ (ebd., S. 65).
Inhaltsverzeichnis
- Frühe Annäherungen KOHUTS an das Narzissmuskonzept
- Der Einfluss Alfred Aichhorns auf Kohut
- „Introspektion, Empathie und Psychoanalyse“ (1959)
- Empathie
- Introspektion
- „Formen und Umformungen des Narzissmus“ (1966)
- „Die psychoanalytische Behandlung narzisstischer Persönlichkeitsstörungen“ (1969)
- Kritische Bemerkungen über KOHUTS frühe Orientierung
- Zusammenfassung
- Die Geburt der Selbstpsychologie
- Reaktionen auf KOHUTS Theoriewandel
- „Narzissmus“ (1971), „Die Heilung des Selbst“ (1977), „Wie heilt die Psychoanalyse“ (1984) und darüber hinaus: Ein Theorieabriss
- Der Begriff des Selbst
- Bipolares Selbst
- Selbstobjekte
- Ödipuskomplex im Licht der Selbstpsychologie
- Selbststörungen (Psychopathologie des Selbst)
- „Optimale Frustration“ und „,umwandelnde Verinnerlichung“.
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Dieser Text befasst sich mit den frühen Annäherungen Heinz Kohuts an das Narzissmuskonzept und der Entwicklung der Selbstpsychologie. Er beleuchtet den Einfluss Alfred Aichhorns auf Kohut und analysiert wichtige Publikationen, die die Entstehung der Selbstpsychologie prägten.
- Der Einfluss von Alfred Aichhorn auf Kohuts Narzissmuskonzept
- Die Rolle von Empathie und Introspektion in der psychoanalytischen Forschung
- Die Entwicklung des Selbstbegriffs in der Selbstpsychologie
- Die Bedeutung von Selbstobjekten in der Selbstentwicklung
- Die Konzepte der „optimalen Frustration“ und der „umwandelnden Verinnerlichung“
Zusammenfassung der Kapitel
Das erste Kapitel beleuchtet die frühen Annäherungen Heinz Kohuts an das Narzissmuskonzept. Es analysiert den Einfluss Alfred Aichhorns auf Kohut und dessen frühe Schriften, die die Grundlagen für die Selbstpsychologie legten. Das Kapitel untersucht insbesondere die Konzepte der idealisierten Übertragung und die Bedeutung von Empathie und Introspektion in der psychoanalytischen Forschung.
Das zweite Kapitel befasst sich mit der Geburt der Selbstpsychologie. Es beschreibt die Reaktionen auf Kohuts Theoriewandel und analysiert wichtige Publikationen, die die Selbstpsychologie prägten. Das Kapitel beleuchtet die Entwicklung des Selbstbegriffs, die Bedeutung von Selbstobjekten und die Konzepte der „optimalen Frustration“ und der „umwandelnden Verinnerlichung“.
Schlüsselwörter
Narzissmus, Selbstpsychologie, Heinz Kohut, Alfred Aichhorn, Empathie, Introspektion, Selbstobjekte, optimale Frustration, umwandelnde Verinnerlichung, Selbststörungen, psychopathologische Selbstentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Wer gilt als Begründer der Selbstpsychologie?
Heinz Kohut gilt als der maßgebliche Begründer der Selbstpsychologie, einer Weiterentwicklung der Psychoanalyse, die den Fokus auf die Entwicklung und Störungen des „Selbst“ legt.
Welchen Einfluss hatte August Aichhorn auf Kohuts Arbeit?
Aichhorn war einer der Ersten, der die These narzisstischer Übertragungen vertrat. Seine Arbeit mit delinquenten Jugendlichen prägte Kohuts späteres Konzept der idealisierten Übertragung und des Selbstobjekts.
Was versteht Kohut unter einem „Selbstobjekt“?
Selbstobjekte sind Personen oder Funktionen in der Umwelt, die vom Individuum nicht als getrennt wahrgenommen werden, sondern dazu dienen, die Kohärenz und das Gleichgewicht des eigenen Selbst aufrechtzuerhalten.
Warum unterschied sich Kohuts Narzissmuskonzept von dem Freuds?
Während Freud Narzissmus und Objektliebe als Gegensätze sah, betrachtete Kohut den Narzissmus als eine eigenständige Entwicklungslinie, die neben der Objektliebe existiert und für ein gesundes Selbst notwendig ist.
Was bedeuten „optimale Frustration“ und „umwandelnde Verinnerlichung“?
„Optimale Frustration“ beschreibt kleine, erträgliche Enttäuschungen durch Selbstobjekte, die dazu führen, dass das Kind psychische Funktionen übernimmt. Dieser Prozess wird als „umwandelnde Verinnerlichung“ bezeichnet und baut die Struktur des Selbst auf.
Welche Rolle spielen Empathie und Introspektion in Kohuts Theorie?
Für Kohut sind Empathie und Introspektion die wesentlichen Werkzeuge der psychoanalytischen Forschung, um die innere Welt des Patienten und dessen narzisstische Bedürfnisse zu verstehen.
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- Dr. phil. Knuth Müller (Author), 2004, Frühe Annäherungen Heinz Kohuts an das Narzissmuskonzept und die Geburt der Selbstpsychologie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295990