Die Tengu gehören heute zu bekanntesten mythologischen Wesen Japans. Im Verlaufe der letzten Jahre war ein stetig ansteigendes Interesse an übernatürlichen Wesenheiten zu beobachten, durch den auch die Vorstellung vom Tengu wieder an Aktualität gewonnen hat. Ihre Erscheinung, die Attribute, mit denen sie dargestellt werden und die Kräfte, die ihnen zugeschrieben werden, gehören heute zum mythologischen Allgemeinwissen und sind auch dem jüngeren Teil der Bevölkerung bekannt. Die bildhafte Darstellung des Tengu, die zu großen Teilen mit der der yamabushi übereinstimmt, kam jedoch erst ab Ende des 13. Jahrhunderts zustande. Davor finden sich nur vereinzelte Erwähnungen von Tengu, die überwiegend in buddhistischen Schriften auftauchen.
Diese Thesis befasst sich mit den Erwähnungen von Tengu in frühgeschichtlicher japanischer Literatur, namentlich im Nihon shoki und im Konjaku monogatari shū. „Tengu“ kann etwa als „himmlischer Hund“ übersetzt werden, eine Bezeichnung, deren Ursprung bis in die chinesische Mythologie zurückverfolgt werden kann. Im Nihon shoki findet sich nur eine einzige Erwähnung des Tengu, was andeutet, dass dieser im Japan der damaligen Zeit nur wenig oder überhaupt nicht bekannt gewesen ist. Gegen Ende der Heian-Zeit tauchen jedoch viele verschiedene Beschreibungen von Tengu auf, in denen diese zumeist als übernatürliche Wesenheiten dargestellt werden, welche versuchen, buddhistische Gläubige an ihren Praktiken zu hindern. Die Tengu versuchen in diesen Darstellungen wiederholt, sich mit mächtigen und einflussreichen buddhistischen Mönchen anzulegen, werden jedoch jedes Mal von der Macht und Weisheit der Vertreter des Buddhismus zurückgeschlagen.
Die in dieser Arbeit analysierten zwölf Erzählungen bieten nicht nur einen wertvollen Einblick in die Gesellschaft der frühen Heian-Zeit, sondern auch in die den buddhistischen Institutionen vom Kaiserhof auferlegte Hierarchie. Im Verlauf der Analyse werden die historischen Personen identifiziert, die als Erzählvorlage für die mit den Tengu aufeinandertreffenden buddhistischen Vertreter gedient haben und es wird herausgearbeitet, dass den Tengu in den analysierten Geschichten zwei zentrale Funktionen zukommen: Einerseits bereiten sie den buddhistischen Vertretern eine literarische Bühne, auf der diese sich profilieren können, andererseits können religiöse Gruppen, die außerhalb des institutionellen Buddhismus stehen, durch die Gleichsetzung mit den Tengu scharf kritisiert werden.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Frühe Tengu-Erwähnungen in China und im Nihon shoki
- Das Konjaku monogatari shū
- Die Tengu-Geschichten im Konjaku monogatari shū
- Die Tengu kommen nach Japan
- „Wie ein Tengu aus Indien das Geräusch des Wassers hörte und dieses überquerte“
- „Wie der chinesische Tengu Chira Yōju eines Morgens zu uns kam“
- Die wunderlichen Kräfte der Tengu
- „Wie ein Tengu in Gestalt des Buddha auf einer Baumspitze erschien“
- „Wie ein Tengu-Anbeter an den Kaiserhof gerufen, entlarvt und davongejagt wurde“
- Tengu und Frauen
- „Wie Jōten-sōjō vom Ninnaji einen Ama-Tengu traf“
- „Wie ein Tengu von einer Frau Besitz ergriff und Ninsō-ajari vom Butsugenji in dessen Behausung aufsuchte“
- Die Wiedergeburt als Tengu
- „Wie die Kaiserin Somedono von einem Tengu geplagt wurde“ und „Wie Ryōgen-sōjō zu einem Geist wurde, zum Kannon-in kam und dort Yokei-sōjō niederstreckte“
- Die Lehrlinge der Tengu
- „Wie ein junger Mann von einem Tengu-Anbeter dessen Künste lernen wollte“
- „Wie ein Wachmann im Auftrag des Yōzei Tennō Geld sammeln ging“
- Der Tengu als Entführer
- „Wie ein Drachenkönig von einem Tengu ergriffen wurde“
- „Wie Meister Sanshu vom Berg Ibuki von einem Tengu abgeholt wurde“
- Die Tengu kommen nach Japan
- Fazit
- Karten und Tabellen
- Reiseweg aus Erzählung 20:1
- Einteilung von Heian-kyō
- Genealogie aller Tendai-zasu bis Myōgu
- Formelle Rangordnung in buddhistischen Institutionen
- Glossar
- Begriffe
- Orte
- Namen
- Nengō
- Literatur
- 概要
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Bachelorarbeit befasst sich mit den Darstellungen von Tengu in frühgeschichtlicher japanischer Literatur, insbesondere im Nihon shoki und im Konjaku monogatari shū. Die Arbeit analysiert die Rolle des Tengu in diesen Texten und untersucht, wie diese mythologische Figur in der japanischen Kultur des frühen Mittelalters wahrgenommen wurde.
- Die Entwicklung der Tengu-Darstellung in der japanischen Literatur
- Die Rolle des Tengu in buddhistischen Erzählungen
- Die Beziehung zwischen Tengu und buddhistischen Mönchen
- Die Bedeutung der Tengu-Geschichten für das Verständnis der japanischen Gesellschaft im frühen Mittelalter
- Die Verbindung zwischen Tengu und anderen mythologischen Wesenheiten
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung führt in das Thema der Arbeit ein und erläutert die Relevanz der Tengu-Darstellungen in der japanischen Literatur. Sie stellt die beiden zentralen Quellen der Arbeit, das Nihon shoki und das Konjaku monogatari shū, vor und skizziert die Forschungsfrage.
Das zweite Kapitel befasst sich mit den frühen Erwähnungen des Tengu in China und im Nihon shoki. Es untersucht die chinesischen Ursprünge des Tengu und analysiert die einzige Erwähnung des Tengu im Nihon shoki. Dieses Kapitel legt den Grundstein für die Analyse der Tengu-Geschichten im Konjaku monogatari shū.
Das dritte Kapitel gibt einen Überblick über das Konjaku monogatari shū, eine Sammlung von Erzählungen aus verschiedenen Genres, die im späten 11. Jahrhundert entstand. Es beleuchtet die Bedeutung des Konjaku monogatari shū als Quelle für die Erforschung der japanischen Kultur und Mythologie.
Das vierte Kapitel analysiert die Tengu-Geschichten im Konjaku monogatari shū. Es untersucht die verschiedenen Darstellungen des Tengu in diesen Erzählungen und analysiert die Rolle des Tengu in der buddhistischen Tradition. Dieses Kapitel beleuchtet die Beziehung zwischen Tengu und buddhistischen Mönchen sowie die Bedeutung der Tengu-Geschichten für das Verständnis der japanischen Gesellschaft im frühen Mittelalter.
Schlüsselwörter
Die Schlüsselwörter und Schwerpunktthemen des Textes umfassen den Tengu, das Nihon shoki, das Konjaku monogatari shū, die japanische Mythologie, den Buddhismus, die Heian-Zeit, die buddhistischen Institutionen, die Gesellschaft des frühen Mittelalters und die Beziehung zwischen Tengu und buddhistischen Mönchen.
Häufig gestellte Fragen
Was sind Tengu in der japanischen Mythologie?
Tengu sind übernatürliche Wesenheiten, oft als "himmlische Hunde" bezeichnet. In frühen Erzählungen erscheinen sie als Störenfriede des Buddhismus, später erhielten sie ihr bekanntes Aussehen, das den Yamabushi (Bergmönchen) ähnelt.
Welche Rolle spielen Tengu im Konjaku monogatari shū?
In dieser Sammlung werden Tengu oft als Widersacher buddhistischer Mönche dargestellt. Sie versuchen, Gläubige zu täuschen oder Mönche zu prüfen, unterliegen aber meist der überlegenen Weisheit des Buddhismus.
Wird der Tengu bereits im Nihon shoki erwähnt?
Ja, es gibt eine einzige Erwähnung, was darauf hindeutet, dass das Wesen im frühen Japan noch weitgehend unbekannt war und seine Wurzeln vermutlich in der chinesischen Mythologie liegen.
Welche symbolische Funktion haben Tengu in den Erzählungen?
Tengu dienen oft als literarische Bühne für Mönche, um deren spirituelle Macht zu beweisen. Zudem wurden sie genutzt, um religiöse Gruppen außerhalb des offiziellen Buddhismus zu kritisieren.
Wie veränderte sich die Darstellung der Tengu über die Zeit?
Von vagen, oft vogelartigen oder hundsähnlichen Erscheinungen in der Heian-Zeit entwickelten sie sich ab dem 13. Jahrhundert zu menschenähnlichen Gestalten mit langen Nasen und spezifischen Attributen.
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- Michael Jürges (Author), 2011, Tengu. Darstellungen im Nihon shoki und im Konjaku monogatari shū, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/289145