„Man soll Denken lehren, nicht Gedachtes.“ (Cornelius Gurlitt) Mit diesem Zitat des deutschen Historikers Cornelius Gurlitt lässt sich die Entwicklung des höheren deutschen Schulwesens im 19. Jahrhundert recht gut zusammenfassen. Der vom System der ständischen Ordnung befreite Bürger erlangte die Möglichkeit, über Bildung in höhere Gesellschaftsschichten aufzusteigen und gleichzeitig brachte die industrielle Revolution die Forderung nach einer moderneren Form der Bildung hervor. Der aufkommende Typus realistischer Schulbildung sorgte besonders im gehobenen Bildungssektor für Konflikte hinsichtlich der Sicherung traditioneller Bildungsideale und den damit in Verbindung stehenden gesellschaftlichen Gruppierungen. Des Weiteren folgte aus der zunehmenden Akademisierung des gesellschaftlichen Lebens eine strukturelle Entwicklung, welche sich bis in die Gegenwart nachweisen lässt: die zyklische Abfolge von Überfüllung und Mangel an akademisch gebildeten Arbeitskräften.
Im Rahmen dieser Ausarbeitung soll der Frage nachgegangen werden, wie sich die höhere Schule im Verlauf des 19. Jahrhunderts entwickelt hat. Dazu wird zunächst ein Überblick über die Gesamtsituation der höheren Schulbildung erfolgen, um daran anschließend die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung um die Anerkennung der realistischen Bildung und deren Berechtigung zur Hochschulbildung genauer zu beleuchten. Dabei erfolgt nicht nur eine Auseinandersetzung mit den zugrunde liegenden sozialen und gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen, sonder auch die Einbeziehung der verschiedenen Interessensgruppen und deren Motive. Im Anschluss daran wird gezeigt werden, dass der zu Beginn des 21. Jahrhunderts identifizierte Fachkräftemangel kein singuläres Ereignis darstellt, sondern dass sich ähnliche Konstellationen bereits seit dem 19. Jahrhundert im deutschen Bildungswesen finden lassen. Der Umstand, dass sich für diese Phasen eine Regelmäßigkeit feststellen lässt, soll anhand einer Analyse der Tiefenstruktur des Bildungswesens nach Müller-Benedict näher ausgeführt werden.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Die Situation der höheren Schulbildung im 19. Jahrhundert
- Das humanistische Gymnasium
- Die Entwicklung der realistisch geprägten Schulformen
- Das Berechtigungswesen und seine Bedeutung für Schule und Gesellschaft
- Der Akademikerzyklus
- Fazit
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Ausarbeitung untersucht die Entwicklung der höheren Schulbildung im 19. Jahrhundert in Deutschland. Sie beleuchtet die strukturelle Disparität zwischen humanistischen und realistischen Bildungsanstalten und den daraus resultierenden „Schulkrieg" um die Anerkennung realistischen Bildungsideals. Darüber hinaus analysiert sie die Entstehung des Akademikerzyklus, der sich durch eine zyklische Abfolge von Überfüllung und Mangel an akademisch gebildeten Arbeitskräften auszeichnet.
- Die Entwicklung des höheren Schulwesens im 19. Jahrhundert
- Der Konflikt zwischen humanistischer und realistischer Bildung
- Die Bedeutung des Berechtigungswesens für Schule und Gesellschaft
- Die Entstehung und Entwicklung des Akademikerzyklus
- Der Einfluss des 19. Jahrhunderts auf die heutige Bildungslandschaft
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung stellt das Thema der Ausarbeitung vor und erläutert die Bedeutung des höheren Schulwesens im 19. Jahrhundert im Kontext der gesellschaftlichen und politischen Veränderungen. Das zweite Kapitel beleuchtet die Situation der höheren Schulbildung im 19. Jahrhundert, wobei die Entwicklung des humanistischen Gymnasiums und der realistischen Schulformen im Fokus stehen. Die Auseinandersetzung um die Berechtigung des realistischen Bildungsideals und dessen Auswirkungen auf Schule und Gesellschaft werden im dritten Kapitel behandelt. Im vierten Kapitel wird der Akademikerzyklus analysiert, um die strukturellen Entwicklungen des Bildungswesens im 19. Jahrhundert und deren Auswirkungen auf die Gegenwart zu verdeutlichen.
Schlüsselwörter
Höhere Schulbildung, 19. Jahrhundert, humanistische Bildung, realistische Bildung, Berechtigungswesen, Akademikerzyklus, Bildungspolitik, gesellschaftliche Modernisierung, Fachkräftemangel.
Häufig gestellte Fragen
Was war der „Schulkrieg“ im 19. Jahrhundert?
Es war die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung um die Anerkennung realistischer Bildung (Realschulen) gegenüber dem traditionellen humanistischen Gymnasium.
Was versteht man unter dem Akademikerzyklus?
Ein von Müller-Benedict beschriebenes Phänomen der zyklischen Abfolge von Überfüllung und Mangel an akademischen Fachkräften im deutschen Bildungswesen.
Wie beeinflusste die industrielle Revolution das Schulwesen?
Sie erzeugte einen Bedarf an modernerer, praxisorientierter Bildung, was zur Gründung und Aufwertung von Realgymnasien und technischen Schulen führte.
Was bedeutete das Berechtigungswesen für die Schüler?
Das Berechtigungswesen koppelte Schulabschlüsse an den Zugang zu Universitäten, Militärlaufbahnen und höheren Staatsämtern und zementierte so soziale Schichten.
Warum forderte Gurlitt: „Man soll Denken lehren, nicht Gedachtes“?
Das Zitat kritisiert das reine Auswendiglernen tradierter Inhalte und fordert eine Erziehung zur kritischen Reflexion und Eigenständigkeit.
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- Master of Arts Robert Möller (Autor), 2013, Höhere Schulbildung im 19. Jahrhundert, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279784